Das Frühjahr hat noch nicht einmal begonnen und schon deutet sich an, dass 2012 das ersehnte Jahr der MMOs wird. Doch nicht allen in der Branche ist zum Feiern zumute. Ausgerechnet beim Branchenprimus Blizzard sorgt man sich um die Zukunft und setzt den Rotstift an. Was ist da schiefgelaufen und wie wirkt es sich auf den Rest der Branche aus, wenn der Riese wankt?

Bedenkt man, wie viele Krisen die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren gebeutelt haben, so ist die MMO-Branche insgesamt nicht nur glimpflich davongekommen, sondern sie hat sich auch als nahezu resistent für die Probleme erwiesen, mit denen sich andere Branchen so herumplagen müssen. Zumindest die großen Publisher konnten sich sicher wähnen und ihre stets wachsende Kundschaft mit den Früchten vergangener Jahre füttern. Bis jetzt.

Den Gürtel enger geschnallt

Denn mittlerweile kündigt sich eine neue, frische Ernte an und dabei sticht umso deutlicher ins Auge, wie unansehnlich der Fruchtkorb der Großen mittlerweile geworden ist. Viele Früchte sind vertrocknet, faul oder schlicht fad geworden und sie werden kaum mit der neuen Ernte der vielen konkurrierenden Anbieter mithalten können.

Dabei wäre es so einfach gewesen, wenn man einen angemessenen Teil der Erträge rechtzeitig genutzt hätte, um eine neue Saat auszustreuen. Die Ernte hätte man jetzt einfahren können. Doch so hockt man lieber auf seinen alten Körben, wartet, analysiert ein wenig und schnallt einfach den Gürtel etwas enger. Mit anderen Worten - man entlässt mal eben zehn Prozent der Mitarbeiter.

Wiped! - Die MMO-Woche - Den Gürtel enger geschnallt

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Laut Blizzard ist World of Warcraft nicht von den Entlassungen betroffen.
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Zehn Prozent oder drei Spiele?

Stolze 600 Mann sind es aktuell, die bei Blizzard den Hut nehmen müssen. Zum Vergleich: bei CCP arbeiten nach den letzten Streichungen noch insgesamt 450 Mitarbeiter an insgesamt drei Spielen. Bei Funcom sieht es ähnlich aus - da wirken durchschittlich 200 Männer und Frauen an der Fertigstellung eines Titels mit. Was also, so fragt man sich, haben diese sechs Hundertschaften bei Blizzard so getan und noch wichtiger - was hätten sie in den nächsten Jahren getan?

Um entsprechenden Spekulationen gleich vorzubeugen, lässt das Blizzard-Hauptquartier verlauten, dass die Entwicklung von World of Warcraft von den Kürzungen unberührt bliebe. Pandabären und Pokémon-Petkämpfe bleiben uns also nicht erspart. Es wurde auch keiner der geplanten Titel eingestellt. Im Gegenteil - man ließ erst in der vergangenen Woche verlauten, dass man an einem neuen Free-to-play-Spiel arbeite.

Keine Arbeit für GMs?

Doch aus welcher Ecke des Unternehmens stammen die 600 Unglücklichen dann? Auf das Reinigungspersonal wird Blizzard wohl kaum verzichten wollen. Und je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erhärtet sich ein Verdacht. Könnten es vielleicht Mitarbeiter des Supports sein, die Blizzard da nach Hause schickt, weil es für sie schlicht und ergreifend nicht mehr genügend Arbeit gibt?

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Diablo 3 ist so gut wie fertig - könnte das ein Grund für die Entlassungen sein?
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Solange Blizzard die Sache nicht aufklärt, ist das wohl noch die wahrscheinlichste aller Theorien. Und sie bedeutet gleichzeitig, dass World of Warcraft weiterhin die Spieler wegbröckeln und Blizzard keine Licht am Ende des Tunnels sieht. Rund drei Millionen Abonnenten dürften es in der westlichen Welt noch sein. Drei Millionen Spieler, die, auf die Konkurrenz aufgeteilt, locker sechs herkömmliche Publisher ernähren könnten - also insgesamt etwa 1200 Entwickler plus Support.

Ein kleiner Schritt für den Riesen, ein großer für das Genre

Für die Spielerschaft kann es nur gut sein, wenn ein Monopol fällt, damit etwas mehr Wettbewerb aufkommt und die Gelder, mit denen wir die Publisher füttern, auch wieder in neue, innovative Spiele gesteckt werden und nicht in den Aufbau eines Mega-Unternehmens. Blizzard hat sich über die fetten Jahre hinweg selbst in diese Sackgasse manövriert, hat Gelder geschluckt, mit denen sich Unglaubliches hätte entwickeln lassen und in Sachen MMOG seit langem nichts Nennenswertes mehr geliefert.

Das tun jetzt dafür gleich mehrere andere Unternehmen. Sie treten das Erbe Blizzards an und läuten eine neue Ära ein, in der das Genre wieder einen Schritt nach vorne machen wird. Und falls der träge, wankende Riese seinen schmerzhaften Sturz wirklich noch aufhalten will, wird mehr nötig sein als die Entlassung von Mitarbeitern. Man wird sich seiner Wurzeln besinnen und liefern müssen - und zwar verdammt schnell.

MMOG nach Hausmacher Art

Und es sind längst nicht nur die großen Studios, die sich in diesen Tagen an der Entwicklung einer persistenten Onlinewelt versuchen. Vielmehr sind es kleine, bisweilen auch semi-professionelle Teams und ehemalige Modder, die ihre Scheu überwunden haben und erste Gehversuche in der bislang so exklusiven Branche wagen.

Deutlich wird das vor allem durch die erhöhte Nachfrage, über die sich derzeit jene Unternehmen freuen, die sich auf die Herstellung von Technologien und Plattformen spezialisiert haben, mit denen sich auch MMOs entwickeln lassen. Ob Unreal-, Cry- oder HeroEngine - sie alle erleben gerade einen wahren Boom, denn sie liefern kreativen Entwicklern mittlerweile den kompletten Baukasten, den man zur Verwirklichung eines spannenden Spiels benötigt.

Klar, viele davon werden es nicht bis zur Marktreife bringen. Manchen Entwicklern wird die Lust vergehen, andere scheitern an der Komplexität oder am Geld. Doch ein paar kommen immer durch und vielleicht wird eines Tages einem kleinen Start-Up-Unternehmen der große Coup gelingen, weil Spielspaß und das richtige Konzept letztlich viel wichtiger sind als der ganze technische Firlefanz.

Pathfinder - auf dem richtigen Weg

Vor allem die Freunde gepflegter Sandbox-Welten, die seit Jahren geduldig darauf warten, endlich neue Welten nach Belieben zu formen, werden spätestens 2013 ihr wahres Wunder erleben. Dann nämlich werden unzählige kleine, aber überaus kreative Welten auf den Markt drängen und zeigen, welches Potential in diesem vernachlässigten Genre steckt.

Ein besonders vielversprechender Kandidat, der in der Presse bislang kaum Beachtung findet, ist Pathfinder Online. Die kleine Spieleschmiede Goblinworks, die übrigens von Ryan S. Dancey geführt wird, dem ehemaligen Chief Marketing Officer von CCP, orientiert sich bei der Entwicklung an zahlreichen namhaften Sandbox-Games wie EVE Online und Ultima Online und verknüpft dabei Funktionen, die bislang immer nur einem Titel vorbehalten waren.

Wie errichtet, so vernichtet

Dazu zählt ein dynamischer Markt samt dazugehörigem Sandbox-Crafting ebenso wie nachhaltige Eingriffe in der Landschaft, den Bau und die Zerstörung von Gebäuden. Aktuell arbeitet man an der gesamten Palette von Spieler-Gebäuden, von Lagern, über Gaststätten, Wachtürme und Forts bis hin zu Siedlungen.

Und weil sich in einem Sandkasten kaum Erfolge im Alleingang erzielen lassen, bekommen besonders ehrgeizige Zeitgenossen die Möglichkeit, eine passionierte Gruppe guter Spieler im täglichen Überlebenskampf zu führen - ob nun als Feudalherr, Oligarch oder Chef einer demokratisch gewählten Regierung - das Spiel lässt da alle Freiheiten.

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Anders als moderne Themepark-Spiele traut Goblinworks seinen Spielern etwas zu und setzt auf ein komplexes Wirtschaftssystem.
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Goblinwerks setzt Spieler die Krone auf

Stark muss der Anführer allerdings sein, denn es gilt nicht nur, eine Siedlung aus der gnadenlosen Wildnis zu stampfen, sondern das eigene Dörfchen zu verteidigen und zu erweitern - notfalls auch gegen den Willen und die Interessen benachbarter Volksgruppen. Im Idealfall allerdings bildet man ein Bündnis und gründet ein eigenes Königreich.

Ein solches Spiel klingt in den Ohren eines Sandbox-Fans beinahe zu schön, um wahr zu sein. Eine Welt, in der man mit nichts ankommt und in der einem alle Möglichkeiten offenstehen - unverhersehbar, bisweilen brutal, ohne Netz und doppelten Boden. Doch woher findet Goblinworks die nötigen Spieler? Wie will man sich finanzieren?

Softlaunch statt Mega-Hype

Mit EVE Online hat Ryan S. Dancey schon einmal ein Spiel mit ganz wenigen Spielern aufgezogen, das erst über die Jahre hinweg gewachsen ist. Und mit der gleichen Taktik will er auch Pathfinder Online nach vorne bringen, mit exakt 4500 Spielern starten und binnen sieben Monaten dann auf 16.500 erweitern. Wenn er nach drei Jahren 120.000 Spieler zählt, ist er zufrieden.

Mit einem solchen Softlaunch will er Kosten möglichst gering halten und gleichzeitig sicherstellen, dass man technisch stets mit den Spielerzahlen mithalten kann. Außerdem hofft er so, gleich das richtige Publikum anzuziehen, statt Massen von Spielern, die sich am Ende eh nichts mit einer echten Sandbox anfangen können oder wollen.

Goblinworks möchte mit Pathfinder lieber wenige Spieler dauerhaft binden und die Spielerzahl über die Jahre hinweg langsam ausbauen, statt stark zu launchen und dann schnell Spieler zu verlieren, wie das bei den Themeparks der Fall ist. Funktionieren kann das, wie EVE Online bewiesen hat. Wann genau mit Pathfinder zu rechnen ist, wollen die Entwickler noch nicht verraten. Die lebhafte Diskussion rund um die Entwicklung lässt allerdings vermuten, dass spätestens anno 2013 die ersten Häuser aus dem Sandkasten emporragen werden.

ArcheAge – da freut sich der Bauer

Mit solch bescheidenen Spielerzahlen wäre man bei XLGames wahrscheinlich nicht zufrieden, denn ArcheAge wurde in Südkorea von Beginn an als großer Titel entwickelt. Und dennoch wartet der Westen noch immer darauf, dass endlich mal enthüllt wird, welcher Publisher die Vermarktung des ‘Sandpark-MMOs’ bei uns übernehmen soll - falls sich überhaupt schon einer gefunden hat.

Falls nicht, wird es langsam knapp, denn ArcheAge durchläuft gerade die vierte Closed-Beta-Runde und trumpft beinahe im Wochentakt mit neuen Features auf, die das Spiel wahrscheinlich zum komplexesten MMOG aller Zeiten machen. Dass man nach Belieben Burgen bauen und belagern kann, wissen wir längst. Auch von den Kämpfen auf hoher See haben wir gehört, bei denen eine ganze Crew aus Spielern ein Schiff steuern und Kanonen bedienen muss.

2 weitere Videos

Was wir bislang aber noch nicht wussten: ArcheAge liefert einen Landwirtschafts-Simulator gleich mit. Umso höher dürften die Herzen deutscher Hobby-Landwirte schlagen, wenn sie im aktuellen Video sehen, welche Einsatzmöglichkeiten Steampunk-Traktoren in ArcheAge haben. Und wem das nicht reicht, der findet unter dem Video den Link zum offiziellen YouTube-Channel von ArcheAge, auf dem noch ein paar weitere offizielle Clips zu finden sind.

Ausblick

Und obwohl das alles noch Zukunftsmusik ist, dürfte uns in diesen Tagen kaum langweilig werden, denn an diesem Wochenende öffnet Frogster wieder einmal die Pforten von TERA. Nachdem ich auf die letzte Runde zugunsten von Guild Wars 2 leider verzichten musste, versuche ich nun, zu meinen Gilden-Kollegen aufzuschließen und einen ersten Blick auf Gruppenspiel und PvP zu werfen.

Außerdem ist Aion seit einigen Tagen free to play. Wer bislang noch keine Gelegenheit hatte, das Spiel zu testen, sollte auf jeden Fall mal einen Blick riskieren. Für den Einsteiger ist Aion tatsächlich komplett kostenlos spielbar. Nur wer wirklich ganz oben mitspielen will, wird langfristig nicht umhin kommen, ein Abo abzuschließen. Doch davon berichte ich ein andermal. Bis dahin wisst ihr mal wieder, was gespielt wird.