Wer sich regelmäßig im Internet bewegt, sollte unbedingt ein dickes Fell haben. Mittlerweile gilt das nicht nur für Politiker und Journalisten, sondern auch und insbesondere für Zocker. In den weltweiten Communitys herrscht nämlich ein bisweilen ausgesprochen rüder Umgangston. Offenbart man Schwächen, wird man schnell zum Opfer der selbsternannten Elite. Das gilt für Arena-Games ebenso wie für waschechte Sandbox-MMOs.

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“Idiot, noob, feeder. OMFG - go die. Uninstall the game and play Tetris!” Wer sich als Neueinsteiger an Spielen wie DotA, Heroes of Newerth oder League of Legends versucht, wird diese oder ähnliche Worte schon des öfteren im Chat gelesen haben. Es sind die typischen Worte, mit denen ein halbwegs erfahrener Spieler glaubt, seine Überlegenheit gegenüber einem unerfahrenen Spieler zum Ausdruck bringen zu müssen.

Das Team im Auge

Die Gründe für ein derart feindseliges Verhalten gegenüber Mitspielern sind vielfältig. In erster Linie ist es das Unverständnis darüber, dass es Leute gibt, die einen Titel, den man selber aus dem Effeff beherrscht, gerade zum ersten Mal spielen. Skurril ist das insbesondere dann, wenn dieser Spieler gerade erst wieder einen neuen Account angelegt hat, weil er bei gleichrangigen Gegnern kaum eine Schnitte hat.

Ebenfalls verantwortlich für emotionale Ausbrüche ist die verbreitete Unfähigkeit, Spielsituationen objektiv und realistisch einzuschätzen. Generell sind die anderen Spieler für das Scheitern des Teams verantwortlich. Manch ein Spieler entwickelt in dieser Hinsicht sogar ein gewisses Talent und beobachtet das Spielverhalten aller Teamkollegen bis ins kleinste Detail - spart sich allerdings selbst aus. Klar - man kann ja auch nicht auf alles achten.

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Idiot, noob, feeder. OMFG - go die!
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Die Schuld trifft nicht den Noob

Dabei sollte man eigentlich wissen, dass man bei Spielen, in denen zwei halbwegs ausgewogene Teams aufeinanderprallen, nicht jedes Match gewinnen kann und es bei einer Niederlage selten einen Schuldigen gibt - außer vielleicht jenem Übereifrigen, der sich und seine Kollegen das gesamte Spiel über durch wahre Hasstiraden vom Spielgeschehen ablenkt, statt zu versuchen, seine Erfahrung zu nutzen und die Neulinge dezent an- und einzuweisen, um die wenigen Chancen vielleicht doch noch gewinnbringend zu nutzen.

Und während derlei Zeitgenossen bei Themepark- oder Arena-Spielen “nur” ärgerlich sind und eine abschreckende Wirkung auf neue Spieler haben, entfaltet die dunkle Seite der Macht insbesondere in Sandbox-MMOs eine ganz besondere Dynamik. In Island, wo die Grenzen zwischen Ingame-Politik und realen Identitäten anlässlich des EVE Fanfest einmal im Jahr verschwimmen, wurde ich in diesem Jahr Zeuge einiger in dieser Hinsicht besonders interessanter Ereignisse.

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Hat nen Hut auf: The Mittani.
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EVE Online - Ein Wolf im Schafspelz

Schon seit vielen Jahre gehört Alexander "The Mittani" Gianturco zu jenen Spielern in EVE Online, die man nicht unbedingt zum Feind haben möchte. Im Spiel selbst verhalf er seit 2010 sich selbst und der berühmt-berüchtigten GoonSwarm Federation, deren Vorläufer-Corp einst von ihrem eigenen Direktor über Nacht zerlegt und geplündert wurde, zu neuer Macht. Er kämpfe dabei allerdings, so seine Kritiker nicht immer mit ganz fairen Mitteln und handle nicht selten ausgesprochen skrupellos.

Umso erstaunlicher, dass es ein als skruepellos bekannter Spieler nun schon zum zweiten Mal geschafft hat, mit diesmal über 10.000 Stimmen und einem deutlichen Vorsprung als Chairman in den Council of Stellar Management von EVE Online gewählt zu werden, wo er die Interessen der Spielerschaft gegenüber den Entwicklern vertreten soll. Dieses Amt könne nur jemand ausüben, der in der Lage sei, CCP auch tatsächlich für Fehler zu bestrafen, verkündete “The Mittani” im vorangegangenen Wahlkampf.

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Rede in Island führt zu Bann im Spiel

Und tatsächlich hat der Vorsitzende des Spielerrats in beudeutendem Maße dazu beigetragen, dass CCP sein altes Flaggschiff EVE Online nach den Sommer-Aufständen wieder auf Kurs bringen und die Spieler besänftigen konnte. So weit, so gut. Doch das Drama ist an dieser Stelle längst noch nicht zu Ende.

Vor wenigen Tagen sprach CCP erstmals in der Geschichte von EVE Online einen 30-Tage-Bann gegen “The Mittani” und damit gegen einen Vorsitzenden des Council of Stellar Management aus - und das nicht einmal wegen eines Fehlverhaltens in EVE Online. Entscheidend war vielmehr der Auftritt von Alexander Gianturco während eines Vortrags auf dem diesjährigen Fanfest in Island.

“Vollkommen unangemessen”

Dort hatte “The Mittani” seine Verantwortung als CSM-Mitglied offensichtlich vergessen und war in seine gewohnte Rolle als Anführer der GoonSwarm Federation gefallen. Augenscheinlich unter Alkoholeinfluss machte er dort den wirklichen Namen eines unliebsamen Gegners aus dem Spiel öffentlich, bezeichnete ihn als depressiv und ermutigte die Zuhörerschaft, in EVE Online Jagd auf diesen Spieler zu machen, um ihn so in den Selbstmord zu treiben.

Dieser Aufruf endete allerdings nicht wie geplant, sondern mit einem Aufschrei der Spielerschaft und damit, dass CCP wegen eines Verstoßes gegen die “Terms of Service” ermittelte und befand, dass die auch außerhalb des Spiels selber gelten können. Immerhin habe die Rede des Beschuldigten einen “vollkommen unangemessenen” Missbrauch der Veranstaltung dargestellt.

Mittlerweile hat auch “The Mittani” zu dem Vorfall Stellung genommen und erklärt: “Ich bin absolut beschämt [...] Es ist eine Sache, einen Bösewicht in einem Online Rollenspiel zu spielen, aber ich bin in Wahrheit kein solcher Character [...] Ich habe die Grenzen am Donnerstag weit, weit, weit überschritten.” Außerdem erklärte der Chef der GoonSwarm Federation seinen Rücktritt als Vorsitzender und Mitglied des CSM und bewies damit immerhin, dass er im Umgang mit sich selbst ähnlich konsequent ist wie im Umgang mit CCP.

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Frank Fischer auf dem EVE-Fanfest.
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Und die Moral von der Geschicht’?

Nun kann man sich durchaus darüber streiten, welche Verantwortung man gegenüber seinen Mitspielern hat. Insbesondere Welten wie New Eden, in denen die Politik virtueller Charaktere durchaus reale Formen annimmt, wären langweilig, wenn sich jeder nur nett und höflich benehmen würde.

Und doch dürfen wir nie vergessen, dass es Menschen sind, die hinter den Figuren im Spiel stecken. Ein Angriff auf die Person hinter dem virtuellen Charakter kann vollkommen unerwartete Effekte mit sich bringen und ist deswegen in jedem Fall zu unterlassen - sei es nun in einem politisch komplexen Sandbox-MMOG oder in einem kurzweiligen Arena-Game.

Von einem Selbstmord in der EVE Online Spielergemeinde ist uns bislang noch nichts bekannt und der einzige wirklich Geschädigte dürfte “The Mittani” sein. Und doch es hätte auch anders kommen können und die Lektion, die der ehemalige Vorsitzende des Council of Stellar Management gelernt hat, sollten auch wir uns hin und wieder in Erinnerung rufen, wenn uns ein anscheinend dummer oder unfähiger Mitspieler oder Gegner in Rage bringt.

TERA - die Macht des Wortes

Auch das mit Spannung erwartete koreanische MMOG TERA setzt in gewissem Maße auf die Konflikte zwischen Spielern. Immerhin wählen Spieler ihren bevorzugten Gildenchef zum Vanarch und eröffnen ihm und seinen Leuten so die Möglichkeit, die Geschehnisse auf dem Server nachhaltig zu beeinflussen. Neben der Möglichkeit, sich zum Vanarch wählen zu lassen, sollten eigentlich auch eine Reihe anderer Optionen zur Verfügung stehen, darunter die für das Genre typischen Schlachtfelder.

Auf die müssen die Fan nun doch allerdings doch noch eine Weile länger warten, wie Community Manager Raven jetzt aktuell einräumte. Man wolle die Schlachtfelder dann im Laufe des Sommers nachliefern und verspricht, dass sich die zusätzliche Wartezeit lohne. Vorerst entscheidet also doch die Macht des Wortes auf dem politischen Parkett über Sieg oder Niederlage im Spiel und nicht die Schärfe der Klinge.

Sag mir, woher du kommst, damit ich weiß, wie du spielst...!

Die Mehrheit der Spieler nimmt es vorerst gelassen und begrüßt die Entscheidung Frogsters, die PvP-Arenen erst in die politische Simulation einzufügen, wenn sie auch wirklich perfekt austariert wurden. Die Mechanik von TERA wird für die westliche Welt komplett überarbeitet, da Publisher und Hersteller davon ausgehen, dass man dort völlig anders ausgerichtete Erwartungen hat als in Asien.

Diese Ansicht allerdings ist nicht ganz unumstritten. Ein gutes Spiel ist im Westen ebenso gut wie in Asien und ein schlechtes macht allen Menschen gleichermaßen weniger Spaß. Die gravierenden Unterschiede in den Verkaufszahlen sind folglich nicht vornehmlich auf spieltechnische Besonderheiten zurückzuführen, sondern hängen damit zusammen, dass westliche Unternehmen Probleme damit haben, ihr Marketing für den asiatischen Markt anzupassen - und umgekehrt.

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TERA wird für den westlichen Markt massiv verändert.
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Sony Online Entertainment - Europa abgeschrieben

Umso offensichtlicher wird das, wenn man einen Blick auf Unternehmen wie Sony Online Entertainment wirft. Obwohl es sich um ein westliches Unternehmen handelt, konnte SOE keine nachhaltigen Erfolge auf dem europäischen Kontinent verbuchen. Vorrangig lag das an fehlender Werbung, an schlechten oder nicht vorhandenen Lokalisierungen und daran, dass man die Community in den einzelnen Sprachregionen komplett sich selbst überließ.

Bewusst wurde mir das, als ich 2009 das SOE Fan Faire in Las Vegas besuchte, wo mir ein paar einzelne, aus Europa angereiste Fans ihr Leid klagten. Zu den vergangenen beiden Veranstaltungen wurden dann nicht einmal mehr Vertreter der europäische Presse eingeladen. Man hat, so scheint es, Europa als Kundenkreis mittlerweile komplett abgeschrieben.

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Auf dem europäischen Markt war SOE kein Glück beschieden.
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Vanguard wird free to play

Überhaupt hat sich mit der Ausrichtung von SOE auf free to play auch die Kundschaft des Publishers in den letzten Jahren gewandelt. Von den ehemals eingefleischten Fans, die SOE in jeder Hinsicht die Treue hielten, sind nur noch wenige geblieben. Ersetzt wurden sie durch die Masse von eher uninteressierten free-to-play-Gelegenheitsspielern.

Und jetzt, wo auch Vanguard bald auf Mikrotransaktionen umgestellt wird, scheint SOE erstmals zu bemerken, dass etwas nicht stimmt, denn der Zuspruch, den das halboffene Betriebsfest verzeichnet, schwindet von Jahr zu Jahr. Die Ankündigung, dass es kein Fan Faire mehr geben wird, kommt also kaum überraschend.

Doch die Veranstaltung wird nicht ersatzlos gestrichen. Sie soll vielmehr verändert und auf die neuen Bedürfnisse angepasst werden. Dafür bekommt sie ab sofort ein neues Logo und den Namen SOE Live verpasst. Ob man damit allerdings wirklich punkten kann, wird sich im Oktober zeigen, wenn SOE dann hoffentlich auch endlich das fertige PlanetSide 2 vorführt, als einzigen Hoffnungsträger, der dem Unternehmen nach all den Jahren des qualitativen Abstiegs noch geblieben ist.

Warhammer 40K - eine Nummer zu groß für Vigil

Doch immerhin hat man bei SOE noch Titel, die man feiern kann. Denn wo THQ im vergangenen Jahr noch von einem Einstieg ins MMO-Genre träumte, folgte in diesen Tage das böse Erwachen und die Ankündigung, dass Warhammer 40K nicht als MMO erscheinen werde. Die Entwicklung soll ab sofort umgestellt werden und das Spiel irgendwann als Solo-Game mit Multiplayer-Modus auf den Markt kommen.

Wäre diese neue Ausrichtung dem Gamedesign geschuldet, könnte man es wohl noch verschmerzen. allerdings lässt die Entlassung von 79 Mitarbeitern bei Vigil Games und 39 bei Relic Entertainment vermuten, dass ein solches MMOG-Projekt schlicht und ergreifend eine Nummer zu groß für die Entwickler von Darksiders I und II und ihren finanziell angeschlagenen Publisher war.

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Die Meldung kam überraschend: Dark Millennium verliert den Beinamen "Online".
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Salem - die Beta wartet

Vielleicht wäre es für Vigil Games besser gewesen, wenn man sich nicht gleich mit einer solch wuchtigen Lizenz belastet, sondern etwas tiefer gestapelt hätte. Das haben die Newcomer von Seatribe auf jeden Fall getan und entwickeln mit Salem eine lizenzfreie, grafisch unspektakuläre, aber spielerisch möglicherweise richtungsweisende neue Sandbox.

Und ob die so interessant wird, wie die ersten Infos erahnen lassen, werden wir möglicherweise schon bald erfahren, denn bereits im April sollen die ersten Beta-Runden von Salem starten, das all jene Dinge bietet, auf die so viele MMOG-Veteranen warten: ein sinnvolles Craften und Farmen in einer veränderbaren Welt, in der Häuserbau- und Zerstörung ebenso möglich sein wird wie offenes PvP und Permatod.

Ausblick

Um derlei Abenteuer werde ich mich allerdings erst in einigen Tagen kümmern können, da Funcom in Oslo und CCP in Island erst der Anfang meiner Inspektionstour waren und es mich schon wieder in die weite Welt hinauszieht. Während ihr diese Ausgabe von wiped! lest, bin ich schon wieder auf dem Weg zum Flughafen, in der Hoffnung, dass mich die ewig Streikenden ins ferne San Francisco fliegen lassen.

Dort werde ich den Jungs von Trion Worlds für eine Weile Gesellschaft leisten und mir bei dieser Gelegenheit natürlich ganz genau anschauen, wohin sich Rift nach einem Jahr noch entwickelt, wie sich das Strategie-MMO End of Nations spielt und wie es sich insgesamt so im sonnigen Kalifornien arbeiten lässt. Wenn alles wie geplant läuft, bin ich rechtzeitig zur nächsten Ausgabe von wiped! wieder im Lande. Bis dahin wisst ihr ja, was gespielt wird.