Die virtuellen Realitäten sind im Wandel. Immer mehr Publisher verabschieden sich von den Monatsgebühren und bieten die Grundfunktionen ihrer MMOGs zum Nulltarif an. Doch steht dabei überhaupt das Wohl der Spieler im Vordergrund oder zählt nur der Umsatz? Wie sieht es mit dem Spielspaß aus und in welcher Einheit misst man selbigen eigentlich?

Spaß macht laut gängiger Enzyklopädien eine Tätigkeit immer dann, wenn sie gerne gemacht wird und Freude bereitet. Doch wann genau beginnt die Freude und wann endet sie? Bei einer Achterbahnfahrt im Heidepark lässt sich das prima messen. Man steht eine gute halbe Stunde an, sitzt dann exakt zwei Minuten im Wagen, hat dabei netto allerdings nur eine Minute zwanzig Spaß, denn Aufstieg und Bremsvorgang dauern je zwanzig Sekunden - rein rechnerisch eine eher schlechte Ausbeute.

Ein Spaß, zwei Spaß, drei Spaß...

Trotzdem würde wohl niemand sagen, dass sich die Fahrt nicht gelohnt hätte. Immerhin sorgt sie für einen ordentlichen Schub an Adrenalin. Ähnlich intensiv erleben wir manches Solo-Abenteuer, bei dem wir für ein Weilchen eine andere Identität annehmen und dabei Spaß haben. Acht bis zwölf Stunden hält der dann bei einem durchschnittlichen Shooter an.

Manch ein Rollen- oder Strategiespiel bringt es auf weit mehr, spaßt dabei aber auch oft weniger intensiv. Ein jähes Ende findet der Spaß bei all diesen Spielen, wenn man am Ziel der Reise angekommen ist - fast wie bei der Achterbahn. Und wie ist das bei einem MMOG, für das man immerhin weit mehr Eintrittsgeld zahlen muss? Wo genau setzt da der Spaß ein und wo endet er?

2 weitere Videos

Eins ist sicher: Diese Frau hatte keinen Spaß in der Achterbahn.

Willkommen in der Trostlosigkeit der virtuellen Wirklichkeit!

Vergleicht man ein gängiges Online-Rollenspiel mal mit unserer Achterbahnfahrt, so käme der Levelprozess dem Aufstieg gleich. Man ist etwas aufgeregt, freut sich auf die Dinge, die da vielleicht kommen mögen, aber direkt Spaß hat man noch nicht. Klar, hin und wieder sorgt der eine oder andere Ausrüstungsgegenstand für ein Lächeln und bedient die Sammelleidenschaft, doch so richtiger Spaß geht anders.

Und so erklimmen wir wochenlang den Gipfel unserer virtuellen Existenz. Doch wozu? Um zu sehen, dass da oben nichts weiter ist, dass es unterwegs eigentlich schöner war? Na prima, dann legen wir den ganzen Weg mit einem anderen Charakter einfach noch einmal zurück. Vielleicht finden wir ja, wenn wir eine andere Klasse spielen, etwas Spaß.

Wo bleibt der Optimismus?

Gott sei Dank gibt es Studios, die sich Gedanken darüber machen, wie man dieses Problem beseitigen kann. Gilden- und Territorialkriege, politische Systeme, echte Marktwirtschaft, bedeutungsvolles Team-PvP - das alles sind Sandbox-Elemente, die auf das Interagieren der Spieler setzen, den Weg zum Ziel machen und definitiv geeignet sind, nachhaltig Spaß zu verursachen.

Diese Elemente werden gerade neu geordnet und zusammengefügt - vorwiegend von erfahrenen südkoreanischen Studios wie XLGames und Bluehole. Die haben mit Tera und ArcheAge Hoffnungsträger in der Entwicklung, von denen sich immerhin schon jetzt sagen lässt, dass sie grundsätzlich spielbar sind und nicht schon vorab im technischen Debakel enden wie manche westliche Sandbox der letzten Jahre.

East vs. West - Sandbox vs. Themepark

Derweil hat auch der Westen das Problem der vorherrschenden Spaßlosigkeit erkannt. Man schmiedet Pläne zur Beseitigung des langweiligen Aufstiegs, geht allerdings einen vollkommen anderen Weg als die Konkurrenz aus Fernost und orientiert sich weiterhin am unbestritten erfolgreichen Themepark-Vorreiter World of Warcraft.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 26: Ein Spaß, zwei Spaß, drei Spaß

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
Die Geschichte im Vordergrund: The Old Republic.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

So schlecht, wie das für manch einen Spieler klingen mag, muss das gar nicht sein, denn Studios wie Bioware und ArenaNet versuchen sich daran, klassisch westliche MMOG-Elemente mit denen von Solo-Games zu fusionieren und die Geschichte wieder in den Vordergrund zu rücken. Wenn das gelingt, könnte sich der Online-Spieler wieder mit seinem virtuellen Alter Ego identifizieren, echte Abenteuer erleben und Spaß haben.

Dass sich diese Entwickler dabei von der Sandbox entfernen, ist vorprogrammiert. Mittelfristig unvermeidbar wird dabei eine komplette Spaltung des MMOG-Genres in Gang gesetzt. Sandbox vs. Themepark - wenn auf beiden Seiten die ersten qualitativ hochwertigen Titel erscheinen, wird sich jeder einzelne Spieler je nach Vorliebe recht schnell entscheiden, zu welcher Seite er sich mehr hingezogen fühlt.

Star Wars: The Old Republic - 200 Stunden Achterbahnfahrt?

Es spielt wohl keine Rolle, ob es nun die helle oder die dunkle Seite der Macht ist, zu der es einen Spieler von Star Wars: The Old Republic zieht - 200 Stunden Spiel und damit hoffentlich auch Spaß verspricht Frank Gibeau, Chef des EA-Games-Labels, gleich beiden Seiten. Pro Klasse und abzüglich eventueller Seitenaktivitäten wie PvP oder Raids.

200 Stunden Spiel sind durchaus eine ordentliche Hausnummer. Sollte es Bioware tatsächlich gelingen, erzählerisch an die Qualität der bisherigen Titel anzuknüpfen, erwartet die Fans das wohl umfangreichste Rollenspielerlebnis aller Zeiten und die Initialverkäufe werden ohne Zweifel für gute Stimmung bei den Investoren sorgen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 26: Ein Spaß, zwei Spaß, drei Spaß

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden4 Bilder
Und 200 Stunden im Rücken. Aber was kommt danach?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und trotzdem hat Gibeaus Versprechen einen faden Beigeschmack. Denn rechnen wir mal nach: Auf vier Spielstunden täglich bringt es Otto-Normal-MMOler außerhalb der Urlaubszeit locker. Um eine Klasse nach oben zu bringen, braucht er demnach 50 Tage - für zwei Klassen gut drei Monate. Doch was kommt danach?

Danach muss Bioware inhaltlich schnell nachlegen, will man die Spieler auch langfristig an sich binden, denn auf etwaige Sandbox-Elemente, mit denen sich die Spieler selbst beschäftigen können, hat man bislang zugunsten der Geschichte verzichtet. Ruht sich das Studio zu lange auf den 200 Stunden aus, sind die Massen bald ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie in der Alten Republik einfallen - da kann die Handlung noch so packend sein.

Star Wars: Galaxies - macht den Weg frei

Immerhin darf sich Bioware bald der kompletten Aufmerksamkeit aller zockenden Fans von Star Wars gewiss sein, denn wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, macht Sony Online Entertainment den Weg frei, indem man sein betagtes Star Wars: Galaxies zum Jahresende komplett einstellt. Auch ein letztes Aufbegehren der verbliebenen Fans nützte da nichts, denn die Entscheidungsgewalt liegt nicht bei SOE allein.

Die Lizenz für den Betrieb eines Star-Wars-Onlinespiels, die natürlich nur Lucas Arts vergeben kann, läuft planmäßig im Jahr 2012 aus. Was SOE betrifft, stellt sich dann allerdings die Frage, wie es für den Publisher weitergeht. DC Universe Online bleibt weit hinter den Erwartungen zurück und hat kaum noch aktive Spieler.

Die beiden Everquest-Teile haben ihre besten Tage ebenso hinter sich wie Vanguard oder Pirates of the Burning Sea. Und da die Arbeiten am Agenten-MMO The Agency mittlerweile komplett eingestellt wurden, liegt nun alle Hoffnung auf PlanetSide Next. Sollte Sony das ebenfalls in den Sand setzen, scheint die Ausrichtung auf Casual-Games wie Free Realms oder Star Wars: Clone Wars Adventures unausweichlich - ein unrühmliches Ende für den einst erfolgreichsten MMO-Publisher.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 26: Ein Spaß, zwei Spaß, drei Spaß

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
Zum Jahresende hin eingestellt: Star Wars Galaxies.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Spielverderber Wirtschaftswelt

Dabei muss man natürlich differenzieren, wessen Interessen bei der Entwicklung von Spielen überhaupt im Vordergrund stehen. Für erfahrene Spieler stehen bisherige Casual-Games sicherlich nicht gerade für Spielspaß. Die meisten setzen allein auf die berüchtigte Tretmühle, auf die Sammelleidenschaft der Massen und auf virtuelle Kosmetik.

Für Publisher und Investoren sieht die Sache allerdings ganz anders aus. Immerhin ist es Genre-Vorreiter Zynga innerhalb von vier Jahren gelungen, den Wert des Unternehmens auf 20 Milliarden Dollar zu schrauben - und das mit virtuellem Schrott, dessen Entwicklungskosten zu vernachlässigen sind. Activision Blizzard und Electronic Arts, die immerhin noch zig Millionen in die Entwicklung ihrer Titel stecken, schaffen es zusammen gerade mal auf 21 Milliarden Dollar Firmenwert. Welcher gesunde Investor ist angesichts dieser Zahlen noch bereit, sein Geld in Qualität zu stecken?

Titan - setzt Blizzard bald auf Gelegenheitsspieler?

Aus diesem Grund prognostizieren einige führende Analysten auch schon, dass sich zumindest Activision Blizzard in Richtung Casual-Gaming bewegen wird. Besonders das sagenumwobene neue MMOG Titan sieht die Finanzwelt vorab schon genau dort, wo es erfahrene Spieler auf keinen Fall haben wollen: in der Casual-Ecke.

Beim Publisher selbst hält man sich selbstverständlich bedeckt und lässt die Finanzexperten munter spekulieren. Spätestens im nächsten Jahr wird Blizzard allerdings nicht mehr umhinkommen, ein paar erste Infos zum nächsten Titel zu veröffentlichen, denn bis dahin werden die Spielerzahlen in World of Warcraft zwar langsam, aber stetig weiter sinken. Daran dürfte auch die fortan unbegrenzt spielbaren 20 Level nichts ändern - es sei denn, der Publisher rechnet bei seiner nächsten Zählung die Probe-Accounts mit.

EVE Online - Rebellion der Spieler

Die Rechnung ohne den Fan hatte auf jeden Fall CCP-Chef Hilmar Veigar Petursson gemacht, als er in einer internen Mail begeistert vom Verkauf von 52 virtuellen Monokeln innerhalb von 40 Stunden schrieb und EVE Online ganz nebenbei weiter in Richtung Item-Shop drückte. Es sei an der Zeit, dass man mehr darauf schaut, was die Spieler tun, statt darauf zu hören, was sie sagen, erklärte der eigentlich so besonnene Firmenchef in seiner Nachricht.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 26: Ein Spaß, zwei Spaß, drei Spaß

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 74/781/78
Tausende Spieler boykottieren derzeit Eve Online.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch die ist kurz darauf an die Öffentlichkeit gelangt und hat eine wahre Rebellion der Community ausgelöst, deren Tragweite noch immer nicht absehbar ist. Tausende Spieler wollen EVE Online boykottieren und machen ihrem Unmut nicht nur in den Foren Luft, sondern auch in den einschlägigen Systemen im Spiel.

Im Moment der größten Not hat sich CCP allerdings doch wieder besonnen und den kompletten Spielerrat für zwei Tage nach Island eingeflogen. Mit welchem Ergebnis die mutmaßlich hitzigen Verhandlungen zu Ende gegangen sind, ist zum Zeitpunkt noch nicht bekannt und wird von der EVE-Community mit großer Spannung erwartet.

Perpetuum – EVE-Spieler betreten Terra Incognita

Doch nicht nur die Spieler von EVE Online warten in diesen Tagen auf Nachrichten aus Island - auch die Entwickler von Perpetuum und ihre Fans verfolgen die Entwicklungen gespannt. Perpetuum gilt nämlich als wahrscheinlich heißeste Alternative für verprellte EVE-Fans. Das Sci-Fi-MMO ist auf einer Planetenoberfläche angesiedelt, auf der die Spieler mit riesigen Mechs umherlaufen.

In Sachen Spielmechanik haben sich die Entwickler von Perpetuum - Terra Incognita allerdings so stark an EVE Online orientiert, dass Kritiker bislang gerne mal von einem Klon gesprochen haben - im positiven wie im negativen Sinne. Und so kam, was kommen musste: Kurz nach der Krise bei CCP sind die Server von Perpetuum zusammengebrochen, weil sie dem Ansturm der EVE-Abtrünnigen nicht mehr gewachsen waren.

Derzeit ist noch ungewiss, ob die Umsiedler dort bleiben oder den Wechsel nur vollzogen haben, um zu demonstrieren, dass es ihnen ernst ist und sie im Zweifelsfall durchaus eine Alternative haben. Die Jungs hinter Perpetuum melden sich derweil schon mal vorsorglich zu Wort und versprechen, ihre Technik schnellstmöglich für höhere Spielerzahlen zu rüsten, um “jeden einzelnen von euch unterzubringen”.

Guild Wars 2 - Prachtvolles Cinematic2 weitere Videos

Derweil rüsten wir uns für die nächste Woche, in der wir uns weiter durch Kapitel 4 von Runes of Magic schlagen und nebenbei mal einen Blick auf Gods & Heroes: Rome Rising werfen werden. Und damit auch ihr bis zur nächsten Ausgabe von Wiped etwas fürs Auge habt, verabschieden wir uns diesmal mit einem von acht Dungeon-Cinematics aus Guild Wars 2.