Warum müssen wir immer gegen Zombies und Orks kämpfen, wenn die Menschheitsgeschichte doch so wunderbare Szenarien bereithält, mit denen sich virtuelle Welten gestalten lassen? Als Barfußhistoriker liebt unser Kolumnist realistische Spiele, muss dafür aber auch jede Menge Kritik einstecken.

'Realistische' Spiele werden immer beliebter - im Singleplayer wie auch im MMO-Bereich:

Kingdom Come: Deliverance - Launch Trailer2 weitere Videos

Ich gebe zu: Ich ziehe gerne in den virtuellen Krieg. Und mit Krieg meine ich weniger die jugendgerechten Balgereien zwischen Orks und Elfen. Für mich darf es gerne eine Nummer realistischer sein. Doch irgendwie scheint sich das MMORPG-Genre zwischen Magie und romantischem Rittertum verheddert zu haben.

War of Rights - die Moral spielt mit

Einer der Gründe dafür ist der moralische Zeigefinger, den man schon als Konsument martialischer Kost vor die Nase gehalten bekommt. Als Entwickler hat man es da noch eine Spur schwieriger und muss mit viel Kritik rechnen, wenn man sich erdreistet, sich historischer Ereignisse oder Epochen zu bedienen.

Und dieses Phänomen ist seltsamerweise im MMO-Genre noch weiter verbreitet als in anderen Gaming-Nischen. Wenn ich War Thunder oder World of Warships streame, lässt man mich weitgehend unbehelligt, denn die erkennt man als Arena-Games und nimmt sie nicht ganz so ernst. Sobald ich aber so etwas auspacke wie War of Rights, in dem man als Soldat mal den Amerikanischen Bürgerkrieg aus der ersten Reihe miterleben kann, wird der moralische Zeigefinger ausgepackt.

2 weitere Videos

Du Sklaventreiber!

Was fällt einem eigentlich ein, für die Südstaaten zu kämpfen? Ist mir denn nicht klar, dass die für Sklaverei und Unterdrückung stehen? Und überhaupt - denkt eigentlich mal jemand an die indigenen Völker Amerikas, die schon blutig abgeschlachtet und von ihrem Land vertrieben worden waren, bevor der Sezessionskrieg begann?

Liebe Moralapostel, all das ist mir klar. Doch dieser Krieg ist seit gut 150 Jahren vorbei und wenn ich in einem Spiel wie War of Rights für die Südstaaten marschiere, tue ich das nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus historischem Interesse und aus Spaß an der Simulation. Dieser Teil der Geschichte wurde bereits geschrieben. Und wenn ich mein virtuelles Unwesen treibe, wird dabei auch niemand versklavt oder seiner Heimat beraubt.

Mir als Spieler oder den Entwicklern da einen moralischen Fehltritt vorzuwerfen, ist vollkommen unangebracht und der Grund dafür, dass wir als erwachsene Menschen ständig mit moralisch unbedenklicher Knuffigkeit gefoltert werden. Ist es nicht gerade der Sinn eines Rollenspiels, den Spieler auch mal in eine ungewohnte Rolle schlüpfen zu lassen und moralisch grenzwertige Dinge zu tun? Und warum ist in persistenten Welten verpönt, was in Solo- und Arena-Games durchgeht?

Wild West Online - Cowboy und Indianer

Man möge es mir also verzeihen, dass ich mich auf Wild West Online freue, dessen Team sich insbesondere in den USA gerade mit derlei Moralaposteln auseinandersetzen muss. Letzteren geht es vor allem um die Rechte der als Indianer bekannte indigene Urbevölkerung. Die Logik, warum man diesen Kampf jedoch gegen ein Studio führen muss, dass ein MMORPG im Wilden Westen ansiedeln möchte, ist schwer nachzuvollziehen.

In Wild West Online kann man zwar für Recht und Ordnung kämpfen, jedoch nicht für die Rechte der Indianer.

Natürlich setzt Wild West Online auf gängige Klischees, stellt das Leben der Indianer romantischer dar, als es war. Es wird vermutlich auch nicht die Gemetzel nachstellen, die seinerzeit stattgefunden haben. Doch man muss auch die Entwickler verstehen, die versuchen, eine persistente Onlinewelt mit verschiedenen Bewohnergruppen zu entwickeln und in eine Balance zu bringen. Das Leid der Indianer, sicherlich mal ein interessantes Thema für ein gutes Story-Game, jedoch kaum für ein MMORPG.

Ein Auftrag für eine saubere Weste

Derweil konzentrieren sich die Entwickler derzeit auf die nächsten Elemente, mit denen die aktuelle Version aufgepeppt werden soll, darunter Quests, bei denen man Kosmetisches bekommen kann sowie Missionen, deren Ausführung Materialien und Baupläne fürs Crafting beschert. Interessant auch die sogenannten Versorgungsketten, bei denen Spieler unterversorgte Städte mit bestimmten, meist craftbaren Gütern beliefern können, um dafür bare Münze oder Seltenes zu bekommen.

2 weitere Videos

Und da 612 Games wahrlich kein großes Studio ist und man nicht in allen Bereichen perfekt aufgestellt sein kann, arbeitet man mit externen Firmen und Artisten zusammen. Einer davon arbeitet gerade an den Animationen verschiedener Wildtiere, die bald Stück für Stück auf die Jagdgebiete losgelassen werden sollen.

Und was wäre der Wilde Westen ohne ein hübsches Stück Land? Die erste Version von der eigenen kleinen Farm hat es mittlerweile auch schon in den Early Access geschafft. Um deren Ausbau muss sich der Spieler dann selbstverständlich noch kümmern, sei es durch Crafting oder durch den Erwerb von seltenen Trophäen.

Dein Saloon gehört bald mir!

Das interessanteste Element, an dem die Entwickler aktuell arbeiten, dürfte jedoch die Eroberung der Wildwest-Nester sein. Mit Blick auf verschiedene Games, bei denen solche Eroberungen nicht wie geplant funktionieren oder bei denen sich die Spieler Lücken in der Mechanik bedienen, versuchen die Jungs von 612 Games dabei möglichst jedes Problem von vornherein zu erfassen und anzugehen, darunter eine gewisse Mindestzahl von Beteiligten sowie einen Timer, der eine erneute Eroberung durch andere Spieler und somit das berüchtigte “Kreisraiden” verhindern soll.

Ob der Wilde Westen in der Praxis dann jedoch so spannend wird, wie er in der Theorie und nach den Erzählungen von Karl May klingt, das werden wir sicherlich noch im Laufe des Early-Access-Programms und spätestens zum geplanten Release im Herbst feststellen. Und vielleicht ist bis dahin ja auch der Konflikt mit den Aktivistengruppen beigelegt.

Dead Man’s Country - Zombies und Indianer

Ein Konflikt, mit dem sich die Macher von Dead Man’s Country aktuell noch nicht herumärgern müssen. Ihr Projekt ist wahrscheinlich noch zu unbekannt und fordert, anders als Wild West Online, auch nicht den mit Spannung erwarteten Western-Übertitel Red Dead Redemtion 2 heraus. Wobei man zumindest ein Wort mit dem gemeinsam hat.

Doch das “Dead” spiel in diesem Falle tatsächlich auf ein eher fiktives Szenario an. Im Wilden Westen von Dead Man’s Country gibt es eben nicht nur Cowboys und Indianer, Sheriffs und Banditen, sondern auch Untote. Entsprechend steckt wohl eine Brise Survival in dem Spiel, bei dem man die “ungezähmte Härte der Wildnis in einer Landschaft voller tiefer Wälder, steiler Berge und trostloser Ebenen” zu spüren bekommt.

2 weitere Videos

Wer ist Einser?

Wie Wild West Online auch soll Dead Man’s Country (Homepage) ein tiefes Crafting-System bekommen, dazu Häuserbau, Ackerbau und die Möglichkeit, Tiere zu zähmen, die sich im Kampf gegen Zombies und Krankheiten auf die eine oder andere Weise als nützlich erweisen könnten. Geplant sind, und auch hier unterscheidet sich Dead Man’s Country von Wild West Online, unterschiedliche Server mit PvP, ohne PvP oder gleich mit ganz eigenen Regeln.

Doch allzu euphorisch sollte man derzeit noch nicht sein. Auch wenn die Webseite ziemlich hübsch gestaltet ist, haben wir bislang nur zwei atmosphärische Eindrücke zu sehen bekommen, kein Video, mit echtem Gameplay. Unklar ist auch, wer wirklich hinter dem ambitionierten Projekt und der offenbar deutschen Firma Einser steckt, ob man genügend Entwickler hat und vor allem ausreichend Budget, um wirklich so ein MMORPG zu stemmen.

Dogma: Eternal Night - und es ward Nacht

Wie schnell es passieren kann, dass am Ende des Budgets noch jede Menge Entwicklungsarbeit übrig ist, mussten anscheinend auch die Entwickler von Dogma: Eternal Night erkennen. Die haben sich offenbar im Dunkel der ewigen Nacht aus dem Staub gemacht. Zumindest hört und sieht man seit vergangenem Herbst nichts mehr von dem Spiel, das einst als Erbe von World of Darkness gefeiert wurde.

Immerhin hatte man der enttäuschten Community des zuvor eingestellten Vampire-MMORPG damals ausgemalt, dass man bewerkstelligen könne, was CCP nicht gelungen war. Eine düstere Welt voller intelligenter Blutsauger mit Ambitionen zur Übernahme der Welt, das schien plötzlich wieder greifbar. Entsprechend hatte die Community knapp 30.000 Dollar gesammelt, die natürlich jetzt mit den Entwicklern verschwunden sind. Und die haben letztlich nicht mehr abgeliefert als eine möglicherweise innerhalb weniger Tage erstellte Tech-Demo.

Breakaway - erste Schlappe für Amazon

Und noch ein Projekt wurde aktuell zu Grabe getragen: Breakaway. Umso bezeichnender, dass es sich dabei um ein Arena-Game handelte, also ein recht günstig zu entwickelndes Spiel, hinter dem auch noch ziemlich erfahrene Entwickler sowie finanziell perfekt aufgestellter Publisher standen. Doch ungeachtet des Einsatzes, so vermeldeten die Amazon Game Studios jetzt, habe man den Durchbruch nicht geschafft und das Spiel nicht das, was man sich erhofft hatte.

2 weitere Videos

Ein erster, ernster Rückschlag also für die so ambitionierten Amazon Game Studios, in denen neben Breakaway, Crucible und einigen noch unbekannten Titeln auch Crucible ja auch noch New World entwickelt werden sollte. Von dem gigantischen MMORPG-Projekt hat man nun schon verdächtig lange nichts mehr gehört und entsprechend mehren sich die Unkenrufe, dass Amazon nicht nur Breakaway, sondern vielleicht gleich die komplette neue Sparte weggebrochen sein könnte. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.