Seit einer Woche tobt der Kampf zwischen Derek Smart und dem Sommerloch nun schon. Und immer wenn man glaubt, die langweilige Leere könnte die Oberhand gewinnen, legt der Entwickler eine Schippe nach. Aktuell fordert er den Rücktritt von Chris Roberts als Chef des Crowdfunding-Projekts Star Citizen und von dessen Frau.

Si tacuisses, philosophus mansisses

“Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.” Mit diesem schlauen Spruch hätte man wohl nicht nur Lateinschüler malträtieren sollen, sondern auch Leute wie Derek Smart. Nachdem der in der vergangenen Woche noch einige interessante Kritikpunkte zum Crowdfunding-Projekt Star Citizen und Chris Roberts Vorgehensweise vorgebracht hatte, ging er aktuell dazu über, seinen an sich schon schlechten Ruf gänzlich zu ruinieren.

Nachdem ihm Chris Roberts ungefragt seinen Crowdfunding-Anteil zurückerstattet und ihn vom Projekt ausgeschlossen hatte, sprach das Enfant terrible der Games-Industrie von “Charakter-Mord” und davon, dass Chris Roberts eine “kultartige Armee” aus “Spinnern und Degenerierten” gegen ihn entsende. “Diese Bastards, von denen die meisten wahrscheinlich noch in Windeln herumgerannt sind und sich ihre in Fäkalien getauchten Hände durchs Gesicht gerieben haben”, als er sich seine Meriten als “hardcore Internet Warlord” verdiente, wüssten ja gar nicht, mit wem sie es hier zu tun haben.

Wiped! - Die MMO-Woche - Der falsche Prophet

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Derek Smart hat seinen Spaß. Die Zeche dafür zahlen andere.
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Des Wahnsinns fette Beute

Aktuell droht er an, mehr Artikel zu schreiben und mehr zu enthüllen und “euch alle” vor Gericht zu bringen, um sämtliche Fragen dort beantworten zu lassen. Er sei bereit, bis zu einer Million Dollar seines eigenen Vermögens für einen Anwalt zur Verfügung zu stellen, um ein genaues Bild der finanziellen Gesundheit des Unternehmens zu ermitteln und die Frage zu klären, ob Star Citizen in angemessener Zeit geliefert werden kann.

Besonders delikat: Derek Smart fordert den unverzüglichen Rücktritt von Chris Roberts und dessen Frau. Letztere benennt er als Sandra und stellt offen den Bezug zu Sandi Gardiner her. Damit befeuert er eine alte Diskussion darüber, ob die ehemalige Schauspielerin, die als Marketing-Vizepräsidentin bei Cloud Imperium Games arbeitet, tatsächlich die Ehefrau von Chris Roberts sei.

Das Model und der Nerd

Angeblich, so wurde in der Anonymität des Internets gemunkelt, sei das Model mit dem Nerd verheiratet. Allerdings sei es in der Firma verboten, dies öffentlich zu machen. Entsprechend ist die außerordentlich attraktive Gardiner seit langem Dorn im Auge einiger Fans, für die sie nicht so recht zum erhofft nerdigen Sci-Fi-Projekt passen mag.

Verschwörungstheorien machen die Runde, nach denen Gardiner nicht an der Fertigstellung von Star Citizen interessiert sei, sondern nur daran, Leute um ihr mühsam verdientes Geld zu bringen. Privatsache - finden zwar die meisten Fans, jedoch spielt solch ein ungeklärtes Geheimnis in einem vorgeblich gläsernen Projekt jenen destruktiven Kräften des Internets in die Hände, die Derek Smart nun instrumentalisieren will.

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Angriff ist die beste Verteidigung

Dabei geht es dem Entwickler gar nicht um Star Citizen. Für ihn ist die ganze Angelegenheit eine Möglichkeit, von seinen unzähligen Verfehlungen abzulenken und sich und sein jüngstes Machwerk “Line of Defense” bei der Spielergemeinde ins Gespräch zu bringen. In einem Interview erklärte er einst selbstherrlich: “Manchmal, wenn ich online gehe, es ruhig ist und ich auf etwas aufmerksam werde, poste ich einfach, um jemanden wütend zu machen. Deswegen mache ich das. Weil ich an dem Tag gut gelaunt bin, an dem ich da hineingehe und Stunk mache.”

Ein waschechter Troll also, für den ein 85-Millionen-Crowdfunding-Projekt wie Star Citizen ein gefundenes Fressen ist. Ein Demagoge, der anfangs ein paar durchaus interessante Kritikpunkte geäußert hat, um die Diskussion ins Rollen zu bringen, der dann aber dazu übergegangen ist, völlig unhaltbare Thesen aufzustellen, im Privatleben anderer herumzuwühlen und sich zum Robin Hood der angeblich um ihren Einsatz geprellten Unterstützer zu erheben.

Derek Smart empfiehlt sich

Ein Mann, dessen Ego so groß ist, dass er sich wahrscheinlich bald selbst als potentieller Nachfolger von Chris Roberts empfehlen wird - für den Fall, dass dieser tatsächlich mitsamt seiner Frau vom aufgebrachten Mob aus dem Unternehmen befördert wird. Klare Sache, dass die 85 Millionen Dollar bei Derek Smart weit besser aufgehoben sind als in den Klauen einer geheimgehaltenen Ehefrau.

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Dabei ist der Schaden, den Derek Smart derzeit anrichtet, weit größer als der, den Sandi Gardiner im schlimmsten Falle anrichten könnte. Seitdem der selbsternannte Internet-Warlord seinen Kreuzzug begonnen hat, ist das Crowdfunding für Star Citizen eingebrochen. Zahlreiche ungeduldige und übereifrige Unterstützer springen nun auf Smarts Zug auf und fordern Rückzahlung ihres Beitrags.

Die selbsterfüllende Prophezeiung?

Dabei ist die rechtliche Beurteilung der Angelegenheit nicht ganz einfach, das komplette Crowdfunding für die Gerichte noch immer eine Grauzone. Derek Smart setzt auf die Gerichtsbarkeit von Florida, die in dieser Hinsicht besonders streng sein soll. Sollte er, vorausgesetzt er stellt sich durch seine dreisten Sprüche nicht selbst ein Bein, dort tatsächlich einen Sieg erringen, könnte das eine Welle von Rückforderungen und damit den finanziellen Zusammenbruch nicht nur von Roberts Unternehmen auslösen, sondern auch von unzähligen anderen Kickstarter-Unternehmen.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung von einem falschen Propheten, die sich nur durch eines entkräften lässt: Die schnelle und saubere Fertigstellung zentraler Elemente von Star Citizen bis zu einem Punkt, an dem man als Unterstützer im Early Access guten Gewissens sagen kann: “Das macht Spaß, davon möchte ich mehr.” So lange uns Chris Roberts dies schuldig bleibt, wird Derek Smart fröhlich weiter Öl ins Feuer gießen.

Trove - unerwartet erfolgreich

Derlei Probleme hat Trove derzeit nicht. Das Spielchen wurde auch nicht von der Masse vorfinanziert, sondern ist - finanziell äußerst günstig - aus einem Experiment erwachsen, mit dem sich einige Mitarbeiter von Trion Worlds nebenbei beschäftigten. Die Fragestellung: Wie sähe wohl ein Spiel aus, in dem die wesentlichen Elemente von Minecraft mit denen klassischer MMORPGs verschmolzen werden - eine Art Cube World also.

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Und während letzteres in den letzten Jahren keine nennenswerten Fortschritte gemacht hat, bekamen die Trion-Mitarbeiter mehr Zeit und Ressourcen für ihr kleines Projekt zur Verfügung gestellt. Das Spiel wurde schneller als erwartet fertig und steht mittlerweile nicht nur auf Trions eigener Plattform kostenlos zum Download, sondern auch auf Steam.

Klein, aber oho!

Dort ist es innerhalb weniger Tage in der Spielergunst nach oben geschnellt und rangiert mit seinen rund 60.000 gleichzeitig eingeloggten Spielern mittlerweile auf Augenhöhe mit AAA-Titeln wie Skyrim oder Grand Theft Auto IV. Um dem Ansturm gerecht zu werden, musste Trion bereits mehrfach neue Server hochschalten.

Einer der Gründe für den Erfolg dürfte wohl auch das Geschäftsmodell sein. Nach dem Ärger um ArcheAge und Rift, die aufgrund ihrer Pay-To-Win-Elemente enorm an Zuspruch verloren haben, scheint man bei Trion Worlds zu Kompromissen bereit - zumindest bei Trove, das vergleichsweise günstig produziert wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass man die richtigen Schlüsse aus dem Erfolg zieht und auch die anderen Titel entsprechend anpasst.

Skyforge - nichts für Dauerzocker

Gleiches gilt übrigens auch für Skyforge, das mittlerweile offiziell veröffentlicht wurde - kostenlos und fair. Wer das optionale Abo abschließt, sammelt zwar schneller als der Rest, wird aber vom Sammel-Cap ausgebremst, das sich jeden Mittwoch erhöht. Klingt doof, ist es auch - zumindest für Dauerzocker. Die stehen meist schon einige Stunden nach der letzten Erhöhung wieder vor den virtuellen Sammelschranken und schauen dann für den Rest der Woche in die Röhre.

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Doch die Begrenzung hat ihre Gründe, von denen zumindest einer durchaus stichhaltig ist. Wenn nichts zu sammeln ist, lassen die Goldfarmer ihre unlauteren Finger vom Spiel. Für sie lohnt es schlicht nicht, der Markt bleibt in den Händen der Spieler und die Preise gesund. Und wer später einsteigt, wird vom Limit möglicherweise gar nichts mitbekommen, denn das maximale Limit ist global identisch. Ein Spiel für Dauerzocker ist Skyforge damit allerdings trotzdem nicht. Für wen es etwas ist, davon können wir erst demnächst mehr erzählen - denn auch wir werden natürlich ausgebremst.

Runic - im Schein der Fackel

Auch die Torchlight-Reihe ist nichts für Dauerzocker. Trotzdem ist sie überaus beliebt und hat den Runic-Gründern Erich Schaefer und Travis Baldree beim Verkauf an Perfect World sicherlich ein ordentliches Sümmchen beschert, von dem sie ein ganz neues Studio namens Double Damage Games gegründet haben, in dem vorzugsweise mit kleineren Budgets gearbeitet werden soll.

Doch auch bei Runic geht die Arbeit weiter - und zwar an jenem geheimen Projekt, von dem man hier und da Gerüchte hört - auch solche, die auf MMO-Elemente hindeuten, wie sie bereits 2012 erstmals im Gespräch waren. Genaues werden wir auf jeden Fall zur PAX Prime Ende August erfahren, denn dort, so hat Runic jetzt angekündigt, werde man das mutmaßliche neue Isometrie-Game endlich enthüllen.

Albion Online - What a fight!

Überhaupt erfreuen sich Spiele in isometrischer Perspektive seit einiger Zeit zunehmender Beliebtheit und der Übergang vom Dungeon-Crawler zum MMORPG steht unmittelbar bevor. Auch Albion Online setzt auf dieses Konzept und darauf, dass es noch immer genügend Veteranen gibt, die sich an Spiele wie Ultima Online erinnern und an den Spielspaß, der allein aus dem offenen PvP erwachsen ist.

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Wie viel Spaß solche Begegnungen mit anderen Gilden machen kann, zeigen mittlerweile zahlreiche Videos aus der laufenden Alpha-Phase, an der immerhin schon 15.400 Spieler aus 145 Ländern teilnehmen. Im Unterschied zu den vorwiegend kurzen Begegnungen, zu denen es in modernen MMOs kommt, wird bei Albion Online wieder lange und erbittert gekämpft und eine Gilde ist nur so gut wie ihre Kommandanten in der Schlacht.

PvP - das unterschätzte Element

Ein Thema, über das wir noch in den kommenden Ausgabe diskutieren werden, denn neben Albion Online haben auch Das Tal, Crowfall und Camelot Unchained ganz ähnliche Ansätze. Dass noch immer die Mehrheit der MMO-Spieler steif und fest behauptet, nichts mit PvP anfangen zu können, liegt schlicht daran, dass seit zehn Jahren kein MMO mehr gutes und vor allem sinnvolles PvP ins Spiel gebracht hat. Doch das ist ein andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.