Als vor rund 15 Jahren das moderne MMOG erfunden wurde, war das eine echte Revolution für die digitale Unterhaltung. Seither jedoch muss der Spieler echte Innovationen mit der Lupe suchen - von spielerischem Tiefgang ganz zu schweigen. Die größten Erfolge feiert, wer besonders clever kopiert. Doch Wiped! hat die Hoffnung auf ein Ende der Monotonie noch nicht aufgegeben und sucht nach jenem Quäntchen Kreativität, das die virtuellen Welten neu definieren könnte.

Dabei haben es die Studios nicht immer leicht, denn die Entscheidungsträger der Branche mahnen stets zur Eile und geben sich redlich Mühe, alle spaßigen Elemente samt deren Erfinder aus der Produktion zu verbannen. Vergnügen in ein Spiel zu bringen, kostet unnötig Zeit und damit Geld. Betriebswirtschaftlich ist Spaß als Element eines Spiels kaum zu erfassen und bekommt deshalb auch kein Budget. Ganz ähnlich verhält sich das auch mit Innovationen.

Armee der Klonentwickler

Je größer das Studio, so scheint es mittlerweile, desto herkömmlicher das Spiel. Kein Wunder, denn in der wachsenden Branche ist stets Not am Mann und das Gros der Mitarbeiter wird mittlerweile direkt von den Hochschulen abgeholt. Es sind bereits Angehörige der zweiten Generation von Zockern, die ihr Hobby zum Beruf machen und es dabei auf möglichst solide Beine stellen möchten – mit einem Master in Game-Design in der Tasche.

Wiped! - Die MMO-Woche - KW 10: Ich weiß, was du letzten Montag getan hast

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Spielideen werden heutzutage einfach geklont.
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Diese Generation von Spielern allerdings wurde im Gegensatz zu den Pionieren der Branche von Geburt an mit einem Überangebot an Spielen überflutet. Zeit für den großen Traum vom perfekten Spiel blieb da nicht. An der Hochschule lernte man dann noch die Standards kennen und anwenden, die in den unterschiedlichen Genres gelten – denn genau das gehört später zum Arbeitsalltag bei der Entwicklung eines Spiels.

Und so verlässt mittlerweile jedes Semester eine ganze Klonarmee von jungen Entwicklern die Hochschulen. Junge Menschen, die sich von den Publishern nach Belieben an allen Fronten einsetzen lassen, weil sie sich an die Regeln halten, die im jeweiligen Genre angeblich zu beachten seien. Regeln, die definitiv geeignet sind, den erfahrenen Zocker in den Wahnsinn zu treiben.

Shadow Cities – ich weiß, was du letzten Montag getan hast

Umso erfreulicher, dass es hin und wieder auch unabhängige Studios gibt, in denen mit völlig neuartigen Konzepten experimentiert wird. Eines dieser seltenen Sorte trägt bezeichnenderweise den Namen Grey Area und hat sich in Finnlands Hauptstadt niedergelassen. Von dort aus entwickelt man Spiele für das Mobiltelefon - eine Sparte, die vom echten MMO-Nerd bislang eigentlich eher belächelt wurde.

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Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellt, denn das Grüppchen um CEO Ville Vesterinen hat es geschafft, 'Mobile Games' und 'Social Games' in ungeahnter Art und Weise zu verknüpfen. Keine erfundene Landkarte dient dem Spiel als Grundlage, sondern die Straßenzüge und Häuserreihen der eigenen Stadt, in denen man gegen seine Freunde antreten darf. Dabei spielt die technische Seite eine untergeordnete Rolle, denn die beste Grafik bietet immer noch die Welt da draußen.

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Die Jungs von Grey Area gehen neue Wege.
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Genial an Shadow Cities ist die revolutionäre Verknüpfung virtueller Abenteuer mit dem echten Leben. Als „Location based MMORPG“ bezeichnen die Entwickler ihre kleine Applikation, die es in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auch zu uns schaffen wird. In Finnland sorgt das Spiel schon jetzt für Begeisterungsstürme, weil es den Spielern ein unvergleichliches Spielerlebnis beschert, das ihnen das Adrenalin durch die Adern jagt.

Ultima Online – zurück zu den Wurzeln!

Einen ganz anderen, wenngleich ähnlich interessanten Weg beschreitet man derweil bei der drastisch reduzierten EA-Tochter Mythic, der längst nicht mehr die Mittel zur Verfügung stehen, die Schwester Bioware derzeit verbraten darf. Doch gerade aus der Not wurde schon so manche Tugend geboren, und so hat man sich bei Mythic der guten alten Zeit besonnen – dem vergangenen Jahrtausend, in dem Ultima Online mit seiner Mechanik nicht ohne Grund die Mengen begeisterte.

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Knallhart, aber superspannend: Mythic orientiert sich am Klassiker Ultima Online.
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Doch um an alte Erfolge anzuknüpfen, muss man sich erst all jener Dinge entledigen, die bei der modernen Spielentwicklung zum Standard gehören. Produzent Calvin Crowner scheint tatsächlich dazu bereit und hat angekündigt, die gewohnten Standards zu sprengen und sich wieder an den Anfang der Entwicklung zu begeben.

Wer braucht Quests, wenn er Burgen bauen darf?

Wir erinnern uns: Quests gab es 1998 noch nicht, dafür ein umfangreiches Crafting-System, das auch Sinn machte, weil man im Falle des virtuellen Ablebens durchaus seine Ausrüstung verlieren konnte, die allerdings vergleichsweise unbedeutend war. Echte PvPer machten sich nichts aus glänzenden Rüstungen und setzten viel eher auf den Konsum von unzähligen verschiedenen Verbrauchsgütern.

Ein Fraktionszwang bestand nicht. Stattdessen schloss man sich optional den Truppen der Ordnung oder denen des Chaos an oder führte Clankriege. Wer nervte, durfte außerhalb der Stadt nach Belieben getötet werden – ein Karmasystem sorgte dann dafür, dass allzu zwielichtige Gestalten ihre bösen Taten erst wieder durch gute ausgleichen mussten, bevor sie in der Stadt Einlass fanden.

Befragt man MMO-Veteranen heute, welche Neuauflage sie auf jeden Fall spielen würden, so gehört Ultima Online in seiner Urfassung – also vor dem berüchtigten PvE-Patch – zu den absoluten Favoriten. Sollte Calvin Crowner also tatsächlich die gnadenlos harte, aber ungemein spannende Welt des letzten Jahrtausends in neuem Gewand zu neuem Leben erwecken, wird der Erfolg nicht lange auf sich warten lassen. Für die verbliebenen Entwickler bei Mythic wäre das auf jeden Fall die Ehrenrettung.

Star Wars: The Old Republic – verfrühte Grüppchenbildung?

Derlei Gedanken braucht man sich bei Bioware natürlich nicht zu machen. Dort hat man große Budgets, benutzt moderne Checklisten und orientiert sich an den gültigen Standards. Das alles gebietet dann wohl auch, potentielle Fans möglichst schon vor Release an das Spiel zu binden. Dabei schrecken die Entwickler auch nicht davor zurück, eines der wohl wichtigsten Elemente des Onlinespiels auszulagern.

Schon jetzt können und sollen sich Gilden auf der offiziellen Seite des Spiels registrieren, damit ihnen niemand den Namen wegschnappt. So darf der passionierte Clanchef schon jetzt in einschlägigen Foren seine Anhänger rekrutieren, mit denen er dann gleich nach Release voll durchstarten kann.

Nomen est omen!

Damit allerdings erweist Bioware der Community einen Bärendienst. Eine gute Gilde bastelt man nicht mal eben über Foren vor Spielstart. Gute Gilden wachsen über Jahre, haben mittlerweile mehrere Spiele gemeistert und warten darauf, sich die Dinge im Spiel zu verdienen, sobald es losgeht. Wo bleibt die Herausforderung, wenn jeder vorab eine Gilde über die Webseite anmelden kann?

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Mit dieser Idee schürt Bioware zwar erneut den Hype, verärgert aber gleichzeitig jede bekannte Gilde, deren Name wahrscheinlich in diesem Moment von einem dahergelaufenen Noob geklaut wird. Die Gründung einer Gilde sollte an gewisse Leistungen im Spiel gebunden sein. Ist sie das nicht, wird die Gildenzugehörigkeit bedeutungslos.

ArchAge – das Ende der Instanzierung

Ganz und gar nicht bedeutungslos war und ist Lineage I, das noch immer zu den erfolgreichsten Spielen überhaupt zählt und NCsoft fette Gewinne beschert. Dass der inoffizielle Nachfolger der Legende mittlerweile nicht mehr unter der Flagge von NCsoft entwickelt wird, hatten wir bereits im vergangenen Jahr berichtet. Auch, dass es sich bei ArchAge um eine Sandbox handeln soll, ist keine große Neuigkeit.

Neu allerdings ist die Ankündigung, dass das Spiel tatsächlich komplett ohne Instanzen auskommen soll. Und noch andere Grenzen sprengt ArchAge, denn man verzichtet sowohl auf spezifische Berufe als auch auf eine festgelegte Klasse. Ähnlich wie bei Trions Rift stehen insgesamt drei aus zehn Zweigen zur Auswahl, die sich beliebig kombinieren lassen. Derzeit durchläuft ArchAge in Korea diverse Betarunden. Dass der vielversprechende Titel noch in diesem Jahr bei uns erscheint, ist eher unwahrscheinlich.

APB Reloaded - Ladehemmungen

Viel wahrscheinlicher hingegen ist der baldige Release von APB Reloaded, das sich fortan unter neuer Flagge durch Mikrotransaktionen finanzieren soll. Publisher GamersFirst will das überarbeitete Spiel noch in der ersten Jahreshälfte neu vermarkten. Ein Spaziergang wird das allerdings nicht, denn noch beschweren sich zahlreiche Tester über technische Schwierigkeiten und Ladehemmungen während der ersten Betaphase.

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Die Entwickler werkeln allerdings auf Hochtouren gegen die Probleme an und veröffentlichen beinahe im Stundentakt neue Patches. Generell wirkt die Neuauflage vielversprechend und überzeugt vor allem durch die komplett überarbeitete Steuerung der Fahrzeuge. Wir sind gespannt, wie sich der totgeglaubte Titel langfristig macht.

Forsaken World – gegen die Langeweile

Derweil bereiten wir uns auf unsere letzte intensive Testwoche in Rift vor, damit ihr bald ein umfassendes Review lesen könnt. Und wer sich bis dahin langweilt, sollte vielleicht mal einen Blick auf das Free-to-play-MMO Forsaken World werfen, das gerade in die Beta gestartet ist und auf den ersten Blick einen recht soliden Eindruck hinterlässt. Mit neuen Themen aus der Welt der MMOs melden wir uns dann am kommenden Samstag zu gewohnter Zeit zurück. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.