Höher, schneller, weiter - so lautete noch bis vor kurzem das Motto der Publisher, die glaubten, ihre Spieler mit immer neuem Firlefanz und substanzloser Kosmetik beeindrucken zu müssen. Dabei ist man insbesondere in den großen Unternehmen von den vermeintlichen Erfolgen geblendet und erkennt nicht einmal, dass eine Renaissance längst eingeleitet wurde und bald die ersten Köpfe rollen werden.

Während die meisten Spieler dort draußen noch immer glauben, Neverwinter und The Elder Scrolls Online seien die letzten Hoffnungsträger, die uns in näherer Zukunft erwarteten, wissen treue Wiped-Leser längst, dass es gar keine Dürrezeit geben wird. Im Gegenteil - da draußen warten mehr vielversprechende Titel denn je.

Je mehr, desto weniger

Dass die meisten davon weitgehend unbemerkt entwickelt werden und vorab eben keinen großen Hype generieren, liegt schlicht daran, dass sie in kleinen Spieleschmieden gezimmert werden, die sich keine teure PR-Abteilung leisten können oder wollen. Zu viel Aufmerksamkeit lenkt die Entwickler von ihrer Arbeit ab, verursacht Kosten und lockt zudem ein Publikum an, auf das man ohnehin lieber verzichten möchte.

Denn so schön enorme Verkaufszahlen zum Release auch immer klingen - der anfängliche Trubel sorgt stets für technische Probleme und tritt dann das Unvermeidbare ein und der Andrang lässt nach, sorgen plötzlich leere Server für Frust und das Gefühl, in einer sterbenden Welt unterwegs zu sein - für einen MMOG-Fan könnte es kaum etwas Demotivierenderes geben.

Erst schuf Gott die Naturgesetze - der Rest ergab sich von allein

Und so macht das unabhängige Studio aus der Not eine Tugend, hält sich mit bombastischen Videos und überschwänglichen Ankündigungen zur Regionen und Hintergrundgeschichten zurück und konzentriert sich stattdessen auf das, was die Masse kaum anlocken dürfte, erfahrenen Spielern jedoch wirklich wichtig ist: auf trockene Theorie, auf echte Spielmechaniken, auf eine lebendige Onlinewelt, deren Naturgesetze genügend Freiräume bietet, damit so etwas wie Leben entstehen kann.

Derer besinnen sich, so scheint es, nur die ältesten und erfahrensten unter den Spieldesignern. Jene, die zwar die “gute alte Zeit” aktiv mit gestaltet haben, die sich andererseits aber auch während der Jahre des kreativen Niedergangs eine blutige Nase geholt haben oder die sich für eine Weile ganz aus dem Genre zurückgezogen haben weil die Zeit einfach nicht reif war.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Retter der Tafelrunde

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/3Bild 82/841/84
Nicht das Ende der Fahnenstange: The Elder Scrolls Online.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Tritt in den Allerwertesten

Jetzt allerdings scheint sie reif und langsam kehren die Veteranen zurück und machen das, was seit so vielen Jahren niemand mehr getan hat: Sie kümmern sich erst um die Entwicklung echter Spielmechaniken, sie entwerfen eine stimmige Welt, die dieser Bezeichnung würdig ist und auf Naturgesetzen basiert und nicht auf schönem Schein.

Und sie tun noch etwas - sie treten die Publisher in den Allerwertesten, ersetzen die erfolgsverwöhnten Ahnungslosen durch die Veteranen unter den Spielern, die nicht nur ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen bereit sind, sondern auch Teile ihres Vermögens. Und wenn uns die vergangenen Kickstarter-Projekte eine Lektion gelehrt haben, dann die, dass es am Geld offenbar kaum jemals scheitert.

Camelot Unchained - die Retter der Tafelrunde

Wer derweil glaubt, dass mitterlweile alle Altmeister aus ihren Löchern hervorgekommen seien, der irrt gewaltig. In der vergangenen Woche hat uns nämlich Mark Jacobs mit einer Ankündigung überrascht, der durchaus eine gewisse Sprengkraft innewohnt: Mit einem neuen Team will der ehemalige Lead Designer von Dark Age of Camelot an die Erfolge des altehrwürdigen Spiels anknüpfen, ohne die Fehler, die er als CEO von Mythic bei Warhammer Online gemacht hat, zu wiederholen.

2 weitere Videos

Und um gleich klarzustellen, womit es der Spieler beim neuen Spiel zu tun bekommt, wählt Jacobs einen Namen, der eindeutiger kaum sein könnte, ohne gleich rechtliche Konsequenzen von DAoC-Inhaber Electronic Arts befürchten zu müssen: Camelot Unchained - ein Camelot ohne Ketten also - ein Spiel, entwickelt von einem Team, das sich aus der Knechtschaft des großen Publishers befreit hat und dem man diese Freiheit auch anmerken soll.

Spaß statt Erfolg

Dabei beweist Jacobs durchaus Mut und Gespür für die Bedürfnisse der Fans gleichermaßen, indem er zwar auf den recht bewährten Konflikt dreier Fraktionen zurückgreift, der mittlerweile auch von Guild Wars 2 und The Elder Scrolls Online bemüht wird, gleichzeitig aber konsequent den PvE-Anteil weglässt - eine Entscheidung, die Electronic Arts mit Sicherheit niemals akzeptiert hätte, weil man dort mit Sicherheit davon ausgeht, dass man sich mit einem PvP-Fokus der so wichtigen Spielermassen beraube.

Doch genau das scheint Mark Jacobs’ Ziel zu sein. In mehreren Gesprächen hat er betont, dass er nicht im Sinn habe, große Spielerzahlen zu erreichen, mit WoW zu konkurrieren oder den nächsten Erfolgstitel zu entwickeln. Sein Spiel sei nicht für jedermann - und zwar mit voller Absicht. Für ihn soll der Konflikt der Fraktionen und das PvP nicht das Endgame ausmachen, sondern gleich das komplette Spiel.

Camelot reloading

Den Spielern werde man die Pfeile zurückbringen - vor drei Wochen noch Thema dieser Kolumne - und sicherstellen, dass man jeden einzelnen Pfeil im Köcher zu schätzen weiß, dass man nachdenkt, bevor man einen Zauberspruch wirkt und sich fragt, ob es ein Einsatz wirklich wert ist, dass man dafür einen virtuellen Tod riskiert. Mit Camelot Unchained nehme man wieder Abstand vom Genre, dass immer mehr zu einem “Fußballspiel zwischen Sechsjährigen” geworden sei, so Jacobs.

Sämtliche Ausrüstung will Jacobs craften lassen - nichts wird einfach so ins Spiel fallen und das neue Schwert wird auch nicht über irgendwelche Belohnungspunkte von NPCs zu erwerben sein. Man werde das Rollenspiel zurückbringen, den Craftern wieder eine ernstzunehmende Rolle verschaffen und das Housing in einer offenen Welt neu entdecken.

Endlich einsichtig

Klingt erst einmal mutig, ist tatsächlich aber genau das Gegenteil. Der Core-Gamer ist es nämlich, der ein Spiel trägt. Eine kleine Community aus hartgesottenen Fans, die ein Spiel mit aufbauen und ihm die Treue halten, wird gleichzeitig mehr Spieler anlocken. Mit der Zeit wird, wenn die Qualität stimmt, der Titel wachsen, und vom Nischenspiel zum Erfolgsmodell.

Bis zum März wird das Team von City State Entertainment wohl auch ein paar mehr Infos und vielleicht die ersten Szenen vom Spiel parat haben, denn dann will man das Projekt spätestens auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter vorstellen und all die Spieler um ihre Hilfe bitten, die sich selbst eben nicht zu jener Masse zählen, die der normale Publisher gemeinhin anzusprechen versucht. Und am Ende, da gehe ich jede Wette ein, zählt Camelot Unchained mehr vertrauensvolle Unterstützer als die meisten herkömmlichen MMOGs aktive Spieler.

War Thunder - einer der heißesten Titel des Jahres

Und ja - diese Rechnung geht auf, obwohl und gerade weil Camelot Unchained auf PvP als Kernelement setzt. Denn dass die Masse, auch wenn sie sich beharrlich dagegen ausspricht, eigentlich doch PvP liebt, beweist der Erfolg der ganzen DotA-Ableger oder auch World of Tanks. Dieses Spiel und dessen Nachfolger World of Warplanes bekommt jetzt übrigens Konkurrenz.

War Thunder, das früher einmal World of Planes heißen sollte, öffnete am vergangenen Wochenende nämlich die Pforten zur Open Beta. Die habe ich mir natürlich für euch angesehen und verrate euch vorab nicht zu viel, wenn ich sage: wer das nicht umgehend spielt, ist selber schuld. Was Gaijin mit War Thunder auf die Beine gestellt hat, definiert tatsächlich das MOBA-Genre neu und wird vor allem den Landsleuten von Wargaming.net so manche schlaflose Nacht bescheren.

Anders als World of Warplanes nähern sich die Jungs von Gaijin nämlich von einer etwas ernsthafteren Seite und sprechen vor allem jene Spieler an, die es ein wenig realistischer mögen. Das betrifft die Grafik, die unverschämt gut aussieht und selbst auf durchschnittlichen Systemen flüssig dargestellt wird ebenso wie der Umgang mit dem eigenen Flieger und die atemberaubenden Kämpfe über den Wolken und darunter.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Retter der Tafelrunde

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden2 Bilder
Ein Hobbypilot hat sich die Mühe gemacht und ist ins Cockpit seines Flugzeugs geklettert, um die gleiche Stelle in der Nähe von Wuppertal zu überfliegen, die er schon aus War Thunder kannte. Klar, dass die Windräder vor über 70 Jahren noch nicht dort standen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und sonst so?

Doch davon später mehr - ebenso wie von Cryptics vielsprechendem Neverwinter, das just ins erste Beta-Wochenende gestartet ist und das ich, während ihr diese Zeilen lest, gerade intensiv erkunde. Und dann wäre da noch TERA, das jetzt ebenfalls kostenlos spielbar ist und das ich mir natürlich noch einmal genauer ansehen werde - und natürlich Dust 514, wo ich, um das Rätsel der letzten Ausgabe zu lösen, der Controller-Fraktion zeige, wie überlegen Tastatur und Maus sind und Path of Exile und so viel mehr, wenn man nur mal ein paar Wochen ohne Schlaf auskäme...