Herrscht im „Jahr des MMO“, das doch eigentlich so vielversprechend angefangen hatte, schon wieder Flaute? Wie ist es um die gefeierten neuen Titel bestellt und worauf wartet die MMO-Gemeinde am meisten? Wiped! hat die aktuellen Ereignisse der Branche wieder einmal durchleuchtet und deckt auf, was gespielt wird.

Als vor drei Monaten DC Universe Online erschien, war die Freude groß. Das Spiel sah gut aus, war actiongeladen und lockte mit einer erfreulich innovativen Steuerung. Mit satten 86 Prozentpunkten gaben wir eine klare Kaufempfehlung ab, wiesen jedoch gleichzeitig darauf hin, dass Metropolis und Gotham City inhaltlich noch ausbaufähig und -bedürftig sind.

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Rift - die Ruhe nach dem Sturm?

Etwas weniger innovativ, mit 85 Prozentpunkten aber immer noch richtig gut war dann Rift, das zweite große MMOG des Jahres, das sich als echter Verkaufsschlager erweisen sollte, zumindest zum Release. Kurzzeitig sorgte Rift dann sogar für einen alarmierenden Mitgliederschwund bei vielen Gilden. Doch auch in Rift war die obere Liga schneller am Ziel, als es den Entwicklern lieb sein konnte.

Macht aber nichts, beschwichtigten die Jungs von Trion Worlds, nachdem erste Kritik am Langzeitwert des MMOGs aufgekommen war. Immerhin entwickle man Rift ja auch nicht für die Powerspieler. Man richte sich eher an der Mehrheit der Spieler aus, die gerne mit mehreren Charakteren spielt und noch genügend zu tun habe. Außerdem legt Trion ja ständig nach.

DC Universe Online - Superhelden a.D.

Und das tut man auch bei SOE und kämpft beharrlich mit neuen Inhalten gegen den drohenden Müßiggang der Spieler an. Doch diese Bemühungen sind ein Kampf gegen Windmühlen und verfehlen ihre Wirkung, denn die meisten Vielspieler haben ihren Umhang längst an den Nagel gehängt und dabei Lücken in die Community gerissen, die SOE mit keinem noch so spannenden Inhalts-Update wieder schließen kann.

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Noch immer haben die Entwickler von MMOGs eine Sache nicht begriffen: Es sind nicht die neuen Monster, Dungeons und Items, die einen Spieler der virtuellen Welt verweilen lassen. Es ist die Community, die ihre Mitglieder motiviert und im Spiel hält - egal ob Freund oder Feind. Und der entscheidende Faktor in dieser Community sind und bleiben die Powerspieler.

Das bekommt selbst Trion Worlds langsam zu spüren, denn auch in Rift beginnt es in den ersten Gilden zu bröckeln. Immer wenn sich einer der Vielspieler von seinen Kollegen verabschiedet, verlieren bisweilen auch jene die Motivation, die selbst noch nicht am Ende der Tretmühle angekommen sind. Denn wenn schon der mächtige Kollege da oben die Lust verliert, lohnt es sich dann überhaupt noch, selbst mühsam den Gipfel zu erklimmen?

Auf das falsche Pferd gesetzt?

Die Liga der Powerspieler bei der Entwicklung eines MMOGs außen vor zu lassen, mag den rein wirtschaftlich denkenden Unternehmenschefs vielleicht sinnvoll erscheinen, beweist aber einmal mehr, dass man in den Studios noch immer keine Ahnung davon hat, wie das Genre funktioniert. Langfristig erfolgreich sind nur jene Titel, die den Profis genügend Futter geben und so gleichzeitig in den Nachzüglern die Lust erwecken, den Idolen nachzueifern.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 14: Aufs falsche Pferd gesetzt

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Auch nach Jahren noch wachsende Spielerzahlen: Eve Online.
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Ständig neue Inhalte für ein Themepark-MMO zu liefern, zögert lediglich das Unvermeidbare hinaus, denn wer ein MMOG erst einmal verlassen hat, kommt selten wieder zurück. Da nützen weder tolle Videos noch die nervigen Spam-E-Mails, die zwar haufenweise neue Kostüme, Waffen und Gegner liefern, jedoch keinen triftigen Grund, das Spiel noch einmal anzurühren.

Dabei darf man den Fans statt üppiger linearer Inhalte durchaus ein wenig mehr Sandbox zumuten. EVE Online verzeichnet selbst als MMOG-Oldie und anfängerfeindlicher Nischentitel noch immer wachsende Spielerzahlen - weil die Sandbox funktioniert, das Spiel nicht auf zwei Fraktionen basiert und CCP den umgekehrten Weg beschreitet und für die kleine, unterschätzte Minderheit der Powerspieler entwickelt.

Lineage 2 - NCsofts ungeliebtes Kind

Dem Wissen um derlei Dinge verdankt auch der südkoreanischen Publisher NCsoft seine noch immer gute Position auf dem Markt der MMOGs. Allerdings nur in Asien, denn jene, die das Unternehmen in der westlichen Welt führten, versagten auf ganzer Linie. Hätte man Lineage 2 zum Release im Jahre 2004 ordentlich ins Deutsche übersetzt und ein wenig Marketing betrieben, wäre die Sandbox auch im Westen zum Erfolgstitel geworden.

Der Zufall wollte es, dass wir während unserer jüngsten Reise nach Island neben einer ehemals für NCsoft tätigen Verantwortlichen aus Austin, Texas, saßen, die mittlerweile als PR-Chefin für CCP arbeitet. Sie bestätigte, was wir längst vermutet hatten: Man habe Lineage 2 im Westen damals komplett unterschätzt und angenommen, dass der Titel nur für die Hardcore-Liga geeignet sei. Man betrieb Lineage 2, weil Südkorea das verlangte, versteckte ihn aber gleichzeitig so gut es ging, weil man eigene Projekte fördern wollte.

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Seit ihrer Arbeit bei CCP weiß die Texanerin, welchen grundlegenden Fehler sie und ihre Kollegen damals begangen haben. Mittlerweile ist ihr klar, dass Lineage 2 als Spiel besser ist als sein Ruf, den NCsoft West selbst zu verantworten hat. Doch spätestens als der Kampf gegen die Goldfarmer das magere Budget zu sprengen drohte, wendete man sich komplett von dem Titel ab, der sich trotz aller hausgemachten Hürden noch immer beharrlich am Markt hält und Gott sei Dank von Seoul aus regelmäßig aktualisiert wird.

Tera - es hat begonnen

Doch auch bei NCsoft Korea läuft es nicht längst mehr so rund wie früher. Kein Wunder, denn mittlerweile arbeitet keiner der großen Entwickler mehr für den Giganten, was sich vor allem am Design von Aion zeigt. Die größte Gruppe ehemaliger NCler hat sich um den Produzenten Yong-Hyun Park geschart, der mittlerweile für Tera verantwortlich zeichnet.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 14: Aufs falsche Pferd gesetzt

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Cool, das Vieh sieht aufregend aus. Echt jetzt.
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Und während das in Südkorea schon längst veröffentlicht wurde, müssen sich die Fans hierzulande noch immer gedulden. Doch allzu lange wird die Geduldsprobe vermutlich nicht mehr andauern. Am vergangenen Wochenende hat Europa-Publisher Frogster nämlich erstmals den Server für einige Stunden geöffnet und immerhin bewiesen, dass technisch alles im Lot ist. Wir haben es auf jeden Fall schon mal auf Level 10 gebracht und freuen uns – Kampfsystem sei Dank – schon auf die nächste Runde.

The Secret World – weiterhin rätselhaft

Aller negativen Erfahrungen mit dem frühen Age of Conan zum Trotz freuen wir uns auch auf The Secret World. Doch das bleibt dank Funcoms neuer Informationspolitik auch weiterhin rätselhaft. Umso größer ist dann die Überraschung, wenn die Entwickler doch das eine oder andere Infobröckchen ausstreuen oder gar ein Video zum Titel veröffentlichen, wie aktuell geschehen.

Der Clip unterstreicht nicht nur Funcoms guten Musikgeschmack, sondern auch deren Vorliebe für Rätselhaftes. Wer Spaß daran hat, Sätze wie „die Bienen kehren zurück“, „die Acht wachen über uns“ oder „die Quelle der Jugend ist vergiftet“ in einen Kontext zu bringen, sollte sich den Clip unbedingt mal ansehen und wird in Minute 1:03 vielleicht sogar ein bekanntes Bauwerk entdecken.

The Secret World - Der epische 'Everything is true'-Trailer2 weitere Videos

Und weil man bei Funcom mittlerweile langfristig plant, hat man mittlerweile bereits „Inhalt für sieben Jahre“ angesammelt, den man nach Release Stück für Stück ins Spiel bringen will. Bleibt nur zu hoffen, dass das Spiel trotz allem mindestens eine Prise Sandbox enthält, damit nach sieben Jahren auch noch jemand übrig ist, der den Titel spielt.

Bei uns wartet ihr auf jeden Fall keine sieben Jahre, sondern nur sieben Tage auf die kommende Ausgabe von Wiped! In der haben wir dann auch endlich ein paar neue Infos zum heißersehnten World of Darkness für euch.