Da in den vergangenen Ausgaben ganz spezielle Titel im Vordergrund standen und die Branche nicht stillsteht, stapeln sich so langsam die Themen auf unserem Schreibtisch. Krempeln wir also die Ärmel hoch und wühlen uns einmal quer durch die wichtigsten MMO-Schlagzeilen der vergangenen Wochen, damit wir nicht den Überblick verlieren.

Und so sehr ich auch wühle - es kommen immer wieder Zettel zum Vorschein, auf denen es um die drei großen Titel der Saison geht: The Secret World, TERA und Guild Wars 2. Das ist verständlich, schließlich werden noch viele Stunden unseres Lebens in diesen Spielen verbringen. Warum? Nun, die Frage ist sogar recht einfach zu beantworten: weil sie im Endgame allesamt auf ein stimmiges PvP setzen.

Zufall oder Spionage?

Und gerade dieser Umstand mag so manchen Verschwörungstheoretiker auf den Plan rufen, denn alle drei Titel weisen in Bezug auf das groß angelegte PvP eine verblüffend ähnliche Mechanik auf. Überall kämpfen mehr als zwei Fraktionen auf einer eigenen Karte um die Vormachtstellung - bei The Secret World intern, bei TERA und Guild Wars 2 über die Servergrenzen hinweg.

Das verwundert vor allem deswegen, weil in den letzten Jahren kein einziges Studio auf die Idee gekommen ist, das Endgame in weiten Teilen auf PvP auszurichten. Und die Sorge schien durchaus berechtigt. Zu groß ist die Scheu der MMO-Massen vor dem Konflikt am Feierabend, zu schlecht die Erfahrung mit dem PvP in anderen MMOs.

Die Renaissance des PvP

Und gerade deswegen ist der Mut der drei Studios zu begrüßen. Gutes PvP ist der Schlüssel zum langfristigen Erfolg. Allein DotA und seine Ableger zählen zusammen mittlerweile über 20 Millionen Spieler - die meisten davon würden auch ein MMO spielen, wenn das PvP darin ähnlich spannend und abwechslungsreich wäre. Und genau diese Abwechslung erwartet uns in absehbarer Zeit gleich dreifach.

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Ja, alle drei Studios haben die gleiche Idee kopiert - doch diesmal ist es ausnahmsweise mal die richtige. Dark Age of Camelot ist für viele Spieler der Inbegriff von ausgewogenem PvP und in den drei genannten Titeln erwacht der Geist dieses altehrwürdigen Titels zu neuem Leben. So manchen militanten PvE-Liebhaber wird das eher ärgern als freuen, muss er doch fürchten, diesmal zu kurz zu kommen.

Konkurrenz belebt das Geschäft - und den Spielspaß

Doch nachdem ich die Möglichkeit hatte, das Welten-PvP in Guild Wars 2 anzuspielen, kann ich sogar unsere friedliebenden Leserinnen und Leser beruhigen. Das riesige Kriegsgebiet ist derart gut durchdacht, dass sich wirklich jeder Spieler irgendwie beteiligen kann. Früher oder später wird auch der größte PvE-Fan einen Blick riskieren und nicht wenige werden ihren Gefallen daran finden, sobald sie einmal Blut geleckt haben.

Das Welten-PvP von Guild Wars 2 funktioniert schon jetzt außerordentlich gut und die Systeme von TERA und The Secret World werden sich daran messen lassen müssen. Das sorgt für ordentlich Wettbewerb, auch beim Rest der Branche. Die Entwickler künftiger Spiele werden jetzt nicht mehr umhin kommen, sich über ein entsprechendes Endgame Gedanken zu machen.

Denn Raids, Tagesquests und das Sammeln von Mounts verblassen als Beschäftigunstherapie schnell im Vergleich zu atemberaubenden Schlachten mit mehreren hundert Spielern. Ein Studio, das diese neue, alte Entwicklung verschläft, wird schnell ein böses Erwachen erleben und auch auch die vermeintlichen Erfolgstitel der letzten Jahre werden bald abgeschrieben sein, wenn im Sommer 2012 endlich eine neue MMO-Epoche eingeläutet wird.

Star Wars: The Old Republic - absurder Durchschnitt

Das wird auch an BioWares MMO-Erstlingswerk nicht spurlos vorübergehen. Und wenngleich man im Unternehmen angesichts der zwei Millionen verkauften Spiele gerade die Sektkorken knallen lässt, so bröckeln vielen Gilden langsam aber sicher die aktiven Mitglieder weg. Auch in den offiziellen Foren ist es ruhiger geworden, gab Firmenchef Greg Zeschuk jetzt zu, sieht den Grund aber allein darin, dass die Leute eben im Spiel seien und sich nicht in den Foren herumtrieben.

Überhaupt habe man das Spielverhalten jetzt mal genauer unter die Lupe genommen und festgestellt, dass die Sitzungen der Spieler mit durchschnittlich vier bis sechs Stunden “absurd” lange andauerten. Jeder halbwegs begeisterte MMOG-Spieler fragt sich an dieser Stelle sicher, welche Stundenzahl Zeschuk denn als normal ansehen würde. Wobei - auch ich habe bei meinen Sitzungen meist vier bis sechs Stunden in der Alten Republik verbracht, liege also bequem im “absurden” Durchschnitt.

Kein Geschäft mit den ganz Harten

Diesen Wert allerdings als Indiz für allzu großen Spielspaß anzusehen, halte ich für gefährlich, bedenkt man, dass ich am vergangenen Wochenende rund 36 schlaflose Stunden am Stück im Welten-PvP von Guild Wars 2 verbracht habe - gemeinsam mit einigen hartgesottenen Entwicklern von ArenaNet, die freiwillig über 40 Stunden auf dem Buckel hatten, obwohl ich mal annehmen darf, dass sie das Spiel schon kannten.

In Star Wars: The Old Republic hätte eine solche Sitzung locker gereicht, um die Hälfte des Inhalts zu sehen. Und statt sich über die Vielspieler zu wundern, sollte Zeschuk lieber mal dafür sorgen, dass die in seinem Spiel wieder etwas zu tun bekommen, denn mit Gelegenheitsspielern allein lassen sich die 200 Millionen Dollar Investition kaum einspielen.

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Trotz zwei Millionen Spieler brechen allmählich die Gilden weg.
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The Banner Saga - Abschied der Stoiker

Und nicht nur die Hardcore-Zocker laufen Zeschuk weg, auch im Studio von BioWare lichten sich die Reihen. Mit Arnie Jorgensen, Alex Thomas und John Watson haben sich der Lead Concept Artist der Senior Environment Artist und der Lead Combat Programmer gleichzeitig aus dem Unternehmen verabschiedet. BioWare kann also nicht länger behaupten, dass das komplette Team weiterhin an der Alten Republic arbeite.

Die drei Abtrünnigen versuchen ihr Glück übrigens auf eigene Faust. Sie gründeten jüngst ein Studio namens Stoic. Dass man dort allerdings nicht allzu stoisch zu Werke geht, beweist ein aktuelles Foto der neu bezogenen Räumlichkeiten. Kaum dass die Farbe an der Wand der frisch renovierten Garage getrocknet ist, hat man auch schon ein neues Spiel in der Entwicklung.

Das trägt den kreativen Namen The Banner Saga und soll eine Mischung aus Rollenspiel und rundenbasierter Strategie werden, “gepackt in eine Abenteuer-Mini-Serie über Wikinger”. Ansprechen will man damit vor allem erwachsene Spieler, die Kunst, Story und Strategie mögen. Na, dann drücken wir den drei Jungunternehmern mal die Daumen.

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Das neue Studio von Stoic - so ähnlich hat Bill Gates auch angefangen.
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Black Prophecy - Studio erneut insolvent

Und falls man bei Stoic noch ein paar brauchbare Techniker sucht, dann sollte man sich vielleicht mal in Hannover umschauen, denn die Reakktor Media GmbH hat einen Insolvenzantrag gestellt. Finanzielle Probleme hat man dort nicht zum ersten Mal - damals sprang gamigo ein und übernahm das Weltraum-Spiel Black Prophecy.

Das ist technisch zwar ausgezeichnet gemacht, spielerisch allerdings außerordentlich unvollständig. Umso mehr irritierte mich der aktuelle Aufruf von Firmchenchef Kirk Lenke, der auf der Suche nach einem Publisher oder Investor ist und verspricht, dass man mehrere Projekte in der Schublade habe und Projekte jeder Größenordnung stemmen könne.

Technik ist nicht alles

Doch genau daran habe ich meine Zweifel. Technisch mag man in Hannover zwar zu allerhand in der Lage sein, doch hat Reakktor, was das Game-Design betrifft, bislang immer komplett versagt und jedes Mal so viel Potential verschenkt, dass es beinahe schmerzt. Das Unternehmen wäre kaum in die missliche Lage geraten, wenn man in den vergangenen Jahren jemanden eingestellt hätte, der Black Prophecy ein ordentliches Spiel-Konzept verpasst.

Welche Hoffnungen hatten wir passionierten Weltraum-Piloten in dieses Spiel gelegt - vor allem nachdem Jumpgate Evolution ewig auf sich warten ließ. Und was wurde von Reakktor dann abgeliefert? Ein Spiel, das vom Missionsdesign bestenfalls auf dem Stand des ersten Wing Commanders rangierte und das die enormen Möglichkeiten wirklich komplett ungenutzt ließ.

Wenn man bei Reakktor also tatsächlich ein Interesse am eigenen Überleben hat, dann sollte man eben kein “Projekt jeder Größenordnung stemmen”. Vielmehr sollte man unbestrittene technische Know-How nutzen, es mit einem wirklich innovativen Spielkonzept paaren und dabei zur Abwechslung mal ein kleines, aber feines Spiel entwickeln, das einfach Spaß macht.

Diablo 3 – runter mit den Erwartungen

Doch so mag mancher Entwickler mag jetzt denken - dieser Presse-Hampel hat leicht reden. Woher soll man als kleines Studio den Spielspaß nehmen, wenn sogar schon den ganz mächtigen wie Blizzard die Ideen ausgehen? World of Warcraft krankt seit Jahren an chronischem Ideenmangel und muss in Folge einen erneuten Rückgang der Abo-Zahlen um 100.000 auf “nur” noch 10,2 Millionen Spieler hinnehmen - und das, obwohl man besonders treuen Abonnenten Diablo 3 gleich noch kostenlos obendrauf packt.

Diese Aktion war in den Augen der Kritiker ohnehin mehr als verdächtig. Entweder wollte Blizzard mit aller Gewalt verhindern, dass WoW unter die magische Grenze von 10 Millionen Spieler rutscht oder Diablo 3 eignet sich, sofern es denn je erscheint, allenfalls noch als besseres Werbegeschenk. Letzterer Ansicht scheint zumindest auch Blizzards Community Manager Bashiok zu sein.

Bashiok sitzt der Schalk im Nacken

Der ist nämlich in Sorge darüber, dass Diablo 3 die Erwartungen der Spieler nicht erfüllen könnte und fordert die Spieler auf, nicht länger darüber nachzudenken, wie großartig dieses Spiel sein könnte. Schon klar, das war natürlich ein Scherz. Ausgesprochen lustig, wirklich. Und wenngleich jeder Witz eine fiktive Geschichte mit humoristischem Wert ist, so steckt in diesem hier, wie so oft, doch auch ein Fünkchen Wahrheit.

Denn die Erwartungshaltung, die mancher Diablo-Fan an den Tag legt, nimmt langsam aber sicher pathologische Züge an. Wenn Diablo 3 erst auf dem Markt ist, werde alles anders, verkündet manch ein Jünger des Dämons. Dann würden Publisher pleite gehen weil man fortan nichts mehr anderes zocken würde als den wohl am heißesten ersehnten Games-Nachfolger aller Zeiten.

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Diablo 3: Runter mit den Erwartungen?
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Glückshormone drosseln

Und ganz ehrlich, müsste ich eine Community managen, die offensichtlich im Delirium liegt und derartiges Zeug faselt - ich hätte schon längst versucht, die Überproduktion von verfrühten Glückshormonen bei den Fans aus Sicherheitsgründen durch einen ähnlich gearteten Beitrag zu drosseln. Diablo 3 wird ganz sicher ein nettes Spiel, keine Frage. Doch an der grundsätzlichen Mechanik, da sind wir uns wohl einig wird sich nicht mehr viel ändern.

Und gesetzt den Fall, dass der durchschnittliche Spieler ein ähnlich “absurdes” Spielverhalten an den Tag legen wird wie bei SWTOR und er Diablo 3 jeweils vier bis sechs Stunden am Stück zockt - wie viele Tage wird der Hardcore-Zocker dann brauchen, bis er die Hölle so satt hat, dass sie ihm zu den Ohren wieder rauskommt?

Als der zweite Teil noch frisch war, verbrachten wir weit weniger Zeit mit unserem liebsten Hobby als heute. Deswegen täuscht uns unsere Erinnerung und wir glauben, wir hätten Jahre mit Diablo 2 verbracht. Auf unser heutiges Spielverhalten übertragen, sind es aber im besten Falle noch Wochen - und nicht viel länger wird uns auch von Diablo 3 beschäftigen - so weh das jetzt auch manchem Fan tun mag.

Age of Wulin - ich kann über Wasser gehen!

Doch was rede ich - Fan kommt schließlich vom lateinischen Wort Fanaticus und das steht für nichts anderes als für einen verrückten Menschen. Und verrückt sind wir Zocker irgendwie alle - jeder auf seine eigene Art und Weise und jeder nach ganz speziellen Spielen. Auch Chinesen bilden da keine Ausnahme, übertreffen den gemeinen Europäer bisweilen sogar noch im Verrücktsein. Umso schwieriger war es für chinesische Entwickler bislang, das westliche Spielerherz zu erobern.

Mit Age of Wulin könnte das jetzt allerdings gelingen, denn das Spiel übertrifft schon optisch die gewohnten Standards. Und obwohl er mit seinem eigenwilligen Kampfstil samt der Quinggong-Flugkunst eigentlich schon als Nischentitel innerhalb einer speziellen Nische bezeichnet werden muss, strahlt dieser Titel eine gewisse Faszination aus, der man sich nicht so recht zu entziehen vermag.

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In China hat Age of Wulin schon einen regelrechten Kultstatus erreicht, wie das offizielle Video der aktuellen Entwickler-Tournee durch sieben Städte des Landes beweist. Der Film zeigt zwar recht wenig vom Spiel selbst, gibt dafür aber einen wirklich interessanten Einblick in die chinesische MMO-Kultur und weckt auf ganz seltsame Art und Weise mein Interesse an Chinas potentiell ersten Top-MMO, das hierzulande hoffentlich bald und hoffentlich ordentlich von gPotato vermarktet wird.

Ausblick

Doch die Jungs von Snail Games müssen sich sputen, denn wenn das Release von Age of Wulin mit all den anderen großen Titeln zusammenfällt, wird es eng mit der Zeit. Überhaupt wird das Jahr 2012 für alle MMOG-Fans ein ganz besonders stressiges und wer wirklich alle guten Spiele mitnehmen möchte, sollte vorsorglich schon mal die Scheidung planen.

Gut, dass ich derlei Probleme nicht habe und, wie eine Freundin neulich so passend anmerkte, meine Spielsucht immer hinter der vielen Arbeit verstecken kann. Die hat mich, wie aufmerksame Leser natürlich längst mitbekommen haben, kürzlich ins verschneite Oslo geführt, wo ich natürlich mal wieder nichts Besseres zu tun hatte, als ausgiebig zu zocken.

Wie das so war und welche Zustände im Studio von Funcom so herrschen, darüber darf und werde ich euch im Laufe der kommenden Woche endlich berichten. Mit wiped! und einem weiteren Stapel von aktuellen Themen rund um die Welt der MMOs geht es dann wie gewohnt am kommenden Samstag weiter. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.