Langsam wird es unübersichtlich. Während man die Zahl der vielversprechenden Neuerscheinungen zumindest noch an einer Hand abzählen kann, blickt bei den ständig umworbenen Updates und Erweiterungen zu existierenden Welten wirklich niemand mehr durch und die Bemühungen der Entwickler gehen im Zahlensalat unter. Wiped! fordert klare Worte statt nackter Zahlen.

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Selbst als Redakteur für MMOGs fällt es mir nicht leicht, bei all den Titeln, Studios und Entwicklern noch die Übersicht zu behalten. Wer war da noch gleich von Electronic Arts zu Trion gewechselt? Wer hatte dafür Trion jüngst verlassen, um bei CCP anzuheuern und wer von CCP war das, der sich mit dieser eigenen Sandbox selbstständig machen wollte, deren Namen mir gerade entfallen ist?

Kein Vertrauen, kein Abo

Die MMO-Branche ist in den vergangenen Jahren gewachsen wie kaum eine andere und sie wächst gerade in diesen Tagen wieder schneller denn je. Nicht nur die Mitarbeiter hüpfen munter quer durch die gesamte Industrie, auch die Titel werden fröhlich hin- und hergereicht, werden heute noch als qualitativ hocherwertig angepriesen und gegen Monatsgebühr vermietet, morgen dann plötzlich unter neuer Flagge verschenkt.

Seit Jahren predige ich nun, dass ein MMOG keine Ware ist und man mit dem klassischen Marketingschema unnötig Potential und Geld verschenkt - dass man sich stattdessen an der Versicherungsbranche orientieren und auf vertrauensbildende Maßnahmen setzen sollte - auf Stabilität, Kundenfreundlichkeit und Service.

Doch alle gut gemeinten Ratschläge laufen ins Leere und so gibt es in der Branche kaum noch einen großen Publisher, der einen halbwegs guten Ruf genießt. Doch anstatt den Ursachen dafür auf den Grund zu gehen und offensichtliche, in den Chefetagen begangene Fehler zu beheben, stellt man lieber die unteren Abteilungen auf den Kopf und manövriert die Titel und das Unternehmen so immer tiefer in den Schlamassel.

Warhammer 40K: Dark Millennium Online - wird jetzt noch viel besser!

Bestes Beispiel ist THQ, jener Publisher, der mit einer großen Lizenz auf dem umkämpften MMO-Markt Fuß fassen wollte. Bei diesem Vorhaben allerdings kam sich das Unternehmen selber in die Quere und so wurde Dark Millennium vom berühmten Rotstift erfasst. Der hat es allerdings nicht komplett gestrichen, sondern nur ein wenig daran herumgekritzelt.

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Und aus dem MMO wurde ein Sologame.
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Das Spiel, das sofort nach seiner Ankündigung in aller Munde war und unzählige Fanseiten hervorgebracht hat, wird mitten in der Entwicklung einfach mal vom MMORPG zum Sologame umgebaut. Und weil das nicht schon irritierend genug ist, verkündete THQ-Vize Danny Bilson jetzt auch noch ebenso freudig wie naiv, dass immer noch jenes Team an dem Spiel arbeitete, das es vor fünf Jahren erfunden habe und dass man dort unglaublich angetan von der neuen Richtung sei.

Na sicher - da konzeptioniert und entwickelt ein Team fünf Jahre lang ein MMORPG und ist dann wahnsinnig begeistert, dass die Geschäftsführung ins Design eingreift und den Titel doch mal eben so zu einem Sologame ernennt. Wenn THQ wirklich glaubt, mit einer solchen vertrauensbildenden Maßnahme ein angeschlagenes Unternehmen aus der Krise holen zu können, beantwortet sich die Frage, warum es überhaupt hineingeraten ist, von selbst.

Star Wars: The Old Republic - eine neue Hoffnung?

Auch Electronic Arts würde die Messlatte auf einer Beliebtheitsskala nicht gerade nach oben verschieben. Umso schwieriger wird das, wenn das Unternehmen als Publisher auf ein Studio einwirkt, das auf einen guten Ruf angewiesen ist - weil man zum Beispiel Kunden über ein Monatsabo an seinen Titel zu binden hofft.

Bei BioWare kann man wahrscheinlich ein Lied davon singen, denn wenngleich in Star Wars: The Old Republic das Herz eines typischen BioWare-Titels schlägt, gibt Electronic Arts unverkennbar den Takt des gesamten Konstrukts vor. Und das führt zu gewissen Herzrhythmusstörungen, die der Alten Republik nicht sonderlich gut bekommen.

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Partner oder Gegner: Electronic Arts und BioWare.
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Zu früh, zu kurz, zu lieblos

Erst einige Wochen nach Release wurde deutlich, dass man das Spiel zu früh veröffentlicht hatte, dass BioWare gewisse Abstriche in Kauf genommen hat, die dem Termindruck geschuldet gewesen sein mussten und dass man bei Electronic Arts überhaupt nicht darauf vorbereitet war und noch immer nicht ist, überhaupt den nötigen Service für ein MMOG bereitzustellen.

Umso mehr kämpft man derzeit bei BioWare darum, neue Spieler zu gewinnen und alte zurückzuholen. Trotz des Potentials kann man zumindest Vielspieler kaum länger als ein paar Wochen halten - dafür fehlen einfach die langfristigen Inhalte. Als Strategie setzt man daher auf eine Mischung aus Schnupper- und Rückkehrerangeboten und darauf, dass die Spieler mit dem aktuellen Update neues Vertrauen schöpfen.

Und genau dabei begeht man den nächsten kleinen, aber gravierenden Fehler. Es mag bei Anwendersoftware zwar in Ordnung gehen, wenn Updates und Patches mit Nachkommastellen durchnummeriert werden. Bei virtuellen Welten jedoch ist es weder praktisch noch der Sache dienlich. Eine Nummer wie 1.2 wirkt auf einen enttäuschten Spieler kaum vertrauensbildend, sondern bestärkt ihn zumindest unterbewusst in seiner Entscheidung, das Abo vorerst ruhen zu lassen - bis das Spiel mal fertig ist.

Rift - 1.8, 1.9 und was kommt dann?

Trion Worlds ist sogar schon ein paar Nummern weiter als BioWare und plant nächste Woche Update 1.8 aufzuspielen. Darauf folgt dann logischerweise 1.9 und danach sollte uns eigentlich etwas Großes erwarten oder etwa nicht? Während meines Aufenthalts in San Francisco habe ich Trion zu dem Zahlen-Dilemma befragt und bekam eine erstaunliche Antwort.

Nach Update 1.9 ist eben nicht 2.0 geplant, denn das käme ja einer Erweiterung gleich - oder würde von den Spielern so aufgefasst. So groß sind die Sprünge, die man bei Trion machen möchte, auch wieder nicht, obwohl man natürlich schon auf Hochtouren an neuen Inhalten arbeitet und das durch die Zahlen auch zeigen möchte. Stattdessen hängt man lieber noch eine Nachkommastelle an und zählt mit 1.10 und 1.11 weiter.

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Bis Update 1.1119 und noch viel weiter...
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Branchenweiter Zahlenfetisch

Wahrscheinlich fällt Rift 2...pardon - 1.10 dann auch mit SWTOR 1.3 und Aion 3.1 zusammen, während Age of Conan mit 3.4 hinter World of Warcraft herhinkt, dass dann irgendwo bei 4.3.5 angekommen sein sollte. Statt Vertrauen in das Spiel aufzubauen oder zurückzugewinnen, baut man also auf nackte, kalte Zahlen, die allenfalls der studioeigenen Zielsetzung und Übersicht dienen sollten, keinesfalls aber ein geeignetes Marketinginstrument darstellen.

Statt das Bild einer besseren Welt zu zeichnen und dem interessierten Spieler verständliche Argumente zu liefern, warum das virtuelle Leben dort erfüllter denn je ist, präsentiert man stolz eine Zahl mit zwei Punkten, die sich die Entwickler im Studio mühsam ergrindet haben und von der die Spieler ahnen, dass sie ihnen kaum mehr als ebendiese Möglichkeit bieten wird.

0x10c  - in letzter Konsequenz

Wahrscheinlich ist es angesichts solcher Zahlenwüsten nur konsequent, wenn Minecraft-Schöpfer Notch seinen neuen Titel gleich 0x10c nennt, angesichts eines Zahlendrehers in der Tiefschlafkapsel, der die Protagonisten des mutmaßlichen MMOs unfreiwillig ins Jahr 281 474 976 712 644 katapultiert. Dort dürfen sie, so lässt es zumindest die Ankündigung vermuten, tatsächlich nach Herzenslust in einem Sandbox-Universum buddeln.

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Was da wohl kommt!?
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Derzeit scheint es so, als sollte tatsächlich alles berechnet werden und Spieler würden nicht nur die Möglichkeit bekommen, mit selbst gebauten Raumschiffen durch das All zu düsen, sondern auch auf Planeten zu landen und nicht, wie bei Star Trek Online oder Star Wars: The Old Republic, auf einer kleinen, instanzierten Karte.

Ausblick

Doch bis wir irgendwann mal in besagtem Jahr angekommen sind und wir in Notchs erstem MMO graben dürfen, erwarten uns noch mindestens ebenso viele Updates herkömmlicher Titel, denen ich trotz des ganzen Zahlenfrusts natürlich nicht ganz aus dem Weg gehen kann und möchte. Also schlage ich mich an diesem Wochenende ausgiebig durch die Alte Republik, um die Faszination 1.2 selbst zu erleben und alsbald darüber zu berichten.

Denn schon in der kommenden Woche steht dann Rift 1.8 zum Download, das ich in San Francisco zwar schon anspielen durfte und von dem ich deshalb weiß, dass es tatsächlich auch ein paar mehr Inhalte bietet, als die neue Nummer auf den ersten Blick erahnen lässt. Und wenn ihr immer ordentlich mitzählt, wisst ihr auch stets, was gespielt wird.