Als hätte man unser Gejammer der letzten Ausgaben gehört, ist die Branche urplötzlich aus ihrer herbstlichen Starre aufgewacht und haut uns nach Wochen der Stagnation eine Neuigkeit nach der anderen um die Ohren. Entsprechend gleicht diese Ausgabe von Wiped! eher einer Achterbahnfahrt als einer geordneten Übersicht. Schnallt euch also an!

Dabei sind es nicht nur die Publisher, die hier und da mit einer Nachricht an die Öffentlichkeit gehen. Auch der eine oder andere Branchenguru meldet sich wieder einmal zu Wort. Und während man die Mehrzahl dieser Herren getrost ignorieren darf, weil deren Selbstdarstellungsdrang meist größer ist als der Sachverstand, gibt es doch zumindest eine lobenswerte Ausnahme: Raph Koster.

Fanboy-Alarm!

Der Mann, der einst Ultima Online und Star Wars: Galaxies prägte, später dann bei Disney anheuerte und wieder ausschied, um ein Leben als “arbeitsloser Spieleentwickler” zu führen, erinnerte in dieser Woche daran, welchen Schaden die Fanboys eigentlich anrichten, denn “Leute, die dir sagen, wie großartig du bist, sind nutzlos. Nein, gefährlich.”

Natürlich umgibt sich jeder Entwickler gerne mit Fans, die ihn schon in der Alpha- und Betaphase über den grünen Klee loben, weil die Arbeit dadurch so unbeschwert und einfach scheint. Wenn die Welt dann mit Release plötzlich für die Allgemeinheit geöffnet wird, fallen die Verantwortlichen aus allen Wolken, vermuten gar destruktive Kampagnen hinter der objektiv berechtigten Kritik und bannen nicht selten die üblen Stimmungsmacher aus den Foren.

Hearthstone - heißt übrigens Kaminplatte

Dabei sind es gerade diese Stimmen, auf die man hören sollte, denn von den Fanboys allein kann heute niemand mehr leben - außer vielleicht Blizzard, wo diese Gruppe im Laufe der Jahre so groß geworden ist, dass selbst ein in seiner Tiefe stark reduziertes Kartenspiel nach bekanntem Muster plötzlich zu den begehrtesten Titeln am Markt gehört, weil, so wird jeder Tunnelblick-Fanboy auf der Stelle versichern, “einfach alles stimmt”.

Wiped! - Die MMO-Woche - Fanatismus

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und genau deswegen ist harsche Kritik wahrscheinlich eher die Ausnahme, wenn vom 08. bis zum 09. November die harten Fans auf der BlizzCon in Anaheim zusammenkommen, um dann hoffentlich mehr über die nächste Erweiterung von World of Warcraft zu erfahren, die man mit Sicherheit schon im Vorfeld ausgiebig zu feiern weiß.

Nach fünf Jahren wieder auf freiem Fuß

Doch trotz aller Bestätigung durch die Fangemeinde hätte jedoch auch Blizzard hier und da vermehrt auf die Kritiker der ersten Stunde hören dürfen. Dann würde Azeroth heute noch wachsen und man müsste nicht mit jedem Quartalsbericht eine neue Hiobsbotschaft verkünden. Doch vielleicht ändert sich das ja bald. Immerhin ist es Activision Blizzard CEO Bobby Kotick trotz diverser juristischer Problemchen aktuell gelungen, das Unternehmen weitgehend von Vivendi auszulösen.

Und der große Bruder scheint, so könnte man durchaus in eine aktuellen Aussage von Kotick interpretieren, nicht unbeteiligt daran zu sein, dass in den letzten Jahren im Hause Blizzard nicht viel passiert ist, denn nach fünf Jahren unter Vivendis Fittichen, so der Blizzard-Chef, freue er sich darauf, den Fokus wieder auf die Entwicklung großartiger Spiele zu setzen. Na endlich.

2 weitere Videos

Eines davon hätte das MOBA-Game Blizzard All-Stars werden können, vorher als Blizzard Dota bekannt. Daraus wird jedoch nichts mehr - zumindest nicht unter diesem Namen. Aktuell enthüllte der Publisher nämlich, dass das Spiel fortan den Namen Heroes of the Storm tragen wird, womit dann auch die Spekulationen hinsichtlich einer WoW-Erweiterung mit jenem Namen schon vor der BlizzCon ad acta gelegt werden konnten.

Guild Wars 2 - sucht konstruktive Hilfe

Keine richtige Convention, jedoch durchaus eine nennenswerte Initiative, plant man derzeit auch bei ArenaNet, wo man seit Release von Guild Wars 2 bisweilen auf die harte Tour lernen musste, dass einen die Fanboys nicht sonderlich weit bringen und man eher auf die kritischen Stimmen hören sollte, weil in ihnen weit mehr innovatives Potential steckt als in purer Begeisterung.

2 weitere Videos

An dem entsprechenden Prozess, den die Entwickler “Collaborative Development” nennen, dürfen Fans und Kritiker jetzt teilnehmen und ArenaNet helfen, das Feedback besser zu filtern. Das ist schwieriger, als es scheint, denn selten repräsentieren jene Spieler, die am lautesten in den Foren schreien, mit ihren Ansichten die schweigende Mehrheit, die sich aktuell natürlich über “Blood and Madness” freut, das Kult-Event zu Halloween, und deswegen kaum in den Foren schreiben kann.

EverQuest Next - wohnst du noch oder lebst du schon?

Natürlich sind die Jungs von ArenaNet nicht die Erfinder von solch communitygetriebenen Entwicklungen. Zuvor hatten schon die Isländer von CCP den demokratisch gewählten Spielerrat genutzt, um die Community von EVE Online zu versöhnen und einen Richtungswechsel in der Entwicklung einzuleiten. Und auch Sony Online Entertainment zählt bei PlanetSide 2 hier und da auf die Ideen der Community.

Das tut man natürlich auch und vor allem bei EverQuest Next Landmark, das eine Mischung aus Multiplayer-Spiel und Konstruktions-Tool für das eigentliche MMOG werden soll. Mit Landmark sollen die Spieler für ihre eigenen kleinen Welten dann auf die Arbeit der Entwickler zurückgreifen können - umgekehrt werden die sich bei dem von Spielern angelegten, unerschöpflichen Pool an Kreationen bedienen. Wie das beim Housing aussehen könnte, dazu lieferte aktuell Director David Georgeson jetzt via Twitter ein paar Beispiele, die das Herz jedes virtuellen Häuslebauers höher schlagen lassen.

EverQuest Next - Eindrücke zum Housing

Klicken, um Bilderstrecke zu starten (6 Bilder)

EverQuest Next - Eindrücke zum Housing

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 74/801/80
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

The Elder Scrolls Online - erste Anzeichen von Körperkult

Noch weiter als bei SOE mit ihrem Nachfolger zu EverQuest sind derweil die Leute von ZeniMax. Immerhin soll The Elder Scrolls Online bereits im ersten Quartal des kommenden Jahres in den Läden stehen. Und so verwundert es auch nicht, dass in letzter Zeit vermehrt Videos bei uns aufschlagen, in denen man immer öfter etwas vom Spiel zu sehen bekommt und seltener die mehr oder weniger attraktiven Gesichter diverser Entwickler.

2 weitere Videos

Wobei es im aktuellen Video eigentlich um Gesichter geht - insbesondere um den Charaktereditor, dessen Möglichkeiten und die Resultate, die sich damit erzielen lassen. Die allerdings kommen nicht überall gleichermaßen gut an und während es manch einer zu Lobeshymnen anstimmt und es kaum erwarten kann, endlich ins Spiel zu kommen, schimpfen zahlreiche Kritiker über die dürftige Farbpalette und die generell altbackene Grafik.

Dabei ist es oft nicht einmal die Optik an sich, an der sich insbesondere die vielen Skyrim-Fans stoßen, sondern das Kampfsystem und die Animationen. Die werden als hölzern und unecht kritisiert und obwohl ZeniMax mehrfach zugesichert hat, daran noch zu arbeiten, sind große Teile der Spielerschaft nicht davon überzeugt, dass man bis zum Release noch nennenswerte Änderungen vornehmen kann. ESO wird - das zeichnet sich nun immer deutlicher ab - ein Spiel, an dem sich die Geister scheiden werden.

Star Citizen - zwei Millionen im Monat

Was Chris Roberts und sein Star Citizen betrifft, so scheiden sich die Geister anscheinend noch nicht und so kann der Altmeister ein Jahr nach der ersten Ankündigung einen Zahlungseingang von über 23 Millionen Dollar vermelden. Dabei klingeln die Kassen auch weiterhin, obwohl man seit Ankündigung der Avatar-Bodengefechte mit seinen Zielen mittlerweile deutlich vorsichtiger geworden ist, denn schon jetzt wird man nicht jede der versprochenen Funktionen gleich zum Release liefern können.

2 weitere Videos

Die 24 Millionen überspringt man bis auf ein eher unbedeutendes Transportsystem komplett und auch für die 25 Millionen hat man vorerst keine neuen Inhalte vorgesehen, verspricht allerdings, die Alpha weit schneller und offener zugänglich zu machen, um nicht nur in den USA, sondern auch in Europa möglichst viele Spieler in die wahrscheinlich am heißesten ersehnte virtuelle Galaxis aller Zeiten einzulassen.

Die Fans von Star Citizen nehmen das mutmaßliche Kreativloch auf jeden Fall recht gelassen und freuen sich derweil über den zweiten Werbespot, in dem die 2944 Aurora angepriesen wird - jenes Multifunktionsschiff, von dem übrigens auch ein Exemplar in meinem begehbaren Hangar steht und das nur darauf wartet, mit dem nächsten Modul gegen Ende des Jahres endlich abheben zu können.

The Crew - längst noch nicht startbereit

Absolut noch nicht startbereit wird im nächsten Jahr übrigens The Crew sein, jenes Open-World-Racing-MMO, mit dem Ubisoft in jene Nische vorstoßen wollte, die seit jeher im Genre existiert und die auch EAs Need for Speed World nicht ordentlich ausfüllen konnte. Die Verschiebung um ein volles Jahr sei, glaubt zumindest Ubi-Chef Yves Guillemot, die längerfristig bessere Entscheidung, denn man wolle Franchises entwickeln, die zu soliden Säulen für das Unternehmen werden.

Tom Clancy's The Division - Gameplay-Video2 weitere Videos

Ebenfalls verschoben wurde übrigens Watch Dogs - ein Spiel, das für viele Konsolen-Fans als Hauptgrund für die Anschaffung einer Next-Gen-Konsole herhalten sollte und nun bis zum Frühjahr des kommenden Jahres auf den Werkbänken von Ubi liegenbleiben wird. Nicht geäußert hat sich Guillemot hingegen zum Multiplayer-Taktik-Shooter Tom Clancy’s The Division - aber das ist mit einem angepeilten Erscheinungstermin im vierten Quartal 2014 ohnehin noch weit von der Fertigstellung entfernt - übrigens auch auf PC - einer Petition der Fans sei Dank.

The Untitled Game - gemeinsam in die Alpha

Auch The Untitled Game, gemeinhin nur als TUG bezeichnet, verdankt den Fans seine Existenz. 215.000 Dollar wollten die Entwickler einst via Kickstarter sammeln - fast 300.000 sind es letztlich geworden. Keine fünf Monate ist das erst her und trotzdem haben es die Jungs von Nerd Kingdom geschafft, das Spiel in einer frühen Alpha-Version zumindest solo zugänglich zu machen - vorwiegend den Unterstützern, versteht sich.

2 weitere Videos

Jetzt arbeitet man auf Hochtouren daran, die Spieler in weiteren Patches online zu vereinen und ihnen neue Tools an die Hand zu geben, mit denen sich die Landschaft nicht nur verändern, sondern auch abrunden lässt - damit aus den Block-Strukturen im Minecraft-Stil endlich auch realistischere Gebilde werden können - mit Sicherheit eine Voraussetzung, um langfristig gegen das Schwergewicht EverQuest Next bestehen zu können.

The Phoenix Project - bietet mehr als die Vorlage

Derart mächtige Konkurrenz haben die Jungs hinter The Phoenix Project nicht zu fürchten, denn wirklich gut oder gar neu sind die Superhelden-MMOGs auf dem Markt nicht. Und auch finanziell sieht es für das Projekt, das einige heimatlose Fans nach der Abschaltung von City of Heroes durch NCSoft in Eigenregie gestartet haben, durchaus rosig aus. Statt der erhofften 320.000 Dollar sind schon jetzt, mehr als zwei Wochen vor Ablauf der Aktion auf Kickstarter, satte 455.000 Dollar eingegangen.

Grund genug für die Vertreter des neu gegründeten Unternehmens Missing Worlds Media, ein paar Details zu den Plänen zu verraten, die man in Bezug auf das Projekt hat. Man werde zwar einen geistigen Nachfolger von City of Heroes entwickeln, doch arbeite man durchaus an Elementen, die über dessen Möglichkeiten hinausgehen. Explizit ist von einem aktiven Kampfsystem die Rede sowie von öffentlichen Quests.

Bigpoint - kann nicht länger punkten

Und während man bei den Indie-Studios und Kickstarter-Unternehmen erste finanzielle Erfolge feiert, herrscht anderorts Weltuntergangsstimmung. Insbesondere jene Unternehmen, die einst mit unzähligen Titeln minderer Qualität auf den Markt drängten, rutschen derzeit unaufhaltsam in den Abgrund. Und so leid mir das für den kleinen Entwickler tut, der aktuell seinen Job verliert - wer sein Geschäft auf der Unwissenheit des Kunden aufbaut, muss damit rechnen, dass es nach dem Aufstieg früher oder später umso schneller wieder bergab geht.

Am schnellsten bergab geht es derzeit wohl mit Bigpoint, obwohl man vor einigen Monaten noch so selbstsicher schien, Studios in den USA gründete und als Global Player am Markt mitmischen wollte. Doch daraus wird dann wohl doch nichts, denn eine ganze Reihe von Spielen wird jetzt eingestellt - darunter The Mummy Online und Universal Monsters Online. Wenn Bigpoint überleben will, wird man auf jeden Fall das Geschäftsmodell überdenken und endlich Qualität entwickeln müssen.

2 weitere Videos

Nether - unerwartete Apokalypse

Wie es um die Qualität von Nether bestellt ist, kann derzeit noch niemand sagen - und das, obwohl der Titel schon am 31. Oktober spielbar sein soll. Äußerst mysteriös, findet die MMOG-Community und bekundete bislang entsprechend wenig Interesse an dem postapokalyptischen Online-Survival-Game. Bis jetzt, denn mit dem aktuellen Trailer lenken die Jungs von Phosphor Games urplötzlich die Aufmerksamkeit auf sich und die Welt von Nether.

Ob das Gameplay mit dem durchaus interessanten Trailer mithalten kann und ob das Spiel mehr Qualität bietet als manch andere dürftige DayZ-Ableger, wird sich zeigen, sobald der Titel auf Steam erhältlich sein wird. Die Entwickler hoffen auf jeden Fall auf rege Beteiligung der Fans und versprechen schon jetzt, dass das Spiel auch nach Release nach allen Regeln der Kunst gepflegt und erweitert wird.

Black Desert - einen dicken Fisch am Haken

Das versprechen übrigens auch die Entwickler von Black Desert, deren Spiel in Südkorea gerade die Betaphase durchläuft und das zumindest grafisch zu den besten MMOGs überhaupt zählt. Ob der Titel spielerisch mehr bietet als einen hübsch anzusehenden Grind, bleibt abzuwarten. Aber hey - immerhin kann man beim Angeln den Sonnenuntergang genießen. Mit diesem Ausblick euch allen ein gemütliches Restwochenende!

2 weitere Videos