Die Gamescom ist vorüber und wenngleich sie in diesem Jahr noch mehr Besucher angelockt hat und die Veranstaltung von der Branche als großer Erfolg gefeiert wird, hielten sich auffallend viele Gamer-Veteranen von Köln fern. Zu laut das Publikum, zu groß der Andrang, zu uninteressant die Neuheiten. Insbesondere für MMOG-Fans gab es kaum diesmal etwas zu sehen. Was am Ende bleibt, sind ein paar vage Versprechungen ein ein paar bewegte Bilder.

Star Citizen - visuell ganz vorne

Bewegte Bilder hatte in diesem Jahr auch Chris Roberts auf Lager. Kein Wunder - immerhin ist der Entwicklerveteran mittlerweile um 50 Millionen Dollar reicher als zu Beginn seines virtuellen Siedlungsprojekts im Weltraum. Womit sich der Kreis wieder schließt, denn analysiert man die ganze Entwicklung um den inoffiziellen Wing-Commander-Nachfolger mal ganz nüchtern, offenbart sich, dass es keine sonderlich herausragende Idee war, die den Anfang markiert, sondern ein Video.

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Ein Video, das nicht mal im Ansatz das zeigte, was später mal ein fertiges Spiel werden sollte, sondern eine reine Tech-Demo war, deren Sinn und Zweck damals allein darin bestand, Emotionen zu wecken und den richtigen Schalter beim Betrachter umzulegen. Dazu gab es eine epische Filmmusik aus einem nicht sonderlich bekannten Streifen zu hören, die letztlich noch weniger mit Roberts Projekt zu tun haben würde als die optische Demonstration.

Ein bisschen Propaganda

Kurz gesagt: Das erste Video, mit dem Star Citizen angekündigt wurde, war reines Propagandamaterial und der Stoff, aus dem die Träume sind. Entsprechend schlug es ein, denn Chris Roberts kannte seine ganz spezielle Zielgruppe und traf deren Nerv. Allen Crowdfunding-Entwicklern da draußen sei Roberts erstes Video entsprechend als Blaupause ans Herz gelegt.

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Bei Kingdom Come: Deliverance, dessen Präsentationsvideo ganz ähnlich aufgebaut war, hat das ebenfalls hervorragend funktioniert. Umgekehrt hat sich gezeigt, dass selbst innovativste Projekte, deren Videos zu blass und unemotional rüberkommen, zum Scheitern verurteilt sind. Grundsätzlich gilt also: Bevor man damit beginnt, ein Spiel zu entwickeln, muss ein episches Video her.

OMG, das muss ich haben!”
Und auch im späteren Verlauf der Entwicklung darf die Medienabteilung nicht ruhen. Nach jedem weiteren Video, das zu Star Citizen nachgeschoben wurde, explodierten die Einnahmen. Neue Geldgeber kamen hinzu, bisherige legten nach - weil Raumschiffe vorgestellt wurden, die man sich als Spieler für teuer Geld reservieren kann.

Die Spieler gieren also nach bewegten Bildern. Sie wollen verzaubert werden, gieren nach einer Prise Hollywood und nach Emotion. Das betäubt sie derart, dass sie bereitwillig ihren Geldbeutel öffnen und in einen Traum investieren, von dem sie zumindest ahnen, dass er niemals in der ihnen so eindrucksvoll vorgeführten Form Wirklichkeit werden kann.

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Öl ins Feuer der Begeisterung

In der Gaming-Branche gibt es unzählige Beispiele dafür, wie gut gemachte Videos zum Erfolg eines Spiels beigetragen haben, das letztlich nichts mit dem Film zu tun hatte. Bei Star Wars: The Old Republic, wurde von BioWare vorab mit einer ganzen Reihe von Videos der Hype befeuert und die Cinematic Trailer zu The Elder Scrolls Online sicherten ZeniMax mehr Vorbestellungen, als der Titel verdient hatte.

Besonders pfiffig sind in dieser Hinsicht die Isländer von CCP, die immer neue, immer bessere Filme abliefern, die dabei helfen, die Treue der Spieler zu sichern und unzählige Abtrünnige dazu bringen, wieder nach New Eden zurückzukehren. Die Kosten für diese Produktionen mögen durchaus hoch sein - die Wirkung allerdings ist unbezahlbar.

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Kommt mal wieder runter!

Nicht einmal Chris Roberts konnte zu Beginn seines Projekts abschätzen, wie groß die Wirkung der bewegten Bilder sein würde. Und nach 50 Millionen eingespielten Dollar scheint ihm die Sache selbst nicht mehr ganz geheuer zu sein. Hier und da scheint er auch schon mal bemüht, die Euphorie ein wenig zu bremsen und aktuell ist auch der Crowdfunding-Zähler von der Startseite verschwunden.

Star Citizen, das weiß mittlerweile jeder, ist finanziell verdammt erfolgreich. Nun ist es an der Zeit, dass man den Fokus allein auf die Entwicklung ausrichtet und weniger auf den ursprünglich so enorm wichtigen Hype. Doch ganz so einfach wird es für die Entwickler nicht werden. Das Konzept, von jeder Raumschiffsklasse einen Film im Stil einer Autowerbung zu liefern, wird man beibehalten müssen, das erwarten die Fans mittlerweile.

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No Roberts, no Cry!

Nur gut, dass man längst über ein eigenes Motion-Capture-Studio verfügt und mittlerweile auch Personen ohne allzu großen Aufwand in die Filme einbauen kann. Das erleichtert nicht zuletzt auch die flexible CryEngine. Und würde man nicht ohnehin längst an einem FPS-Shooter-Teil für Star Citizen arbeiten - spätestens jetzt hätte man sich wohl dazu entschieden.

Nun schrillen angesichts all der Propaganda, die Roberts da mehr oder weniger gezielt betreibt, bei manchen Fans sämtliche Alarmglocken. Wird Roberts in absehbarer Zeit das MMOG liefern, das wir uns in unserer so angeregten Fantasie ausmalen? Nein, denn obwohl 50 Millionen Dollar für ein Indie-Studio unglaublich viel Geld ist - zaubern kann man damit nicht und eine virtuelle Galaxis ist eine Sache, für die man viel mehr Zeit benötigt, als Roberts und den Fans lieb ist.

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Endlich wieder Kino am Schreibtisch

Was Chris und vor allem sein Bruder Erin Roberts jedoch mittelfristig abliefern werden, und davon bin ich absolut überzeugt, ist ein geniales Squadron 42. Ein Solo- und Koop-Game also, das die genialen Trailer noch einmal in den Schatten stellt. Ein Spiel in der Tradition von Wing Commander, das aus Story, Musik und bewegten Bildern heraus Emotionen erzeugt wie kaum ein anderes, das mit regelmäßigen Episoden die Wartezeit auf das MMOG einerseits verkürzt, andererseits aber auch unerträglich macht.

Um es mit Roberts eigenen Worten zu sagen: “Ich würde sagen, dass es die Eröffnungssequenz von Gladiator ist, vermischt mit Ninth Legion, Heart of Darkness und Apocalypse now - das alles im Weltraum.” Und genau mit diesem Versprechen und den jüngsten Propaganda-Videos ist es Roberts und seinem Team gelungen, den wohl interessantesten Genre-Auftritt auf der aktuellen Gamescom hinzulegen.

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World of Warcraft - trotz Warlords of Draenor wenig Hoffnung

Wobei in diesem Jahr auch Blizzard einen Achtungserfolg erzielt hat. Der aktuelle Trailer zu den Warlords of Draenor, die nun verbindlich Mitte November bei uns aufschlagen sollen, kann sich durchaus sehen lassen und jagt so manchem Fan eine wohlige Gänsehaut über den Rücken. Wer die Reaktionen in einschlägigen internationalen Foren verfolgt, zählt Tausende Kommentare, in denen die Spieler verkünden, die Erweiterung allein wegen des Videos vorbestellen zu wollen.

Trotzdem hat man bei Blizzard wenig Hoffnung, dass man den Spielerverlust, den World of Warcraft derzeit erlebt, noch einmal umkehren kann. “Es ist möglich, doch ich würde nicht sagen, dass wir das erwarten.”, verkündete WoW-Designer Tom Chilton jüngst und versprach, dennoch den bestmöglichen Inhalt abzuliefern.

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Die größte Hürde ist gewiss nicht das Level

Wobei Chilton nicht nur in Bezug auf die Spielerzahlen eine für Blizzard äußerst untypische Überzeugung hat - für ihn steht auch fest, dass man mit Erweiterungen große Barrieren aufbaut, die verhindern, dass Spieler zurückkehren. Und um diese Hürden abzubauen, so der Entwickler, packe man auch einen Level-90-Charakter mit in die Erweiterung.

Doch warum, so fragt man sich nach diesem Bekenntnis, verzichtet Blizzard dann nicht komplett auf Erweiterungen im klassischen Sinne und pflegt den neuen Content einfach regelmäßiger ins Spiel ein? Klar - weil die Erweiterungen ein Milionengeschäft sind. Weil sich damit zusätzliches Geld aus den Spielern pressen lässt. Und genau das, lieber Tom Chilton, ist angesichts der Situation am Markt die wahrscheinlich größtmögliche Barriere überhaupt.

The Elder Scrolls Online - verschenktes Potential

Doch zurück zum Thema bewegte Bilder. Absolut nichts kapiert haben in dieser Hinsicht die Jungs in den ZeniMax Online Studios. Deren Trailer sind gemeinhin so spannend wie Patch-Notes. Auch der aktuelle Clip zum Update 4 ist im Kern nichts anderes als ein paar bewegte Bilder der kommenden Abenteuer samt Aufzählung der neuen Elemente - völlig lieblos aneinandergereiht.

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Wenn es CCP mit 500.000 Abonnenten schafft, regelmäßig epische Kurzfilme abzuliefern, dann sollte das ZeniMax mit immerhin 800.000 zahlenden Kunden und einer von epischen Geschichten fast berstenden Welt erst recht möglich sein. Wer auch immer da für die Videoproduktion von The Elder Scrolls Online verantwortlich zeichnet - ihm oder ihr gehört das Handwerk gelegt.

Shroud of the Avatar - schlaflose Nächte

Richard Garriott war zwar schon mal im Weltraum, von einem Budget, wie ZeniMax es hat, kann er momentan jedoch nur träumen. Für die Entwicklung seines Crowdfunding-Projekts Shroud of the Avatar muss er mit dem auskommen, was die Großen in der Portokasse haben. Und doch hat er sich anlässlich der Gamescom einen Trailer geleistet.

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Der offenbart noch einmal, was Fans längst wissen: Shroud of the Avatar erzählt eine ganz ähnliche Geschichte wie seinerzeit Ultima. Und nicht nur das: Rollenspiel-Veteranen, die dem Erzähler im aktuellen Clip ganz genau zuhören, werden auch die Stimme des Guardian wiedererkennen, die uns älteren Spielern manch schlaflose Nacht beschert haben dürfte. Wenngleich also der Trailer für technisch verwöhnte Spieler eine Enttäuschung sein mag - bei der angepeilten Zielgruppe trifft er den richtigen Nerv.

Star Wars: The Old Republic - dieser Film ist kein Flaggschiff

Ganz anders, dafür recht ähnlich wie bei The Elder Scrolls Online sieht es übrigens bei Star Wars: The Old Republic aus. Fast könnte man meinen, ZeniMax und BioWare teilten sich den gleichen Video-Artisten. Nicht nur ist der aktuelle Clip mit gerade mal 45 Sekunden erschreckend kurz - er bleibt auch komplett hinter den Möglichkeiten dessen zurück, was er eigentlich transportieren sollte.

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Eine durchaus interessante Erweiterung zum MMOG nämlich, in der es nicht nur um Gilden-Flaggschiffe geht, sondern auch um Spielelemente, die das Zeug haben, man ehemaligen Spieler zurück in die alte Republik zu holen. Stattdessen werden auch hier die neuen Features viel zu schnell und völlig lieblos aufgezählt, als seien die Produzenten entweder in Eile oder besorgt, dass der Betrachter die Minute Lebenszeit bereuen könnte, die er mit dem Video verschwendet.

Ausblick

Und damit auch ihr noch etwas vom angebrochenen Wochenende habt, wollen auch wir an dieser Stelle zum Schluss kommen. In der kommenden Woche widmen wir uns zur Abwechslung mal etwas weniger den bewegten Bildern und rücken dafür interesante Spielmechaniken in den Fokus, werfen unter anderem einen Blick auf Sonys Titel und das Fanfest, das parallel zur Gamescom stattgefunden hat - im Nachhinein und angesichts der kargen Tage in Köln wohl keine ganz dumme Entscheidung.