Geld allein macht noch kein gutes Spiel. Diese Lektion haben die MMOG-Communitys in den letzten Jahren gelernt. Mittlerweile stecken sie ihr Taschengeld lieber im Voraus in hoffnungsvolle Indie-Projekte, statt es den großen Publishern in ihre ewig hungrigen Mäuler zu werfen. Denen knurrt so langsam der Magen, doch sie sind fett und träge und wissen nicht einmal mehr, wie man sich sein Futter verdient.

8,3 Millionen Spieler zahlen brav ihre Gebühren für World of Warcraft. Das ist das Zwanzigfache von dem, was ein Studio benötigt, um ein Top-MMOG am Laufen zu halten und nebenbei noch ein weiteres in die Entwicklung zu schicken. Und doch ist man bei Activision-Blizzard geradezu bestürzt, zählte man doch im vergangenen Februar noch 9,6 Millionen Spieler.

Erst mal beobachten

1,3 Millionen Spieler hat man also verloren - in einem Vierteljahr. Erstmals in der Geschichte von World of Warcraft muss man kein Hater sein, um sicher sagen zu können, dass die fetten Jahre vorbei sind, dass die ‘Generation WoW’ dem Spiel entwachsen ist und die jüngeren Spieler vor lauter Free-To-Play gar nicht mehr wissen, wo Azeroth eigentlich liegt.

Derweil wirken die Erklärungsversuche, die man beim Publisher unternimmt, beinahe bemitleidenswert kurzsichtig. Es sei wichtig festzustellen, dass sich die Natur von Onlinespielen geändert habe, erklärte CEO Bobby Kotick und verweist auf den aufkommenden Wettbewerb aus der Free-To-Play-Ecke. Er möchte den Verlusten mit schnelleren Inhaltsupdates begegnen, während Blizzards Präsident Mike Morhaime vorschlägt, dass man erst mal das Kommen und Gehen beobachten und herausfinden müsse, wie sich ehemalige Spieler zurückgewinnen lassen.

Wiped! - Die MMO-Woche - Katerstimmung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mit Säcken voller Geld in der Sackgasse

Letzteres wäre wahrscheinlich einfacher, als Morhaime ahnt, denn dafür müsste man nur mal die Gründe lesen, die frustrierten Altspielern bei Kündigung ihrer Accounts abgenötigt werden. Allerdings sollte man bei der Auswertung etwas weniger auf vermeintlich clevere Programme setzen und zur Abwechslung mal ein paar Leute mit Sachverstand an die Aufgabe setzen.

Man könnte sich die Auswertung jedoch auch gleich komplett sparen, denn das Ergebnis kennen wir längst und daraus lässt sich ein Patentrezept erarbeiten, das Blizzard schlichtweg nicht mehr umsetzen könnte, denn nach all den Jahren ist das MMOG so weichgespült worden, dass eine Rückkehr zu Vanilla und der Umbau des Spiels zu einer Sandbox nicht mehr möglich wäre.

Auf das falsche Pferd gesetzt

Schon vor Jahren hätte man die Kerngemeinde pflegen und für sie entwickeln sollen. Die Verlockung, das Spiel auch für die Massen attraktiv zu machen, hat die Zahlen zwar für ein paar Jahre nach oben katapultiert, doch war der Fall damit vorprogrammiert. Ein langsames Wachstum hätte dem Spiel besser getan und eine treue Spielerbasis gesichert, zu denen die Wechselfreudigen immer wieder zurückkehren könnten.

Doch diese Basis ist es, die WoW mittlerweile fehlt - genau wie allen Titeln, die zu sehr auf Themepark- und Solisten-Mechaniken setzen. Die Massen spielen allein oder in Kleingruppen vor sich hin und wenn sie merken, dass das Spiel innen hohl ist, dass die Welt keine Bedeutung hat und sie nur noch spaßfrei beschäftigt werden, wandern sie ab - die einen früher, die meisten eben erst jetzt und in den kommenden Monaten, in denen es nicht leichter für den Marktführer wird.

Star Wars: The Old Republic - heraus aus der Gefahrenzone

Und wie immer, wenn es mit einem Spiel bergab geht, wird der Ruf nach einer Umstellung auf Free-to-Play lauter. Die hat zumindest Star Wars: The Old Republic vor der Katastrophe bewahrt, denn wie EA-Chef Frank Gibeau in dieser Woche verkündete, habe man den Umsatz, den man mit dem MMOG generiere seit der Umstellung im November verdoppeln können.

Schön für EA, doch ändert das nichts an der Tatsache, dass sich auch die alte Republik nach erstem Durchspielen als leere Hülle erweist und weit von dem entfernt ist, was sich die Fans einst von dem Spiel erhofft hatten. Ein gesteigerter Umsatz dürfte zwar Aktionäre befriedigen - die Spielergemeinde allerdings hat wenig davon, wenn die Mehreinnahmen allein darauf zurückzuführen sind, dass der Publisher neue Möglichkeiten gefunden hat, zur Kasse zu bitten und das Spielerlebnis an sich nicht verbessert wurde.

Wenn der Blinde den Lahmen trägt...

Vor diesem Hintergrund hat die Community dann auch die jüngste Meldung mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. Darin heißt es, dass Electronic Arts fortan neue Star-Wars-Titel entwickeln werde - quasi als Haus-Publisher für Disney, die neuen und bisweilen übereifrigen Herren der Macht. Die wollen mit dieser Entscheidung gar ihre “Hingabe demonstrieren”, mit der sie für qualitativ hochwertige Spielerfahrungen sorgten, die die Popularität von Star Wars in den nächsten Jahren steigere.

Wiped! - Die MMO-Woche - Katerstimmung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Große Worte, die Branchenkennern und Star-Wars-Fans jedoch die Gänsehaut über den Rücken jagen und man sich fragen darf, ob man bei Disney eigentlich weiß, was der neue Partner mit SWTOR in dieser Hinsicht angerichtet hat? Doch wer weiß - vielleicht behält ein altes chinesisches Sprichwort ja recht, das besagt: Wenn der Blinde den Lahmen trägt, kommen beide voran.

Face of Mankind: Fall of the Dominion - aus dem Schatten getreten

Und während sich die großen gegenseitig stützen, werden immer mehr kleine Studios von den Spielern getragen, die sich frustriert von den Branchenführern abgewendet haben. Darauf hofft jetzt auch Marko Dieckmann, der schon seit Jahren mit einem kleinen Team kontinuierlich am MMOG Face of Mankind arbeitet. Das Spiel führte zwischen all den hochgejubelten Themepark-MMOGs bislang eher ein Schattendasein.

Doch könnte für dieses Spiel bald die Sonne aufgehen, denn tatsächlich giert die Community nach exakt dem Konzept, auf das der Entwickler aus Deutschland schon immer gesetzt hat: Offenes PvP, Full-Loot, Verbrechen und Gesetz, Sandbox-Crafting und ein auf Zeit basierendes Progression-System, ähnlich dem von Muster-Sandbox EVE Online.

Schluss mit den Fast-Food-MMOGs

Für die Entwickler von Face of Mankind ist ein Hardcore-Gameplay für eine wirklich glaubwürdige Welt unerlässlich und die Freude über einen Erfolg hängt von der Leistung ab. Schluss also mit den löffelfertigen Inhalten, “die dich zum Gott deiner eigenen kleinen Welt machen”, so die Beschreibung auf Kickstarter sinngemäß.

Dort will Dieckmann übrigens keine Unsummen für das Hardcore-MMOG, das sich ohnehin halbwegs solide am Markt platziert zu haben scheint - ihm fehlen dazu bescheidene 50.000 Dollar, mit denen er die Technik weiter ausbauen und Face of Mankind für die Zukunft rüsten will - damit es nicht nur spielerisch, sondern auch optisch überzeugt und neue Spieler anlockt.

HEX - das MMOTCG

In Sachen Technik haben es die Jungs von Cryptozoic Entertainment da schon etwas einfacher. Sie müssen auch keinen Online-Shooter entwickeln, sondern ein Kartenspiel, das jedoch gleichwohl über die wesentlichen Elemente eines MMOGs verfügen soll. Und so schwierig diese Aufgabe auch scheint - ein wenig massive Onlineluft konnten die Entwickler schon in der Vergangenheit schnuppern, immerhin zeichnen sie für das World of Warcraft Trading Card Game verantwortlich.

An HEX arbeitet man bei Cryptozoic schon seit einiger Zeit, jedoch fehlen zur Vollendung noch 300.000 Dollar, von denen man drei Tage nach Start der Kickstarter-Aktion schon über die Hälfte beisammen hat. Es scheint also ein gewaltiges Interesse an der ungewöhnlichen Verschmelzung zweier Spielkonzepte zu bestehen.

Und wenn man die Pläne der Entwickler so liest, stellt man sich nicht nur die Frage, warum noch niemand auf eine solche Idee gekommen ist - man bekommt heute einmal mehr Mitleid mit Activision-Blizzard, deren Hearthstone: Heroes of Warcraft durch HEX ohne Zweifel gehörig unter Druck geraten wird.

2 weitere Videos

Kleines Team mit großen Namen

Letzeres wird ebenfalls kostenlos spielbar sein und die Möglichkeit bieten, Gilden zu gründen und entsprechend in gewinnträchtigen Turnieren anzutreten. Anders als bei gewöhnlichen Trading-Card-Games wollen die Entwickler allerdings eine Rollenspiel-Erfahrung einbauen. Der Spieler soll nicht nur die Möglichkeit bekommen, Schätze zu finden und neue Karten freizuschalten - man darf auch seinen Charakter weiterentwickeln und bekommt dabei eine komplette Story geboten.

Und wer sich nun wundert, woher die Kartenspiel-Experten das Selbstbewusstsein nehmen und glauben, sie könnten tatsächlich ein Spiel mit MMOG-Elementen entwickeln, sollte mal einen Blick auf die Namen der Entwickler werfen. Darunter findet sich nämlich ein gewisser Kevin Jordan. Und der hat früher für Blizzard keine ganz unbedeutende Rolle bei der Entwicklung von Spielen wie Diablo II und World of Warcraft gespielt.

Was geht ab?

Und während sich die Fertigstellung solch interessanter Projekte noch ein wenig hinzieht, schwappt in diesen Tagen gleich eine ganze Welle von neuen Titeln über uns hinweg - die meisten davon beinahe still und heimlich in einem ‘Softlaunch’ oder einer mehr oder weniger offenen Beta - einige davon sogar äußerst vielversprechend.

So wurde beispielsweise Infinite Crisis, Turbines interessantes DC-MOBA, in die Closed Beta überstellt und gleichzeitig der Joker als spielbarer Held, Champion oder wie auch immer man das dort nennen mag, eingefügt. Außerdem feiern die Jungs von CCP mit ihrem kostenlosen Sandbox-Shooter Dust 514 am kommenden Dienstag Release - wann auch sonst?

Und dann wäre da noch das Steampunk-MMOG City of Steam, dessen Beta seit Freitag für alle offensteht. Das Spiel sieht für ein Browsergame verflixt gut aus und scheint auch spielerisch ein gewisses Potential zu haben - sofern man, und da sind sich selbst die Fans derzeit noch nicht ganz sicher, mit dem Free-To-Play-Modell die Balance findet.

Wiped! - Die MMO-Woche - Katerstimmung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Neverwinter - spaßige Sache

Die war auch in Bezug auf Perfect Worlds brandneues D&D-Abenteuer Neverwinter schon mal Thema dieser Kolumne, denn mit einem Preis von 189,99 € sprengt das Gründerpaket “Held des Nordens” jeden finanziellen Rahmen. Immerhin habe ich nach einigen Tagen im Spiel eine Antwort auf die Frage, die damals in diesem Zusammenhang aufkam: Muss man denn eine solch irrsinnige Summe ausgeben, um in Neverwinter den vollen Spaß zu haben?

Nein, das muss man nicht. Neverwinter ist tatsächlich kostenlos spielbar und das Paket in meinen Augen nur für echte Fans geeignet, die das Spiel und dessen Entwickler finanziell kräftig unter die Arme greifen wollen. Ich für meinen Teil werde auch an diesem Wochenende durch Neverwinter toben, das mir trotz seines Themepark-Designs und einiger Macken aus bislang noch unerfindlichen Gründen richtig Spaß macht. Doch davon beim nächsten Mal mehr...