Das neue MMO-Jahr ist gerade mal zwei Wochen alt und trotzdem schon gehörig in Fahrt. Die Branche ist in eine rege Betriebsamkeit verfallen, überall wird erweitert, getestet und angekündigt. Ein Blick auf die anstehenden Titel offenbart schon jetzt gewisse Tendenzen: Orks und Elfen werden langsam, aber sicher von den Untoten verdrängt und neben den PvE-Inhalten kümmern sich die Entwickler ganz plötzlich auch um die Konflikte zwischen den Spielern.

Doch woher kommt der Sinneswandel innerhalb der Branche? Noch auf der gamescom 2011 waren zahlreiche Entwickler zu unterstreichen bemüht, dass PvP eher ein Element für gewisse Randgruppen sei, dass es in einem MMOG nur begrenzt Sinn ergebe und die Kunden letztlich eher abschrecke als anlocke.

Stell dir vor, es ist Krieg...

In der Tat hat das PvP in den letzten Jahren arg an Zuspruch verloren. Insbesondere die offenen Varianten wirken wie ein rotes Tuch auf die Mehrheit der Spieler, für die Darkfall, Lineage 2 oder EVE Online als Spiele auch niemals in Frage kämen. Vor allem der westliche Otto Normalspieler macht sich doch vor Angst in die Hose, wenn es seinem Helden an den virtullen Kragen geht.

Wie unterschiedlich dabei die Interessen sein können, offenbart bisweilen der spielerische Alltag in BioWares Erstlingswerk. Das hat einerseits gezielt mit PvP-Inhalten geworben, zieht gleichzeitig durch den großen Namen aber auch die Angehörigen der Casual-Front an. Und die können mit bewaffneten Auseinandersetzungen, so scheint es, oft überhaupt nichts anfangen.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 2: Die Kunst des Krieges

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Das zuckizuckisüßeste Bild, das im CMS unter dem Stichwort "pvp" zu finden war: Legend of Edda.
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Exekution statt PvP

Wenn ich, wie gestern erst passiert, in der Alten Republik einen Rebellen sehe, den es ins gleiche Gebiet verschlagen hat wie mich, dann schlägt man Herz gleich höher und ich stürze mich voller Begeisterung auf dieses bemitleidenswerte Geschöpf, um es von seiner republikanischen Existenz zu erlösen. Immerhin befinde ich mich nicht nur auf der richtigen Seite der Macht, sondern auch einem ausgewiesenen PvP-Server.

Umso irritierender, wenn der Feind dann, statt zu kämpfen, wie sich das für einen Jedi gehört, einen Monolog im Chat führt, in dem er darauf hinweist, dass ich nicht ganz dicht sei, er doch nur questen wolle und ich ihn gefälligst in Ruhe zu lassen hätte. Das mache ich natürlich nicht, sondern töte den Jammerlappen.

Herr GM, der Sith da ärgert mich!

Derweil hat ein weiterer Jedi der Exekution beigewohnt, ohne dem Gemeuchelten zu helfen. Klar, dass er mein nächstes Opfer wird, das im kurzen Kampf darauf immerhin schon mal eine Reaktion zeigt, indem es einen reichlich erfolglosen Fluchtversuch initiiert. Doch woher sollte der PvP-Noob auch wissen, dass man vor einem Sith-Hexer nicht weglaufen kann.

Was er allerdings weiß, ist, wie man eine Petition aufgibt, denn - so wird mir versichert - ein Gamemaster werde sich bald meiner annehmen und mich dafür bannen, dass ich anderen ihr Spielerlebnis zerstöre, indem ich sie daran hindere, ihrer Arbeit im Dienste der Republik nachzugehen. Darauf bin ich sehr gespannt, denn es wäre nicht die erste Unterhaltung die ich mit einem GM zum Thema "asoziales Verhalten" führe.

Because I can

Und es gibt tatsächlich ein Argument der Gegenseite, dem ich wenig entgegenzusetzen habe - nämlich die Frage nach dem Warum. Warum mache ich das, warum quäle ich einen Mitspieler, wenn ich doch gar nichts davon habe. Meine Antwort darauf lautet für gewöhnlich "because I can!", weil es eben möglich ist.

Ich tue es, weil es in meiner Natur liegt, mein Gegner ein Jedi ist und ich ein Sith. Ich tue es, weil ich loyal meinem Clan gegenüber bin - im Falle von Fraktionen eben meiner Seite. Ich tue es aber auch, weil ich weiß, dass ich mich und mein Gegenüber gleichermaßen aus dem Sekundenschlaf reiße, gegen den man beim Questen stets ankämpfen muss, weil ich ihm einen Augenblick im virtuellen Alltag beschere, an den er sich erinnern wird.

Kriegsgrund gesucht

Und sollte sich tatsächlich noch einmal ein GM erdreisten, mir die Frage nach dem Warum zu stellen, dann werde ich sie ihm mit aller Macht um die Ohren hauen, denn einen Grund für den Kampf in einer Welt der Jedi und der Sith auf einem PvP-Server sollte nicht ich liefern, sondern das Spiel selbst. Und genau das tut Star Wars: The Old Republic - wie nahezu jedes Themepark-MMOG - nicht in ausreichendem Maße.

PvP ist nur für viele Spieler ungewohnt, weil es in den ihnen bekannten Umgebungen einfach keinen Sinn hat. Doch wer einmal in einer ordentlichen Welt wie Lineage 2, EVE oder Dark Age of Camelot virtuelles Blut geleckt hat, wird immer Appetit darauf haben. Leider entwickeln die meisten Studios ein komplettes PvE-Game, fügen hinterher noch ein paar PvP-Minigames ein und glauben, damit wäre den PvP-Fans Genüge getan.

Wobei es eigentlich umgekehrt sein sollte. Zuerst gehört der Konflikt entwickelt, ein politisches System, Areale für Eroberungszüge und Belohnungen für alle, die sich kämpfend für ihren Clan einsetzen. Und sei es durch sichtbare Ruhmesauszeichnungen und territoriale Kontrolle. Wenn diese Inhalte funktionieren, wenn es genügend Gründe gibt, in den Krieg zu ziehen, kann man den Rest der Welt und das PvE drumherum basteln.

TERA - was lange währt...?

Dass asiatische MMOs den westlichen Titeln hinsichtlich sinnvoller Möglichkeiten der Kriegsführung die Nase weit vorn haben, ist kein Geheimnis. Selbst das mieseste Free-to-play-MMO bietet oft noch PvP-Möglichkeiten, die den Entwicklern westlicher Triple-A-Titel eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben sollten.

Umso entzückter waren wir, als wir vor rund einem Jahr den Release von TERA erwarteten, einem Triple-A-Titel aus Südkorea, der neben Action auch inhaltlich all das haben sollte, was westliche Titel vermissen lassen und bei dem sich ein besonders ehrgeiziger Clanchef doch tatsächlich zum Herrscher über den gesamten Server aufschwingen können soll.

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Zwölf Monate Feinschliff

Doch dann kam die Ernüchterung - nach einem absolut euphorischen Rekordstart in Südkorea geriet das Spiel bald in die Kritik. Innerhalb weniger Tage sprinteten die fleißigen Koreaner an die Levelobergrenze, nur um dort festzustellen, dass TERA auch nicht mehr Endgame-Content enthielt als ein herkömmliches westliches MMOG. Für asiatische Spieler ein mittelschweres Verbrechen, konnte das für den Westen nur eine Konsequenz haben: die Verschiebung auf unbestimmte Zeit.

Zwar waren die westlichen Publisher Frogster und EnMasse stets bemüht, die wartende Fangemeinde mit Material zum Spiel zu versorgen, doch mit Landschaften und Rassenbildchen zog man eher den Unmut als das Wohlwollen der PvP- und Sandbox-Freunde auf sich, die endlich wissen wollen, was sich in Sachen Endgame-Content getan hat.

Tausendundein Spieler

Ein Jahr ist nun vergangen. Eine Menge Zeit für die Südkoreaner, angesichts der Tatsache, dass das Spiel an sich schon damals weitgehend fehlerfrei und ausgesprochen unterhaltsam war - von Endgame-Inhalten mal abgesehen. Umso erfreulicher, dass endlich wieder Leben in die Sache kommt, denn Frogster hat in dieser Woche den Start der Beta angekündigt.

Nur 1000 Spieler werden in der ersten Runde eingelassen - Wiped ist natürlich mit von der Partie. Denn was sich beim Endgame-PvP, der territorialen Kontrolle und beim politischen System in der Zwischenzeit so getan hat, scheint noch immer ein Geheimnis zu sein, dem ich wahrscheinlich am besten gleich selbst nachgehen sollte.

Wann die Beta genau startet, werden wir wahrscheinlich im Laufe der kommenden Woche erfahren. Zwar konnte man uns bei Frogster heute noch nicht genau sagen, ob die glückliche Tausendschaft eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen muss, doch wäre eine NDA relativ unsinnig, da das Spiel in Südkorea längst veröffentlicht wurde.

The Secret World - Start im Geheimen

Etwas weniger Rummel als beim letzten Titel hat Funcom diesmal veranstaltet, denn auch The Secret World ist still und heimlich in die Beta eingetaucht - allerdings hat man die Journalistenzunft bislang ausgesperrt. Verständlich ist das allemal, da die dazu tendieren, sich einen allzu voreiligen Eindruck von einem Spiel zu verschaffen, das aber noch einige Monate Entwicklungszeit vor sich hat.

Und ganz ähnlich wie bei TERA will man auch The Secret World mit einem PvP-Endgame ausstatten, in dem sich das Kämpfen lohnen soll, weil die Eroberung bestimmter Zonen dann passive Bonusfähigkeiten für die gesamte Fraktion überall auf der Welt bietet. Ob und wie genau das in der Praxis funktioniert, kann bislang niemand sagen.

Einen gewissen Reiz übt The Secret World auf PvPer vor allem dadurch aus, dass es nicht auf zwei, sondern auf drei Fraktionen setzt, die sich automatisch, das wusste man schließlich schon zu Zeiten des altehrwürdigen Dark Age of Camelot, gegenseitig ausbalancieren und kaum zulassen, dass eine Seite ständig dominiert, wie das bei Spielen mit zwei Fraktionen der Fall ist.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 2: Die Kunst des Krieges

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Drei Fraktionen lassen auf PvP-Feeling à la DAoC hoffen.
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Guild Wars 2 - Skill ist nicht gleich Skill

Etwas länger als auf TERA und The Secret World müssen wir wahrscheinlich auf Guild Wars 2 warten. Der Hype, der sich um den Titel gebildet hat, beweist allerdings schon vorab, wie groß der Bedarf an einem ordentlichen PvP-MMO am Markt ist, denn ArenaNet sorgt sich traditionell recht gut um die Liga der PvP-Spieler.

Und so ist Guild Wars 2 einer der wenigen Titel überhaupt, in denen es einen Unterschied macht, ob man einen Skill gegen ein Monster einsätzt oder gegen einen Spieler. Die Skills sehen zwar identisch aus, haben allerdings je nach Einsatzart ihre Unterschiede in der Wirkung. Entwickelt hatte man dieses System, mit dem sich ein Feintuning im PvP vornehmen lässt, ohne dass es eine Auswirkung auf das PvE hätte, ursprünglich mal für den Vorgänger.

Star Wars: The Old Republic - It’s not a bug, it’s a feature

Ein solches Feintuning würde auch BioWares erstem MMOG nicht schaden, das einerseits unbestritten gewisse Stärken aufweist, den Spieler andererseits aber auch bisweilen an den Rand des Wahnsinns treiben kann. "It’s not a bug, it’s a feature", witzelt die Spielerschaft bisweilen schon mal, wenn man über eine der zahlreichen Ecken und Kanten stolpert, die BioWare noch zu beseitigen hat.

Und weil die wöchentlichen Patches in dieser Hinsicht eher mager ausfallen, hofft man jetzt umso mehr auf das erste richtige Update, das den vielsagenden Titel "The Rise of the Rakghouls" trägt und die Geschichte der schon von Taris bekannten infizierten Zombie-Wesen weiter vorantreibt und nebenbei einen neuen Flashpoint und eine Operation liefert.

Star Wars: The Old Republic - "DLC - Aufstieg der Rakghouls"-Trailer2 weitere Videos

Aufstieg der Untoten

Was die Rakghouls betrifft, so sind sich die Fans darüber noch ausgesprochen uneinig, ob diese Wesen nun gut oder schlecht ins Spiel passen. Zombies, selbst wenn es sich nur um Infizierte handelt, gehören nicht in Star Wars, finden eingefleischte Fans der Filme, während sich der "Gastspieler" schon auf dem Planeten Taris über den kleinen Ausflug ins Grusel-Genre gefreut hat.

Viel wichtiger als ein solcher Disput sind derzeit allerdings die Bugfixes sowie die kleineren Erweiterungen, die mit dem Update einhergehen - allen voran die Unterteilung der Kriegsgebiete, in denen die Spieler unterhalb der Stufe 50 fortan unter sich sind und nicht länger von der Oberliga abgefarmt werden können. Auch was die PvP-Welt Illum betrifft, stehen ein paar Änderungen ins Haus, doch insgesamt wartet dort, wo nach Ansicht vieler Spieler ein Teil des Endgames stattfinden könnte und sollte, noch jede Menge Arbeit auf BioWare.

Ausblick

Knapp vier Wochen nach Spielstart habe ich bei durchschnittlicher Spielzeit übrigens meinen Sith-Hexer, der nun im Rang eines Darth steht, auf Stufe 50 gehievt und kann in den nächsten Tagen meine PvP-Ausrüstung erfarmen und nebenbei für euch all jene Dinge erkunden, die das Leben an der Levelobergrenze so bietet.

Spätestens bis zur ersten Testphase von TERA wird es dann natürlich dort weitergehen. Wer sich mir anschließen möchte, sollte sich möglichst bald auf der offiziellen Seite registrieren und auf sein Glück hoffen. Und wem das versagt bleibt, der liest einfach weiterhin Wiped, damit er auch in Zukunft immer weiß, was gespielt wird.