Wenn einer eine Reise tut, dann kann er sicher keine Wiped-Ausgabe abliefern. Diese Lektion musste unser Kolumnist in den vergangenen Wochen lernen. Denn anstatt fleißig vor seinem Rechner zu sitzen, hockte er lieber mit Edward Snowden in einem Boot - in Zwangsunterbringung auf dem Moskauer Flughafen. Doch im Gegensatz zum Whistleblower hat unser Mann mittlerweile seine Freiheit wieder.

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Und ich hatte noch Witze darüber gemacht, als ich vor meiner Reise die Flugtickets der russischen Fluggesellschaft Aeroflot in den Händen hielt: Shanghai und zurück, jeweils mit Zwischenstation in Moskau. Da würde mir als Journalist mit einiger Wahrscheinlichkeit ein ähnliches Schicksal widerfahren wie Whistleblower Edward Snowden.

Wie in einem schlechten Film

Nun ist diese Kolumne eher dazu gedacht, virtuelle Abenteuer zu beschreiben und keine Luftfahrtgesellschaften zu bewerten, doch als ungewollter Protagonist in einem realen Reise-Thriller möchte ich zumindest ansatzweise erklären, warum ich in der letzten Woche ein wenig - nennen wir es einmal ‘unpässlich’ war. Denn während dieAbreise aus Suzhou und die dreistündige Fahrt nach Shanghai noch ebenso reibungslos abgelaufen waren wie meine komplette Age-of-Wulin-China-Tour, begann am Flufhafen-Schalter von Aeroflot ein filmreifes Abenteuer.

Ähnlich wie schon bei meinem Abflug in Frankfurt scheint man bei Aeroflot auch in Shanghai chronisch unterbesetzt und während im Terminal schon das Boarding beginnt, steht außen noch eine riesige Schlange vor dem einzigen Schalter, um einzuchecken und die Koffer aufzugeben. Die Folge: Das Flugzeug kann nicht pünktlich bestiegen werden und verpasst den für den Start zugeteilten Slot.

Lecker, lecker, Einheitsbrei

Und so saß ich nun in einer Maschine, in der von offizieller Seite ausschließlich ein Russisch gesprochen wurde, das für mich inhaltlich ebenso aufschlussreich war wie die wenigen Brocken, die der Pilot auf Englisch hinterherlallte. Die Stunden vergingen, ohne dass wir uns auch nur einen Millimeter bewegt hätten, und schon zu diesem Zeitpunkt ahnte ich, dass in Moskau alles auf mich warten würde, jedoch kein Anschlussflieger.

Weil es nun draußen noch zu regnen begann und sich unter den überwiegend chinesischen Passagieren sowohl Hunger als auch Unruhe breitmachte, beschloss die Crew kurzerhand, schon mal den gewohnten Aeroflot-Einheitsbrei zu servieren und diesen Vorgang möglichst lange dauern zu lassen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wie viele Stunden bis dahin vergangen waren - mein Zeitgefühl, ohnehin durch den Kurztrip nach China ein wenig angeknackst, zerbrach in diesem Flugzeug vollends.

Wiped! - Die MMO-Woche - Im Bett mit Edward Snowden

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Frank bei den Age-of-Wulin-Machern in China - noch ahnt er nicht, dass das größte Abenteuer noch auf ihn wartet.
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Dinner for one

Irgendwann hoben wir dann doch ab und flogen neun, zehn oder wie viele Stunden auch immer gen Moskau. Dort war die Nacht angebrochen - zumindest war es dunkel, wenngleich noch immer heiß. Umso heißer, weil rund 150 umsteigende Passagiere in heilloser Panik und mit vollem Körpereinsatz versuchten, möglichst schnell zu ihren Fliegern zu kommen, was natürlich völlig sinnlos war, weil die schon vor Stunden abgeflogen waren.

Das wurde uns, wie immer auf Russisch, auch mitgeteilt. Und noch ehe wir uns über die neue Situation ärgern konnten, wurden wir erst in diese Schlange gestellt, dann in jene. Dazwischen wurden wir kontrolliert - wieder und immer wieder - auch vor dem versprochenen ‘Dinner’, das aus einem Gutschein bestand, einzulösen an einem Kiosk, der leider bereits nach wenigen Minuten geplündert war.

Zum Lachen in den Keller gegangen

Nach der so üppigen Speisung wurden wir durch den halben Flughafen gelotst und in einen Reisebus verfrachtet - Sitzplätze für jeden dritten Fahrgast inklusive. Das Ziel konnten wir aus den Gesprächen unserer russischen Gastgeber untereinander entnehmen: “Hotel”. Doch dass es sich dabei tatsächlich um ein solches handelt, konnten wir nur erahnen.

Denn dort angekommen wurden wir von einigen sichtbar kampferprobten Herrn in schwarz direkt in einen schummrigen Kellergang getrieben. Als dort dann ein Anzugträger dazu überging, die Ausweise in Gewahrsam zu nehmen und die Gäste in Zweiergrüppchen durch eine weitere Kellertüre abzuführen, wurde es mir zu skurril. Unter Einsatz von Händen und Füßen verlangte ich, zum Flughafen zurückgebracht zu werden.

“Lieber wach und frei, als in Gefangenschaft nächtigen!”

Das war mein Motto, das dann auch bei einem halben Dutzend meiner Leidensgenossen Gehör fand. Und so verbrachten wir diese Nacht und den den halben darauffolgenden Tag im Transitbereit des Flughafens Moskau-Scheremetjewo - irgendwo zwischen Burger King und Edward Snowden. Dass jeder Hotelgast mit jeweils einem ihm unbekannten Mitreisenden ohne weitere Verpflegung in ein Zimmer gesperrt wurde, erfuhr ich erst später.

Auch dass die Herren im schwarzen Anzug in der Nacht über den Schlaf der Gestrandeten wachten und sie am Morgen, knapp zwanzig Minuten nach dem Weckgeläut, rabiat aus den Zimmern holten, sorgte noch lange danach auf dem Terminal und in den Anschlussfliegern für Diskussionsstoff. Mittlerweile allerdings dürfte nach Tagen des Umherirrens auch der letzte Umsteiger am Ziel seiner Reise angekommen sein. Eine Reise, die in uns allen den gleichen Vorsatz generiert hat: Nie, nie, nie wieder Aeroflot.

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Wildstar: einer der interessantesten Titel derzeit.
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Ein Genre im Dornröschenschlaf

Gott sei Dank fällt die ungewollte Sommerpause der Kolumne aufgrund meiner Inhaftierung in diesem Jahr mit der Flaute zusammen, die im MMOG-Genre herrscht. Erstmals überhaupt gehen der Branche spürbar die Ideen aus und außer Wildstar und Final Fantasy XIV warten in diesem Jahr keine potentiellen neuen Top-Titel mehr auf uns. Das allerdings hat auch einen gewaltigen Vorteil, denn so können die Verantwortlichen bei den Publishern und in den Studios ein wenig Luft schnappen.

Und auch wir werden das tun und die Gelegenheit nutzen, um uns in den nächsten Wochen nicht nur mit neuen Spielereien, sondern vermehrt auch mit ein paar älteren Titeln zu beschäftigen, die sich am Markt etabliert haben und die seit Release mit unzähligen Patches und Erweiterungen verbessert und ausgebaut worden sind. Und dann wirft auch schon die nächste Gamescom ihre Schatten voraus. Angesichts der verdächtigen Stille, die den größeren Studios in diesen Tagen herrscht, erwartet uns spätestens dort die eine oder andere Neuankündigung.

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