Das vielgepriesene “Jahr der MMOs” hat seine erste Halbzeit hinter sich und die Zwischenbilanz sieht alles andere als gut aus. Bereits erschienene Titel bieten kaum noch genügend Motivation, sich überhaupt einzuloggen, und die heißersehnten neuen Spiele scheinen in immer weitere Ferne zu rücken. Und wenn man, wie jüngst auf der E3, dann doch mal einen Blick erhaschen kann, macht sich schnell Ernüchterung breit.

Die E3 2011 liegt nun schon zwei Wochen hinter uns und im Rückblick erscheint es fast, als hätten Fans und Fachpresse auf der riesigen Veranstaltung nur ein einziges Thema im Auge gehabt: Biowares persistente Star-Wars-Interpretation. Doch so gut wie noch im Vorjahr ist die Stimmung längst nicht mehr, denn unter all den fulminanten Videos und der Vollvertonung offenbart sich langsam, aber sicher der Kern des MMOs.

Star Wars: The Old Republic - das also ist des Spieles Kern!

Beinahe 20 Stunden haben sich einige Journalisten und Blogger in der Alten Republik herumgetrieben und den Rest der Spieleshow vernachlässigt. Gelohnt hat sich das nicht, wie einige von ihnen im Nachhinein attestierten. Wäre da nicht der Story-Aspekt, so liest man immer wieder, gebe es kaum einen Grund, Biowares MMO-Erstlingswerk überhaupt zu spielen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 25: Viel Wirbel um ein paar Fetzen Stoff

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Doch nicht so toll? Viele Stimmen nach der E3 klingen ernüchtert.
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Die Quests funktionieren nach bekanntem Muster - zehn hiervon, zwölf davon -, dann zurück zum Questgeber. Innovativ geht anders. Immerhin sind zahlreiche Quests miteinander verknüpft und tragen zur Entwicklung der Geschichte bei. Doch selbst die kam nicht bei allen Kollegen gut an. Manch einer wurde auch mit dem Spiel an sich erst gar nicht warm - ohne sagen zu können, woran das nun genau liegt. Alarmierend ist das allemal.

Auf Kritik stieß auch der Aufbau der virtuellen Umgebung immer wieder. Die wirkt bisweilen arg schlauchförmig, führt den Spieler zwar gezielt zu den Zielen, lässt gleichzeitig aber weniger Freiraum, als man sich das von einem echten MMOG erhofft. Ähnlich sieht es auch mit dem Kampfsystem aus, bei dem der Spieler kaum gefordert wird.

Viele Stimmen, ein Tenor?

In Sachen Quests und Kampfmechanik orientiert sich Star Wars: The Old Republic ganz klar an World of Warcraft - beim PvP kommt hier und da etwas Warhammer Online zum Vorschein. Die Geschichte sorgt zwar für zusätzliche Motivation, erschwert allerdings hier und da auch das Zusammenspiel in der Gruppe und die Kommunikation im Teamspeak. Am bequemsten spielt sich das MMO wohl immer noch im Alleingang. Schade.

Doch es gibt auch positive Stimmen. So beschreibt Blogger Mike ‘Gabe’ Krahulik, wie er erstmals in einem MMO darüber nachgedacht hat, wer sein virtuelles Alter Ego eigentlich ist, welcher Seite der Macht er sich wohl näher fühlt. In den meisten MMOs müsse man Quests erledigen, um zu spielen. In SW: TOR spiele man bereits, wenn man Quests erledigt. Wahrscheinlich ist die Macht in ‘Gabe’ einfach stärker als in seinen Kollegen, und das lässt uns hoffen...

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Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.
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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Doch worauf hoffen wir denn eigentlich und sind wir wirklich mit nichts mehr zufrieden? Mit dieser Frage werden MMOG-Veteranen regelmäßig konfrontiert, wenn sie über den Verfall der Branche sinnieren. Einer unserer Leser schrieb jüngst sinngemäß: “Was erwarten die Leute denn bitte? Dass eine Firma kommt und das MMO nun von Gund auf neu erfindet? Oder dass man ein Spiel präsentiert, das vom Start an mehr bietet als WoW?”

Die Antwort auf diese Frage wollen wir gerne geben. Wir erwarten, dass endlich mal eine Firma kommt, die funktionierende Endgame-Menchaniken nutzt, statt immer wieder ein Designkonzept zu verwursten, das auf Tretmühlen basiert und frei von Herausforderungen ist. Wir erwarten die Rückkehr zum echten ‘Massively’-MOG, das dem Spieler Freiheiten lässt, statt ihn in Levelschläuche und Fraktionskorsetts zu zwängen.

Was wollt ihr denn?

Wir erwarten die Abkehr vom Instanzenwahn und die Rückkehr zur virtuellen Welt, in der das Crafting mehr ist als ein aufgesetztes Minispiel und der Markt sich anhand von Angebot und Nachfrage selbst regelt. Wir wollen, dass Spieler die Konsequenzen aus ihrem Handeln zu spüren bekommen, damit die Community endlich wieder zu einer solchen wird. Wir wollen Diplomatie statt Fraktionen. Wir wollen Krieg mit Bedeutung und wir wollen Frieden, wenn ein Feind besiegt ist.

Wir wollen nicht länger auf den betonierten Wegen durch einen Themepark laufen. Wir wollen zurück zu den Trampelpfaden, auf denen sich eine virtuelle Welt noch scheinbar unendlich langsam entfaltet, weil sie voller Wunder und Zauber ist. Eine Welt, in der Freundschaften aus der Not heraus geboren werden, ein virtueller Tod Bedeutung hat und ein überlegener Feind noch Ansporn genug ist, so lange zu trainieren, bis er im Staub vor einem liegt.

Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass uns eines Tages ein solches MMOG erwartet, denn einst gab es diese Welten. Alles, was jetzt noch fehlt, ist ein archäologisch interessierter Spielentwickler, der den Themepark hinter sich lässt und stattdessen die überall verstreuten Artefakte ausgräbt, zusammensetzt und mit modernen Methoden restauriert. Es ist weder schwierig noch teuer, ein perfektes MMOG zu entwickeln - es muss nur endlich einmal jemand den Mut dazu haben.

Eve Online - A Future Vision2 weitere Videos

EVE Online - viel Wirbel um ein paar Fetzen Stoff

Die Jungs von CCP brauchten diese Art von Mut erst gar nicht, denn EVE Online ist selbst ein solches Artefakt, dessen Anfänge bis ins vergangene Jahrtausend zurückgehen. Und obwohl das Weltraum-MMOG nicht gerade massentauglich ist, wuchs es über die Jahre hin stetig weiter, und CCP gehört mittlerweile zu den wichtigsten Unternehmen Islands.

Zu verdanken ist das vor allem auch der Commnity von EVE, die dem Spiel und seinen Entwicklern in all den Jahren so ergeben die Treue gehalten hat. Jetzt allerdings scheint die Harmonie gefährdet, denn ein eigentlich internes CCP-Dokument macht die Runde, in dem davon die Rede ist, dass nicht alle virtuellen Einkäufe kosmetischer Natur sein werden. Einige neue Gegenstände, Munition, Schiffe usw. sollen über die neu eingeführte Währung zu erstehen sein, und auch den Ruf bei den Fraktionen soll man sich gegen bare Münze erkaufen können.

Das widerspricht allem, was CCP bisher versprochen hat, und steht in krassem Kontrast zur bisherigen Mechanik von EVE Online. Die Fans befürchten einen Ruck in Richtung free to play und die Reaktionen in den Foren gleichen einer offenen Rebellion. Doch was zum Teufel geht in den Verantwortlichen bei CCP vor, dass sie in Erwägung ziehen, ihr eigenes Erfolgskonzept zu durchweichen?

Personelle Überdehnung

CCP ist in den vergangenen Jahren sehr schnell gewachsen. Man hat mehr neue Leute im Team als eigene Veteranen. Darunter finden sich auch zahlreiche ehemalige Entwickler mehr oder weniger gescheiterter MMOs aus den Vereinigten Staaten. In Entwicklerkreisen ist es derzeit besonders angesagt, bei CCP anzuheuern, denn der Arbeitsplatz auf der Vulkaninsel gilt als besonders sicher.

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Dust 514 erscheint exklusiv für die Playstation.
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Noch - denn schon auf dem vergangenen Fanfest in Island wunderten wir uns bisweilen über die eine oder andere Aussage aus diesen Reihen, die so gar nicht mit dem konform zu gehen schien, was man bisher von EVE Online wusste. Dazu gehört auch die Entscheidung, Dust 514 exklusiv für die PlayStation 3 anzubieten und damit die EVE-Veteranen quasi auszusperren.

CCP ist nicht etwa dabei, einen großen Fehler zu begehen - in Wirklichkeit hat man ihn längst begangen. Statt sich nämlich gezielt kreative Köpfe heranzuziehen, hat man sich in den letzten Jahren relativ ungehemmt neue Leute ins Boot geholt. Darunter war scheinbar auch so manche Ratte, die ein anderes sinkendes Schiff damit verlassen konnte und die ihre Flöhe mit nach Island gebracht und den Kollegen umgehend ins Ohr gesetzt hat. Bleibt zu hoffen, dass es das Ungeziefer nicht schafft, die Community zu übertönen.

Steam - will mit Kostenlosem kassieren

Die EVE-Community und die MMOG-Veteranen sind sich dabei relativ einig, dass free to play zu einer echten Plage herangewachsen ist. Auch wenn es durchaus Titel geben mag, bei denen dieses Konzept Sinn ergibt - die Branche rennt derzeit kopflos in ihr eigenes, kostenloses Verderben. Durch die Umstellung auf free to play werden die Spiele mit Sicherheit anders, doch selten besser. Unweigerlich beißt sich das Interesse der Publisher, möglichst viele Kaufanreize zu schaffen, mit dem Interesse der Spieler, ein möglichst faires Spielerlebnis in einer virtuellen Welt zu erleben.

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Bislang auf Solospiele geeicht, bald auch mit MMO-Angebot: Steam.
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Die Jungs hinter Steam schert das wenig. Immerhin gehörten MMOGs für sie bislang eher zu einem Randgruppengeschäft. Doch das soll sich nun ändern, denn mit Global Agenda, Forsaken World und Spiral Knights steigt die Plattform voll ins Geschäft mit dem Kostenlosen ein - für Betreiber Valve eine echte Goldgrube, da sich kleinere Studios einen eigenen Publisher sparen können, wenn sie die Geschäfte mit den zahlungswilligen Spielern direkt über Steam abwickeln.

Erst wenn die letzte Welt geschlossen...

Irgendwie überrascht es auch nicht mehr, wenn ein Publisher die Umstellung seiner MMOs aufs Free-to-play-Modell ankündigt. Beinahe wöchentlich erreichen uns derartige Meldungen und man muss sich mittlerweile fragen, wann es auch die letzten Titel trifft. In dieser Woche hat es nicht nur LEGO Universe erwischt, sondern auch City of Heroes, das damit dem Druck nachgibt, der durch die Umstellung von Cryptics Champions Online entstanden ist.

Und man muss wohl kein Prophet sein, um zu ahnen, dass damit auch bei Sony Online Entertainment langsam aber sicher die Umstellung von DC Universe Online geplant wird, denn spätestens seitdem mit der großen Hack-Attacke die letzten verbliebenen Superhelden zeitweise von den Servern getrennt wurden, scheinen Metropolis und Gotham City komplett ausgestorben.

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Und weil es gerade keine neuen Spiele gibt, die wir zocken könnten, kramen wir in den nächsten Tagen einfach die gerade erweiterten Titeln aus: Aion 2.5, Rift 1.3 und Runes of Magic - Kapitel IV. Ob die sich überhaupt noch lohnen und was die Branche sonst noch so hergibt, erfahrt ihr dann in der nächsten Ausgabe von Wiped! Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.