In den heiligen Messehallen zu Köln wird in diesen Stunden gehämmert, geschraubt, geschoben und geschleppt. Massiver denn je sind in diesem Jahr auch die MMO-Publisher vertreten. Mit allen Mitteln versuchen sie, auf ihre Titel aufmerksam zu machen, die natürlich größer, schöner und spannender sind als die der Konkurrenz. Wiped erklärt, warum es manchmal klüger wäre, nicht hochzustapeln.

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Auf der gamescom existiert für Eigenschaftswörter gemeinhin nur eine einzige gängige grammatische Form: der Superlativ. Und da der so konsequent eingesetzt wird, ist es eigentlich auch völlig egal, an welchem Stand man in Köln gerade steht, denn als Besucher bekommt man, mit allerlei Brimbamborium und heißen Messe-Babes gespickt, ohnehin überall das genialste Spiel der Welt präsentiert.

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Marketing ist alles

Doch wer die Spielemesse nicht zum ersten Mal besucht, wird schnell merken, dass das Wort ‘Präsentation’ in der Praxis für den interessierten Spieler längst nicht so vorteilhaft umgesetzt wird, wie es theoretisch klingen mag. Da überlagern kreative Ideen aus der Marketing-Abteilung die wirklichen Inhalte des Spiels oft so sehr, dass selbst Fanboys ihren eigenen Titel auf der Messe nicht mehr wiedererkennen.

Auch das Gespräch mit einem dazugehörigen Messe-Babe nützt da herzlich wenig und offenbart meist nur, dass die Kostümierte zwar hübsch anzusehen ist, vom Spiel selbst allerdings nicht den blassesten Schimmer hat. Nüchtern betrachtet ist der ganze alljährliche Zirkus nichts weiter als eine riesige Dauerwerbesendung zum Durchlaufen.

Konversation statt Präsentation

Dabei stellt eine solche Veranstaltung auch eine unglaubliche Chance für die Publisher dar, die weit über die Möglichkeit des Präsentierens hinausgeht. Statt die komplette Marketing-Abteilung nach Köln zu karren, sollte man lieber mal den einen oder anderen Entwickler näher zu den Fans bringen, damit aus der Präsentation für Fans eine Konversation mit kritischen Kunden werden kann.

So nett die Leute vom Marketing auch sind - die zu ihrer Grundausrüstung gehörende rosarote Brille reflektiert sehr wirksam jede Form von Kritik. Es ist davon auszugehen, dass auch diesmal so manche geniale Idee aus Spielerkreisen am Stand der Publisher verpuffen wird, weil sie irgendwo zwischen Messebabes und Marketing-Praktikanten stecken bleibt und den Weg nicht zu den Entwicklern findet.

Doch wer weiß, vielleicht erleben wir ja in diesem Jahr die eine oder andere Überraschung. Immerhin nehmen auch immer mehr kleinere Studios und Indie-Entwickler den Weg nach Köln auf sich. Die haben dann zwar weder eine echte Mig-21 am Stand noch eine vollbusige Ahnungslose, dafür aber echte Entwickler mit einem echten Interesse an konstruktiven Gesprächen.

Carbine Studios - zockende Versuchskaninchen

Zugegeben - in den letzten Jahren ist die gamescom zu einem derartigen Besuchermagnet geworden, dass die Ausstellungen der beliebteren Publisher meist gnadenlos umlagert sind. Es wäre kaum möglich, mit jedem einzelnen Fan über dessen Vorlieben und Abneigungen zu sprechen. Auch den Jungs von den Carbine Studios wird das nicht gelingen, denn schon die Vorabankündigung ihres noch nicht benannten Titels hat für allerlei Wirbel gesorgt.

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Was verbirgt sich hinter dem neuen Spiel von NCsoft und Carbine?
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Und weil der Stand von NCsoft ohnehin mächtig überlaufen sein wird, hat man sich eine andere Methode ausgedacht, um die Reaktion der Spieler beobachten zu können. Im heimischen Studio hat man ein Versuchslabor eingerichtet, in dem echte Spieler an Carbines neuem Titel hocken. Die zockenden Versuchskaninchen werden dabei ganz genau beobachtet und die Reaktionen auf bestimmte Inhalte ausgewertet.

Nach der Sitzung füllt jeder der Versuchszocker noch einen Fragebogen aus, dessen Auswertung den Entwicklern Aufschluss darüber gibt, an welcher Stelle man noch wie nachzuarbeiten hat. So naheliegend solche frühen Tests eigentlich sind, so selten sind sie in der Branche. Die meisten neigen immer noch zu der Annahme, die spielerische Weisheit dank ihrer langjährigen Erfahrung mit Löffeln gefressen zu haben.

Sekundenschlaf – manchmal stundenlang...

Wie oft wird jahrelang ganz im Geheimen an einem Spiel gewerkelt, damit bloß kein anderes Studio diese eine Idee klaut, die man in dem riesigen virtuellen Konstrukt untergebracht hat. Wie oft sind dann schon die Friends-&-Family-Alpha-Testläufe ein Flop, weil nicht mal im engsten Kreise irgendjemand Lust darauf hat, das Zeug zu zocken. Und wie oft wissen viele Mitarbeiter eines Studios das schon im Vorfeld und schweigen, damit sie nicht als Quertreiber auf der Abschlussliste landen.

Versuchszocker, deren Reaktion man überwacht und die hinterher einen Fragebogen ausfüllen, haben derlei Skrupel nicht. Sie kritisieren, was zu kritisieren ist. Meist lässt sich schon während des Zockens an ihren Gesichtern ablesen, ob sie Spaß daran haben, sich durch eine virtuelle Welt zu bewegen, oder ob sie stundenlang gegen den Sekundenschlaf ankämpfen.

NCsoft wird wieder zum Hoffnungsträger

Wenn die Carbine Studios die Spieler von Anfang an derart stark in den Entwicklungsprozess einbindet, kann kaum ein wirklich schlechtes Spiel dabei herauskommen. Voraussetzung ist allerdings, dass NCsoft als Publisher seinem Studio auch genügend Zeit einräumt, all der Kritik, den Ideen und Flausen der Testpersonen Beachtung zu schenken und das Spiel daran auszurichten.

Von all dem Ärger mit Richard Garriott und der Umstrukturierung von NCsoft West scheint sich der südkoreanische Publisher auf jeden Fall wieder erholt zu haben. Man will wieder ganz vorne mitspielen und setzt dabei erfreulicherweise nicht nur auf die eigenen Studios in Südkorea, sondern auch auf ArenaNet und Carbine. Man darf auf jeden Fall gespannt sein.

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Wann Tera bei uns kommt, weiß keiner so recht - die Community findet's doof.
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Tera - wenn schon spät, dann richtig

Gespannt war man auch auf Tera, bis uns dann in der vergangenen Woche die Hiobsbotschaft erreichte, dass sowohl Frogster in Europa als auch EnMasse in den USA das Release noch bis zum kommenden Frühjahr hinauszögern würden. Leider versäumten es beide Publisher, den Fans stichhaltige Gründe für die Entscheidung zu liefern. Kein Wunder also, dass die Community seither nur noch mit Flames auf die Screenshots reagiert, die weiterhin regelmäßig auf der Facebook-Fanpage zu Tera und im Forum erscheinen.

Ich beneide die Jungs von Frogster nicht, die auf der gamescom gnadenlos dem Unmut der Wartenden ausgesetzt sein werden, und ich hoffe für den aufstrebenden Publisher, dass man den Mantel des Schweigens endlich abstreift und zumindest ein paar ehrliche, erklärende Worte an die eigentlich so treuen Fans richtet, die seit zwei Jahren auf die erhoffte MMO-Erlösung warten.

Immer schön positiv denken

So schwer dürfte eine Erklärung doch gar nicht fallen. Denn eigentlich ist ein späterer Release sogar im Interesse der Spieler. Klar - Tera ist in Südkorea längst spielbar. Es wirkt auch ausgereift, spielt sich flüssig, hat ein innovatives Kampfsystem, das wirklich Spaß macht. Doch gleichzeitig muss BlueHole noch gewaltig am Endgame feilen, das PvP optimieren, das politische System überarbeiten und jede Menge neue Inhalte einpflegen.

Auch wenn Frogster und EnMasse ihre Entscheidung nicht erklären dürfen, können oder wollen - sie scheinen daran interessiert zu sein, ein wirklich ausgereiftes Spiel anzubieten. Sie sind letztlich nicht verantwortlich dafür, dass Tera in Südkorea ein paar Monate zu früh auf den Markt geworfen wurde. Wir Fans sollten das trotz des Frustes berücksichtigen. Dafür dürfen wir uns über dann auch über ein Extra freuen, von dem man bisher noch nichts wusste.

Big Brother ist watching you

So wird das Spiel bei uns schon inklusive einer speziellen Software veröffentlicht, die serverseitig das Verhalten von Spielern beobachtet und auswertet. Was im realen Leben die totale Überwachung bedeutet und zutiefst zu verurteilen wäre, könnte im Spiel endlich das Problem mit den Goldfarmern beseitigen. Denn die greifen meist auf diverse softwareseitige Hilfsmittel zurück, die ihnen das effiziente und automatisierte Spielen ermöglicht und somit maximale Gewinne beschert.

Doch automatisiertes Spielen wird der neuen Software nicht entgehen. Entsprechende Verstöße werden umgehend registriert und an den Support gemeldet. Die Gamemaster bekommen so die Chance, noch aktiv zu werden, bevor das Gold überhaupt an kauffreudige Spieler weitergegeben werden kann. Die Wirtschaft im Spiel bleibt somit unbelastet, der Schaden minimal.

Schlechte Zeiten also für Jong-il Kim und seine nordkoreanische Farmerbande, die aktuellen Berichten zufolge von China aus diverse südkoreanische Spiele wie Lineage infiltrierte, um innerhalb von zwei Jahren virtuelle Goldhäufchen in reale sechs Millionen Dollar umzuwandeln. Bemerkenswert: Das Team arbeitete höchst effizient - der Diktator benötigte für diese Aktion nicht mehr als 30 Mann -, pro Monat erwirtschafte jeder von ihnen also über 8.000 Dollar. Von einer solchen Ausbeute pro Kopf träumt man selbst bei manchem Publisher.

Star Wars: The Old Republic - das Vertrauen der Analysten

Für Bioware und Electronic Arts könnte der Traum vom großen Gewinn jedoch bald wahr werden - zumindest wenn die Analysten von Cowen and Company Recht behalten. Die haben ihre ursprüngliche Prognose von 1,5 Millionen verkaufen Einheiten zum Release von Star Wars: The Old Republic gehörig nach oben korrigiert.

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Schlägt Biowares Alte Republik doch ein wie eine Bombe? Analysten rechnen jedenfalls mit einem Erfolg.
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Mittlerweile geht man bei Cowen and Company davon aus, dass EA innerhalb eines Jahres mindestens drei Millionen Käufer finden wird, von denen zwei Millionen dem Spiel dauerhaft erhalten bleiben werden. Damit würde die Alte Republik als Abotitel immerhin direkt hinter World of Warcraft landen und die Kassen des Publishers gehörig klingeln lassen.

Diese absolute Euphorie scheint vorerst allerdings auf die USA als Hochburg von Star Wars begrenzt zu sein. Hierzulande sind die Communitys noch zögerlich. Man will erst testen und dann kaufen. Beim größten hiesigen Elektromarkt teilte man mir soeben mit, dass die Nachfrage nach Star Wars: The Old Republic bislang “eher verhalten” sei und man intern nicht mit einem übermäßig großen Kassenschlager rechne.

Im Zeichen der gamescom

Wir MMOG-Veteranen haben im Laufe der Jahre allerdings gelernt, mit allem zu rechnen - auch mit dem Unberechenbaren. Deshalb stürzen wir uns in der kommenden Woche natürlich für euch ins Kölner Messegetümmel. Dort werden wir versuchen, möglichst konstruktive Gespräche zu führen, selbst wenn wir dafür dem einen oder anderen Marketing-Mann die rosarote Brille von der Nase reißen müssen. Mehr darüber, was in Köln so gespielt wird, erfahrt ihr dann in der kommenden Ausgabe von Wiped und natürlich täglich auf eurer frisch gestalteten Lieblingsseite.