Für die Fans ist es eine Riesengaudi - für den Games-Redakteur eine wahre Tortur. Durchgeschwitzte Hemden, Blasen an den Füßen und der messetypische Tinnitus sind nur ein Teil der Spuren, die unser Besuch auf der gamescom Jahr für Jahr hinterlässt. Und wie immer im Anschluss an die verrückten Tage werfen wir einen Blick auf unsere Ausbeute und fragen uns: hat sich das alles überhaupt gelohnt?

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Welt und das Gameplay erklärtEin weiteres Video

Man kann von der Entscheidung halten, was man will - der Umzug nach Köln hat der weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik einen ordentlichen Schub gegeben. Zumindest gilt das in Bezug auf Besucherzahlen und Ausstellungsfläche. Doch wie sieht es inhaltlich aus? Was bekommt der erfahrene Zocker geboten, wofür sich die Anreise lohnt?

Holt die Handys raus - die gamescom ist eröffnet

Wie es der Zufall will, gibt mir der Nachrichtensprecher vom Deutschlandfunk, noch während ich auf der Autofahrt nach Köln über diese Frage nachsinne, die passende Antwort. In diesem Jahr verspricht die gamescom besonders erfolgreich zu werden, denn sie stehe ganz im Zeichen mobiler Games und Apps, weiß der Kollege vom Hörfunk. Na, super - dann kann ich ja gleich wieder umdrehen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 33: Wiped! auf der Gamescom

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Bei Frogster hielt man die Besucher mit Geschenken bei Laune.
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Denke ich mir so - tue ich aber natürlich nicht, denn ich weiß ja, dass neben den Casual- und Mobil-Fuzzies auch alle namhaften MMO-Publisher auf der Messe vertreten sein werden. Außerdem habe ich ein paar Termine mit Pressesprechern und Entwicklern, die mir allesamt erzählen wollen, warum ihr MMOG einfach unglaublich gut ist und es eigentlich keinen Sinn macht, überhaupt noch anderen Kram zu zocken.

Zockende Stinker oder stinkende Zocker?

In Köln angekommen, bereue ich sofort, die Atemschutzmaske zu Hause gelassen zu haben. Wenn sich ganze Legionen von Gamern bei einer Außentemperatur von über 30 Grad durch nicht klimatisierte Hallen schieben, entsteht dabei ein Konglomerat aus exotischsten Düften, das bisweilen eine ähnliche Wirkung entfalten kann wie so mancher starke damage-over-time-Zauber.

Ich versuche also, mein empfindliches Näschen möglichst hoch zu halten und widme mich den Ausstellern. Die haben wie immer ein ganzes Arsenal an Hinguckern aufgefahren - ob nun Mech zum Reinsetzen, MiG-21 Kampfjet oder uniformiertes Messe-Babe - für jeden Geschmack ist eine Versuchung dabei.

Wer möchte, bekommt auch ein echtes Designer-Handy mit Sim-Lock geschenkt - muss dafür nur ein Zeitungs-Abo abschließen und einen zehn Euro teuren Prepaid-Vertrag unterzeichnen. Und als mir gerade ein “wer ist denn so dämlich...” durch den Kopf geistert, sehe ich die Menschentraube vor dem ‘Glücksrad’.

Messe mit Eintrittspreis - nichts für f2p-Zocker?

Während manche Stände schier überrannt werden, ist bei anderen so überhaupt gar nichts los. Vor allem für die unzähligen MMOGs mit dem free-to-play ‘Erfolgsmodell’ scheint sich kaum jemand zu interessieren. Da jagt eine Erfolgsmeldung nach der anderen durch die News - von zwei, drei, fünf oder noch mehr Millionen Spielern ist die Rede - und dann hat es nicht einer davon nach Köln geschafft? Seltsam ist das schon.

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Zum zweiten Mal auf der gamescom und noch immer in weiter Ferne - die Begeisterung für Tera hielt sich in diesmal Grenzen.
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Doch auch bei mir kann sich das Mitleid mit dem einsamen Personal am Stand nicht gegen das absolute Desinteresse an den Titeln behaupten und so schiebe ich mich weiter durch die stickigen Hallen, ohne auch nur die geringste Motivation zu verspüren, irgendwo länger zu verweilen. Warum auch - die meisten Spiele kann man eh in aller Ruhe zu Hause testen, ohne dass einem ein schwitzender Nerd von hinten aufs Hemd sabbert.

Die wahrscheinlich heißeste Dauerwerbesendung der Welt

Ich frage mich, was mit mir los ist. Bin ich zu alt geworden, oder habe ich einfach einen schlechten Tag erwischt? Nimmt mir etwa der Beruf den Spaß an der Sache? Ich komme mit einigen Besuchern ins Gespräch und muss erkennen, dass es ihnen ähnlich geht. Die Hitze stresst, die Füße tun weh, Gestank und Lärm sorgen für Kopfschmerzen und auch inhaltlich sei man als MMOGler echt enttäuscht.

Und da fällt es auch mir wie Schuppen aus den Haaren: es gibt einfach nicht viel Neues. Die wichtigsten Spiele habe ich gezockt. Die Titel, die ich nicht gespielt habe, sind es auch nicht wert. Infos, Screenshots und Videos zu neuen Games geistern schon seit E3 und Comic-Con im Juni durchs Netz oder werden bis zur Penny Arcade Expo am 26. August zurückgehalten.

Die gamescom 2011, so gut sie in diesem Jahr auch besucht sein mag, ist für mich als MMOG-Fan nichts anderes als eine riesige Werbesendung, die ich nicht zum ersten Mal zu sehen bekomme. Und so sehr ich mich auch bemühe, möglichst schnell durch die Programme zu schalten, indem ich durch die erhitzten Hallen eile - das Bild ist doch überall das gleiche. Vielleicht hatte der Kollege vom Hörfunk doch Recht - vielleicht ist die gamescom diesmal tatsächlich eine Messe für Fans mobiler Games und Apps geworden - und wir MMOG-Veteranen sind die Exoten.

Richard Garriott - ist mehr Spieler als je zuvor

Im Gegensatz zu mir hat die Redaktion vom Deutschlandfunk wahrscheinlich auf Altmeister Richard Garriott gehört. Der predigte ja schon im Vorfeld der Messe, auf der Game Developers Conference, dass sich die Branche rasant von den MMOs entferne, hin zum mobilen Social-Gaming. Die Firmen müssten jetzt alle schnell an Bord springen, wenn sie nicht zurückbleiben wollten, warnt Garriott.

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PvP in Guild Wars 2 - auf der gamescom durfte man sich schon mal mit anderen Spielern messen.
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Bei allem Respekt für die Leistungen von Lord British - ist dieser Mann noch ganz bei Trost? Was treibt Garriott für ein übles Spiel mit uns, dass er uns das Hobby wieder wegnehmen möchte, das er einst für uns mit erfand?

Wie zum Beweis tippt der Altmeister dabei auf sein iPhone und erklärt, dass er mit und auf diesem Gerät mehr Spieler sei als je zuvor. Und auch uns will er wieder zu solchen machen. Dafür läutet er wiederholt persönlich die neue Epoche des Zockens ein und will das Rollenspiel auf dieser ultimativen Plattform komplett neu erfinden. Na, dann kann ich meinen nagelneuen Gaming-PC ja wieder verkaufen.

Der Siegeszug der MOBAs

Und wenngleich ich zugeben muss, dass dann ich keines der derzeitigen MMOGs wirklich schmerzlich vermissen würde, fehlten mir doch jene Spiele, mit denen ich mich derweil bei Laune halte und für die man seit kurzem die Bezeichnung MOBA gefunden hat. Multiplayer Online Battle Arenas sind Spiele, bei denen sowohl das ‘Massively’ fehlt - also die zusammenhängende Welt als auch das ‘Roleplaying’. Dafür bekommt man einen aufgepeppten Arena-Modus - meist mehr oder weniger im Stil von DotA.

Dass diese Arena-Games schwer im Kommen sind, beweisen die dicht belagerten Stände der Anbieter solcher Spiele. Ob Heroes of Newerth, League of Legends oder DotA 2 - die Matches spielen sich nicht nur ausgesprochen unterhaltsam - sie sind auch noch eSports-tauglich und ungemein spannend anzusehen. Warum zum Teufel orientieren sich MMOG-Entwickler immer noch am uralten, drögen System, statt sich mal im Segment der MOBAs umzusehen?

Rift - gerissene Strategie

Ich beschließe, den anberaumten Termin bei Trion sinnvoll zu nutzen und konfrontiere einen der federführenden Entwickler von Rift mit dieser Idee. Warum noch immer das ausgelutschte ‘Capture the Flag’? Warum jagt man die Fraktionen einfach so aufeinander? Warum errichtet man kein Szenario wie bei DotA - mit Bauwerken, die es zu zerstören gilt - mit NPC-Armeen, die spawnen und gen gegnerischer Basis laufen, mit Verteidigungstürmen und derlei Dingen. Die Engine ließe das doch ohne Probleme zu.

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Gut besucht, doch nicht umlagert. Auf dem Stand von Trion war meistens noch ein PC frei.
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Mein bemitleidenswerter, augenscheinlich übermüdeter Gesprächspartner, ein Veteran der Branche, der vor Rift schon Warhammer Online zu verantworten hatte, macht ein langes Gesicht, fängt an zu stammeln und bekennt dann, dass das eine Idee sei, über die man schon nachgedacht habe. Na, immerhin ein Anfang, denke ich bei mir und gehe in die Vollen:

Wieso, weshalb, warum?

“Wieso schauen die Monster in einer Instanz nur blöd, wenn ich ihre Kollegen an der anderen Seite töte? Wieso greifen sie nicht ein? Weshalb stehen sie nur in der Ecke, wie bestellt und nicht abgeholt? Warum gehen sie nicht einer Tätigkeit nach - warum lebt die Onlinewelt nicht?” Ich rede mich in Rage. Das Team von End of Nations hat bemerkt, dass hier etwas aus dem Ruder läuft und schielt schon vorsichtig zu uns rüber.

Auch darüber diskutiere man intern. Man habe sogar schon diverse KIs für Mobs in der Schublade, allerdings möchte man die Spieler nicht überfordern. Würde man nicht, denn die Spieler sind intelligenter, als der gemeine Entwickler immer vermutet, versichere ich meinem Gegenüber und ringe ihm das Versprechen ab, all diese Dinge unbedingt noch einmal rauszukramen und zumindest mal auf dem Testserver ordentlich durchzuspielen. In mir wächst die Hoffnung, tatsächlich etwas bewirkt zu haben.

Bevor er es sich noch anders überlegt, verabschiede ich mich schnell. Der Arme wirkt erleichtert. Außerdem wartet der nächste Journalist schon. Im Gehen vernehme ich noch die Stimme des skandinavischen Kollegen: “Nein, ich habe noch nie ein MMOG gespielt”. Der Trion-Mann lächelt. Dieses Gespräch verspricht, bedeutend angenehmer für ihn zu werden.

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Die Fans sind enttäuscht: bei NCsoft West setzt man auf die neuen Titel. Aion und Lineage 2 bleiben auf der Strecke.
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CCP wirbelt Staub auf

Und auch auf mich sollte an diesem Tag noch eine angenehme Überraschung warten. Die Jungs von CCP hatten eigens eine Suite im nahen Hotel angemietet, um mir dort zu präsentieren, worauf wir alle schon seit Monaten warten: Der EVE-Online-Shooter Dust 514 online und in Aktion. Doch darüber berichte ich, wenn die bleierne Messe-Müdigkeit endlich von mir abgefallen und mein Tinnitus abgeklungen ist. Bis dahin wisst ihr schon mal, dass euch in diesem Jahr auf der gamescom nicht viel entgangen ist.