Wieder einmal ist der Höllenfürst seinem heißen Reich entstiegen und wieder einmal reißt er alles mit, was sich ihm in den Weg stellt. In unzähligen Gilden bahnen sich existenzielle Probleme an, denn in ihrer Rage verkünden die Hack’n’Slay-Jünger, ihre nächsten Jahre mit dem neuen, alten Freund verbringen zu wollen. Wiped! hat die Situation begutachtet und einen Generationenkonflikt erkannt.

Mitten in der Nacht belagern sie in langen Schlangen die Komsumtempel dieser Welt. Einige haben sich seltsam anmutende Hörnchen aufgesetzt. Sie erinnern stark an jene, die vor einiger Zeit am gleichen Ort aus ähnlichem Anlass ein Fragezeichen auf dem Kopf trugen. Unbescholtene Stadtbewohner müssten sich eigentlich vor dem Mob fürchten - immerhin besteht er zu großen Teilen aus emotional aufgewühlten jungen Männern, die sich alle aus einem gemeinsamen Grund dort versammelt haben.

Art. 8 GG schützt selbst Diablo-Jünger

Und versammelt haben sie sich doch tatsächlich ohne Genehmigung. Es verwundert beinahe, dass nicht schon die Bereitschaftspolizei aufgefahren ist, um dem nächtlichen Treiben ein Ende zu setzen. Doch wahrscheinlich liegen die Ordnungshüter längst auf der Lauer und beobachtet die Horde aus sicherer Entfernung.

Vielleicht haben Polizeipsychologen mittlerweile auch festgestellt, dass trotz der theoretisch brandgefährlichen Zusammensetzung der Gruppe, keine konkrete Gefahr von diesen Leuten ausgeht, denn ein Großteil davon sind Nerds, deren bislang gewaltsamster Akt im Leben sich wohl tief unterhalb von Tristram abspielte und keine leibhaftigen Opfer forderte.

Eine Frage des Alters

Auch fällt bei genauerer Betrachtung der Massen auf, dass die Mehrheit die ganz wilden Jahre ohnehin bereits hinter sich gelassen hat. In der Schlange stehen überdurchschnittlich viele junge Männer, irgendwo zwischen 25 und 40 Jahren. Das nämlich ist die eigentlich in sich gespaltene ‘Generation Diablo’, die je nach Alter mit dem ersten oder dem zweiten Teil nicht nur ins Genre eingestiegen, sondern überhaupt ernsthaft mit dem Gaming insgesamt in Berührung gekommen ist.

Für ältere Spieler, die ihr Herz bereits zuvor an ganz andere Spiele verloren hatte, war Diablo im Januar 1997 ein ordentliches Gemetzel für einige Tage oder Wochen - nicht mehr und nicht weniger. Und jüngere Spieler verstehen heute ohnehin kaum noch, was die Oldies im Teamspeak an dieser altbackenen Prügelei so finden.

Diablo 3 - Unsere Eindrücke vom Launch-Event2 weitere Videos

Ja was denn nun?

Und so erklärt es sich, dass Diablo in diesen Tagen nicht nur bei den Händlern für gehörig Tumult sorgt, sondern auch bei den Lesern einschlägiger Magazine und Webseiten, die hinsichtlich ihrer Bewertungen uneins wie selten sind und die irgendwie auf keinen gemeinsamen Nenner kommen wollen. Ja was denn nun - fette 98 Prozent für das absolute Übergame oder magere 72 für eine nicht mehr zeitgemäße Neuauflage?

Unbedarfte Spieler sind mehr als irritiert - vor allem, wenn vom Spielspaß die Rede ist. In Korea habe man das Spiel in fünf Stunden durchgezockt, heißt es - in Deutschland brauchte man wohl irgendwas um die sieben Stunden. Der Diablo-Veteran jubelt, der Außenstehende wundert sich. So viel Geld und noch mehr Hype für ein solch kurzes Vergnügen? Höhere Schwierigkeitsstufe, das Farmen von Gegenständen, klar - aber wie lange kann das unterhalten?

Nicht zurechnungsfähig

Wer Diablo wirklich liebt, hegt derzeit keine solch frevlerischen Gedanken und ist, vollgepumpt mit Glückshormonen, im Spiel versunken. Und wie das bei jeder großen Liebe in den ersten Tagen ist, glaubt man tatsächlich daran, dass dieses Glück in der neuen, alten Welt ewig hält, dass man auf absehbare Zeit keine Augen mehr für eine andere haben wird

Für Kritiker steht fest: Es ist die berühmte Rosarote Brille, die den Diablo-Jüngern auf der Nase klebt und die ihnen die Sicht auf die Wahrheit vernebelt. Sie können ja gar nicht erkennen, dass Diablo 3 eigentlich gar keinen Spaß machen kann. Wer jetzt also seine Zeit mit Diablo 3 verbringt, glaubt nur, dass er Spaß hätte, befindet sich in Wirklichkeit im Liebestaumel und ist überhaupt nicht zurechnungsfähig.

Lassen wir sie spielen!

Aber ist es nicht genau das, wonach wir uns alle sehnen? Sind wir, die wir diesen offensichtlich durchgeknallten Fanboys ihre große Liebe madig machen wollen, nicht nur neidisch, weil wir selbst gerade unzufrieden sind? Was ist denn Spielspaß anderes als eine Ansammlung von Glückhormonen in den Körpern der Zockenden und wie können wir uns anmaßen, anderen durch empirische Argumentationsketten in ihren Hormonhaushalt pfuschen zu wollen?

Ja, sie taumeln halb blind durch ihre geliebte Welt und hacken mit einer Hand auf Monstermassen ein, während die andere gemütlich in die Chipstüte greifen kann. Doch sie haben einen Mordsspaß dabei. Lassen wir sie feiern, lassen wir sie jubeln, lassen wir sie spielen. Und wenn sie mit jenem irren Funkeln in den Augen davon berichten, dass sie die nächsten zwei Jahre nichts anderes mehr spielen werden, dann lächeln wir einfach wohlwollend und denken uns unseren Teil.

Berufsrisiko Phlegmatismus

Gerade wir Games-Journalisten aus dem MMO-Genre haben ja so unsere hormonellen Probleme. In der Hoffnung auf den ewigen Rausch haben wir unser Hobby zum Beruf gemacht und haben dabei nicht in Betracht gezogen, dass nach zigtausend mehr oder weniger freiwilligen Spielstunden irgendwann die Ernüchterung kommen muss.

Das mag uns einerseits dabei helfen, einen recht objektiven Blick auf die Dinge zu gewinnen, entfernt uns gleichzeitig aber auch von jenen, die sich in ihrer beinahe kindlichen Freude von einem Spiel gefangennehmen lassen können und die absolut nicht verstehen können, dass wir die verborgenen Qualitäten eines Titels nicht erkannt haben.

Wiped! - Die MMO-Woche - Diablo gegen den Rest der Welt

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Posing mit nackter Brust vor nackten Brüsten - unser Wiped!-Autor wird zum TERA-Fanboy und feiert sich als Wächter von Velika.
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TERA - Je mehr, desto besser

Gleichzeitig verlangt man von uns aber nach Release eine möglichst zeitnahe, objektive Bewertung des großen Ganzen, die dem subjektiven Empfinden jedes einzelnen Spielers gerecht werden soll. Reichlich paradox, in der Tat, denn gerade bei einer Onlinewelt benötigt der Redakteur viel Zeit, um sie voll auf sich wirken zu lassen und um vorschnelle Schlüsse zu vermeiden.

Derzeit ist es TERA, auf dessen Bewertung Publisher und Spieler gleichermaßen warten, während ich es in Ruhe auf mich wirken lasse. Und je länger ich das tue, desto überzeugter bin ich davon, dass es richtig ist und jeder endgültige Test zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Ansatz dem gerecht werden könnte, was dieses Spiel ausmacht.

Es lebe die Nachtschicht

Mit TERA verhält es sich nämlich umgekehrt als bei den meisten MMOs der letzten Jahre. Je mehr ich in die Welt eintauche, desto mehr nimmt sie mich gefangen. Während ich mich die ersten 25 Level noch eher gelangweilt durch die Wälder Arboreas schlagen musste, erwische ich mich mittlerweile dabei, dass ich nachts viel zu spät noch vor dem Rechner sitze, weil ich dieses und jenes noch erledigen möchte.

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Ein Dungeon, wie er im Buche steht. Wurde das TERA voreilig als Asia-Grinder abgestempelt und unterschätzt?
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Nach Jahren erlebe ich mittweile wieder einen Hauch jener Faszination, die ich als Professioneller nur noch selten verspüre und um die ich noch vor kurzem die Diablo-Jünger beneidet habe. Mein Blick beginnt sich zu vernebeln und ich laufe Gefahr, zum “Suchti” zu werden, zum Fanboy, der bald nicht mehr objektiv begründen können wird, warum TERA denn nun ach so überragend sein soll.

Ich bitte das zu entschuldigen, gleichzeitig nehme ich es in einer Art von Selbstversuch jedoch bewusst in Kauf, denn erstens kann man mir kaum verwehren, was Anhänger des Gehörnten seit Jahren ausleben dürfen und zweitens ist es längst überfällig, dass wieder etwas mehr Emotion in die Berichterstattung unserer Branche kommt, dass dieser unsinnige Anspruch, objektiv sein zu wollen, den gewisse Print-Medien geprägt haben, endlich verschwindet.

Wann wird's mal wieder richtig Sommer?

Wenn ein Spiel das Zeug dazu hat, einen müden Szene-Oldie aus seiner Lethargie zu reißen, gehört das gewürdigt und nicht unterdrückt. Und so werden wohl auch die nächsten Nächte noch lang und der Weg zur Levelobergrenze immer kürzer. Apropos - in der Gilde ist mittlerweile etwa die Hälfte dort angekommen und hat nicht wieder ausgeloggt, wie zuletzt bei BioWares MMO geschehen, sondern zockt seither umso motivierter weiter - ein wirklich gutes Zeichen, wo derzeit noch nicht einmal die Arenen im Spiel sind.

Die waren in Südkorea eigentlich längst im Spiel enthalten, wurden dann jedoch wieder entfernt, weil man ein Exploit entdeckt hatte und sie beiher gleich noch einmal überarbeiten wollte. “Im Sommer”, so hieß es dann bei Frogster, wolle man die Battlegrounds nachliefern. Doch das ist ein weiter Begriff und die Vorfreude der Spieler auf koordinierte Auseinandersetzungen schürt gleichzeitig eine gewisse Ungeduld.

Zum Hörer gegriffen

Auch bei mir, was mich gerade dazu veranlasst hat, kurz bei Frogster anzuklingeln. Ein konkretes Datum konnte man mir dort zwar auch nicht verraten, versicherte mir jedoch, dass man sich der Wichtigkeit der Battlegrounds bewusst sei und in Südkorea auf Houchtouren daran gearbeitet werde. Bei Frogster geht man derzeit davon aus, die Arenen im August zurück ins Spiel zu bringen.

Was das Release von TERA insgesamt betrifft, scheint man bei Frogster äußerst positiv gestimmt. Zwar wollte man die Nachricht aus den USA, der dortige Publisher En Masse allein habe mahr als 700.000 Spiele an die Mann gebracht, nicht bestätigen, doch hielt man in Berlin die Zahl auch keinesfalls für abwegig. In Europa habe der Verkauf die eigenen Erwartungen bei weitem übertroffen und auch die Zahl der Abonnements läge weit höher als vorab erhofft.

Damit könnte sich TERA im Westen auf rund 1,5 Millionen Spieler katapultiert haben und damit auf Platz zwei der MMOGs mit Monatsabo. BioWare ist mit neuen Inhalten nämlich gnadenlos in Verzug geraten und droht mit seiner alten Republik bald unter die Millionengrenze zu rutschen. Die Server sind leergefegt und auch viele der verbliebenen Spieler, die nicht ohnehin für Diablo pausieren, liebäugeln längst wieder mit WOW, Rift oder eben TERA.

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CCP hat zum vermurksten Release von Diablo 3 gut lachen und verkündet: "Spielt EVE. Server sind oben. Login funktioniert."
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Immer schön der Reihe nach

Doch es stehen bekanntlich noch weitere Welten auf dem Programm. Funcom bereitet The Secret World in diversen Betatests auf das Release im Juni vor, CCP schickt in der Beta von Dust 514 die ersten Controllerschützen via PS3 nach New Eden, ArenaNet wird Guild Wars 2 auch nicht mehr ewig zurückhalten können und NCsoft schickt im Juli schon Blade & Soul ins Rennen.

Ja, ihr habt richtig gelesen - das nächste Action-MMO ist nach Ansicht des Publishers reif für den Markt. Leider hat man wieder einmal die Lokalisierung vernachlässigt und so steht noch immer in den Sternen, wann Blade & Soul im Westen aufschlagen wird. Immerhin ist bis zur E3 im Juni mit näheren Infos zu rechnen.

Königreich in Not

Überhaupt dürfte die E3 mal wieder Brennpunkt für alle Unternehmen werden, die etwas anzukündigen, zu veröffentlichen oder zu beichten haben. Dazu gehören beispielsweise die ‘38 Studios’, die mit dem RPG Kindoms of Amalur in eine finanzielle Schräglage geraten sind und deren MMO jetzt möglicherweise auf der Kippe steht.

Auch Lionhead hat könnte etwas zu vermelden haben. Das Studio, das übrigens seit März ohne Göttervater Peter Molyneux auskommen muss, fahndet derzeit nämlich explizit nach erfahrenen MMO-Entwicklern, obwohl man offiziell noch nichts mit diesem Genre zu schaffen hat. Klar, dass Fable-Fans schon jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft.

Ausblick

Und damit nicht genug - auch unzählige kleinere Studios bereiten sich gerade auf die E3 vor. Über einige mehr oder weniger zeitnahe Veröffentlichungen wird jetzt schon ausgiebig in der Branche gemunkelt und ich werde in den nächsten Wochen wahrscheinlich alle Hände voll zu tun haben, all den Gerüchten nachzugehen, die mir unter vorgehaltener Hand zugeflüstert wurden.

Dass derlei Gerüchte und Geheimnisse bei mir stets gut aufgehoben sind, ist ja bekannt. Ich bin verschwiegen wie ein Grab und teile mein Wissen allenfalls mit euch - in einer der nächsten Ausgaben von Wiped!, damit zumindest ihr stets wisst, was gespielt wird.

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