Während sich die Indie-Szene weiter nach oben kämpft und aus kleinen Klitschen ansehnliche Studios werden, geraten die alteingesessenen Publisher zusehends ins Straucheln. Manch einer hat sich schon von der MMO-Branche verabschiedet. Andere versuchen zu retten, was zu retten ist, strukturieren um, entlassen Mitarbeiter oder suchen Investoren.

Funcom - gefährlicher Hype

Als Funcom im Jahre 2008 Age of Conan veröffentlichte, schien die Welt noch in Ordnung. Endlich gab es eine Alternative für gelangweilte Themepark-Fans. Die ersten Stunden auf der Insel Tortage machten derart Laune, dass der Hype schon während der Beta ungebremst Fahrt aufnahm. Ein gefährlicher Hype, wie sich bald herausstellen sollte.

Denn kaum etwas von dem, was PR-Manager Erling Ellingsen und seine Kollegen damals versprochen hatten, funktionierte im fertigen Spiel. Die Begeisterung der Fans schlug in Hass um. Weniger des Geldes wegen als wegen des zerstörten Traumes. Der Begriff “Failcom” etablierte sich in der Community, die das Studio zum Teufel wünschte und mehrheitlich versprach, nie wieder einen Titel aus Oslo anzurühren.

Ein Kinderspiel

Dass man dort die Ärmel hochkrempelte und Age of Conan im Laufe der Zeit zu einem der interessantesten Themeparks machte, half da wenig. Und als Funcom 2012 dann The Secret World veröffentlichte, kochte der alte Ärger noch einmal hoch. Jeder positive Beitrag über den neuen Titel wurde mit unzähligen wütenden Kommentaren bedacht. Das bis dato wahrscheinlich spannendste Story-MMO blieb weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

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Und dann wäre da noch die vollkommen schwachsinnige Idee, die finanziellen Ausfälle mit LEGO Minifigures Online ausgleichen zu wollen - einem MMO für Kinder. Die Kleinen dürften sich natürlich kaum an die Negativschlagzeilen aus 2008 erinnern. Deren Eltern jedoch schon und die werden sicherlich einen Teufel tun und Geld für das pädagogisch umstrittene MMO-Vergnügen ihrer Sprösslinge ausgeben. Hätte man das Geld, das in die LEGO-Versoftung geflossen ist, in einen Namenswechsel gesteckt, es wäre wahrscheinlich besser angelegt gewesen.

The Secret World - kann nicht das komplette Unternehmen tragen

Und so kam, was kommen musste: Funcom ist offen für Angebote aller Art. Der MMO-Publisher steht also zum Verkauf. Vor Jahren wäre das wahrscheinlich nicht weiter tragisch gewesen, doch heute, wo sich alle großen Unternehmen von der MMO-Sparte verabschieden, dürften es die Norweger schwer haben, einen Retter in der Not zu finden.

Angst macht das insbesondere den Fans von The Secret World, das sich seit dem Fall des Monatsabo eine wundervolle Community aufgebaut hat und mit den recht beliebten Content-Erweiterungen, von denen gerade die zwölfte erschienen ist, zumindest die Entwicklungs- und Erweiterungskosten einzuspielen scheint. Das Abschalten wäre tragisch und ein schwerer Verlust fürs Genre.

Und dann wäre da noch jenes unangekündigte mutmaßliche MMO, mit dessen Konzeptionierung sich Entwicklertalent Joel Bylos gerade beschäftigt. Wird man das überhaupt vollenden können, wenn Funcom keinen Investor finden sollte? Dieses Spiel wäre das erste, das Bylos federführend entwickeln dürfte und hätte allein deswegen schon eine Chance verdient.

Daybreak - kopflos in die Zukunft

Der Verlust, den man bei Daybreak aktuell verkraften muss, ist eher personeller als finanzieller Natur. Das Unternehmen, früher als Sony Online Entertainment bekannt, muss fortan auf Firmenchef John Smedley verzichten. Der hat sich nach seiner jüngsten, angeblich freiwilligen Degradierung entschieden, dem Unternehmen den Rücken zu kehren.

In Insiderkreisen wird gemunkelt, Smedleys aggressive Haltung einigen jugendlichen Internetkriminellen gegenüber habe für Ärger zwischen Smed und der neuen Investorengruppe geführt. In diesem Fall hätten die Halbstarken vom Lizard Squad trotz der verhängten Jugendstrafe tatsächlich ihre Mission erfüllt und dafür gesorgt, dass John Smedley seinen Job verliert. Ein schwerer Schlag für den Branchenveteran ebenso wie für Daybreak.

Noch einmal von vorn

Denn für den Publisher war Smedley mehr als nur ein Manager. Er besaß alle in der Branche nötigen Connections, war als Karrierehelfer für talentierte Entwickler aktiv und dafür verantwortlich, dass sich Daybreak wieder vom falschen Pfad des Casual-Gaming verabschiedete. Das derzeit ungemein erfolgreiche H1Z1 geht ebenso auf Smedleys Bekenntnis zur Sandox zurück wie EverQuest Next, mit dem sich Daybreak vom ausgelutschten Themepark-Konzept verabschieden wollte und um das jetzt mancher Fan bangt.

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Immerhin gibt es auch eine gute Nachricht: Auf Smedleys Facebook-Seite erklärt der altgediente Firmenchef jetzt, dass er Chef einer noch nicht benannten neuen Firma sei und dass es in Kürze mehr Informationen dazu geben werde. Ob sich diese Firma dann auch mit MMOs beschäftigen wird, ist noch ungewiss, angesichts Smedleys eigener Vorlieben und seiner Kontakte jedoch höchst wahrscheinlich.

Devillian - Kuckucksei in Trions Nest?

Einer, dessen Solidarität sich John Smedley stets sicher sein kann, ist Trion-Chef Scott Hartsman, dessen eigene Karriere ohne Smeds Wirken ganz anders verlaufen wäre. Doch auch Hartsman hat in diesen Tage schwer zu kämpfen, denn nicht alles läuft bei Trion Worlds rund. Die eigene Plattform Red Door, mit der man in Konkurrenz zu Steam treten wollte, war ein Flop. Rift ist mit seinen konservativen Mechaniken längst auf die unteren MMO-Ränge abgerutscht und ArcheAge leidet unter Trions Unfähigkeit, die Sandbox auf eine für Spieler hinnehmbare Art zu monetarisieren.

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Und als wäre das noch nicht genug, steht jetzt auch noch in Bezug auf Devillian Ärger ins Haus. Die neue Lizenz aus Südkorea scheint im Heimatland ins Straucheln geraten zu sein. Sämtliche Server wurden dort abgeschaltet und die Lizenz von Publisher Hangame zurück and die Entwickler von Ginno Games übertragen, die jetzt auf der Suche nach einem neuen Publisher sind. Es wäre ein schwerer Schlag vor allem auch für Trion, würde sich Devillian für Ginno nicht länger rechnen.

Doch einen Lichtblick gibt es für den Publisher aus San Francisco. Ausgerechnet Trove, ursprünglich als kleines Experiment gestartet, hat vor allem durch seinen Start auf Steam einen Senkrechtstart hingelegt und zählt mittlerweile mehr als eine Million aktive Spieler pro Monat - Tendenz weiterhin stark steigend. Ein Erfolg, der beweist, dass es keineswegs auf das Budget ankommt, das ein Titel hat, sondern darauf, dass die Entwickler einen guten Plan und selber Lust am Spiel haben.

The Elder Scrolls Online - weniger Support für mehr Service?

Ein Problem, das auch The Elder Scrolls Online von Anfang an hatte. Bereits während meines Besuchs in den ZeniMax Online Studios zwei Jahre vor Release des MMOs begegneten mir einige Entwickler, die zwar fleißig an ESO werkelten, die jedoch erschreckend wenig Ahnung von dem hatten, was das Genre sonst so zu bieten hatte. Entsprechend war The Elder Scrolls Online dann auch eines jener MMOs, die weit hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Das führte bereits in der Vergangenheit zu einer Reihe von Entlassungen.

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Und auch aktuell mussten wieder zahlreiche Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz räumen. Dass es diesmal insbesondere Support-Mitarbeiter traf, deutet einmal mehr darauf hin, dass die Spielerzahlen weiter sinken. Davon will der Publisher natürlich nichts wissen und erklärt aktuell: “Aus den erfolgreichen PC- und Konsolenveröffentlichungen haben wir eine blühende Community[...]”. So blühend, dass man den “[...]Kundenservice weiter an die Bedürfnisse unserer Spieler angepasst” hat. Noch Fragen?

Dessen ungeachtet geht die Entwicklung an ESO weiter. Unter anderem am Housing, das derzeit noch in der Konzeptionsphase steckt. Die Konzepte reichen laut Game Director Matt Firor von “einfach” über “äußerst komplex” bis hin zu “unmöglich”. Am Ende werde man wohl einen Mittelweg finden müssen - etwas Solides, das auch ans Housing der Solo-Titel erinnere, so Firor weiter. Nichts Revolutionäres also, sondern eher jener Themepark-Standard, der die Mehrheit der Spieler längst anödet.

Albion Online - Drama in der Isometrie

Ein Spiel, das zumindest versucht, von diesem Standard abzuweichen, ist das deutsche Projekt Albion Online. Das befindet sich zwar noch immer in der Alpha-Phase seiner Entwicklung, versucht jedoch schon jetzt mit tiefgreifenden Mechaniken zu punkten, mit sinnvollem PvP und Belagerungen ebenso wie mit einem ausgefeilten Skill-System und sinnvollem Crafting.

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Und dann wäre da noch das Metagame, zu dem sich aktuell Christian Ziegert geäußert hat, Head of Operations bei Sandbox Interactive in Berlin. Er erwarte von Albion Online, dass es ein ähnliches Metagame bieten werde wie EVE Online, “wo Gilden und Spieler schwer in Politik, Spionage und Verrat verwickelt sind, um die eigene Macht und den Einfluss auszubauen.”

Alternative Nische

Für manchen MMO-Fan mag das abschreckend klingen. Doch letztlich ist EVE Online, obwohl es bisweilen spielerisch schwer verdaulich erscheint, eines der auf lange Sicht interessantesten MMOs. Gerade ein spielerisch leicht zugänglicher Fantasy-Titel wie Albion könnte von den typischen Spielerkonflikten profitieren.

Kriege und Konflikte spalten Spielergruppen, schweißen jedoch andere zusammen. Daraus erwächst eine besondere Form der Dramatik, die einer virtuellen Welt Leben einhaucht und Spielern die Motivation gibt, die ihnen bei den Themeparks längst abhanden gekommen ist. Und wer all das nicht möchte, der lässt eben die Finger von Albion Online - das Angebot an Themeparks ist wahrlich groß genug.

Blade & Soul - der frühe Vogel zahlt die Zeche

Und es wächst weiter. Demnächst mit Blade & Soul, dessen Release jetzt verbindlich für das erste Quartal des kommenden Jahres angesetzt wurde. Und weil das noch lange hin ist und man bei NCSoft gerne vorab schon mal ein paar Euro mit dem Titel verdienen möchte, wird jetzt der Zugang zur Closed Beta gebührend vermarktet.

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Für 22,50 Euro bekommt man das Anwärter-Paket mit Zugang zu allen Phasen ab dem kommenden Herbst. Wer mehr Vertrauen in NCSoft hat und ordentlich Geld auf der hohen Kante, kann sich für 69,99 Euro oder gar 114,99 Euro die beiden höheren Pakete kaufen - für ein Spiel, das nach Release dann kostenlos spielbar sein wird.

Dass diese Preispolitik und der Verkauf von Beta-Zugängen und diverser Annehmlichkeiten mittlerweile zum Standard der Free-to-play-Branche geworden ist, muss nicht bedeuten, dass man sie unbedingt gutheißen sollte. Auch dann nicht, wenn es sich bei Blade & Soul, das wissen wir aus Südkorea, um ein erfreulich gutes MMO mit einem tollem und flüssigen Kampfsystem handelt, das es mit Sicherheit auch im Westen in die Top 10 schaffen wird.

Ausblick

Stellvertretend für euch werden wir uns dann rechtzeitig durch die Beta von Blade & Soul prügeln, um aus erster Hand darüber zu berichten, wie sich NCSoft West dabei anstellt, diesen vielversprechenden Titel endlich in den Westen zu holen. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.