Von wegen tot! Während unser Kolumnist in dieser Woche auf einem Schloss im Westen Frankreichs residierte, hat die Branche mal richtig aufgedreht und uns derart viele Schlagzeilen rund um Online-Games geliefert, dass wir uns nicht lange mit nerdigem Vorgeplänkel aufhalten können und gleich zur Sache kommen.

Was das Schloss betrifft: Das hatte ein Publisher eigens angemietet, um einer Handvoll Fachjournalisten zu beweisen, dass man in der Branche noch Stil hat und dass sich eben doch noch Geld mit Abo-MMOs verdienen lässt. Ob das gelungen ist und was auf der Veranstaltung konkret vorgestellt wurde, darüber werde ich mich demnächst auslassen, denn noch lastet eine Verschwiegenheitsverpflichtung schwer auf meinen Schultern. Macht aber nichts, denn es gibt in dieser Woche noch genug andere interessante Themen.

Dumm und dümmer

Zum Beispiel die Sache mit der KI. Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, sinnierte einst: “Die Gefahr, dass der Computer so wird wie der Mensch, ist nicht so groß wie die Gefahr, dass der Mensch so wird wie der Computer.” Und wüsste man nicht, dass der 1995 verstorbene Ingenieur damals kaum das MMORPG im Sinne gehabt haben konnte, man hätte ihn glatt für einen MMO-Spieler halten können.

In diesem Genre ist der Mensch in den letzten Jahren nämlich zusehends zur Maschine degradiert worden, die nur noch handeln muss und nichts mehr hinterfragt, während umgekehrt mal eben gar nichts passiert ist. In einem MMO vollzieht der Mensch zumeist anspruchsloseste Handlungen, um irgendwelche Zahlenwerte nach oben zu treiben.

Sind wir zu dumm für intelligente NPCs?

Die “künstliche Intelligenz” hingegen beschränkt sich entweder darauf, in der Ecke zu stehen und jedem Passanten die selbe sinnlose Aufgabe zu erteilen oder sie rennt in der Wildnis auf und ab, um auf ebendiesen einzuschlagen, sobald er näher als zehn Schritte herangekommen ist. Mit einer hochwertigeren KI, so hat mir einst ein Trion-Entwickler versichert, sei der gemeine Spieler ohnehin überfordert.

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Etwas anders sieht man das in Südkorea, wo die Korea IT Times berichtet, dass der MMO-Publisher NCSoft Zeit und Geld in die Entwicklung einer KI stecke, die unvorhersehbare Spielumgebungen und damit mehr Spaß für den Spieler schaffen solle. Die ersten Titel, in denen diese neue KI zu Einsatz kommt, sollen bereits im nächsten Jahr erscheinen. Ob das mit Spannung erwartete Lineage Eternal bereits mit den neuen Intelligenzbestien aufwarten wird, wollte bislang noch niemand sagen - Project HON wird es nach dessen Einstellung ja nicht mehr sein.

Blade & Soul - na bitte!

Das mittlerweile drei Jahre alte Blade & Soul wird ebenfalls nicht mehr davon betroffen sein - es sei denn, es ließe sich für kommende Erweiterungen nachrüsten. Interessant wäre das durchaus auch für uns, denn mittlerweile ist, nachdem es in den letzten Monaten in der Gerüchteküche schon mächtig brodelte, die Katze aus dem Sack: Blade & Soul wird ganz offiziell im Westen erscheinen.

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Die Zeit der Rücksichtnahme auf westliche Titel wie WildStar ist also vorbei und NCSoft Südkorea schickt nun das in Fernost doch ordentlich erfolgreiche Wuxia-MMO ins Rennen. Das Spiel soll im kommenden Winter erscheinen - komplett lokalisiert und mit einem Free-To-Play-Preismodell. Details dazu stehen natürlich noch aus.

Vorgestellt wurde es bislang nur einigen Kollegen aus Übersee während eines Presseevents in Kalifornien, die es vor Ort spielen und die Leute von NCSoft mit Fragen löchern durften. Die interessantesten davon - zum Beispiel die Frage, warum sich NCSoft West so lange gegen die Veröffentlichung sperrte - wollten oder konnten die Vertreter allerdings nicht beantworten. Umso interessanter wird es, wenn wir Europäer endlich an der Reihe sind.

TERA - macht gehörig Dampf

Von der Steuerung her lässt sich Blade & Soul übrigens grob mit TERA vergleichen. Und auf selbiger basiert wohl auch dessen Erfolg, denn trotz aller Kritik ist TERA in den letzten Wochen ordentlich nach oben geschnellt. Und das ist aktuell keine leere Behauptung des Herstellers, es lässt sich auch auf Steam nachschauen, wo TERA mittlerweile das MMO-Ranking anführt. Dort liegt es weit vor Neverwinter, Rift, ArcheAge und The Elder Scrolls Online und selbst H1Z1 hat es abgehängt.

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Seitdem TERA auf der Gaming-Plattform Steam aufgeschlagen ist, hat der Titel gewaltig Fahrt aufgenommen, wird er dort doch von En Masse Entertainment selbst betrieben und nicht von Gameforge, die als Europa-Publisher leider nicht so sauber arbeiten, wie man das bei einem MMO erwarten darf. Zudem geht die Entwicklung von TERA seit einigen Monaten spürbar voran, da der Rechtsstreit mit NCSoft beigelegt wurde. Wer TERA damals zum Release verpasst hatte, sollte mal einen Blick riskieren - es hat sich seither viel getan.

Funcom - harte Zeiten

Viel getan hat sich auch bei Age of Conan, allerdings nicht ganz in der Geschwindigkeit, mit der es derzeit in manchem asiatischen MMO vorwärtsgeht. Umso aufgebrachter sind derzeit die Fans, nachdem Funcom vermeldet hatte, dass man mit Shadow of Vanaheim den Geburtstag des Spiels mit neuen Inhalte feiere und diese im Shop gekauft werden könnten. Eine schöne Bescherung, meinen die Fans.

Grund für die nicht gerade kundenfreundliche Aktion könnte der jüngste Finanzbericht sein, nach dem Funcoms Einnahmen erneut gesunken sind - um 144.000 Dollar auf nunmehr 2,77 Millionen Dollar seit Jahresbeginn - vornehmlich eingespielt durch Age of Conan und The Secret World. Für ein Indie-Studio wäre das zwar eine Menge Geld - für einen Publisher wie Funcom allerdings wird die Lage langsam bedrohlich.

Wiped! - Die MMO-Woche - Intelligenzbestien

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Eine aktuelle Live-Session lässt vermuten, dass Funcom derzeit an Mounts für The Secret World arbeitet. Mein Wunsch-Vehikel: ein schwarzer Chevrolet Impala, Baujahr 1967.
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Als Reaktion auf die schlechten Zahlen scheint man einen neuen Mann auf den Chefsessel gesetzt zu haben: Seit dem 13. Mai lenkt Rui Casais das Unternehmen. In welche Richtung, das ist bis dato noch nicht klar und es bleibt zu hoffen, das das bislang noch nicht angekündigte Geheimprojekt, an dem Entwickler Joel Bylos seit einigen Wochen arbeitet, dadurch nicht in Gefahr gerät. Denn auf LEGO Minifigures Online, dessen Monetarisierung obendrein Probleme bereitet, wollen wir nun wahrlich nicht setzen.

World of Warcraft - die Sache mit den Zyklen

Wobei Funcom eigentlich keinen Grund zur Sorge haben müsste, verweist Ion Hazzikostas, derzeit Lead Game Designer für World of Warcraft, das von ganz ähnlichen Problemen geplagt wird wie die “kleinen” MMOs, auf das ganz normale zyklische Muster, das bei den Titeln und deren Spielern zu beobachten sei. Spieler sähen MMOs nicht notwendigerweise als Ganzjahresbetätigung an und es sei nicht überraschend, dass nach einem Hoch auch wieder ein Tief komme.

Zahlreiche Fans sehen das erwartungsgemäß ganz anders und werfen dem Lead Designer vor, dass er damit vor dem Problem, an dem World of Warcraft derzeit kranke, kapituliere. Zudem habe er als Verfechter der Garnisonen, wie sie dem Spiel mit der letzten Erweiterung aufgepfropft wurden, zusätzlich dafür gesorgt, dass dem Spiel die soziale Komponente abhanden gekommen sei. Selbstredend, dass Hazzikostas das bestreitet.

Mortal Online - auf nach Sarducaa

Von derlei Fluktuationen weniger betroffen sind oft Nischen-MMOs mit einer verhältnismäßig kleinen Community. Zu denen zählt auch Mortal Online, das nun auch schon fünf Jahre auf dem virtuellen Buckel hat, jedoch immer noch genügend Geld einspielt, um das kleine Studio und seine Weiterentwicklung zu finanzieren. Bemerkenswert, bedenkt man den überaus holprigen Start.

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Derzeit ist es das Sarducca-Update, mit dem eine stattliche Anzahl neuer Inhalte in eines der wenigen Spiele bringt, das die Bezeichnung Sandbox auch tatsächlich verdient. Wer sich nicht davor fürchtet, zum Einstieg hin und wieder mal von einem überlegenen Gegner niedergemetzelt zu werden, wer bereit ist, sich in ein Clangefüge einzuordnen und wer tolerant genug ist, ein Spiel mit einigen nicht ganz sauber geschliffenen Ecken und Kanten zu akzeptieren, das die Entwickler jedoch mit echter Leidenschaft und Konsequenz betreuen, sollte vielleicht jetzt mal reinschauen. Der Einstieg ist auf jeden Fall kostenlos, danach wartet ein faires Abo ohne Pay-To-Win-Gefahr.

H1Z1 - Spieler bekennen ihre Sünden

Weniger um gekaufte Inhalte geht es derzeit beim Zombie-Apokalypse-MMO H1Z1. Vielmehr sorgt noch immer Daybreaks hartes Durchgreifen für Wirbel in der Community. Der Publisher hat mittlerweile über 30.000 Spieler mit dem ‘Bann-Hammer’ erwischt und aus dem Spiel gehauen, weil Firmenchef John Smedley die Ansicht vertritt, dass Cheater Wiederholungstäter sind und kaum von ihrem regelwidrigen Tun abzubringen.

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Wer es allerdings wirklich ernst meint und sich in aller Öffentlichkeit für seine Sünden entschuldigt, bekommt jetzt eine Chance auf Wiedereingliederung in die Community. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt eine Reihe von Videos, in denen H1Z1-Cheater Stellung nehmen, sich bei der Community für ihr Tun entschuldigen und um eine weitere Chance bitten.

Bis jetzt hat Smedley allerdings erst drei der Bekenner aus dem Sündenregister gelöscht, nachdem sie durch besonders überzeugende Vorträge aufgefallen sind. Einer davon, der sein Video mittlerweile wieder entfernt hat, sollte jedoch auch schon wieder gebannt sein. Während Teile der Community weiter gegen das Vorgehen von Daybreak wettern, auf ihren Status als zahlender Kunde verweisen und ihr Tun damit entschuldigen wollen, dass es ja jeder mache, scheint Smedley die Mehrheit der Spielerschaft hinter sich zu haben, die klar sagt: “Raus mit denen!”

ArcheAge - “no pay, no chance!”

Verbannt wird man in der Szene allerdings nicht nur aus Spielen, sondern insbesondere auch aus Foren. Nachdem nun zuerst das Community-Team von Skyforge und danach ein Mod von WildStar durch aggressive Zensurbemühungen aufgefallen sind, haben es mittlerweile auch die Moderatoren von ArcheAge auf die freie Meinungsäußerung abgesehen.

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Bei Trion Worlds versucht man sein Tun damit zu rechtfertigen, dass man gewisse Schlüsselworte lediglich filtere, weil sie in Zusammenhang mit Spam stünden. Man wolle schließlich für besondere Diskussionen sorgen. Ein feiger Vorwand, so glauben die meisten Fans, die dem Publisher vorwerfen, Kritiker mundtot zu machen, damit der Durchschnittsspieler nicht erkennt, wie stark der Pay-To-Win-Aspekt bei ArcheAge sei.

Project Legion - 20 Millionen für das Recht zu schweigen

So weit, dass man eine Diskussion um das Geschäftsmodell führen müsste, ist Project Legion noch nicht. Im Gegenteil - die Zukunft des Spiels, das vor zwei Jahren auf dem EVE Fanfest angekündigt worden war und auf dem PC korrigieren sollte, was auf der PS3 mit Dust 514 misslungen war, könnte tatsächlich in Gefahr oder im schlimmsten Falle schon Geschichte sein.

Zumindest ist die Community in Aufruhr, seit bekannt wurde, dass CCP bereits im April die Marke EVE: Legion beim US-Patentamt storniert hat. Dabei geht es allerdings nur um Namensrechte und es ist durchaus denkbar, dass CCP schlicht einen anderen Titel für den neuen Online-Shooter gewählt hat oder dass man sogar Dust 514 als Namen auf den PC mitnimmt. Ein offizielles Statement gibt es zu den Vorgängen bislang nicht.

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Überhaupt ist denkbar, dass CCP in Zukunft öfter schweigen wird. Dieses Recht hat man sich nämlich aktuell mit 20 Millionen Dollar erkauft, indem man sich sämtliche über die isländische Börse ausgegebenen Anteile wieder zurückgeholt hat. Dafür, so wird spekuliert, könnte ein neuer Großinvestor bei CCP eingestiegen sein, der Interesse an den zahlreichen VR-Entwicklungen bei CCP haben könnte und bereit ist, ein stolzes Sümmchen für deren Verwirklichung zu zahlen. Genügend Vertreter namhafter Tech-Firmen waren auf dem vergangenen Fanfest auf jeden Fall anwesend.

Ausblick

Mehr darüber werden wir vielleicht erst auf dem Fanfest im kommenden Jahr erfahren. Macht aber nichts, denn auch bis dahin liefert uns die Branche noch Gesprächsthemen und vielleicht das eine oder andere interessante Spiel. Insbesondere stehen derzeit haufenweise MOBA- und Arena-Games vor der Veröffentlichung. Doch das ist ein anderes Thema und soll ein andermal erzählt werden.