Jetzt sind wir schon fast in der Jahresmitte angekommen und noch immer scheinen die großen Hoffnungsträger ihrem Release kein Stück näher zu sein. Im Gegenteil - beinahe täglich erreichen uns neue Hiobsbotschaften und die Stimmung in den Communitys wird zusehends pessimistischer. Wiped hat die Ereignisse der vergangenen Woche beobachtet und schafft es, selbst negativen Nachrichten noch etwas Positives abzugewinnen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Welt und das Gameplay erklärtEin weiteres Video

Ach, wie schön war doch die Zeit, als MMOG-Zocker noch Außenseiter waren und von der Masse belächelt wurden. Die Communitys waren klein, aber fein. Man hatte das große Ganze im Blick, schuftete in erster Linie für den Clan statt für sich selbst und hielt sich stets an den alten Schwur der Musketiere: Einer für alle, alle für einen - eine Gildenweisheit, mit der sich bisweilen eine ganze Sandbox dominieren ließ.

Siegeszug der Egomanen

Mittlerweile jedoch, seit die Pforten der virtuellen Welten immer weiter geöffnet werden müssen, um die Massen einzulassen, ist es vorbei mit Teamgeist und Uneigennützigkeit. Gilden werden nicht mehr mühsam aufgebaut - man schließt sich ihnen an, solange sie nützlich sind. Hinkt der Rest hinterher, sucht man sich einfach eine neue, stärkere Spielergruppe.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Früher war überhaupt alles besser, oder?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Erfolg im Spiel hat längst nicht mehr der Teamplayer. Es ist eine neue Generation von Egomanen, die auf den Servern dominieren, weil sie auf dem Weg des geringsten Widerstands zügig vorangeschritten sind, den Clan mehrfach gewechselt haben und jetzt die fetteste Ausrüstung am egoistischen Leib tragen. Dabei kann man diesen Zeitgenossen nicht einmal einen Vorwurf machen.

“Don’t blame the player, blame the game!”

Denn Schuld an der Misere trägt das moderne Spieldesign. Mit den Massen holte man sich die erfolgsverwöhnten Solozocker in die Online-Welten, die einem Spiel nur dann die Treue halten, wenn sie am laufenden Band mit Geschenken und Erfolgen belohnt werden. Dumm nur, dass eine allzu starke Ausrüstung das Balancing eines Spiels ruiniert und das PvP weitgehend sinnlos werden lässt.

Den Sieg wird in nahezu jedem modernen Themepark-MMO am Ende immer das Team davontragen, das mehr Zeit ins Spiel gesteckt hat, und keineswegs das bessere. Und genau deswegen hoffen und warten die Veteranen unter den Online-Spielern auf ihr ganz eigenen Paradies, in dem endlich wieder Skill und Teamwork zählen und die Ausrüstung allenfalls noch mal das i-Tüpfelchen im Kampfgeschehen darstellt.

Doch dafür müsste sich die Community erst einmal gesundschrumpfen oder spalten - müsste endlich eine Sandbox ein Mindestmaß an funktionierenden Optionen bieten und ein Studio eher an einem Traum arbeiten als am finanziellen Erfolg. Es beiden Lagern von Spielern recht zu machen, dürfte auf jeden Fall schwierig, wenn nicht unmöglich sein.

Tera - Fluch oder Segen?

Und dennoch scheint man bei Bluehole genau das im Sinn zu haben. Tera wird ganz klar ein Themepark-MMO. Allerdings bekommt es den heiß diskutierten Action-Combat und obendrein einige klassische Elemente aus dem Sandkasten verpasst. Es verspricht Clankriege statt Fraktionen, ermöglicht die territoriale Kontrolle durch einzelne Clanführer und simuliert in diesem Zuge gleich ein politisches System.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Tera verspricht einiges - was hält es am Ende?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

MMO-Experten fragen sich jedoch längst, ob das alles nicht zu viel des Guten ist und ob die Mischung aus Sandbox und Themepark überhaupt gelingen kann. Was Sandbox-Fans begeistert, schreckt Themepark-Spieler oft ab - und umgekehrt. Umso überraschender schien der unglaubliche Erfolg, mit dem sich Tera nach dem Release in Südkorea nach vorne katapultierte. 37 Server musste der Publisher Hangame dort aufschalten.

Stirbt Tera?

In dieser Woche allerdings sorgte eine Nachricht für Schrecken unter den Anhängern: Von den 37 Servern sind nach aktuellen Zusammenlegungen nur noch 15 Server am Netz. Nach allem, was uns die Erfahrung mit MMOGs gelehrt hat, muss das doch der Anfang vom Ende sein. Der Erfolg währte allzu kurz und Tera stirbt - so der Tenor in Hunderten von News-Meldungen weltweit.

Wir allerdings gewinnen selbst 22 eingestampften Servern noch etwas Positives ab. Dass nämlich eine gewisse Sorte Spieler mit der Spielmechanik von Tera nichts anfangen können würde, war absehbar. Einer großen Zahl gemütlicher Feierabendspieler wird es zu anstrengend sein, den angreifenden Mobs selbst ausweichen zu müssen, statt sich einfach eine Godmode-Rüstung zu ergrinden. Und ohne Teamplay will Tera auch nicht so recht funktionieren.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Bis zu 10.000 Spieler sollen gleichzeitig unterwegs sein.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Weniger ist mehr

Doch all die Enttäuschten konnten kaum 22 Server entvölkert haben. Für die Zusammenlegung muss es also noch einen anderen Grund geben. Und so haben wir uns auf die Suche begeben und im Zuge unserer Recherchen keine Kosten und Mühen gescheut und eine Meisterin der koreanischen Sprache auf die Sache angesetzt, die bald schon vermelden konnte, dass die Wolken über Tera gar nicht so dunkel sind, wie sie für uns erscheinen.

Von Beginn an arbeiten Entwickler und Publisher nämlich Hand in Hand an der Optimierung von Software und Servern. Mittelfristig plant man, über 10.000 Spieler gleichzeitig über den Server toben zu lassen. Die Schließung von Servern bedeutet also nicht zwangsläufig einen Rückgang der Spielerzahlen, sondern bedeutet eher, dass die Zahl der Spieler pro Server gewaltig steigt. Und das ist, zumindest für ein Spiel mit Sandbox-Elementen, eine durchaus frohe Botschaft.

Cryptic Studios - da angekommen, wo sie hingehören?

Weniger erfreulich war der Ausstieg von Atari bei den Cryptic Studios, der gleichzeitig auch den kompletten Ausstieg aus dem Bereich der MMOGs für den Publisher bedeutet. Cryptic gehört mit Champions Online und Star Trek Online zwar zu den bekanntesten westlichen Studios, jedoch mussten sie angesichts der eher mäßigen Qualität ihrer Spiele in den letzten Jahren auch schwere finanzielle Verluste hinnehmen.

Den Publisher Perfect World scheint das wenig zu stören und so kauft man die verwaisten Entwickler für satte 50 Millionen Dollar. Das dürfte die Cryptic Studios für eine Weile über Wasser halten, lässt allerdings vermuten, dass nach dem Superhelden-MMOG auch Star Trek Online bald aufs Free-to-play-Modell umgestellt werden dürfte. Branchenkritiker vermelden zufrieden, dass Cryptic mit seinen Spielen dann dort angekommen sei, wo man qualitativ hingehört.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Atari distanziert sich von den Cryptic Studios - und damit von MMOs.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Age of Conan - Barbaren rutschen zusammen

Doch auch in der Free-to-play-Liga werden es Cryptics Spiele nicht ganz leicht haben. Immerhin mischt König Conan ab Sommer dort mit seinem Hybridmodell zumindest teilweise mit. Und damit die erwarteten Neuankömmlinge bei ihrem Besuch in Hyboria auch eine ordentliche Bevölkerungsdichte vorfinden, legt man auch die letzten verbliebenen Server noch zusammen.

Zur Auswahl stehen dann nur noch ein PvE- und ein PvP-Server. Allerdings arbeitet Funcom parallel noch an einem eigenen Server für alle Hardcore-PvPer, die auf ein komplett offenes Kampfgeschehen bei vollem Plünderungsrisiko stehen. Und bis der kommt, warten mit den beiden neuen Solo-Instanzen noch genügend Abenteuer auf die erwachsene Spielerschaft. Doch darüber berichten wir an anderer Stelle noch ausführlicher.

Fallout Online - Interplays düstere Zukunft

Ausführlich berichten wollten wir eigentlich auch über Fallout Online, doch Interplay hat uns und den Fans einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Publisher hat nämlich kaum noch finanziellen Spielraum und steht zudem mit über drei Millionen Dollar in der Kreide. Mittlerweile wird auch nicht mehr ausgeschlossen, dass das Unternehmen bald Konkurs anmelden muss.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Das Aus für Fallout Online? Wie geht es weiter?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Fallout Online stand von Anfang an unter keinem guten Stern, denn Interplay kämpft seit Jahren in einer juristischen Schlammschlacht gegen Bethesda um die Rechte zu dem Titel, und es wäre wahrscheinlich klüger gewesen, den Namen Fallout ad acta zu legen und einfach ein neues Endzeit-MMOG zu entwickeln. Der Fangemeinde von Fallout geht es nämlich weniger um einen Namen als darum, eine stimmungsvolle Endzeitwelt zu erleben.

The Secret World - wo bleibt das ‘massively’?

Um eine stimmungsvolle Welt geht es auch den Fans von The Secret World, denn Funcom verspricht, Elemente aus zahlreichen Phantasie- und Romanwelten zu vereinen und das Ganze irgendwie noch mit der realen Welt zu verschmelzen. Dabei will man den Spieler so fordern, dass er das ‘hirnlose Geklicke’ aufgibt und bewusst in die Story eintaucht.

Klingt in der Theorie gut, bereitet in der Praxis allerdings auch schon im Voraus Kopfzerbrechen. Denn wo bleibt angesichts der offenbar stark personalisierten Geschichte dann überhaupt noch Raum für das, was ein MMOG letztlich ausmacht: das ‘massively’? Dass die Entwickler von The Secret World in ihren Interviews hin und wieder mal den Vergleich mit Biowares Alter Republik wagen, zeigt ganz klar, dass uns mit The Secret World ganz sicher keine Sandbox erwartet.

Aion - zweieinhalb Schritte weiter

Um eine Sandbox handelt es sich auch bei Aion nicht. Und trotzdem hat sich das Spiel in den zwei Jahren seit Release vor allem in Sachen Endgame-Inhalte besser entwickelt als anfangs erwartet. Zwar zeigt schon die Nummerierung, dass das aktuelle Update 2.5 allenfalls ein halber Schritt in die Zukunft ist, doch immerhin gelingt es NCsoft, uns wieder regelmäßiger nach Atreia zu locken.

Nicht nur die Esoterrasse als neue Instanz, sondern vor allem die neue Arena weiß zu gefallen. Hier bewegt sich die Party ausnahmsweise mal nicht durch einen Dungeon, sondern die Mobs werden auf die Gladiatoren in der Arena losgelassen. In mehreren Runden kämpft sich die Gruppe auf insgesamt zehn Stufen bis nach oben und erntet Medaillen, die sich später - die entsprechende Geduld vorausgesetzt - gegen Ausrüstung eintauschen lassen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 22: Siegeszug der Egomanen

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
Der neue Aion-Patch verspricht wieder haufenweise neue Inhalte.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nett sind aber auch die unzähligen kleinen Verbesserungen, die unter anderem dafür sorgen, dass das Kampfgeschehen dezent übersichtlicher wirkt und das Spiel insgesamt trotz grafischer Verbesserungen eine ganze Ecke flüssiger läuft. Noch müssen wir die Hoffnung auf ordentliche Massenschlachten also nicht aufgeben und so schlagen wir uns auch in den nächsten Wochen regelmäßig durch die Dredgion und stellen uns ab und zu der neuen Feuerprobe.

Doch keine Sorge - mit einem Auge schauen wir natürlich auf die aktuellen Ereignisse in der MMOG-Branche, damit auch ihr stets wisst, was gespielt wird und worauf man in diesen Tagen überhaupt noch hoffen darf.