Es klingt paradox, doch je mehr MMOGs auf den Markt geworfen werden, desto weniger schmackhafte Spielekost findet der erfahrene Zocker. Das liegt einerseits an der üblen Qualität moderner Online-Spiele, hängt aber auch damit zusammen, dass es man es kaum noch schafft, die aktuellen Ereignisse und Entwicklungen der Branche im Auge zu behalten. Und genau deshalb gibt es Wiped.

Zig Millionen Spieler, fetzige TV-Werbung und dazu noch kostenlos - das muss man doch zumindest mal ausprobiert haben. Solche Gedanken werden so manchem von uns schon durch den Kopf gegangen sein - mit der Folge, dass wir uns auf der entsprechenden Webseite registriert, die Software installiert und das angepriesene Spiel zumindest mal angespielt haben.

Virtueller Schrottplatz

Doch auf die anfängliche Euphorie folgte eigentlich immer recht schnell die Ernüchterung, weil die Titel nicht einmal im Entferntesten halten können, was Videos und Screenshots vorab versprochen haben. Die Grafik wirkt abstoßend, die Charaktermodelle hakeln und die Texte sind, wenn man überhaupt lesbare Zeichen findet, derart miserabel ins Deutsche übersetzt, dass man dem Quest-NPC am effektivsten den Garaus machen möchte, indem man den virtuellen Schund gleich wieder von der Platte löscht.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 27: Verräter in den eigenen Reihen

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Apropos schlimme deutsche Übersetzungen: Gods and Heroes hat da die Nase echt vorn.
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Den Publisher jedoch schert das wenig, denn für ihn zählen wir längst zur Spielerschaft, die durch Neugierige wie uns nicht selten im zweistelligen Millionenbereich angesiedelt ist. Und selbst wenn von all den Registrierten nur jeder Zehnte überhaupt spielt und von den halbwegs Aktiven wiederum nur jeder zehnte Spieler hin und wieder Geld in den Item-Shop pumpt, spült der virtuelle Schrott noch ordentlich Kohle in die Kassen der Publisher.

All jene Studios, die ihr MMO in den letzten Jahren aufs Free-to-play-Modell umgestellt haben, können das bestätigen. Keiner der Titel lief schlechter als im Monatsabo - teilweise verdreifachten sich die Gewinne innerhalb weniger Monate - für die Publisher eine feine Sache. Doch wie sieht das mit den Spielern aus? Tut man denen wirklich einen Gefallen, wenn man die Monatsgebühren abschafft?

Pay to win

Längst beklagen Spieler den zunehmenden Verfall der Community, denn Masse ist nicht gleich Klasse. Nicht selten erfüllte die Monatsgebühr gleichzeitig eine Schutzfunktion und hielt Gesellen, die kein wirkliches Interesse an einer virtuellen Welt hatten, auch von dieser fern. Cheater, Flamer und Goldspammer müssen keine Konsequenzen für ihr Treiben fürchten - sie melden sich nach einem Bann einfach neu an.

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Wie viel von diesem Free-2-play-Kleckerkram gibt es mittlerweile?
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Auch fühlt sich mancher Spieler der Willkür des Publishers ausgeliefert, der mit immer perfideren Methoden zur Kasse bittet. Langsam zu Fuß? Na, dann mieten wir uns eben mal ein Reittier für fünf Euro. Zu wenig Platz im Inventar? Ein temporärer Ausbau schafft Abhilfe und kostet ebenfalls nur einen Fünfer. Ach, und wo wir gerade dabei sind - wir brauchen ja noch die Tränke, um die Nachwirkungen unserer virtuellen Tode zu beseitigen. Und weil es im Bundle billiger ist, investieren wir einfach einen Fuffi und bekommen noch ein paar Buffs obendrauf.

Zahlreiche aktuelle Studien bestätigen, was wir seit langer Zeit befürchten: Aktive Spieler von Free-to-play-Spielen stecken das Vielfache der gewöhnlichen Monatsgebühr in den vermeintlich kostenlosen Titel. Viele knacken im Laufe ihrer virtuellen Karriere locker die 1000-Euro-Grenze. Wer in der virtuellen Welt etwas reißen will, der muss investieren - entweder unmenschlich viel Zeit oder eben etwas “Kleingeld”.

EVE Online - CCP fliegt Spielervertreter nach Island ein

Umso verständlicher war der Zorn der EVE-Online-Community auf die Führungsriege von CCP, die quasi im Alleingang darüber entscheiden wollte, die Sci-Fi-Sandbox in Richtung free to play zu schieben, indem man eben doch weit mehr als nur Kosmetisches gegen echtes Geld handelbar macht. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen eine spielergesteuerte Welt dadurch zu erwarten hätte.

Doch so weit wollten es die Spieler von EVE Online gar nicht erst kommen lassen. Tausende machten sofort ernst und kündigten ihre Abonnements. In den Foren war die Hölle los und auch im Spiel selbst kam es zu Demonstrationen. Damit legte die Community unvergleichliche Stärke an den Tag und offenbarte eindrucksvoll, wodurch sich die Community eines Abo-Titels von der eines Free-to-play-MMOs unterscheidet: durch Ernsthaftigkeit, Tatendrang und Einigkeit.

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“Verräter” in den eigenen Reihen

Einzigartig dürfte auch die Tatsache sein, dass mindestens einem Entwickler von CCP die Entwicklung von EVE Online wichtiger war als sein eigener Job. Immerhin führte die zeitlich gut geplante Veröffentlichung einer internen Nachricht erst dazu, dass die Community auf die Pläne des Firmenchefs aufmerksam wurde. Der Druck der Spielerschaft war letztlich derart groß, dass der Publisher in seiner Not die gewählten Spielervertreter nach Island einflog, um die Wogen irgendwie wieder zu glätten.

Und so hat man sich jetzt auf einen Kompromiss geeinigt. Der Shop wird wie geplant ausgebaut, allerdings soll es bei der Kosmetik bleiben und man werde nichts aus der Luft heraus erwerben können, was sich irgendwie auf die Spielbalance auswirkt. Die interne Mail, die sicher kein gutes Licht auf Hilmar Petursson wirft, hatte letztlich doch ihr Gutes. Durch sie konnte die Community beweisen, dass ein Firmenchef ohne Rückhalt machtlos ist und EVE Online alleine spielen kann, sollte es jemals aufs Free-to-play-Modell umgestellt werden.

Age of Conan - Wirbel um Khitai

Für Aufstände ist es in Bezug auf Age of Conan längst zu spät. Das Barbaren-MMOG wurde mittlerweile in der Riege der kostenlos spielbaren Titel aufgenommen und führt das Genre qualitativ mit Sicherheit auch an. Und trotzdem scheint der Jubel der Spielerschaft verhalten, denn für Age of Conan kommt der Wechsel viel zu spät.

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Inzwischen auch kostenlos spielbar: Age of Conan.
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Hätte Funcom das Spiel schon vor einem Jahr umgestellt, hätte es längst jeder F2p-Fan auf der Platte. So allerdings haben sich andere Titel medienwirksam in den Vordergrund geschoben. Age of Conan findet als teilweise kostenlos spielbares MMO längst nicht den Zuspruch, den es verdient. Ist die Free-to-play-Community am Ende gar nicht an Qualität interessiert? Vielleicht ist es aber auch nur die Ruhe vor dem Sturm, der dann mit dem hoffentlich erfolgreichen neuen Kino-Conan über Hyboria hereinbricht.

Bis dahin hat Funcom aber noch ein wenig zu tun, denn noch ist das Regelwerk des gerade frisch aufgesetzten Hardcore-PvP-Servers ‘Rage’ noch nicht in Stein gemeißelt. Außerdem hagelt es Beschwerden aus der alten Community, die kaum verstehen kann, dass sie dereinst schon für das Add-on “Rise of the Godslayer” bezahlte und jetzt beim Betreten von Khitai erneut Maut rausrücken soll.

The Secret World - Funcoms zweiter Frühling

Doch vollkommen abgeschrieben wurde Funcom selbst von den größten Kritikern noch nicht. Immerhin hat sich seit dem Ausscheiden von Sündenbock Gaute Godager viel getan. Nicht nur in Age of Conan - vor allem auch im nächsten großen Titel The Secret World, mit dem Funcom, so die Hoffnung einiger Fans, einen zweiten Frühling erleben könnte.

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The Secret World - Funcoms große Sternstunde?
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Der Grund für die Euphorie vorab liegt nur teilweise in den grandiosen Trailern, denn nebenbei scheint Funcom für The Secret World auch wirklich innovative Elemente, fernab von typischen MMO-Inhalten, in der Schublade zu haben. Zuständig dafür ist Ragnar Tørnquist, den man eigentlich als Entwickler von klassischen Adventure-Games wie The Longest Journey und Dreamfall kennt.

Keine Freude ohne Leid

Zum Thema Spielspaß befragt, gibt sich Tørnquist gewohnt orakelhaft: “Es ist schwierig. Man darf den Spaß nicht opfern. Andererseits ist die Idee von Spaß nicht ganz klar definiert. Muss immer alles Spaß machen? Kann es nicht auch schmerzhaft sein?”

Bei einigen Veteranen findet dieser neu entdeckte Ansatz besonders großen Zuspruch, denn man hat gelernt: Je einfacher und zugänglicher die MMOGs in den letzten Jahren wurden, desto bedeutungsloser wurden sie - und machten schlichtweg keinen Spaß. Wenn es Funcom bei The Secret World wirklich gelingt, wieder Geheimnisse in die virtuelle Welt zu bringen und die vier Fraktionen schon durch die Geschichte gegeneinander aufzubringen, könnte Funcom tatsächlich einen Überraschungserfolg landen.

PlanetSide 2 - wirklich ein MMO?

So etwas könnte auch Sony Online Entertainment gut gebrauchen, denn dem Publisher geht langsam, aber sicher das Material aus. PlanetSide 2 soll das ändern und zielt genau in die gleiche Richtung wie sein Vorgänger. Langsam aber sicher scheint man sich von der Entwicklung klassischer MMOGs zu verabschieden.

PlanetSide 2 - Erster Trailer2 weitere Videos

Man setzt vermehrt auf billig entwickelte Minigame-Welten wie Free Realms und Star Wars: Clone Wars Adventures, mit denen sich im F2p-Bereich prima Geld machen lässt. Nebenbei setzt man allerdings auch vermehrt auf Titel, die sich an Konsolenspielen orientieren - wie bei DC Universe Online oder eben PlanetSide 2. MMOFPS nennt sich Letzteres dann und will MMOler, Sci-Fi-Fans und Shooter-Freunde gleichermaßen begeistern.

Technisch abgeschlagen, spielerisch vorn?

Pünktlich zur diesjährigen FanFaire in Las Vegas zauberte SOE dann auch ein erstes Video zu PlanetSide 2 hervor. Das allerdings löste nicht die erhofften Begeisterungsstürme aus, sondern sorgte eher für Bedenken. Ist PlanetSide 2 angesichts der Spielmechanik eigentlich ein MMOG? Bietet die im Video gezeigte Ballerorgie überhaupt Raum für taktische Entscheidungen und Teamplay? Ist das schon die finale Grafikqualität und warum wirken die Bewegungen so ruckelig?

Wenn PlanetSide 2 erscheint, wird es in direkter Konkurrenz zu CCPs Dust 514 stehen. Sollten jeweilige Trailer wirklich Rückschlüsse auf das fertige Spiel zulassen, muss SOE noch gehörig nachlegen, wenn man an die Konkurrenz aufschließen will. Immerhin weiß SOE, welche Spielelemente die Fans erwarten, und verspricht eine riesige, nicht instanzierte Welt, territoriale Eroberungen, veränderbare Landschaften und vieles mehr, was das MMOFPS spielerisch interessant machen könnte.

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Feindselige Atmosphäre erwartet uns ins Planetside 2.
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Nebenbei experimentiert man übrigens auch mit Sandbox-Elementen, will die Spieler um Ressourcen kämpfen lassen, mit denen sie möglicherweise später defensive Strukturen erschaffen können. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik und nicht einmal die Entwickler können sagen, was von alldem letztlich im Spiel und was im Papierkorb landen wird.

Ausblick

Umso eifriger werden wir uns in den nächsten Tagen daran machen, alle wichtigen Infos zu PlanetSide 2 für euch zu sammeln. Außerdem werden wir uns auf dem nagelneuen Blood-&-Glory-Server von Age of Conan ansiedeln, wo wir hoffentlich etwas Oldschool-PvP er- und hoffentlich auch überleben werden, damit wir uns in der kommenden Woche wieder mit einer aktuellen Ausgabe von Wiped zurückmelden können. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.