Es heißt, vor Gericht und auf hoher See sei man in Gottes Hand. Und so kommt es, dass die meisten von uns einen großen Bogen um den Gerichtssaal machen. Für so manches Unternehmen hingegen scheint sich der Gang vor den Kadi zu lohnen. Insbesondere gilt das in der MMO-Branche, wo der Streitgegenstand oft ebenso verwässert ist wie der Sachverstand der Richter, das Risiko für den Kläger gering und der Schaden, den man einem unliebsamen Konkurrenten zufügen kann, dafür gewaltig.

TERA - alles nur geklaut!

Ich muss gestehen, ich bin ebenso geschockt wie ihr. Da freue ich mich als gelangweilter MMO-Fan seit Jahren auf einen mutmaßlich innovativen, vielversprechenden neuen Titel, nur um wenige Wochen vor dem Release zu erfahren, dass dessen Entwickler gemeine Diebe sein sollen, die das Spiel angeblich gestohlen haben und es deswegen gar nicht veröffentlichen dürfen.

Die unzähligen Meldungen, die seit einigen Tagen zu diesem Thema durchs Netz geistern, klingen zumindest so, als sei TERA ernsthaft in Gefahr. Immerhin hat der südkoreanische Publisher NCsoft Klage bei einem US-Gericht eingereicht und erhebt darin schwere Vorwürfe gegen den US-Publisher En Masse Entertainment und die südkoreanischen Bluehole Studios und fordert, die Veröffentlichung von TERA abzublasen.

Was fehlt, sind Ideen

Dass bei Bluehole vorwiegend ehemalige Mitarbeiter von NCsoft arbeiten, wissen wir ja schon seit der ersten Ankündigung von TERA, und auch von einem Streit der Südkoreaner war schon die Rede. Doch was genau vermisst man bei NCsoft eigentlich? Welche Dinge sollen die Leute von Bluehole gestohlen haben und welche Beweise hat deren früherer Arbeitgeber? Ich hab mir die Klageschrift einmal angesehen.

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Heute im Rampenlicht: Tera, das mal Lineage 3 werden sollte. Was aber NCsoft blöd findet. Und jetzt gibt's Krach.
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Sie umfasst insgesamt 29 Seiten, auf denen man dem hohen, aber unwissenden Gericht nicht nur vorab genau darlegt, was "Massively Multiplayer Online Roleplaying Games" eigentlich sind, sondern auch explizit aufzählt, was genau die Mitarbeiter von En Masse haben mitgehen lassen. Das Meiste davon lässt sich unter einem Oberbegriff zusammenfassen: Ideen.

Lineage 3 ist tot. Es lebe TERA!

Keine materiellen Güter, sondern geistiges Eigentum ist es also, um das sich NCsoft hier geprellt sieht und das immer wieder im Zusammenhang mit einem Titel genannt wird: Lineage 3. An diesem Spiel arbeiteten die Jungs nämlich, als es bei NCsoft zum großen Streit kam und ein beachtlicher Teil der Belegschaft quasi über Nacht ausschied.

Was genau damals geschah, legt NCsoft in der Klageschrift dar. Konkret wird Yong-Hyun Park, damals Chefentwickler von Lineage 3, bezichtigt, 48 der 100 Mitarbeiter während der Arbeitszeit in den Räumlichkeiten von NCsoft abgeworben zu haben. Wie es dazu kommen konnte, dass beinahe die Hälfte der Belegschaft bereit war, dem Chef zu folgen und ein sicheres Arbeitsverhältnis gegen eine ungewisse Zukunft einzutauschen, erklärt NCsoft allerdings nicht.

Die daraus resultierende personelle Lücke bei NCsoft soll dann dafür gesorgt haben, dass die Arbeiten an Lineage 3 letztlich eingestellt werden mussten. Umso frustrierender für den ehemaligen Arbeitgeber zu sehen, dass die Ausgeschiedenen einfach unter eigener Flagge weitermachten und es am Ende sogar schafften, ein Spiel namens TERA herauszubringen.

Wem gehört die gute Idee?

Das konnte, glaubt man im Hause NCsoft, nicht mit rechten Dingen zugehen und nur deswegen gelingen, weil man sich des eben schon erwähnten geistigen Eigentums bemächtigt hatte. Ideen und Pläne, die einst für Lineage 3 entwickelt und somit von NCsoft bezahlt worden waren, gehören rein rechtlich ja auch nicht dem, der sie ausgearbeitet hat, sondern dem Auftraggeber.

Und so sind auch die Beweise für den Diebstahl, die NCsoft gegen Bluehole ins Spiel bringt, vorwiegend theoretischer Natur und dürften dem Richter, sofern er nicht selber MMOs zockt, einige Kopfzerbrechen bereiten. Bluehole wird konkret vorgeworfen, die Planung, das Konzept und die Features aus Lineage 3 gestohlen zu haben.

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Sieht schon irgendwie ähnlich aus. Spannend.
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Vorsicht Blizzard - virtuelle Pelzwesen gehören NCsoft!

Beweisen sollen das vor allem der Klageschrift beigefügte Bilder, auf denen Artworks beider Titel verglichen werden - leider wegen der äußerst schlechten Qualität nur schwer zu erkennen. TERA habe, so heißt es dort, eine kleine, rundliche und flauschige tierartige Rasse kopiert, die für L3 entworfen wurde. Auch seien die Elin aus TERA der bis dato unbenannten kindlichen Feenheldin bemerkenswert ähnlich, die für Lineage 3 entworfen worden war.

Ebenfalls übernommen habe man die Pläne zur Nutzung der Unreal-Engine, die Idee einer virtuellen Welt, großer Monster und Hauptstädte. NCsoft schreckt bei den Ausführungen nicht einmal davor zurück, auf Beiträge von TERA-Fans in den Foren zu verweisen, die sich über Ähnlichkeiten freuen, die der Titel ihrer Ansicht nach zu dem geliebten Lineage 2 aufweist.

Und spätestens an dieser Stelle ist mir, bei aller gebotenen juristischen und journalistischen Neutralität, die Hutschnur geplatzt. Was fällt NCsoft eigentlich ein, die Beiträge von Fans als angebliche Beweismittel gegen einen unliebsamen Konkurrenten zu missbrauchen? Nicht nur entbehrt das jeglicher juristischer Grundlage - es ist auch an Respektlosigkeit gegenüber der Spielerschaft kaum zu überbieten.

Gut geklaut ist nicht mal halb entwickelt

Wenn man es nicht schafft, die Hälfte seiner Belegschaft so gut zu behandeln, dass sie dem Unternehmen treu zur Seite stehen, muss man sich nicht wundern, wenn ein laufendes Projekt baden geht. Dass es die “Konspiratoren” dann auch noch schaffen, auf eigene Faust ein Spiel zu vollenden, unterstreicht letztlich nur, wer die eigentliche Arbeit geleistet hat. Diebe wären dazu kaum in der Lage gewesen.

Hätte NCsoft Lineage 3 vollendet, hätte man es im Nachhinein mit TERA vergleichen dürfen und notfalls auch fordern, dass gewisse Inhalte verändert werden müssen. Doch NCsoft hat die Entwicklungsarbeiten komplett eingestellt und damit unfreiwillig eingestanden, wie unfähig man ohne Yong-Hyun Park ist. Dass man fünf Jahre später dann fordert, dass TERA ebenfalls eingestellt wird, dürfte kaum dazu beitragen, den angekratzten Ruf von NCsoft wiederherzustellen.

Eine Klage, zwei Verlierer?

Im Gegenteil - wer die Klageschrift studiert, wird das Gefühl nicht los, dass die Autoren fürchterliche Angst vor dem hausgemachten Konkurrenten haben. Und statt diese Angst als Ansporn für eigene Höhenflüge zu nutzen, verhält man sich wie ein bockiger Grundschüler, der bei der Lehrerin petzt, dass der böse Sitznachbar die einzigartige Idee geklaut hat, zum Thema Winterlandschaft einen Schneemann zu malen.

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Wie auch immer das US-Gericht entscheidet - NCsoft ist in diesem selbst initiierten Prozess der Verlierer. Wird die Klage abgeschmettert, zementiert man den weiteren Weg von En Masse als die “bessere Hälfte von NCsoft” erst recht. Kommt NCsoft mit der Klage durch, wird TERA eingestellt und man darf sich sicher sein, dass Millionen von Spielern aus aller Welt nie wieder einen Titel von NCsoft anrühren werden.

Ganz besonders skurril erscheint der gesamte Vorgang übrigens, wenn man die Situation in Europa betrachtet. Hier ist nicht En Masse offizieller Publisher von TERA, sondern Frogster in Berlin. Bekannt ist das schon seit einer halben Ewigkeit. Umso seltsamer erscheint es, dass NCsoft jüngst ausgerechnet Frogsters Mutterunternehmen Gameforge damit beauftragte, Aion in Europa zu publishen. Aion und TERA werden also, wenn alles läuft wie geplant,  unter einem Publisher erscheinen.

So viele Ideen, so wenig Zeit

Ich für meinen Teil setze nach wie vor gewisse Hoffnungen in TERA und mir ist es reichlich egal, wer von wem irgendwelche schwammigen Ideen übernommen hat. Seit diese Branche existiert, wird geklaut, was das Zeug hält. Das war nie ein Problem und sollte nie eines werden. Wenn Publisher jetzt damit anfangen, pure Ideen schützen zu wollen, bremsen die damit das Genre weiter aus und entziehen sich langfristig ihre eigene Geschäftsgrundlage.

Ein MMOG entwickelt man nicht mal eben so, weil man eine Idee von Pelztieren oder großen Monstern hat. Auch ein politisches System ist nicht mal eben so eingebaut - es muss weiterentwickelt, austariert und getestet werden, damit es funktioniert. Bekannte Autoren bekommen oft Angebote von Lesern, die Ideen verkaufen wollen. Doch alle kreativen Branchen haben etwas gemein: Es mangelt niemals an Ideen - es fehlt nur meist die Zeit und das handwerkliche Geschick, sie alle umzusetzen.

Ausblick

So in etwa geht es auch mit dieser MMO-Kolumne und immer dann, wenn man vorab das Thema der nächsten Ausgabe ankündigt, schiebt sich ein anderes, aktuelleres dazwischen. Und so werde ich euch diesmal lieber nicht verraten, dass wir uns in der nächsten Ausgabe mal etwas genauer anschauen wollen, welche Pläne die großen MMO-Entwickler derzeit so verfolgen, um das Endgame mit innovativen PvP-Inhalten aufzupeppen. Bleibt tapfer – ihr wisst ja, was gespielt wird.