Die gamescom 2011 rückt näher und so langsam steigt auch bei den Fans der gepflegten Online-Unterhaltung die Spannung. Was haben die großen Publisher in der Schublade? Wann erscheinen die vielgepriesenen MMOs? Wiped! wendet sich diesmal bewusst von den großen Schlagzeilen ab und nutzt die Ruhe vor dem Sturm, um einen Blick auf jene Titel zu werfen, die in den nächsten Wochen kaum im Rampenlicht stehen werden.

Wenn sich eingefleischte MMOG-Fans unterhalten, versteht der Laie meist nur Bahnhof. Doch auch vermeintliche Experten reden, wenn sie über allgemeinere Themen debattieren, nicht selten aneinander vorbei. Hauptsächlich mag das daran liegen, dass unser aller Hobby vergleichsweise jung ist und noch kein verbindliches Vokabular existiert.

Den Nuker auf CC, also bloß kein AOE

Anders als beispielsweise eSportler binden sich MMOler noch stärker an ihre jeweilige Spielergruppe und bilden regelrechte Enklaven. Je nach MMOG, in dem sie vorwiegend aktiv ist, verfügt die Gruppe über einen eigenen Wortschatz. Und so kommt es, dass der ‘Twink’ bisweilen ein ‘Alt’ ist, der ‘Bogi’ ein ‘Archer’ oder ‘Waldläufer’ sein kann und der ‘Zaubi’ auch gerne mal zum ‘Nuker’ wird.

Schwierig wird es vor allem für uns MMO-Redakteure, die wir alle erdenklichen Welten bereisen müssen und immer wieder zu linguistischen Außenseitern werden, wenn die Party zum ersten Mal stirbt, weil wir aus Versehen ‘Aggro’ gezogen haben statt ‘Adds’ und niemand im Teamspeak die warnenden Worte zu deuten wusste.

Jetzt pull endlich die Adds!

Interessant dabei ist, dass die Bewohner jeder Enklave glauben, das einzig richtige Vokabular zu verwenden, weil die Dinge ja schon immer so genannt werden. “Schon immer” reicht durchschnittlich drei bis fünf Jahre und ein bis zwei MMOGs zurück. Wer später dazugestoßen ist, hat einfach die Sprache der alten Hasen in der jeweiligen Gilde übernommen und gibt sie gleichermaßen an Neueinsteiger weiter.

Und so kommt es, dass in Aion ein Dialekt gesprochen wird, der seine Wurzeln teilweise in Guild Wars hat. Bei Rift hingegen liegen die Ursprünge der Verkehrssprache klar in Azeroth, da nicht nur die Community, sondern auch Trions Entwickler aus dieser Ecke stammen. Eine Ausnahme bilden nur ältere Titel oder Nischen-Welten wie EVE Online, dessen ureigene Sprache bis heute erhalten geblieben ist.

Noch schwieriger als die Verständigung über interne Angelegenheiten einer jeweiligen Welt ist die spielübergreifende Kommunikation. Auch bei uns kommt es regelmäßig zu Beschwerden, wenn wir die Bezeichnung ‘free to play’ auf Spiele wie Der Herr der Ringe Online oder Age of Conan anwenden, weil Spieler aus der f2p-Ecke das von ihnen bevorzugte Geschäftsmodell eben anders definieren als Turbine oder Funcom das tun.

Die einzige Regel ist: es gibt keine Regeln

So richtig interessant wird es, wenn man mal zehn MMOG-Fans darum bittet zu erklären, was eigentlich eine Online-Sandbox ist. Das ist “sowas wie GTA”, weiß der eine, während der andere etwas von ‘Full Loot’ und ‘Hardcore-PvP’ faselt und der nächste zu erklären versucht, warum eine Sandbox in der Praxis niemals funktionieren kann.

Und weil sich die wenigsten Spieler überhaupt etwas unter dem Begriff vorstellen können und selber nie ein echtes, funktionierendes Sandbox-MMOG erlebt haben, haben auch die wenigen Veteranen dieses Genre mittlerweile abgeschrieben. Unspielbare Vertreter wie Earthrise oder Mortal Online haben ihr Übriges dazu getan, dem uralten Genre den Todesstoß zu versetzen und die Hoffnung der verbliebenen Fans auf eine wirklich freie Welt zu ersticken.

Hoffnungsträger aus der Indie-Ecke

Doch der Schein trügt und das Genre ist nicht tot. Spiele wie Minecraft haben mit ganz einfachen Mitteln gezeigt, dass es mehr Spaß bereiten kann, eine virtuelle Welt nach Lust und Laune zu verändern, als ständig gegen die gleichen KI-Kreaturen zu kämpfen und auf immer gleichen Pfaden durch irgendwelche Höhlen zu trampeln, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

Tatsächlich gibt es noch ein paar Studios, die wider alle Vernunft und betriebswirtschaftliches Denken an Hoffnungsträgern für Sandbox-Freunde basteln. Und obwohl sich die Fans noch immer darüber streiten, wie man ‘Sandbox’ überhaupt richtig definiert, sind sie sich in einer Sache doch einig: eine technisch sauber gebaute virtuelle Welt mit Sandbox-Charakter würde das totgesagte Genre nicht nur neu beleben - ein solcher Sandkasten wäre auch eine unerschöpfliche Goldgrube für die Entwickler.

ArcheAge - die Dritte Generation

Diese Hoffnung hat auch Jake Song, der auf einer Entwicklerkonferenz jüngst ein neues Video von ArcheAge präsentierte. Er selbst definierte sein neues Spiel schon mehrfach als Vertreter der “Dritten Generation” von MMOGs. Den Anfang machten unbestritten Spiele mit einer gewissen “unorganisierten Freiheit” - man denke an Ultima Online in seiner frühen Form.

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Danach kam die Zeit der, wie er es nennt, “passiven Spielplätze” - vor allem geprägt durch den Erfolg von World of Warcraft. Doch das kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, findet Jake Song und knüpft lieber wieder an die ganz alten Titel an. Song möchte die Kreativität der Spieler fördern, indem er auf Einschränkungen in der Spielwelt verzichtet, so gut es eben möglich ist und gleichzeitig den Feinschliff aktueller Titel als Maßstab für ArcheAge ansetzt.

ArcheAge gilt derzeit als aussichtsreichster Titel im Sandbox-Genre. So aussichtsreich, dass man Publisher Take-Two Interactive als Partner gewinnen konnte, der Song sogleich den Auftrag erteilte, ein Civilization-MMO zu entwickeln. Dass Song sowohl mit ArcheAge als auch mit dem Civilization-MMO erfolgreich sein wird, halten Experten für äußerst wahrscheinlich, da der ehemalige NCsoft-Entwickler als Perfektionist gilt und mit Lineage eines der erfolgreichsten MMOs aller Zeiten zu verantworten hat.

Dawntide - schaffe, schaffe, Häusle baue

Doch nicht nur in Südkorea glaubt man an die Auferstehung der Sandkästen. Auch im Norden Europas wird schon seit Jahren an Dawntide gewerkelt, das noch stärker in Richtung Sandbox gehen soll als der Vertreter aus Fernost. Und nach einer gefühlt endlosen Betaphase, stellen die Jungs aus Dänemark jetzt die gewünschte Gemeinsamkeit zwischen ihrem Produkt und dem Firmennamen fest: Working as Intended.

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Das Spiel scheint wie geplant zu funktionieren und ist Reif für ein Release - hoffentlich. 500 Quadratkilometer zu Wasser und zu Lande umfasst die riesige Karte. Das Spiel setzt auf ein altbewährtes, Skill-basiertes Leveln und soll Handwerker ebenso unerlässlich für die Entwicklung der Welt machen, wie kriegerische Zeitgenossen.

Working as intended? Just test it!

Wer sich im offenen PvP unterdrückt fühlt, oder generell die Geselligkeit bevorzugt, darf sich mit Mitspielern zusammenrotten, um Kriege zu führen, oder bautechnische Großprojekte in Angriff zu nehmen - von Schiffen bis hin zu ganzen Siedlungen lässt Dawntide, zumindest in der Theorie, keine Wünsche offen.

Als offizielles Release hat Working as Intended jetzt den 01. Oktober ins Auge gefasst. Gleichzeitig hat man eine gute Nachricht für all jene Sandbox-Fans, die durch die qualitativ minderwertigen Titel der letzten Jahre verunsichert sind: In Dawntide startet jeder Spieler mit einer 10-tägigen Testphase. Erst danach werden moderate 8,95 Euro monatlich fällig. Ein Lifetime-Account schlägt mit lediglich 84,95 Euro zu Buche und liegt damit deutlich unter dem im Genre üblichen Satz.

Prime: Battle for Dominus - Video

Noch etwas ferner in der Zukunft, jedoch nicht minder interessant, erscheint das MMO Prime: Battle for Dominus. Die Sandbox wird von einigen Branche-Veteranen entwickelt, die sich unter dem Namen PitchBlack Games in Phoenix, Arizona niedergelassen haben und die so einige Dinge richtig zu machen scheinen.

Statt sich damit zu behängen, eine eigene Engine zu bauen, hat man sich die HeroEngine gesichert, mit der auch Bioware derzeit an der Alten Republik arbeitet. Statt auf ausgelutschte Fantasy zu vertrauen, setzt man bei Prime auf knallharte Sci-Fi. Und statt die Spielerschaft in zwei kaum zu balancierende Lager einzuteilen, besinnt man sich auf einen Genre-Oldie und lässt die Spieler in drei Fraktionen gegeneinander antreten, wie einst bei Dark Age of Camelot.

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Und noch eine Gemeinsamkeit haben Prime und DAOC: Sanya Thomas, die sich früher als Community Director von Camelot einen Namen bei den Fans machte und die mittlerweile Sanya Weathers heißt, heuerte ebenfalls bei PitchBlack an, um sich gleich von Beginn an mit am Gelingen von Prime beteiligen zu können. Doch weit interessanter als Personalien sind die ersten Videos zum Spiel, in denen sich immerhin schon der Sandbox-Charakter von Prime erahnen lässt.

NCsoft - Guild Wars 2 und Blade & Soul sind noch nicht alles

Noch nicht erahnen lässt sich hingegen, was der südkoreanische Publisher NCsoft bald aus der Schublade ziehen wird. Dass es etwas kommt, wissen wir immerhin schon mal und wir wissen auch, wann wir mehr wissen: am 17. August auf der gamescom will man erste Details zu einem neuen Titel veröffentlichen, an dem ein bis dato eher unbekanntes Studio des Publishers werkelt.

Und das tut man zwar weitgehend im Verborgenen, jedoch nicht erst seit gestern. Schon vor zwei Jahren war davon die Rede, dass Carbine mit einem Budget von bis zu 70 Millionen Dollar ausgestattet sei, um ein innovatives MMO zu entwickeln. Produzent Gaffney ließ damals verlauten, dass er sein Spiel als gescheitert ansehen würde, wäre es ein weiterer WoW-Klon. Solche Worte lassen hoffen und füllen wahrscheinlich den Stand von NCsoft auf der gamescom.

Wir werden natürlich für euch vor Ort sein und aktuell berichten. Immerhin erwartet uns zum Mega-Event dann auch ein konkreter Termin für die beiden diesjährigen Hoffnungsträger Star Wars: The Old Republic und Tera. Doch bis in Köln die Tore geöffnet werden, gibt es noch zahlreiche andere Ankündigungen und zwei weitere Ausgaben von Wiped! Bis dahin, wisst ihr schon mal, in welchen Sandkästen in Zukunft gebuddelt wird.