Das MMO-Genre boomt nicht nur, es wuchert. Längst hat es sich aus seiner Nische befreit und ist zu einem undurchsichtigen Dschungel geworden. Selbst Profis steigen mittlerweile nicht mehr durch und behalten kaum mehr als einen einzigen Titel im Auge. Die Folge: Sie mutieren zu Fanboys. Doch Wiped schlägt einmal mehr eine Schneise ins Genre-Dickicht, um den armen Seelen die Augen zu öffnen.

Wenn es um sein Lieblings-MMO geht, kennt Otto Normalfanboy keinen Spaß. Warum auch - immerhin ist es das beste, das einzige und wahre Spiel, gegen das kein anderes eine Chance hat oder haben wird. Es ist auch durchaus verständlich, dass er so denkt, immerhin tobt er seit Monaten durch diese Welt, hat viel Geld in sie investiert, mehrere Charaktere hochgezogen und sogar Gleichgesinnte gefunden, die er gerne mal als Freunde bezeichnet.

Erst wenn der letzte Boss geschlagen...

Wo käme er also hin, würde er jetzt einfach so zulassen, dass andere diese Welt und seine virtuelle Existenz dadurch entwerten, dass sie einfach so eine anderes Spiel anpreisen? Lieber geht Otto Normalfanboy zum Angriff über und teilt den Blasphemikern auf allen verfügbaren Plattformen mit deutlichen Worten mit, was er von derlei ketzerischen Ansichten hält.

Dass Otto Normalfanboy dabei kaum mehr als eine Handvoll Titel angetestet und die meisten anderen Spiele gekonnt ignoriert hat, interessiert ihn wenig. Man muss ja auch nicht nach Sibirien reisen um zu wissen, dass es daheim am schönsten ist. Und so bleibt man einfach, wo man ist, bis auch das letzte Mount gesammelt, der letzte Boss geschlagen und der letzte Titel freigeschaltet wurde - bis man schließlich merkt, wie einsam es um einen herum geworden ist.

Das Ziel fest im Blick

Dann wird es höchste Zeit, sich möglichst schnell nach einem neuen Titel umzusehen - nach einem, der es wert ist, der beste und einzige zu werden und den man bis aufs Blut gegen schädliche Einflüsse durch konkurrierende Welten und deren fanatische Anhängerschaft verteidigen kann. Das Problem nur - welches ist der geeignete Titel?

Genau diese Frage stellt sich mancher Fan seit Jahren, andere seit Monaten oder Wochen. Doch nie zuvor war die Zahl der Umorientierer so groß wie in diesen Tagen. Aus allen Spielen scheinen sie derzeit zu strömen, um sich neu zu formieren und auf das kommende Paradies vorzubereiten. Das ist zwar noch nicht ganz fertig, doch wohin die Reise gehen soll, steht dennoch fest.

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Vorsicht, Fanboys!

Das führt besonders in größeren Gilden derzeit zu einigen Streitereien, denn eine Fraktion scheint ganz besonders unversöhnlich zu sein, wenn es um die designierte Welt der Zukunft geht. Die Anhänger von Guild Wars 2 sind es, die sich anschicken, der alten WoW-Fanboy-Riege in ihrer Radikalität den Rang abzulaufen - und das schon Monate vor Release.

Wer sich in größeren Multigaming-Gilden erdreistet, ein Team für TERA oder gar The Secret World zusammenzustellen, muss mit gnadenlosen Attacken aus dem Lager der GW-Jünger rechnen. Die Argumentation nimmt dabei bisweilen schon äußerst bedenkliche Formen an. Guild Wars 2, so hört man nicht selten, sei das letzte MMOg und es gebe überhaupt keinen Grund, vorher eine andere Welt auch nur zu testen.

Einem geschenkten Gaul...

ArenaNet werde mit Guild Wars 2, so erklärte mir jüngst ein hartgesottener Fan, das Genre an sich vernichten und alle anderen Publisher in den Konkurs treiben. Die seien nämlich, so der Anhänger weiter, allesamt Abzocker, die ihre Spieler entweder mit Monatsgebühren oder Mikrotransaktionen die Scheine aus der Tasche zögen, während ArenaNet doch tatsächlich bereit sei, alles zu verschenken. Hallelujah!

Und wenngleich man einem geschenkten Gaul ohnehin nicht ins Maul schauen würde, so könnte man das bei Guild Wars 2 durchaus tun, denn das Spiel würde jedem Vergleich standhalten, wie er neulich erst in einem Artikel gelesen habe. Ich bereue noch heute, dass ich mir die Frage nach dem Link nicht verkneifen konnte, denn der führte direkt - das Schicksal ist bisweilen gnadenlos - zu einem Artikel, den ich selbst verfasst hatte.

Kein Risiko für ArenaNet

Habe ich das angerichtet? Bin ich also letztlich für die verquere Weltsicht dieses armen Irren verantwortlich? Zugegeben, das Wochenende in Guild Wars 2 hat wirklich großen Spaß gemacht und im ersten Moment staunt man durchaus, dass der Publisher keine Monatsgebühren für das qualitativ hochwertige Spiel verlangt. Doch muss man das überhaupt und ist man besonders kundenfreundlich, wenn man es nicht tut?

Wiped! - Die MMO-Woche - Haters gonna hate, lovers gonna love

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Guild Wars 2, der neue Wildstar am MMO-Himmel?
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Rechnen wir mal ein wenig mit: Angesichts des enormen Hype vorab ist absehbar, dass Guild Wars 2 einen neuen Rekord aufstellen wird, was die Verkaufszahlen betrifft. Drei Millionen verkaufte Exemplare sind zum Start anzunehmen, ist durchaus realistisch - bei einem Verkaufspreis von 60 Dollar spielt man damit etwa 180 Millionen Dollar ein - mehr als jedes andere MMO bisher zum Release eingespielt hat.

Nicht umsonst, aber auch längst nicht kostenlos

Selbst nach Abzug von Steuern und Anteil für den Händler bleiben gut 100 Millionen Dollar übrig, die direkt in die Kassen von ArenaNet gespült werden. Damit ist nicht nur die Investition eingespielt, sondern auch der Betrieb des Onlinespiels ist für die nächsten zehn Jahre gesichert. Prima Sache - selbst wenn es dabei bliebe.

Doch was die Fans von Guild Wars gerne außer acht lassen sind die regelmäßigen Erweiterungen, die es auch für den zweiten Teil geben wird und mit denen man sicherlich im Abstand von etwa acht Monaten rechnen darf. Dass man die Zugaben teuer erstehen muss, steht außer Frage, denn niemand möchte gern alleine durch den alten Content pflügen, während seine virtuellen Freunde schon durch neue Lande turnen.

Weniger ist manchmal mehr

Rechnet man diese regelmäßigen Updates mit ein, kommen auf den Spieler von Guild Wars 2 immerhin knapp zehn Dollar monatliche Kosten zu - etwas weniger zwar als bei herkömmlichen Titeln, doch kostenlos ist das keineswegs. Mit jeder veröffentlichten Erweiterung wird das “MMO ohne Abo” neue, fette Gewinne einfahren, mit denen sich ein komplett neues MMO entwickeln ließe.

Ein durchaus cleverer Schachzug, bedenkt man, dass Rift als ebenfalls qualitativ ordentlicher Abo-Titel etwa ein Jahr brauchte, um 100 Millionen Dollar Umsatz zu generieren - ein Betrag, den ArenaNet schon am Release-Tag auf dem Konto haben wird. Und während man bei Trion vergeblich darauf warten dürfte, dass die Abo-Zahlen irgendwann wieder steigen, freut sich der Fan von Guild Wars 2 kurz nach Release schon darauf, sein Geld in die die erste Erweiterung stecken zu dürfen.

Und so ist es letztlich nicht mehr als ein psychologischer Kniff, den ArenaNet da anwendet. Und der hat, wie bei jedem Unternehmen, nur einen einzigen Zweck: Gewinnmaximierung. Umso besser, wenn man dazu noch einen Hype nutzen und als von den Fans gefeiertes, altruistisches Unternehmen über den gesamten Abzockern der Branche stehen kann.

TERA - gut geplant ist halb gewonnen

Doch obwohl ich selbst durchaus einen Narren an Guild Wars 2 gefressen habe, glaube ich nicht, dass es darauf ausgerichtet ist, rund um die Uhr gespielt zu werden. Gerade weil man dem Spielern nicht die Abo-Fessel anlegt, ist er nicht unter Druck und möglicherweise eher geneigt, es recht gemütlich angehen zu lassen und sich nach Lust und Laune und nicht zwanghaft rund um die Uhr im Spiel zu zeigen.

Und so werde ich weiterhin nebenbei daran arbeiten, mich und meine Gilde für TERA zu rüsten. Das geht übrigens am kommenden Wochenende in die dritte Beta-Runde und erlaubt den Spielern erstmals den Aufstieg bis auf Level 32. Konkret bedeutet das vor allem eines: es werden vermehrt Köpfe rollen und so langsam kommen wir auch in jene Bereiche, in denen man durchaus schon darüber nachdenkt, wie sich der Gildenchef zum Server-König machen lässt - für eine Gruppe von ehrgeizigen Spielern eine herausragende Möglichkeit in einem Online-Spiel - wenn sie wie geplant funktioniert.

Star Wars: The Old Republic - Pessimismus angebracht?

Dass Dinge, die in der Theorie gut klingen, in der Praxis oft überhaupt nicht funktionieren, weiß der Gaming-Veteran aus Erfahrung. Und genau die scheint so vielen Entwicklern zu fehlen, dass man als Kritiker am liebsten an gar nichts mehr glauben möchte, das man nicht selbst gespielt hat. Diesen schon fast zwanghaften Pessimismus konnten auch die promovierten Mediziner von BioWare nicht heilen.

Im Gegenteil - blickt man heute mal auf all die Versprechen und Ankündigungen zurück, die zur PvP-Welt Ilum gemacht wurden, kann man sich nur verwundert die Augen reiben. Wirklich funktioniert hat der Krieg auf Ilum für keine Seite - dafür war das Kräfteverhältnis zu unausgewogen und das Design schlicht nicht alltagstauglich. Mittlerweile hat man die täglichen Ilum-Abschüsse mit den Kriegsgebieten kombiniert und den Planeten damit quasi aus dem Spiel herausgenommen.  

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April, April

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt und umso sehnsüchtiger warten die verbliebenen SWTOR-Fans jetzt auf das nächste große Update im April. Dann endlich will BioWare das Legacy-System ins Spiel bringen, das bisher nur rudimentär vorhanden ist und mit dem sich, durch die Verknüpfung sämtlicher Charaktere, die der Spieler im Laufe der Zeit so gebastelt hat, Vorteile freischalten lassen.

Doch trotz aller Story - nicht jeder kann sich damit anfreunden, mehrere Charaktere nach oben zu bringen und vielleicht wäre es ratsamer gewesen, Ilum eine neue Bedeutung zu verleihen, statt es vorerst aus dem Spiel zu nehmen. Immerhin - neben vielen kleineren Verbesserungen, einem Flaspoint und einer Operation beschert uns BioWare auch ein neues, Rollenspieler mögen es verzeihen, fraktionsübergreifendes Kriegsgebiet.

Ausblick

Somit bleibt die Alte Republik, trotz aller Kritik, immerhin eines jener Spiele, die ich weiterhin aktiv beobachte und die auch nicht so schnell von meiner Festplatte verschwinden werden. Einige andere Titel werden dieses Glück allerdings nicht haben und spätestens beim anstehenden Frühjahrsputz im ewigen Daten-Nirwana verschwinden. Warum diese Welten tatsächlich 2012 untergehen und womit sich die Lücken am besten füllen lassen, soll dann Thema einer der nächsten Ausgaben von Wiped! sein. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.