Wer heute Zeit und Geld in ein MMOG steckt, tut das im Vertrauen darauf, dass er auch morgen noch Zugriff auf seine virtuellen Errungenschaften haben wird. Wird dieses Vertrauen durch einen Publisher missbraucht, entsteht der gesamten Branche ein irreparabler Schaden. Wiped! wirft einen Blick auf die aktuellen Ereignisse – und klagt an.

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Ach, wäre das echte Leben nur auch so schön wie das virtuelle. Statt über zunehmende Gebrechlichkeit und schwindende Ersparnisse nachzudenken, werden wir in der persistenten digitalen Welt im Laufe der Jahre immer stärker, klüger und vermögender. Eines steht fest: Statt im Altersheim müde zum allwöchentlichen Blockflötenkonzert zu schunkeln, fliegen wir lieber wie ein junger Gott durch den Abyss, metzeln uns durch die Minen von Moria und führen unsere Armeen in die Schlacht um die letzte Bastion des verhassten Widersachers.

Ein Diamant ist unvergänglich – eine Online-Welt nicht.
Virtuell erlangen wir ewigen Ruhm. Dort sind wir wirklich unsterblich. Das Alter Ego vergeht nicht, es bleibt für immer gespeichert, kann jederzeit aus den Tiefen der Server hervorgeholt werden und an seine Abenteuer anknüpfen. An diesen beruhigenden Gedanken klammern sich die meisten Spieler, die Stunde für Stunde weiter am Ausbau ihrer Zweitexistenz arbeiten.

Dabei hängt das Damoklesschwert längst über den Köpfen der fleißigen Zocker. An Titeln wie Earth & Beyond, Tabula Rasa oder Excteel hat sich gezeigt, wie wenig sich die Mächtigen für die Interessen ihrer Online-Bürger interessieren. Besagte Titel spielten nicht ein, was man erwartet hatte, also wurden sie kurzerhand abgeschaltet, die Fans für immer von ihrem virtuellen Selbst getrennt – fast wie einst Apoc und Switch im Kultfilm Matrix.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 38: Panik in der MMO-Branche

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Das war's! Die APB-Server gehen vom Netz - nach nicht mal drei Monaten.
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All Points Bulletin – der letzte Schuss ist gefallen

Etwas weniger melodramatisch, doch immerhin moralisch ebenso wie rechtlich bedenklich wurde jetzt auch für die Kunden von Realtime Worlds der Stecker gezogen. All Points Bulletin, das mit Vorschusslorbeeren versehene Action-MMO nach GTA-Art, ist nicht mehr. Für die Spieler kam das Aus ebenso unerwartet wie für manche Entwickler, denn nur wenige Stunden, bevor die Firmenleitung die Einstellung des Titels ankündigte, machte eine Meldung der Entwickler noch Hoffnung auf ein anstehendes größeres Update.

Diesmal ist es jedoch anders als noch bei Earth & Beyond, Tabula Rasa oder Exteel. APB verschwindet nicht einfach so von der Bildfläche. Diesmal überwiegt auch nicht die Trauer um eine verlorene Welt, sondern die Wut der Spieler. Zu Recht, denn wenn man 40 Euro in ein Online-Spiel plus Spielzeit investiert, darf man mit Sicherheit mehr erwarten als zehn Wochen Spielbarkeit. In der Community ist man bereit, vor Gericht zu ziehen. Und sollte Realtime Worlds nicht mehr greifbar sein, will man sich Distributor Electronic Arts vorknöpfen.

Panik in der Branche?

In Entwicklerkreisen breitet sich derweil eine neue Form der Beklemmung aus, denn APB war nicht wirklich schlecht. Es war mittelmäßig, genau wie die Mehrheit aller Titel auf dem Markt und unzählige in der Entwicklung. Die Pleite mit APB hat gezeigt, dass der Konsument endgültig derart gesättigt ist, dass ihm Mittelmäßigkeit nicht mehr genügt. Realtime Worlds macht da nur den Anfang.

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Ein vielversprechendes Projekt in den Sand gesetzt - wer konnte es ahnen?
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Schon jetzt ist absehbar, dass es in den nächsten Monaten noch weitaus mehr Studios zerreißen wird. Und so hart das auch klingen mag – das ist gut so. Viel zu lange haben Studios und Publisher von der guten Stimmung in der Branche gezehrt, viel zu oft haben sie mit den Erwartungen und Träumen der Fans gespielt und viel zu selten das geliefert, was sie vorab versprochen hatten. Es gibt zu viele virtuelle Welten, und die meisten davon sind den Traffic nicht wert, den sie erzeugen.

Nachdem sich die Branche in den letzten Jahren unkontrolliert aufgebläht hat, ist es jetzt an der Zeit, dass sie sich wieder etwas gesundschrumpft und nicht mehr jeder Träumer mal eben 100 Millionen reale Dollar zur Verfügung gestellt bekommt, die er nach Herzenslust in den virtuellen Sand setzen darf. Die Spieler haben ein Recht auf Qualität, und wer ihnen statt eines ordentlichen Sandkastens einen Haufen Dreck vor die Füße schüttet, hat in der Branche nichts verloren.

Age of Conan - Craig Morrison will Zahlen

Doch wie stellt man überhaupt fest, welches MMO gut läuft und welches mehr schlecht als recht vor sich hindümpelt? Die Betreiber geben nur ungern Zahlen preis und wenn sie das tun, weiß man nie so recht, ob sie nun tatsächlich aktive zahlende Spieler zählen, existierende Charaktere oder einfach alles, was sich jemals irgendwie registriert hat. Ein System zur Messung von Spielerzahlen muss her, fordert jetzt Age of Conans Game-Director Craig Morrison.

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AoC-Game-Designer Craig Morrison fordert ein System zur Messung der Spielerzahlen.
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Der gehört wohl derzeit zu den schillerndsten Figuren der Spielentwicklung. Morrison ist zwar nicht dafür verantwortlich, dass Age of Conan im Mai 2008 vollkommen marode auf den Markt geworfen wurde, doch trotzdem hat er sich dem Titel verschrieben, die Scherben von damals neu sortiert und Hyboria zu einem ordentlichen Gesamtbild zusammengefügt.

Würden jetzt noch die „Einschaltquoten“ der Online-Welten gemessen, könnte Morrison beweisen, dass er Age of Conan wirtschaftlich im Griff hat. Ein solches System würde auch Investoren zeigen, welche Studios tatsächlich etwas vom Spieldesign verstehen und welche nur leere Hüllen erschaffen, für die sich niemand interessiert. Außerdem wüssten Spieler, ob sie tatsächlich auf das richtige Pferd setzen. Möglicherweise sähe dann auch der Branchengigant World of Warcraft gar nicht mehr so unbezwingbar aus, wie das gerne behauptet wird.

EVE Online: Incursion – Einfall um die Weihnachtszeit

Eines der wenigen Spiele, das zumindest die geraden eingeloggten Spieler offen zählt, ist EVE Online. Etwa zwischen 20.000 und 60.000 Spieler toben, je nach Tageszeit, gleichzeitig durch New Eden. Das ist angesichts des einen Servers eine stolze Zahl, von der es sich bei CCP recht gut leben und arbeiten lässt. Und obwohl die meisten Entwickler derzeit mit anderen Projekten beschäftigt sind, kündigten die Isländer jetzt die nächste Erweiterung an.

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Das EVE-Online-Universum soll im Winter wachsen - die Erweiterung "Incursion" steht an.
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EVE Online: Incursion soll noch im Winter aufgespielt werden und verspricht in Teilen das, was der gewählte Spielerrat schon lange fordert – darunter eine verbesserte Charaktererstellung, neue Schiffe und Belohnungen. Außerdem arbeitet man, so scheint es, am Ausbau der Geschichte rund um New Eden, die in den letzten Updates immer etwas zu kurz gekommen ist.

Und weil Incursion nicht allzu spektakulär scheint, hat man sich bei CCP endlich auch dazu durchringen können, Incarna verbindlich für Sommer 2011 anzukündigen. Dann endlich können die Spieler nicht nur Schiffe fliegen, sondern dürfen ihr virtuelles Unwesen auch via Avatar auf den unzähligen Stationen treiben.

Was bei CCP sonst noch so getrieben wird, werden wir dann hoffentlich in der kommenden Woche wissen, denn auf einer Veranstaltung, die gerade in New Orleans in vollem Gange ist und die sich „The Grand Masquerade“ nennt, wollen die Isländer erstmals nähere Infos zum neuen Titel „World of Darkness“ herausgeben. Wir sind gespannt.

Der Herr der Ringe Online – hat Codemasters den Code im Griff?

Eher frustriert sind wir hingegen in Bezug auf Der Herr der Ringe Online. Noch immer wartet Europa darauf, dass Codemasters auch bei uns das Geschäftsmodell ändert. Doch anstatt die Server endlich hochzufahren, wollte man die gefrustete Community jetzt mit einem eigens ins Leben gerufenen Wettbewerb therapieren. Dieser Schuss allerdings ging gehörig nach hinten los und anstatt sich therapieren zu lassen, rasten die Fans langsam tatsächlich aus.

Darkfall – neuer Anstrich für den Sandkasten

Weit besser haben es da die Fans von Darkfall. Der Titel gehört zu den wenigen wirklich funktionierenden Sandkästen mit einer tatsächlich offener Welt, offenem PvP und Full-Loot wie zu Zeiten von Lord British. Darkfall führe, so heißt es bei den Kritikern, lediglich ein Nischendasein. Kein schlechtes allerdings, wie die aktuelle Ankündigung von Produzent Tasos Flambouras vermuten lässt.

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Rosige Aussichten für die Darkfall-Entwickler: Team und Spiel wachsen und gedeihen.
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Nicht nur wird der Titel wird bald inhaltlich ordentlich aufgestockt und grafisch komplett überarbeitet - auch Aventurine als Studio wächst. Vier neue Mitarbeiter wurden schon eingestellt, weitere Kandidaten werden gerade unter die Lupe genommen. Rosige Aussichten also für Nischenbewohner, die wenigstens nicht befürchten müssen, dass ihnen der Publisher jeden Tag den Boden unter dem Avatar wegzieht.

Und wir? Nun, wir werden, der bevorstehenden harten Zeit zum Trotz, derweil die Korken knallen lassen. Denn gleich zwei Titel feiern in diesen Tagen Geburtstag – Aion wird ein Jahr alt, Warhammer Online schon zwei. Ob sich das Feiern lohnt oder den „Oldies“ bald das Ende bevorsteht, berichten wir dann in der kommenden Ausgabe von Wiped! Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.