An neuer MMO-Unterhaltung sollte es in diesem Jahr eigentlich nicht mangeln. Doch neu und unterhaltsam allein ist auf Dauer eben nicht genug. Der Online-Veteran sucht und strebt nach virtueller Perfektion. Er verlässt sich nicht auf die nahenden Verheißungen, sondern sucht den Horizont parallel nach ferner gelegenen Zielen ab. Wiped! hilft wie immer bei der Suche.

Betrachtet man die mutmaßlich heißesten Titel der kommenden Jahre, so zeichnet sich langsam aber sicher eine Kehrtwende im Genre ab. Galt es bei den Entwicklungen bis dato als besonders aussichtsreich, ein Theme-Park-MMO nach bekanntem Vorbild zu entwickeln, suchen sich immer mehr Studios eine passende Nische, in der für Innovation und Tiefgang gleichermaßen Platz ist.

Luxusleben in der Nische

Dass derlei Konzepte, die für Investoren noch immer schwer zu begreifen sind, durchaus funktionieren können, haben einige kleinere Studios längst bewiesen. Einige der Nischentitel haben sich mittlerweile derart solide auf dem Markt positioniert, dass man in den großen Studios oft voller Neid auf die meist unabhängigen Kollegen schaut.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 16: Ist das Ende der WoW-Klone gekommen?

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Rift kopierte großteils das Erflogsrezept von WoW.
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Das Interessante daran ist, dass es sich mit dem Erfolg der Nischenspiele ganz anders verhält als bei den großen Titeln. Letztere spielen zum Release, so die Hoffnung der Publisher, den Löwenanteil der Entwicklungskosten ein. Danach wird das Team derart verkleinert, dass sich der Titel ohne nennenswerte Kosten und damit risikofrei weiter betreiben lässt. Am Spiel selbst ändert sich dann kaum noch etwas und so kündigen auch die letzten Spieler früher oder später ihr Abo und warten im Idealfall noch auf die Umstellung auf free to play.

Virales Marketing statt Medienhype

Mit einem großen Hype zum Release kann das kleine Studio allerdings nicht rechnen. Im Gegenteil: Meist veröffentlicht man seinen Titel eher unspektakulär für die treue Fangemeinde aus der Beta. Die Server würden einen großen Ansturm ohnehin nicht verkraften. Man rechnet erst gar nicht mit großen Einnahmen zum Release und setzt eher darauf, die Community möglichst langfristig durch stete Erweiterungen bei der Stange zu halten.

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Eve Online: Von der Nische zum Riesenerfolg.
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Und so sehr sich der verwöhnte MMOler über ein derartiges Sparkonzept zum Release wundern mag - der Plan der kleinen Studios scheint aufzugehen. EVE Online war einst ein solcher Titel. Mit nicht einmal 50.000 Spielern startete CCP damals - aktuell sind es über 360.000. Kaum ein anderes westliches MMO mit Monatsgebühr verzeichnet einen solchen Zuwachs.

Das Wesentliche im Blick

Mittlerweile sind einige weitere Studios in die Fußstapfen von CCP getreten - und es werden ständig mehr. Darkfall hat es zu einigem Ruhm unter Freunden gepflegter Sandkastenschlachten gebracht - Minecraft zählt, trotz minimalistischer Technik, mittlerweile über zwei Millionen Käufer und hat seinen Entwickler vollkommen unerwartet zum vermögenden Mann gemacht.

Wenn wir uns auf die Suche nach guten MMOs begeben, müssen wir mittlerweile wirklich aufpassen, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht übersehen. Das gilt für Fans und Profis gleichermaßen. Die Fachpresse wird nur allzu leicht Opfer der Marketingmaschinerie der Publisher, die den ahnungslosen Redakteuren mit all den schillernden Präsentationen den Blick für das kleine, unbekannte Paradies vernebeln.

Earthrise - Bereit für die Masse?

Ob es sich bei Earthrise um ein solches handelt, wird in einschlägigen Foren gerade heiß diskutiert. Immerhin wollen die Jungs von den Masthead Studios mit dem Sci-Fi-MMO eine echte Sandbox aus dem Boden gestampft haben. Das Spiel ist, weitgehend unbemerkt, im vergangenen Februar gestartet und mittlerweile auch über den Einzelhandel erhältlich.

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Earthrise: Im Handel aber nicht online?
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Doch der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Bei unseren ersten Testversuchen erwies sich Earthrise als nahezu unspielbar. Wesentliche Funktionen fehlten komplett und die Sandbox fühlte sich an, als hätte jemand den Sand vergessen. Seit den jüngsten Updates lässt sich das Spiel nun gar nicht mehr patchen und somit auch nicht mehr starten. Selbst eine Neuinstallation führte nicht zum gewünschten Ergebnis.

Haben sich die Bulgaren mit Earthrise übernommen - oder benötigen sie lediglich etwas mehr Zeit? In diesem Fall allerdings darf man das Release und die anlaufenden Verkäufe im Einzelhandel getrost als Unverschämtheit betrachten. Ein Start in aller Abgeschiedenheit, wie damals bei dem ebenfalls mängelbehafteten Darkfall, wäre strategisch sinnvoller gewesen. Doch dazu fehlte den Bulgaren möglicherweise das Geld.

World of Darkness - Vergnügungspark mit Kaffeehaus und Sandkasten

Etwas gemütlicher kann es da schon CCP angehen lassen, denn EVE Online spielt genügend Kleingeld ein, um die Entwicklung von Dust 514 und World of Darkness auf solide Fundamente zu stellen. Dabei wird, vor allem beim Grusel-MMO, nicht allein auf Sand gebaut. CCP plant offenbar, die drei ‘Sphären’ Sandbox, Themepark und Coffee House miteinander zu verknüpfen.

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CCP lässt sich bei WoD wenig in die Karten schauen.
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Diese Bemühungen gelten jedoch gleichzeitig auch für EVE Online. Zwar fehlen dem Sci-Fi-MMO noch immer jegliche Themepark-Elemente, doch mit der nächsten Erweiterung Incarna bringt man immerhin schon mal die Kaffeehäuser auf die Raumstationen, indem man den Piloten Avatare gibt, ihnen Freizeitaktivitäten zur Verfügung stellt und sie von Angesicht zu Angesicht Schmuggelware handeln lässt.

Tera - schon wieder eine Vision

Auch in Tera bringt man es ohne soziale Kontakte nicht zum Erfolg, denn wer zum Landesfürsten aufsteigen will, muss sich erst im politischen System bewähren. Wie das in der Praxis funktioniert, darüber können wir im Moment nur spekulieren. Umso mehr hoffen wir darauf, dass uns Frogster auf der in zwei Wochen anstehenden ‘Tera-Party’ endlich einen Release-Termin nennen kann und zumindest schon mal die Beta-Server wieder aufschaltet.

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Von den USA aus sorgt derweil schon mal der dortige Publisher EnMasse mit einem neuen Video dafür, dass Tera nicht in Vergessenheit gerät. Allerdings scheint es den Amerikanern vorwiegend um das Kampfsystem zu gehen, das zwar durchaus ansprechend ist, jedoch längst nicht das interessanteste Element von Tera sein dürfte.

ArcheAge - Balance ist nicht Gleichheit

Fast in einem Atemzug mit Tera wird auch immer wieder ArcheAge genannt. Das hat hierzulande zwar immer noch keinen Publisher, wird aber mit umso größerer Spannung erwartet, weil es Altbewährtes aufgreifen und besonders weit in Richtung Sandbox gehen soll. Das beunruhigt die Fans von Themepark-MMOs in einer Frage-Antwort-Runde mit dem Chefentwickler etwas, denn man sieht das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen in Gefahr.

ArcheAge - Announcement Trailer2 weitere Videos

Doch Jake Song wirft ein, dass man einerseits permanent am Balancing arbeite, andererseits aber auch gar nicht daran interessiert sei, alle Klassen gleich stark zu machen. Viel entscheidender ist das Zusammenspiel der Gruppen, der Handel und nicht zuletzt das Crafting, das im Gegensatz zu vielen westlichen MMOs unverzichtbar sein soll. Denn die Gegenstände, die aus den Monstern in ArcheAge fallen, haben lediglich die Funktion von Lückenfüllern. Sie können, anders als die selbst gezimmerten Sachen, nicht verbessert werden.

The Secret World - raus in die raue Wirklichkeit

Ein vollkommen anderes Konzept scheint Funcom mit The Secret World zu verfolgen. Das setzt vor allem auf eine tiefgreifende Geschichte und auf Rätsel, die so weit gehen, dass man sie nicht alleine im Spiel lösen können wird. Man muss schon raus aus dem Spiel und rein in die raue Wirklichkeit, weil The Secret World auf realer Geschichte, Mythen, Legenden und Verschwörungstheorien basiert.

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The Secret World: Zu anspruchsvoll für Otto-Normal-MMOler?
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Es sei nötig, so Funcom, sich mit anderen Spielern via Chat oder Foren abzusprechen, um Missionen zu erfüllen, die so schwierig sind, dass man Wochen dafür braucht - selbst wenn die gesamte Community dabei hilft. Also doch ein wenig Kaffeehaus-Flair. Fragt sich nur, ob die an die genretypische Niveaulosigkeit gewöhnte Masse damit nicht gnadenlos überfordert ist.

Kingdoms of Amalur: Reckoning - vom RPG zum MMO

Recht viel aufgetischt hat man sich auch bei Big Huge Games, wo man dem Anspruch, genau solche zu erschaffen, bei einer ersten Präsentation des Rollenspiels Kindoms of Amalur: Reckoning irgendwie nicht gerecht werden konnte. Das hält die Entwickler der neu gegründeten 38 Studios jedoch nicht davon ab, ihr Copernicus MMO in genau diesem Amalur spielen zu lassen.

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Amalur: Entwickler Big Huge Games macht seinem Namen alle Ehre.
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Doch bis die Rollenspiel-Vorlage erscheint, dürfte noch ein Jahr ins Land gehen und das MMO wird voraussichtlich noch einige Monate länger in Anspruch nehmen. Immerhin arbeiten beide Studios intensiv zusammen - unter der Oberaufsicht von Ken Rolston, dem ehemaligen Chefdesigner von Morrowind und Oblivion.

Und während der sich darum kümmert, dass wir im nächsten und vielleicht übernächsten Jahr etwas zu spielen haben, nehmen wir in der kommenden Ausgabe von Wiped! wieder ein paar etwas näher gelegene Ziele ins Visier. Bis dahin wisst ihr mal wieder, was gespielt wird.

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