Nachdem bereits die letzten beiden Ausgaben dieser Kolumne den Charakter eines Fortsetzungsromans mit zwei Handlungsbögen hatte, setzt unser Autor in dieser Woche noch einen drauf und führt die konfliktreiche Geschichte, in der aus Entwicklern und ihren einstigen Fans erbitterte Feinde werden, ihrem vorläufigen Höhepunkt entgegen.

Ob in der Kneipe oder in der Ehe - es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass hin und wieder mal die Fetzen fliegen, wenn über wichtige Themen diskutiert wird. In der Regel steigert sich ein Konflikt bis zu einem kritischen Punkt, an dem es mindestens einer der beiden Parteien zu ungemütlich wird. Ein paar Kompromisse später hat sich die Lage auch schon wieder entspannt und die Streithähne verstehen sich plötzlich besser denn je.

Anonymität = God-Mode

Ganz anders ist das jedoch, wenn ein Konflikt über das Internet ausgetragen wird. Hinter dem Wall der vermeintlichen Anonymität fehlen wesentliche Faktoren wie Stimmlage und Körpersprache. Das Gegenüber wird in einem Forum eher als Avatar und Gegner wahrgenommen, kaum noch als Mensch. Entsprechend muss jede Attacke unerbittlich hart ausgeführt werden, damit sie möglichst nachhaltig wirkt, bis man selbst vom verzögerten, aber unvermeidlichen Konterangriff getroffen wird.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Kapitulation

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
In der Anonymität des Internets sind sie stark: Lizard Squad.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Manche Menschen bereitet ein solcher Schlagabtausch im Netz so große Freude, dass sie sich regelmäßig auf die Suche nach potentiellen Opfern begeben. Die zeichnen sich im Idealfall dadurch aus, dass sie einen gewissen Bekanntheitsgrad haben und eben nicht anonym sind. Damit verpufft deren an sich wirksamer Gegenangriff komplett, weil der Troll im Zweifelsfall flugs unter anderem Namen nachsetzt oder sich mit zahlreichen weiteren Unterstützern selbst zur Hilfe eilt.

Reden ist Silber...

Entsprechend artet jeder Versuch des Angegriffenen, sich mit Argumenten zur Wehr zu setzen, in Arbeit aus und ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das einzig wirksame Mittel, diese Sorte Rollenspieler ins Leere laufen zu lassen, ist der Rückzug vom Schlachtfeld. Bleibt die Verteidigung aus, wird den Trollen schnell langweilig und sie widmen sich interessanteren Kriegsschauplätzen, von denen sie stets mehrere gleichzeitig am Laufen halten.

Wie gut ein Mensch nun mit solchen Angriffen durch im realen Leben oft auffällig unauffällige Zeitgenossen umgehen kann, ist eine Sache des Temperaments. Ein Hitzkopf und Alphatier wie John Smedley, im realen Leben mit einem ordentlichen Selbstbewusstsein gesegnet, entsprechend befehlsgewohnt und durchsetzungsstark, hat damit seine liebe Not.

Das Recht auf seiner Seite

Für ihn, der sich trotz seiner Funktion als Firmenchef von Daybreak, ehemals Sony Online Entertainment, mit Herz und Seele der Entwicklung von Träumen verschrieben hat, ist es eine Sache der Ehre, dass man in Internetforen seinen Mann steht, seine Ansichten und sein Tun mit aller Kraft und Vehemenz gegen die destruktiven Kräfte verteidigt.

Dabei schlug Smedley sämtliche Warnungen in den Wind, legte sich mit einer Gruppe an, die eigentlich mal Spieler waren oder noch sind, die in der Anonymität aber unglaublich stark und böse erschien, der man unbedingt das Handwerk legen musste. Immerhin war Smedley im Recht, denn diese Leute brachen Gesetze, hackten Server oder legten sie lahm und brachten sogar den amerikanischen Flugverkehr durcheinander, weil sie den Flieger, in dem Smedley saß, mit einer Bombendrohung zu Boden zwangen.

Sieger und Verlierer

Und nachdem die finnischen Strafverfolgungsbehörden einen jugendlichen Hacker festgenommen hatten, legte Smedley erst richtig los, fluchte auf allen Kanälen und versprach schmerzhafte Konsequenzen für alle Beteiligten und deren Eltern. Entsprechend legten die Minderjährigen jedoch erst richtig los und hätte John Smedley ein paar Rechtshistoriker gefragt, er hätte gewusst, dass bereits im Mittelalter nirgendwo so viel geklaut wurde wie bei den öffentlichen Hinrichtungen von verurteilten Straftätern.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Kapitulation

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
John Smedley zieht sich zurück. Bei seinen Gegnern knallen die Korken.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Entsprechend bliesen auch die Hacker zum vollen Angriff auf Smedley und dessen Unternehmen, legten die Server lahm, belästigten und bedrohten Angehörige und setzten eine Belohnung von 5000 Dollar für all jene aus, die das Grab von Smedleys Vater schändeten. Der juristische Sieg stellte sich als Pyrrhussieg heraus und als Niederlage für John Smedley.

Der Krieg geht weiter

Der zog sich in der vergangenen Woche plötzlich aus der Öffentlichkeit zurück, löschte seine Accounts auf Twitter und Reddit und ward seither nicht mehr gesehen. Am 22. Juli wurde dann zur Gewissheit, was mancher schon geahnt hatte: John Smedley ist als President von Daybreak zurückgetreten, um sich “eine Auszeit” zu nehmen und in andere Tätigkeitsbereiche zu wechseln, wie es aus Unternehmenskreisen heißt. Möglicherweise wurde er auch durch den neuen Firmeneigner abgesetzt - genau weiß das derzeit niemand. Dass im Lager der Trolle gerade die Sektkorken knallen, dürfte sicher sein.

Umso mehr, weil sich für die Halbstarken gleich eine ganze Reihe neuer Feinde aufs Schlachtfeld begeben. Matt Higby zum Beispiel, ehemaliger Creative Director von PlanetSide 2, der John Smedley als genau den “leidenschaftlichen, risikobereiten Eigenbrötler” beschreibt, den man in der Branche braucht, in der sonst nur weitere finanziell sichere Klone bevorzugt würden.

Standing Ovations für den Verlierer

Oder Trion-Chef Scott Hartsman, der unterstreicht, dass Tausende in der Branche John Smedley ihre Karriere verdanken - ihn selbst eingeschlossen. Und DAoC-Entwickler Mark Jacobs glaubt sogar, dass die Gaming-Industrie ohne den zurückgetretenen Daybreak-Chef heute nicht dort wäre, wo sie ist. Smedley habe Fehler gemacht, doch er sei die treibende Kraft an der Spitze von SOE gewesen, als es darum ging, mehr Ressourcen ins Online-Gaming zu stecken, als niemand sonst mehr dazu bereit war.

Wiped! - Die MMO-Woche - Die Kapitulation

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
H1Z1 begeistert eine gewaltige Schar von Fans. Zu verdanken ist das unorthodoxe Spiel wohl John Smedleys Risikobereitschaft.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und in der Tat - ohne John Smedley gäbe es heute kein H1Z1, das ausgetrampelte MMO-Pfade verlässt und auf einem wirklich guten Weg ist und das wahrscheinlich noch bedeutend erfolgreicher und weiter entwickelt wäre, hätten Spieler und Entwickler nicht permanent mit jenen Leuten zu kämpfen, die ein Problem damit haben, regelkonform zu spielen und die das Internet als gänzlich rechtsfreien Raum ansehen.

Raum für Neues

Bleibt nur zu hoffen, dass John Smedley aus der Sache gelernt hat. Wer gegen die unlauteren Gesellen des Internets kämpft, darf das keinesfalls auf den von ihnen gewählten Schlachtfeldern austragen. Dort sind sie in ihrer Anonymität vollkommen immun und nicht zu schlagen. Und wenn man den Kampf zu ihnen bringt und gegen die in Wahrheit nerdigen Kids einen Teilsieg erringt, dann ist Schweigen einmal mehr die beste Waffe.

Und wenn John Smedley am Ende tatsächlich den Krieg gewinnen will, zieht er sich zurück, entwickelt im stillen Kämmerlein mit einem guten Team ein neues Spiel, meldet sich in zwei, drei Jahren damit zurück und zeigt, dass er im Gegensatz zu seinen Widersachern in der Lage ist, etwas Großes zu erschaffen - und nicht nur die Werke und das Ansehen anderer zu zerstören.

Star Citizen - kein weiteres CoD

Vielleicht hätte sich John Smedley auch einfach mal ein wenig mit Chris Roberts unterhalten sollen. Der wird derzeit, wie wir bereits in der vergangenen Woche berichteten, ebenfalls heftig attackiert. Er bleibt jedoch äußerst cool, ignoriert den Kritiker und Branchenvertreter Derek Smart, dessen Hasstiraden und Drohungen weitgehend und widmet sich weiterhin seinem Space-Sim-Projekt Star Citizen.

2 weitere Videos

Ein paar Worte in ungezielter Richtung allerdings kann sich auch Roberts nicht verkneifen und entgegnet all jenen, die künstliche Deadlines und die radikale Beschneidung von Star Citizen fordern, um es zu dem Projekt von 2012 und damit möglichst bald verfügbar zu machen: “Bullshit”. Dass Star Citizen durch die Hilfe seiner Unterstützer höhere Ziele verfolgt als noch 2012, sei ja gerade der wesentliche Punkt.

Derweil läuft die Arbeit am Shooter-Modul munter weiter, dessen Verschiebung die aktuelle Diskussion über Star Citizen ja erst ausgelöst hatte. Man wolle keinen Wegwerf-Action-Modus bringen, sondern eine Simulation, die dem gesamten Projekt gerecht wird. Eine, in der das virtuelle Ableben Konsequenzen haben soll, damit die Spieler langsam und vorsichtig vorgehen und einen Grund haben, ihren Freunden dabei zu helfen, “Gegner zu täuschen und zu besiegen”.

Revival - zieht sich noch lange hin

Wie groß dabei aktuell noch die Rolle jenes beauftragten Studios ist, das dereinst für das FPS-Modul von Star Citizen verantwortlich gewesen sein soll, ist nicht ganz sicher - in dieser Hinsicht schweigen derzeit sowohl Chris Roberts als auch die Jungs von Illfonic, die immerhin parallel auch noch an einem eigenen MMO-Projekt mit dem Namen Revival arbeiten. Doch auch davon hört man nur wenig und manch einer hat sich schon gefragt, ob das Hardcore-Gothic-MMORPG nicht bereits längst eingestellt worden ist.

2 weitere Videos

Offenbar läuft die Entwicklung jedoch noch auf Hochtouren weiter und neben dem Verkauf von virtuellen Immobilien vorab scheint ein privater Großinvestor das Projekt so gut zu finanzieren, dass man bisher nicht einmal auf Kickstarter vorstellig werden musste. Was den Release oder zumindest mal Kampfszenen aus dem wunderhübschen Spiel betrifft, so will man sich bei Illfonic jedoch nicht drängen lassen und kündigt an, dass selbst das noch ein Weilchen dauern werde.

Man habe in der Vergangenheit schon unter Zeitdruck liefern müssen und wolle das bei Revival unbedingt vermeiden. Und wer weiß - vielleicht steht derzeit ja auch bei Illfonic das FPS-Modul von Star Citizen ganz oben auf der Prioritätenliste und ganz ohne Zeitdruck dürfte die Entwicklung dort derzeit wohl kaum ablaufen, denn so ruhig Chris Roberts nach außen hin auch erscheinen mag - er dürfte sich kaum auf unbestimmte Zeit vertrösten lassen.

Crowfall - for the Watch!

Etwas mehr zu sehen und vor allem zu hören gibt es da aktuell schon bei Crowfall, einem der passioniertesten Crowdfunding-Projekte des MMORPG-Genres. Das soll bekanntlich genau das in einer virtuellen Welt simulieren, was Buch- und Drehbuchautor George R. R. Martin und der TV-Sender HBO derzeit in der düsteren Erfolgsserie Game of Thrones erzählen.

2 weitere Videos

Den Kampf um Macht nämlich, frei ausgetragen unter Spielern, die nicht in sinnfreie Fraktionen gezwungen werden wie bei manch anderen MMOs, sondern die selbst Fraktionen gründen und darüber entscheiden dürfen, wen sie zu ihren Untertanen machen und für wen sie ihrerseits in den Krieg ziehen. In Crowfall, das deutet der texturlose Überflug an, wird man wohl weder Champion sein noch Held, sondern Aasgeier - Krähe eben.

Ausblick

So unterhaltsam der Konflikt zwischen gewissen Branchengrößen und der Spielerschaft auch sein mag - es wird Zeit, dass sich das genretypische Sommerloch schließt und endlich wieder ein paar handfeste Infos zu neuen Titeln die Runde machen. Doch kein Grund zur Beunruhigung - immerhin steht zur nächsten Ausgabe die Gamescom unmittelbar vor der Tür und für gewöhnlich wirft die ihre Schatten schon ein wenig voraus.