2011 wird ein großartiges Jahr für Online-Spieler. Das muss allerdings nicht heißen, dass es auch für die Publisher so grandios wird, denn längst trampeln sich die Branchengrößen gegenseitig auf den Füßen herum und manch einer gerät dabei schon mal ins Wanken. Hack-Attacken, Spielerverlust und rote Zahlen sorgten auch in dieser Woche für Sorgenfalten in der Branche. Die Spieler aber dürfen sich trotzdem freuen. Worauf? Nun, das erklärt euch Wiped.

Wir schreiben das Jahr 2011. Die Zeit der Abrechnung ist gekommen. Durften sich die großen Publisher von Online-Spielen bislang noch auf dem schier unendlichen Wachstum der Branche ausruhen, scheint man jetzt erstmals an die Grenzen gestoßen zu sein. In der Kriegsführung spricht man von einem Wendepunkt, in der Wirtschaft von einer schweren Krise. Die Spieler hingegen sprechen von einer gerechten Strafe.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 19: Der Riese schwankt

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Cataclysm brachte langfristig nicht den gewünschten Erfolg - und die nächste Erweiterung liegt in weiter Ferne.
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Gefangen in der Tretmühle

Seit Jahren wurde die MMO-Community mit innovationslosen Produkten aus der Retorte überschüttet, in denen sich der Spieler bisweilen wie der berühmte Esel vorkommen muss, der vor den Karren gespannt wird und sich in den Tretmühlen der Publisher immer weiter bewegt, weil man ihm ab und zu eine frische Mohrrübe vor die Nase hält.

Jetzt allerdings sind die Esel müde und fett geworden, weil sie die monotone Traberei leid geworden sind und sie von allen Seiten angefüttert werden. Es kommt, was kommen musste: die Spieler sagen sich langsam von ihren angestammten Peinigern los und trampeln nur noch dort, wo es ihnen auch behagt. So manchem Publisher missfällt das und man führt sich auf, wie ein betrogener Großgrundbesitzer. Mit der freundlichen Stimmung in der vermeintlich ewigen Wachstumsbranche hat es jetzt auf jeden Fall ein Ende.

World of Warcraft - der Riese schwankt

Dass harte Zeiten auf die Großen zukommen, zeigt sich besonders deutlich an Branchenführer Activision Blizzard. Der konnte seit dem Release von World of Warcraft im November 2004 auf ein stetes Wachstum setzen, das mit 12 Millionen aktiven Kunden zur Spitzenzeit monatlich mehr Geld in die Kassen gespült hat, als das Spiel zum Release insgesamt gekostet hat.

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Sündenbock Rift: Wurden 600.000 WoWler durch die ominösen Risse nach Telara transportiert?
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Doch irgendetwas stimmt nicht mehr mit der Goldgrube. Statt einen erhofften Spurt in Richtung 15 Millionen Kunden zu vermelden, musste Blizzard jetzt eingestehen, dass man rund 600.000 Spieler verloren hat. Die fallen finanziell zwar kaum ins Gewicht, sind jedoch mit Sicherheit erst der Anfang und markieren somit den Wendepunkt in der Geschichte von Azeroth.

Werbekampagne blendet selbst Giganten

Es ist durchaus verständlich, dass man in Irvine mittlerweile eifrig nach Gründen für die kleine Katastrophe sucht. Und was liegt da näher, als sie beim jüngsten WoW-Plagiat Rift zu vermuten. Immerhin vermeldete Trion zum Start von Rift eine Million Vorbesteller und verkündete in einer groß angelegten Kampagne, dass die Spieler “nicht mehr in Azeroth” seien.

Und während dieser Spruch erfahrenen MMOGlern allenfalls ein Lächeln entlocken konnte, scheinen die Strategen bei Blizzard ihre 600.000 verlorenen Schäfchen doch tatsächlich in Telara zu vermuten. Man habe gewusst, dass in diesem Jahr starke Konkurrenz zu erwarten sei, verkündete Michael Morhaime jetzt. Doch das sei auch in der Vergangenheit schon vorgekommen und immer wieder sei ein Großteil der Abtrünnigen zurückgekehrt.

Die Qual der Wahl

In Wirklichkeit ist Rift nicht die Ursache für Blizzards rückläufige Spielerzahlen. Die meisten Spieler, die Rift anspielten, hatten WoW schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Außerdem betrachtete man in den Communitys Rift meist ohnehin nur als Zwischenlösung und viele Spieler hielten ihre anderen MMO-Accounts nebenher aktiv.

Blizzard täte gut daran, sich nicht von Trions Kampagnen blenden zu lassen. Der spielerische Vorsprung, den World of Warcraft einst hatte, ist geschrumpft. Wer heute im MMO-Genre einsteigt, landet längst nicht mehr zwangsläufig in Azeroth, sondern sucht sich eine Welt, die seinen Vorlieben entspricht - nicht selten hüpft man auch zwischen unzähligen free to play Spielen hin und her, ohne überhaupt einen Sinn in Monatsgebühren zu sehen.

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Aufhalten lässt sich die Entwicklung für den Giganten nun kaum noch, denn eine ganze Reihe guter Titel sorgt in diesem Jahr dafür, dass Neuspieler anderweitig geködert werden und es sich auch der WoW-Abtrünnige zweimal überlegt, ob er wirklich wieder in den alten Trott verfallen will. Die Mohrrübe, die für Blizzard so lange Zeit grandiose Dienste geleistet hat, ist längst nicht mehr so saftig wie einst.

Rift - und wieder ruft die Horde

“Du hast davon gehört. Du hast darüber nachgedacht. Warum probierst du es nicht einfach mal unverbindlich aus. Folge Trions Horde!” Mit einer derartigen Werbebotschaft gießt Trion derzeit natürlich noch Öl ins jenes Feuer, das zumindest den Jungs von Blizzard in der Seele brennen dürfte. Jetzt, da die erste Begeisterung für Rift nachgelassen hat und die Server langsam leer erscheinen, spielt Trion den nächsten Trumpf aus.

Zahlende Spieler bekommen jetzt die Möglichkeit, ihre Freunde nach Telara einzuladen und dafür obendrein diverse Belohnungen zu kassieren. Als effizientester Weg für Werbende hat sich dabei die Freundesliste auf Facebook erwiesen. Auf der Internetplattform finden die kostenlosen Testzugänge derzeit reißenden Absatz. Trion darf sich in den nächsten Tagen also über eine stattliche Anzahl an Neuspielern freuen.

Eine Überbevölkerung muss man auf den Servern damit allerdings nicht befürchten, denn Rift mangelt es nach wie vor an langfristigen Herausforderungen. Das hat sich auch nach dem jüngsten Patch nicht geändert und das Spiel wird mittlerweile selbst von MMOG-Einsteigern als viel zu einfach empfunden und fesselt allenfalls für zwei oder drei Monate.

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Square-Enix - alarmierende Verluste

Doch im Vergleich zu Square-Enix geht es Blizzard und Trion noch ausgesprochen gut. Der japanische Publisher musste einen Verlust von insgesamt 148 Millionen Dollar im letzten Geschäftsjahr hinnehmen, die den Gewinn von rund 117 Millionen im Jahr davor komplett aufzehrten. Schuld an der wirtschaftlichen Misere sind weniger die Folgen der Erdbeben, die Japan in den letzten Monaten heimgesucht hatten als vielmehr das Debakel um Final Fantasy XIV, das aus guten Gründen niemand wirklich spielen wollte.

Zu verantworten hat das kein geringerer als Hiromichi Tanaka. Der Kultentwickler wollte uns noch im vergangenen November in Hamburg davon überzeugen, dass FF XIV auf dem besten Weg sei und erklärte beinahe stolz, dass er selbst überhaupt keine Computerspiele und schon gar keine MMOs spielte. Hätte er das mal getan, stünde es jetzt besser um den japanischen Publisher, der sich eigentlich vorgenommen hatte, die zunehmende MMO-Dominanz der Südkoreaner zu brechen.

Sony Online Entertainment - schwer beschädigt

Derweil kämpft man in den USA noch immer gegen die Auswirkungen der jüngsten Attacke, bei der sämtliche Kundendaten des Publishers in die Hände von noch unbekannten Eindringlingen gefallen sind. Und weil man aus Sicherheitsgründen nicht einfach so zur Tagesordnung zurückkehren kann, sind die Server wochenlang offline.

Das tatsächliche Ausmaß dieser Ausfälle wird sich erst im nächsten Geschäftsbericht offenbaren, der wahrscheinlich verheerender nicht ausfallen könnte. Weil sie nicht wochenlang in die Röhre schauen wollen, haben sich die meisten SOE-Kunden längst in anderen Welten angesiedelt. Und ob sie von dort so einfach wieder in Sonys Schoß zurückkehren werden, ist angesichts der eher mittelmäßigen Qualität von SOEs Titeln äußerst ungewiss.

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John Blakely braucht das allerdings nicht mehr zu kümmern, denn der Vize-Entwicklungschef hat sich längst abgeseilt. Blakely, der nebenbei auch noch ausführender Produzent von DC Universe Online und Senior Producer für Everquest 2 war und somit ein wichtiger Mann im Hause SOE, will fortan lieber als General Manager auf den Farmen von Browsergame-Hersteller Zynga schuften. Erste Kritiker vergleichen ihn schon mit dem berühmten Nagetier, das instinktiv ein Schiff verlässt, bevor es untergeht.

APB Reloaded - Papa Lemming ist zurück

Nicht minder seltsam mutet ein anderer aktueller Jobwechsel in der Branche an: Dave Jones heuert bei GamersFirst an und arbeitet damit wieder an seinem alten Spiel All Points Bulletin - diesmal allerdings Reloaded. Das verwundert und verärgert die Fans deshalb, weil Dave Jones, der sich als Erfinder der Lemminge sowie Schöpfer des GTA-Franchise sieht, in Verdacht steht, federführend für die Pleite von All Points Bulletin verantwortlich zu sein.

Diesen Vorwurf ignoriert der Alt-Designer allerdings bislang komplett und freut sich in diversen Interviews stattdessen darauf, die langfristige Vision, die man in Sachen GTA-MMO hat, doch noch zu verwirklichen. Bleibt nur zu hoffen, dass Branchenveteran aus seinen vielen Fehlern gelernt hat und das Studio nicht erneut auf den Pfad der Lemminge führt - immer dem Abgrund entgegen.

Age of Conan - Funcom setzt auf den Kult

Voller Hoffnung ist man in diesen Tagen auch bei Funcom. Die Norweger haben es in den vergangenen Monaten immerhin geschafft, Age of Conan zu einem der besten Themepark-MMOGs überhaupt zu machen. Die Kinderkrankheiten aus alten Tagen sind verschwunden und Hyboria ist mittlerweile ein inhaltliches Schwergewicht. Für PvEler, denen eine authentische Welt und erwachsene Inhalte wichtig sind, gibt es kaum eine Alternative.

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Age of Conan ist in letzter Zeit immer mehr aufgeblüht.
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Und es kommt noch besser. Derzeit deutet alles darauf hin, dass die Entwickler in einem riesigen Content-Update Turan und Ardashir als zwei komplett neue Länder neben den vier existierenden ins Spiel einbauen wollen. Außerdem geht aus dem Finanzbericht hervor, dass man derzeit an signifikanten Inhalts- und Geschichtsverknüpfungen zu dem neuen Conan-Film arbeitet. Der könnte den Hype um Conan tatsächlich neu beleben und Funcom einen ganz neuen Kundenkreis erschließen.

Ausblick

Davon träumt übrigens auch X-Schöpfer Bernd Lehahn, mit dem wir uns aktuell ein wenig über die Fortsetzung seiner legendären Sci-Fi-Reihe unterhalten haben und der uns gegenüber zugegeben hat, dass er lieber heute als morgen ein MMO entwickeln würde. Warum er das aber noch nicht tut und was die Branche sonst noch so bewegt, lest ihr in einigen Tagen an gewohnter Stelle. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird - und was nicht.