Wer glaubt, die MMOG-Branche sei am Ende, hat den Blick noch nicht nach Südkorea gerichtet, wo mit der jüngsten G-Star eine Messe stattgefunden hat, die sich hinter westlichen Veranstaltungen wie der Gamescom keineswegs verstecken muss. Im Gegenteil: Gerade Online-Gamer bekamen einige vielversprechende Hoffnungsträger zu sehen und zu zocken.

Zwei davon hatten wir uns bereits in der letzten Ausgabe angeschaut - namentlich Lost Ark und Lineage Eternal, mit denen sich südkoreanische Entwickler eine fast vergessene Perspektive vorknöpfen, weil sie der Ansicht sind, dass sich mit rausgezoomt isometrischem Gameplay weit mehr anstellen lässt als mit dem typischen Blick über die Schulter des eigenen Avatars.

Vor allem technisch wäre ein solcher Rückschritt eigentlich ein Fortschritt, denn die durch die Perspektive eingesparten Ressourcen lassen sich anderswo effektvoll einsetzen, ermöglichen das Einbinden der Umgebung ebenso wie das Spielen auf sämtlichen Geräten via moderner Cloud-Technologien, die mit der Vogelperspektive keinerlei Probleme haben. Doch längst nicht alle Teams von NCSoft Südkorea arbeiten an der isometrischen Herausforderung.

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Project HON - Exteel 2.0?

Zumindest grafisch und perspektivisch geht NCSoft mit Project HON nämlich absolut keine Kompromisse ein, entwickelt, darauf lässt zumindest das aktuelle Video schließen, lieber auch mal etwas für die gehobene Hardware und das Oculus Rift. Dafür hat man sich eigens die Unreal Engine 4 geschnappt, die schon jede Menge Vorschusslorbeeren von der Branche bekommen hat, den endgültigen Beweis ihrer Qualitäten allerdings noch schuldig ist.

Was das Design betrifft, so liegt derweil der Verdacht nahe, dass Project HON mit seiner Mischung aus Titanfall, Pacific Rim und Transformers eher in die FPS-Kerbe schlagen wird, also als Online-Lobby-Shooter zu verstehen ist, mit allenfalls einigen aus dem MMOG-Genre entliehenen Elementen. Doch das muss nicht unbedingt schlecht sein, haben die Entwickler so doch mehr Möglichkeiten, für balancierte Kämpfe vor allem zwischen Spielern zu sorgen.

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Und wer sich nun fragt, wie NCSoft Südkorea nun ausgerechnet darauf kommt, ein Spiel mit Mechs zu entwickeln, sollte Exteel nicht vergessen, das NCSoft zwischen Dezember 2007 und September 2010 im Portfolio hatte und das unter Genre-Fans als einer der besten Mech-Shooter überhaupt gilt. Eingestellt wurde das Spiel letztlich vor allem wegen Lizenzstreitigkeiten, die NCSoft damals knapp 30 Millionen Dollar kosteten. Project HON hat also durchaus eine Fangemeinde und knüpft an alte Zeiten an, während der Publisher juristisch den Rücken frei hat.

Bless - Schach dem Black Desert!

Während NCSoft also schon mit Unreal 4 experimentiert, stehen auch noch jede Menge Spiele aus, die unter Unreal Engine 3 entwickelt werden. Eines der vielversprechendsten davon, das hat die G-Star gezeigt, ist Bless, das nicht nur optisch in direkte Konkurrenz zu Black Desert tritt. In Sachen Engine allerdings geht man bei Neowiz absolut keine Risiken ein - wobei wir von TERA gelernt haben, dass gerade Epics dritte Engine Probleme mit der Bewältigung von Spielermassen bekommt.

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Ob auch Bless unter diesen Schwächen leiden wird, könnte sich bald offenbaren, denn die Entwickler lassen derzeit mehr Spieler in die Testrunden ein. Dafür jedoch benötigt man einen registrierten PMANG-Account samt südkoreanischer Mobilfunknummer, um die Registrierung abzuschließen. Glücklich ist also, wer eine koreanische Oma hat. Und wenn man die schon konsultiert, sollte man sie gleich noch auf besagtes Black Desert ansetzen, das noch im Dezember veröffentlicht werden soll.

Civilization Online - in Schutt und Asche gelegt

Ganz so bald ist mit Civilization Online leider noch nicht zu rechnen. Doch was die Videos betrifft, die auf der G-Star zu diesem Spiel entstanden sind, so scheint Jake Song immerhin gut voranzukommen. Ob Charakter-Generator, Konstruktionssystem oder Belagerungskämpfe - das alles können die Spieler in der laufenden Closed Beta auf Herz und Nieren testen.

Die Erfahrungsberichte der Spieler sind, soweit meine Übersetzerin korrekt gearbeitet hat, recht positiv. Das Spiel, so der Tenor, gebe vor allem Gelegenheitsspielern die Möglichkeit, an kurzweiligen Belagerungen teilzunehmen. Zudem werde es, obwohl es sich um ein MMORPG handelt, der Vorlage gerecht. Zwar haben viele Spieler den Eindruck, dass es sich eher um ein Age of Empires Online handelt als um Civilization, doch wird dieser Umstand insgesamt recht positiv aufgenommen, da dadurch Bewegung und Gewusel ins Spiel komme.

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Im Westen nichts Neues?

Die großen Publisher Südkoreas haben auf jeden Fall ein paar ganz heiße Eisem im Feuer. Und was macht der Westen - der stagniert und jammert. Bei Activision jammert man über die miesen Reviews, mit denen Destiny abgestraft wurde und schiebt den ‘Irrtum der Professionellen’ auf die “unmögliche Herausforderung”, Onlinespiele innerhalb eines kurzen Zeitraums zu bewerten, zudem die doch zum Release gerade erst die Startlinie überquert hätten.

Kein Wort jedoch verlieren die Publisher darüber wie viele Fehlstarts sie dabei hinlegen und dass sie die hoffnungsvollen Spieler trotzdem ordentlich abkassieren und dabei Versprochenes nicht im Ansatz liefern. Kein Wunder also, dass immer mehr Spieler auf die Erfahrungen der vermeintlich Irrenden hören, bevor sie selbst den Geldbeutel öffnen.

The Crew - vor die Wand gefahren

Entsprechend haben sich die großen Publisher, allen Voran Ubisoft, jetzt eine neue Strategie erdacht. Die soll dabei helfen, die Verbreitung harscher Kritik zu unterbinden - eben bis das Spiel besagte Startlinie überquert und die so ungemein wichtigen Einnahmen generiert hat: Man will die Professionellen einfach vorübergehend ihrer Stimme berauben. Zur Begründung heißt es:

“[...] also ist es nur möglich, unser Spiel in seiner Gesamtheit zu bewerten, wenn andere echte Spieler in der Welt sind. Und mit anderen meinen wir Tausende und Tausende und Tausende von Spielern - etwas, das nicht mit einer Handvoll Entwicklern, die neben Pressevertretern spielen, simuliert werden kann.”

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Dumm nur, dass Ubisoft mit den jüngsten Veröffentlichungen, insbesondere von Assassin’s Creed Unity, derart viel Vertrauen eingebüßt hat, dass wohl kaum ein Fan von Online- und Racing-Games noch bereit sein wird, 70 Euro für eine Konsolenversion von The Crew hinzublättern, bevor ein paar aussagekräftige Testsartikel, Videos oder Streams im Netz verfügbar sind.

H1Z1 - baut die Mauer wieder auf!

Nur gut, dass es auch Studios gibt, die sich eher mit ihren Titeln beschäftigen als mit der Frage, wie man unliebsame Kritiker mundtot machen kann. Das sind meist Indie-Studios oder solche wie Sony Online Entertainment, die sich zu weitestgehender Offenheit entschlossen haben und auf Verschwiegenheitserklärungen und damit verbundenes juristisches Geplänkel verzichten.

Und während wir bislang noch immer auf Videos zu wirklich innovativen Spielmechaniken von The Crew warten, liefert SOE einen Film nach dem anderen ab. Im aktuellen geht es um unterirdische Abenteuer, die Möglichkeit der Übernahme von Städten, Wettereffekte und Barrikaden, mit denen man sich dem Ansturm von Untoten und Spielern gleichermaßen erwehren kann.

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EVE Online - This is EVE

Doch es gibt etwas, das noch besser ist als ein Video, in dem Entwickler von ihrem Spiel faseln und Szenen daraus präsentieren. Es ist ein Video, in dem man Szenen zeigt, die sich tatsächlich in der virtuellen Welt ereignet haben. Und wenn man parallel dazu noch den auf den Teamspeak- oder Ventrilo-Servern aufgezeichneten Originalton einspielt - doch seht selbst:

Eve Online - Emotionaler This is EVE - Trailer2 weitere Videos

Ob man EVE Online nun spielt oder nicht - dieses Video ist authentisch und ergreifend - und vor allem ist es ehrlich. Genau das ist EVE. Und es wäre schön, wenn das eine oder andere Studio etwas davon mitnehmen und bei der Entwicklung eigener Spiele einfließen lassen könnte. Spart euch die Arbeit mit den generischen Quests und sorgt endlich wieder dafür, dass die Spieler Geschichte schreiben können!

Ausblick

Derweil habe ich Bekanntschaft mit personifizierter Geschichte gemacht. Mit David Braben nämlich, den ich in im verdammt nebligen und verregneten Duxford besucht habe, wo er doch glatt ein historisches Raumschiff - die Cobra MK III - in einem Luftfahrmuseum geparkt und drumherum eine Party zum anstehenden Release von Elite: Dangerous gefeiert hat. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.