Einige Leser haben es bereits festgestellt: Das MMOG-Genre scheint in einer seltsamen Starre gefangen zu sein und derzeit ist nichts so, wie es einmal war. Das Angebot nicht, die Nachfrage nicht, die Entwickler nicht und auch nicht diese Kolumne, denn die ist und war schon immer ein Spiegelbild des Genres - ob uns das nun gefällt oder nicht.

Erntedank fällt aus - Dürrezeit hält an

Wo sich früher die Nachrichten stapelten und eine Enthüllung die andere jagte, herrscht heute erschreckende Stille. Immer mehr Welten werden still und heimlich abgeschaltet, andere dümpeln mehr schlecht als recht auf Sparflamme vor sich hin und hoffen darauf, mit dem einen oder anderen Erntedank-Event ein paar Veteranen zum Einloggen zu bewegen.

Wo man sich früher auf einen ganzen Haufen neuer Titel freuen konnte, wartet der Fan klassischer Online-Fantasy - also von Elfen, Magie und dergleichen - heute vielleicht noch auf The Elder Scrolls Online - allerdings mit aller gebotenen Zurückhaltung, denn mit den Enthüllungen der letzten Monate scheint mittlerweile sicher, dass ESO eher ein kleiner Online-Snack für zwischendurch wird als eine vollwertige MMO-Mahlzeit.

WildStar - mit Cowboyhut und Blaster

Und dann wäre da noch WildStar - ein Spiel, das augenscheinlich für WoW-Spieler konzipiert wird, dessen Welt jedoch weniger mit Fantasy zu tun hat, sondern eher mit schräger Wildwest-Sci-Fi. Das kommt in den USA traditionell prima an - gleichzeitig fühlen sich jedoch viele europäische Spieler von diesem Setting abgeschreckt und auch in Asien scheint die Spielerschaft bislang wenig Interesse an dem Titel zu entwickeln.

Solche Bedenken scheint man bei den Carbine Studios allerdings nicht zu haben. Ohnehin wäre es längst zu spät, die Welt jetzt noch komplett neu zu konzeptionieren. Also macht man sich lieber daran, die spielerischen Vorzüge anzupreisen - aktuell die serverübergreifenden Spieloptionen, die auf den ersten Blick eine tolle Sache sind.

Und wo spielst du?

Unabhängig vom Heimatserver werden Spieler nämlich die Möglichkeit bekommen, mit Freunden zu chatten, Instanzen zu besuchen oder bei der Gruppensuche auf den kompletten Spielerpool zuzugreifen. Doch in dieser guten Nachricht steckt auch eine schlechte - eine sehr schlechte sogar: Die gemeinsamen Ausflüge sind strikt auf Instanzen beschränkt - den Rest der Welt kann man nicht gemeinsam bereisen. Nicht einmal Items lassen sich mit Freunden handeln, die auf anderen Servern zu Hause sind.

Technologisch hinkt WildStar damit den Ansprüchen der Community hinterher. Die fordert nämlich schon lange, dass die Serverschranken komplett fallen und Onlinecluster endlich zu Welten werden, damit die Erlebnisse in der virtuellen Welt auch wieder etwas mehr Bedeutung bekommen. Wenn ein Spiel ohnehin durchinstanziert ist, ist der Eine-Welt-Server auch technisch keine sonderlich komplizierte Sache mehr und sollte bei der Entwicklung oberste Priorität haben. The Elder Scrolls Online macht das deutlich besser.

Wiped! - Die MMO-Woche - Herbstzeit

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Physiker Freeman Dyson gilt zwar als Erfinder der Sphäre - auf die Idee gebracht hat ihn jedoch der Science-Fiction-Roman “Star Maker”.
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Star Trek Online - einer für alle

Auch Cryptic setzt seit jeher auf instanzierte Spiele und mit den Möglichkeiten, die sich im Rahmen eines einzigen Servers so eröffnen. Für das immer noch recht erfolgreiche Free-To-Play-MMOG Neverwinter hat man einen solchen gerade in Vorbereitung und will in Kürze die Details dazu veröffentlichen. Dass man bei Cryptic über das technische Know-how verfügt, steht außer Frage, denn in Star Trek Online wird die mittlerweile doch recht umfangreiche Milchstraße ebenfalls über einen einzigen Server betrieben.

Und nicht nur die Milchstraße ist umfangreich, sondern auch die Bauvorhaben der Architekten von Cryptic, die sich nun ausgerechnet einem der schwierigsten Projekte der Raumfahrt verschrieben haben - der Verwirklichung einer Dyson-Sphäre. Im Fall von Star Trek ist das ein künstlicher Hohlkörper mit dem Radius von 1 AE - was der Entfernung der Erde zur Sonne entspricht.

Gigantismus pur

In der Mitte einer Dyson-Sphäre befindet sich für gewöhnlich eine Sonne als Quell nahezu unendlicher Energie - weil durch die Einkapselung ja keine mehr ins All abgestrahlt würde. Allein die Oberfläche der Sphären-Innenseite entspräche etwa 550 Millionen Erden - genug Platz für selbst die expansionsfreudigsten Lebensformen wie den Menschen - die Möglichkeit zur Erzeugung künstlicher Schwerkraft einmal vorausgesetzt.

Obwohl sich Cryptic damit nicht herumschlagen muss und die Dyson-Sphäre im Spiel sicherlich auch einfacher zu verwirklichen sein wird als da draußen im echten Universum, sind derzeit nicht nur die Fans aus dem Häuschen, sondern auch Liebhaber von Astrophysik und opulenter Science Fiction, die sich urplötzlich auch für Star Trek Online interessieren. Ein Anflug von Größenwahn, so scheint es, schadet Entwicklern virtueller Welten also nicht.

Star Wars: The Old Republic - “Bin fast da…”

Wobei der Größenwahn, dem BioWare zur Entwicklungszeit von Star Wars: The Old Republic anheimgefallen ist, leider in die falsche Richtung ausgeschlagen ist. Statt jede einzelne Klasse mit einer individuellen Story auszustatten und das alles auch noch komplett zu vertonen, hätte man mehr Wert auf spielerische Elemente legen und zum Beispiel den “Raumkampf auf Schienen” zu einem echten werden lassen sollen.

Star Wars: The Old Republic - Galaktisch cooler Trailer zum neuen SWTOR-Addon2 weitere Videos

Doch wer ein MMOG im stillen Kämmerlein entwickelt, kann nicht wissen, was die Spieler wollen und so verfährt das gerade erst personell neu sortierte Studio nach dem Motto “besser spät als nie” und bringt im Dezember immerhin schon mal eine Freiflug-Arena für 24 Kombattanten ins Spiel, das im aktuellen Video zwar nicht die beste, jedoch auch keine ganz schlechte Figur macht und mit Sicherheit für einen spürbaren Anstieg der Spielerzahlen sorgen wird.

Star Citizen - reißt mehr als nur ein Genre mit

Schuld daran ist, das hätte man sich bei Electronic Arts wohl früher nicht träumen lassen, vor allem ein Mann: Chris Roberts. Der hat mit seinem ebenso inoffiziellen wie mehrspielertauglichen Nachfolger zu Wing Commander und Privateer einen solchen Wirbel ausgelöst, dass er selbst mittlerweile 21,6 Millionen Dollar für das Spiel eingesammelt hat, das noch mindestens ein Jahr von seiner Veröffentlichung entfernt ist.

Doch damit nicht genug. Weil sich die Fans schon jetzt ordentlich organisiert haben, profitiert in diesen Tagen nicht nur Roberts von dem Arbeitseifer der Community, indem er sie Schiffe entwerfen lässt und dafür eine Belohnung von insgesamt 30.000 Dollar Prämie dafür auslobt - es profitiert auch jeder andere Titel, der in Richtung Weltraum-Simulation geht.

X Rebirth - kommt genau zur rechten Zeit

David Brabens Elite: Dangerous findet beispielsweise täglich neue Unterstützer und selbst ein Spiel, bei dem es sich zwar nicht um ein MMOG handelt, das jedoch eine Sandbox zu simulieren verspricht, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: X Rebirth. Das hätte eigentlich schon im vergangenen Jahr erscheinen sollen, wurde dann jedoch von Egosoft immer wieder verschoben. Zum Glück, wie sich jetzt herausstellt.

Nachdem nämlich einzelne Fans im offiziellen Forum von Star Citizen auf die überaus komplexen Titel der X-Reihe hingewiesen hatten, scheint sich plötzlich die komplette Fangemeinde von Roberts für den Offline-Titel aus deutschen Landen zu interessieren und es ist absehbar, dass sich das Spiel, das nun endgültig am 15. November in einer normalen Verkaufsversion und einer gerade angekündigten Collector’s Edition erscheinen wird, verkaufen wird wie geschnitten Brot.

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Die große Vision

Und das ist gut so, denn wenn Bernd Lehahn tatsächlich all die versprochenen Funktionen in seine virtuelle Galaxis packen kann, dürfte X Rebirth den Fans von Star Citizen und Elite: Dangerous nicht nur die Wartezeit versüßen - er wird auch den Entwicklern beider Titel jede Menge Ideen liefern, die unbedingt in eine Weltraum-Sandbox gehören. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft - zumindest in dieser Branche.

Und wer weiß, vielleicht schafft Egosoft eines Tages ja doch noch den großen Sprung und entwickelt eine MMOG-Variante von X - vielleicht auch in Kooperation mit einem Studio, das sich derweil um die planetaren Abenteuer kümmert, um schließlich beide Module zu einer gigantischen Onlinewelt zu verbinden und CCP und deren großer Vision damit zuvorzukommen.

Zeit für ein echtes MMOG mit dem Siegel “made in Germany” wäre es auf jeden Fall mal. Doch solange das Internet und damit auch die anhängige Industrie von hiesigen Politikern als Neuland angesehen werden und Unternehmen wenig bis keine Unterstützung erfahren, wird aus diesem Traum wohl so bald nichts werden.