Jetzt, da die großen Titel alle veröffentlicht sind und auch in Sachen Updates und Erweiterungen für ein paar Wochen Ruhe in der MMOG-Branche eingekehrt ist, lohnt sich ein Blick in die nahe und ferne Zukunft. Und während die dank Crowdfunding für manch unabhängiges Studio durchaus rosig aussieht, bringt auch auf Kickstarter längst nicht alles Gold, nur weil es glänzt.

Die Tage, in denen die großen Publisher das Sagen am Markt hatten, sind gezählt. Immer mehr Entwickler, die von ihrer eigenen Leistung überzeugt sind, strampeln sich frei. Und anders als unter dem Joch der tonangebenden Konzerne träumen die Befreiten nicht mehr während der Arbeit, sondern sie arbeiten endlich wieder an ihren Träumen.

Star Citizen - Ad Astra!

Chris Roberts, seines Zeichens Schöpfer von Spielen wie Wing Commander und Privateer, ist einer davon. Seit seiner Rückkehr in die Spielebranche wird er nicht müde zu betonen, wie kontraproduktiv die großen Publisher eigentlich sind und dass die gute Hälfte der Entwicklungskosten irgendwo beim Publisher versickert, ohne dem Spiel genutzt zu haben.

Doch auch die andere Hälfte der Produktionskosten ist noch viel Geld. Zu viel Geld für die meisten Entwickler. Die haben jedoch längst die Not zur Tugend gemacht und neue Verbündete gefunden, deren Interesse nicht in einer hohen Rendite liegt, sondern in einem möglichst hochwertigen Produkt, das ohne grobe Schnitzer und mit entsprechender inhaltlicher Fülle eben nur dann entstehen kann, wenn das Studio vom zerstörerischen Zeitdruck befreit ist, den Publisher gemeinhin projektbegleitend ausüben.

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Und es könnte in der Tat keine besseren Verbündeten geben als die Spieler selbst. Sie sind es ohnehin, die sich das Spiel kaufen und es damit letztlich komplett finanzieren. Warum also sollen sie nicht mal ein, zwei Jahre vor Release in die Tasche greifen, wenn sie einem Entwickler und dessen Projekten genügend Vertrauen entgegenbringen. Dafür können sie dann sicher sein, dass das Geld komplett dort ankommt, wo es hingehört.

Erste Stufe gezündet

Vor zwei Jahren hätte wohl niemand daran geglaubt, dass Crowdfunding in der Unterhaltungsindustrie funktionieren und genügend Geld im Voraus einspielen könnte - immerhin verschlingen moderne Computerspiele Millionen. Mittlerweile sind wir allerdings schlauer, denn Obsidian hat die Entwicklung von Project Eternity mit Rekordzahlen auf den Weg gebracht, Black Forest Games begeistert alte und junge Spieler mit Giana Sisters: Twisted Dreams und auch Chris Roberts bekommt die Gelegenheit, seinen uralten Traum neu zu verwirklichen - ganz ohne nervigen Publisher.

Mit 2,6 Millionen Dollar ist die Finanzierung von Star Citizen endgültig in trockenen Tüchern - und das gut zwei Wochen vor Ende der Aktion. Auch die drei Millionen Dollar, die Roberts für die Arbeit am persistenten Teil seines Onlinespiels veranschlagt hat, wird er ohne Zweifel bekommen - wenn nicht jetzt, dann nach Release des Grundspiels. Star Citizen darf also endlich auch offiziell auf den Wunschzettel aller Weltraumpiloten geschrieben werden - für 2014.

Saga Kingdoms - Königreiche in Not

Finanziell nicht ganz so rosig sieht es derzeit für Saga Kingdoms aus. Das soll das Echtzeitstrategie-MMOG Saga beerben, das eines der ersten seiner Art war und das sich seit einigen Jahren recht ordentlich am Markt behauptet. Vergleichsweise günstige 100.000 Dollar soll der Nachfolger nun kosten - eine Summe, die man über Kickstarter einzuspielen hofft.

Doch die Zeiten sind hart geworden und Echtzeitstrategie gehört nicht unbedingt zu den von den Fans bevorzugten Genres - schon gar nicht in Kombination mit Fantasy. Wobei das Konzept von Saga Kingdoms durchaus interessant klingt, denn es setzt nicht nur auf PvP-Schlachten, sondern soll obendrein packend inszenierte PvE-Inhalte samt Story bieten - eine Mischung aus Warhammer-Strategie und Spellforce also - das alles in einer persistenten Welt.

Der Film zum unvollendeten Spiel

Derzeit steht der Zähler bei 31.000 Dollar und es scheint fast so, als müssten die Entwickler ihre Arbeit an dem neuen Titel noch ein wenig ruhen lassen, bis die Nachfrage nach einem Saga-Nachforger gestiegen ist. Und dass es dazu kommen wird, ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn parallel zu Saga Kingdoms steht noch ein zweites Projekt auf Kickstarter, das ganz eng mit Saga verknüpft ist.

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Und das hat es dermaßen in sich, dass es längst genügend Unterstützer gefunden hat und der Fertigstellung nichts mehr im Wege steht. The Shadow Cabal ist allerdings kein Computerspiel, sondern ein waschechter Fantasy-Film, der im Saga-Universum angesiedelt ist. Dabei merkt man kaum, dass der Film mit äußerst magerem Budget und unbekannten Schauspielern gedreht wurde.

Mit etwas Glück könnte der offensichtlich voller Leidenschaft inszenierte Streifen im kommenden Jahr im Kielwasser der bevorstehenden Hobbit-Reihe durchaus erfolgreich sein. Und vielleicht steht dann auch dem passenden MMOG dazu nichts mehr im Wege. Im Moment allerdings geht die Nachfrage nach Orks und Elfen, insbesondere in virtueller Form, gegen Null.

Hailan Rising - Auf- oder Untergang?

Das bekommen auch die Jungs von Reloaded Productions zu spüren, die mit ihrem MMOG Hailan Rising auf Kickstarter um Unterstützung werben. Mit weniger als 25.000 Dollar hat man zur Halbzeit nicht einmal zehn Prozent der Gesamtsumme zusammen, die man für die Entwicklung benötigt. Da nützt es auch wenig, dass die Historie der Entwickler Spiele wie Ultima Online und Asherons Call umfasst und Hailan Rising anders werden soll als herkömmliche MMOGs.

Man verspricht nämlich ein Spiel, das weitgehend ohne den berüchtigten “Grind” auskommt. Ein Spiel, bei dem aufregendes PvP, man spricht hier von einer Mischung aus DAoC und CoD, samt territoraler Kontrolle im Mittelpunkt steht und bei dem ein Neuling mit Skill und Cleverness durchaus einen trägeren Veteranen schlagen kann. Das “Endgame”, so versprechen die Macher, beginne sofort mit dem Eintritt ins Spiel und nicht erst nach einem mühseligen Aufstieg.

Was aus Hailan Rising wird, wenn die Finanzierung über Kickstarter misslingt, ist derzeit nicht absehbar. Wahrscheinlich ist jedoch, dass das Studio nach finanzkräftigen Investoren Ausschau halten wird, da das Team zu groß und die Entwicklung zu weit fortgeschritten ist, um sie jetzt komplett einzustellen. Das wäre auch schade, denn ein wirklich annehmbares Angebot gibt es am MMOG-Markt für PvP-Fans noch immer nicht.

Darkfall: Unholy Wars - Nur wer wagt, kann auch gewinnen

Das generalüberholte Darkfall ist aktuell einer der wenigen Anwärter auf den MMOG-Thron. Dabei haben die Jungs von Aventurine nicht nur die Optik komplett überarbeitet, sondern auch zahlreiche Mechaniken rund um das PvP. Manche davon bereiten vor allem alteingesessenen Fans allerdings gewisse Sorgen, darunter die neuen Sicherheitszonen, die vor allem Einsteigern Raum zum unbehelligten Experimentieren geben sollen.

Doch wie soll man einen verhassten Feind, der sich dort verschanzt hat, davon abhalten, sich im sicheren Gebiet an Rohstoffen reich und fett zu farmen? Am besten gar nicht, lautet die aktuelle Antwort der Entwickler auf diese Frage, denn die Ausbeute in den PvE-Gebieten ist ausgesprochen niedrig. Seltenheitsgrad und Wert der vorhandenen Ressourcen steht in direktem Zusammenhang mit der Gefahr, der man sich in einer bestimmten Gegend aussetzt. Wer also nichts wagt, gewinnt auch nichts.

Dreamfall Chapters - ein neues Kapitel

Ein Wagnis geht aktuell übrigens auch Ragnar Tørnquist ein, der bekanntermaßen nicht nur für The Secret World verantwortlich zeichnet, sondern auch für die kultigen Abenteuerspiele The Longest Journey und Dreamfall. An die Erfolge dieser Titel will der passionierte Entwickler und Autor jetzt anknüpfen und hat eigens dafür ein neues Studio namens Red Thread Games gegründet.

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Zoë war damals schon ein Schneckchen. Und ihr Spiel auch gut. Schön, dass da noch dran gedacht wird. Dreamfall Chapters scheint zu leben.
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Gerüchten zufolge soll Tørnquist bereits einige der von Funcom entlassenen Entwickler um sich versammelt haben, um an Dreamfall Chapters zu arbeiten, bei dem es sich aller Voraussicht nach nicht um ein MMOG handeln wird, sondern um ein klassisches Abenteuerspiel. Der Beiname “Chapters” lässt allerdings vermuten, dass man die Geschichte möglicherweise als Serie plant und in kleinen Häppchen anbieten wird. Auch liegt der Verdacht nahe, dass Funcom als Publisher den Vertrieb übernimmt.

Sorgen müssen sich die Fans von The Secret World übrigens nicht, denn auch an dem schwer unterschätzten Story-MMOG wird Tørnquist weiterhin stricken. Er bleibt Funcom als Ratgeber und Creative Director erhalten, dürfte jedoch gleichzeitig die Kasse des gebeutelten Studios durch die neue Nebentätigkeit ein wenig entlasten.

Bless - Ein Segen für Unreal

Und wer sich schon die ganze Zeit fragt, woher das aktuelle Titelbild eigentlich stammt - das Spiel heißt Bless, wurde bereits einmal in einer älteren Ausgabe kurz erwähnt und dürfte wohl das optisch überzeugendste, zumindest aber realistischste MMOG sein, das uns jemals untergekommen ist. Und weil es so schön ist, wollen wir euch das erste längere Gameplay-Video nicht vorenthalten.

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Das deutet einmal mehr an, was sich so alles aus der Unreal Engine 3 herausholen lässt. Entgegen dem derzeitigen Trend südkoreanischer Studios hin zu Lobby-Spielen, wollen die Entwickler von Neowiz mit Bless übrigens eine echte, riesige MMOG-Welt bieten. Ob die dann letztlich auch spielerisch bietet, was sie optisch verspricht, bleibt natürlich abzuwarten.

Wir halten auf jeden Fall Augen und Ohren für euch offen und berichten, sobald es etwas zu berichten gibt. Im Laufe des Novembers stehen auf jeden Fall noch die erste Erweiterung von Rift auf dem Plan, außerdem das oben erwähnte Darkfall: Unholy Wars sowie PlanetSide 2, SOEs mit allerlei Vorschusslorbeeren bedachter Online-Shooter. Und wer weiß, welche Überraschung uns bis dahin noch auf Kickstarter erwartet.