Seit vielen Jahren liegt die MMO-Branche nun schon im Winterschlaf und manch einer glaubte längst nicht mehr an ihr Erwachen. Doch genau das scheint uns unmittelbar bevorzustehen. Ausgerechnet jetzt, wo uns draußen der Blizzard um die Ohren pfeift, erspähen wir drinnen vor dem PC die ersten Blüten. Und genau wie in der Natur auch sind es die asiatischen Pflänzchen, die den Anfang machen.

TERA - zwölf Wochen und sechs Beta-Runden

Irgendwie ging jetzt alles Schlag auf Schlag. Noch vor wenigen Tagen begeisterte uns die Nachricht, dass der südkoreanische Hoffnungsträger TERA nun tatsächlich am 03. Mai an den Start gehen würde, und plötzlich soll es doch schon an diesem Wochenende losgehen? Was auch immer für die lange Funkstille verantwortlich war - bei Frogster und En Masse hat man gewiss nicht Däumchen gedreht.

Im Gegenteil, die beiden westlichen Publisher des fernöstlichen Titels haben sich offensichtlich im Stillen auf den Startschuss vorbereitet, um TERA schon vorab technisch in Stellung zu bringen. Die ersten Beta-Keys sind raus, die offizielle Webseite funktioniert einwandfrei, der Download rast und was die Spielserver betrifft, wurde mit dem Standort Frankfurt die für uns bestmögliche Wahl getroffen.

Wer nicht testet, ist selbst schuld

Zwar liegen noch drei Monate vor uns, bis das Spiel offiziell startet, doch versüßen uns die Publisher die Wartezeit mit fünf Beta-Wochenenden, zu denen neben unzähligen schon registrierten Testern auch alle Vorbesteller Zugang bekommen. Und wer kein großes Risiko eingehen möchte, darf für weniger als fünf Euro, die beim Kauf verrechnet werden, garantiert in jeder Phase mitspielen. Die fünf geschlossenen Beta-Runden münden im April dann in eine fast einwöchige Open-Beta.

Wiped! - Die MMO-Woche - Frühlingserwachen

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Jede Menge Keys haben wir rausgehauen. Nun spielt und guckt, was Lineag... äh, Tera zu bieten hat.
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All das klingt ausgesprochen vorbildlich und kundenfreundlich. Außerdem zeigt es, mit welchem Selbstbewusstsein man das Publishing eines Titels betreibt, der auf den ersten Blick nicht ganz dem Geschmack eines westlichen Spielers zu entsprechen scheint. Das Lager der Zweifler ist entsprechend groß, doch die bisweilen harsche Kritik ist nur teilweise berechtigt.

Ein Jahr verschwendet - oder ein Jahr gereift?

Denn die Entscheidung, die Veröffentlichung von TERA um ein ganzes Jahr zu verschieben, obwohl es in Südkorea längst gespielt wird, war sicher nicht gefällt worden, um die Spielerschaft zu ärgern. Es fehlte vielmehr ein wichtiges Element, ohne das man das Spiel im Westen nicht veröffentlichen wollte: das Endgame. Und während mancher Grünschnabel nun an Raids, Mounts und Achievements denken wird, haben echte MMO-Veteranen immerhin eine Ahnung davon, was damit wirklich gemeint sein könnte.

Es geht um die Möglichkeit, eine virtuelle Identität aufzubauen, die weit über das hinausgeht, was man aus herkömmlichen Themepark-MMOs so kennt. Es geht um Freundschaften mit anderen Spielern, aber auch und vor allem um Konflikte mit anderen. Schon seit Jahren predige ich, dass sich das Genre unbedingt von der Idee mit den zwei Fraktionen lösen muss. Zwei erzwungene Lager nehmen den Spielern jede Freiheit, darüber zu entscheiden, für wen oder was sie kämpfen wollen - und vor allem gegen wen.

Für den König!

Mit TERA verzichtet endlich wieder ein MMOG auf Fraktionszwang. Und um den Spielern auch Gründe für Freund- und Feindschaften zu liefern, gibt man ihnen ein feudales Herrschaftssystem an die Hand, in dem nicht nur regionale Herrscher nach Macht und Zepter streben, sondern auch ein Spieler als Herrscher über den Server fungiert.

Doch damit nicht genug, denn die Pläne der Entwickler gehen weiter. Die Herrscher der Server kämpfen außerhalb der für normale Spieler zugänglichen Welt gegen die anderen Herrscher und damit gleichzeitig für ihre jeweiligen Untertanen, für die sie sich im Kampf Vorteile erstreiten. Und auch die Clans sollen in großen Schlachten - Unreal-Engine sei Dank - gegen die Heerscharen anderer Server zu Felde ziehen, um sich den Anspruch auf eine serverübergreifende Zone der Macht zu sichern.

Diplomat oder Tyrann - TERA als Sozialstudie

Während auf den einzelnen Servern also unzählige Clankriege und Konflikte herrschen, weil jeder sich selbst oder seinen Clanleader auf den Thron einer Stadt und vielleicht sogar des Servers setzen will, kann letztlich nur das Königreich bestehen, dessen Herrscher es schafft, die zerstrittenen Clans im Kampf gegen die anderen Weltenherrscher zumindest zeitweise zu vereinen.

TERA - Kampf gegen die Vulcanus

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TERA - Kampf gegen die Vulcanus

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Ob und wie das in der Praxis einer dynamischen Welt auf den einzelnen Servern dann tatsächlich funktioniert, sei einmal dahingestellt, doch allein die Tatsache, dass ein Studio nicht vergessen hat, dass es in einem Massively-Multiplayer-Online-Game um weit mehr gehen sollte als um Raids und die Ausrüstung des Einzelnen, verdient Anerkennung.

Ihr könnt euch also sicher sein, dass ich TERA in den nächsten Wochen und Monaten intensiv verfolgen werde und dann regelmäßig ausführlich aus Arborea berichte. Meine tapferen Veteranen und ich stehen schon bereit. Die Rassen und Klassen sind ausgewählt und wir warten nur darauf, die erste Stadt für uns zu beanspruchen. Und wehe denen, die sich uns in den Weg stellen.

Wer mag schon PvP?

Und während sich viele Spieler angesichts solcher Pläne begeistern lassen, rümpfen andere nur die Nase. Immer wieder höre ich in diesem Zusammenhang auch das Argument, dass Spiele mit größerem PvP-Anteil überhaupt nicht erfolgreich sein könnten, was in der Vergangenheit nachhaltig bewiesen worden sei. Doch stimmt das wirklich?

Lineage 1 und sein Nachfolger haben einen sehr hohen PvP-Anteil und gehören bis heute zu den erfolgreichsten MMOs der Welt. Dass sie sich im Westen nicht durchsetzen konnten, lag an der Unfähigkeit und der fehlenden Motivation von NCsoft West, diese Spiele ordentlich zu betreiben und zu publishen - man wollte sich viel lieber für die eigenen Titel auf die Schultern klopfen und scheiterte dabei kläglich.

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MOBA – aus der Not heraus geboren

Auch EVE Online basiert auf territorialer Kontrolle und Spielerkonflikten und verdankt seinen langfristigen Erfolg genau diesem Meta-Game. Und die Tatsache, dass DotA samt seiner Ableger LoL und HoN Spielerzahlen in zweistelliger Millionenhöhe aufweist und auch World of Tanks zu den erfolgreichsten Titeln des vergangenen Jahres zählt, beweist die Lust der Spieler auf PvP. Denn was sind diese Spiele anderes als eine von MMO-Inhalten abgekoppelte PvP-Instanz?

Und es sind gerade diese MOBA-Spieler, die immer wieder betonen, wie sehr sie doch ein MMOG mit entsprechenden Inhalten vermissen, das spannende Schlachten mit einer gewissen Persistenz verknüpft und dem Gefühl, in einer Welt für etwas Bedeutungsvolles zu kämpfen statt von einer Lobby aus um Punkte und freischaltbare Helden.

Die Zukunft heißt Krieg!

Ich wage also zu prophezeien, dass MMOs mit nachhaltigen PvP-Inhalten schon bald eine Renaissance erleben werden und auch so mancher selbsterklärte PvE-Liebhaber dabei in Versuchung gerät, sich der dunklen Seite zu öffnen, seiner Wut freien Lauf zu lassen, die Waffe gegen einen unliebsamen Spieler zu erheben und ihn damit niederzustrecken. Denn gerade das ist ein besserer Ausgleich für einen stressigen Arbeitstag als das bedeutungslose Metzeln irgendwelcher Mobs, die kurz darauf ohnehin neu spawnen.

Erfolge werden künftig die Studios verbuchen, die PvE und PvP in der richtigen Art und Weise mit einem Meta-Game kombinieren, für das eine Gilde auch Spieler beider Lager benötigt, um wirklich erfolgreich zu sein. Bluehole ist ein solches Studio, das mit TERA auf dem richtigen Weg zu sein scheint, doch es ist längst nicht das einzige.

ArenaNet ist damit groß geworden, dass man sich darauf verstand, Spieler gekonnt aufeinanderzuhetzen. Dass Guild Wars 2 entsprechend große PvP-Anteile haben wird, steht außer Frage. Auch bei Trion sieht man im PvP jetzt eine Möglichkeit, die leeren Server wieder zu füllen. Überhaupt ist Rift ist der beste Beweis dafür, dass jedem Spiel mit PvE-Ausrichtung auf lange Sicht die Puste ausgeht.

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Guild Wars 2 oder Secret World? In Sachen PvP dürfte dieses Jahr einiges passieren.
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The Secret World in Conflict

Noch deutlicher wird es beim Blick auf Funcom. Dort wollte man mit Age of Conan einst ein großes PvP-Spiel auf den Markt bringen und scheiterte in dieser Hinsicht nicht etwa an der Unlust der Spieler, sondern beim Spieldesign. Es genügte eben nicht, PvP schlicht zu ermöglichen und die Spieler dann einfach sich selbst zu überlassen. Es muss auch immer ein Grund geliefert werden - eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnt - und natürlich ein System, das sinnloses Ganken unter Strafe stellt.

Doch auch bei Funcom hat man gelernt. Man hat gemerkt, dass man PvP nicht mal eben so nebenbei entwickelt, und es komplett hinten angestellt. Und nachdem man das PvE in Age of Conan in den letzten Jahren gehörig aufpoliert hat, denkt man aktuell darüber nach, wie man die Spielerkonflikte wieder etwas mehr in den Mittelpunkt setzen kann.

Bei The Secret World soll dafür eine Zone sorgen, in der die drei Fraktionen offen um die Vormachtstellung kämpfen. Wer die Zone erobert, erstreitet sich so Buffs für die gesamte Fraktion - serverweit. Ob und wie das funktioniert, ist bislang ebenso unklar wie die Funktionsweise des Crafting-Systems, von dem Funcom immerhin behauptet, dass es stark in Richtung Sandbox-Mechanik gehe.

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Daher schauen wir nächste Woche mal bei Funcom vorbei. Gucken, wie die sich das so vorstellen.
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Ausblick

Doch ankündigen kann Funcom viel - drei Monate vor Release zählen allein die Fakten. Und genau um die zu sichten, werde ich in der kommenden Woche für euch ins eiskalte Norwegen fliegen, um mich dann in den hoffentlich gut beheizten Büros von Funcom etwas umzusehen, den Entwicklern bei der Arbeit auf die Finger zu schauen - und notfalls auch gehörig draufzuklopfen.

Falls ich dort nicht festfriere, melde ich mich pünktlich am kommenden Samstag mit der nächsten Ausgabe von wiped! zurück. Bis dahin lest ihr am Sonntag auf jeden Fall noch einen neuen Bericht aus der Alten Republik, der garantiert wieder für Diskussionsstoff sorgen wird, und ihr übt bitte schon mal ein bisschen PvP - denn ihr wisst ja, was bald gespielt wird.