Während sich die großen Publisher offenbar schon zur Ruhe gesetzt haben und in diesem Jahr nicht mehr viel auf die Beine stellen können oder wollen, läuft die Arbeit bei den kleinen und kleinsten Studios der MMOG-Branche auf Hochtouren. Dank Schwarmfinanzierung muss man dort keine Knebelverträge mit den Branchenfürsten mehr schließen und kann endlich in relativer Unabhängigkeit an seinen Träumen schmieden.

Einige dieser Träume haben wir euch in der vergangenen Ausgabe bereits vorgestellt. Doch Kreativität und Manpower in der Branche scheinen, wenn man sich erst von der finanziellen Sorge befreit hat, keine Grenzen mehr zu kennen. Beinahe täglich treibt das MMOG-Genre neue, bisweilen exotische Blüten, von denen wir euch auch in diese Woche wieder ein paar vorstellen wollen, damit ihr ihnen beim Wachsen zuschauen könnt. Und wer weiß - vielleicht will der eine oder andere ja auch ein wenig nachgießen.

Gloria Victis - made in Europe

Ein Titel, der durchaus noch ein paar neue Sponsoren gebrauchen kann, entsteht gerade bei Black Eye Games, einem kleinen Studio mit Sitz in London, das immerhin über 30 Entwickler beschäftigt, von denen einige schon an Titeln wie The Witcher oder Neverwinter Nights mitgearbeitet haben sollen. Die 60.000 £, die man über Kickstarter einspielen will, sind natürlich nur der Anfang - spätere Aktionen sollen dem Spiel einen weiteren Schub geben - bis hin zum Professionalisierung.

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Derzeit arbeitet man bei Black Eye Games bislang tatsächlich noch unentgeltlich, aus reiner Passion. Zudem kann man auch kaum selbst im Luxus schwelgen, wenn man die Spieler zugleich mit ungewohnter Härte beglücken will - mit einer rauen Welt nämlich, ganz wie man sich das Mittelalter eben so vorstellt. Statt unzählige unterschiedlicher Rüstungen und Waffen zu bieten, wie man das aus den meisten anderen MMOGs kennt, will man sich auf die wesentlichen Stücke beschränken - auf jene, die auch tatsächlich im Mittelalter genutzt wurden.

Zaubern wie in Wirklichkeit

Selbst bei der Anwendung von Magie will man auf jene Formen und Zauber zurückgreifen, an die man im Mittelalter gemeinhin glaubte. Entsprechend authentisch soll auch die Hintergrundgeschichte sein, in der es durchaus schon mal etwas härter zugehen kann und die vorwiegend für ein erwachsenes Publikum gestrickt wird.

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Eine Brücke ist die Verbindung zwischen zwei Ufern.
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Konflikte sind in dieser Welt, die nach Aussagen der Entwickler nicht nur vom dunklen Mittelalter, sondern auch von Spielen wie Gothic und Baldur’s Gate inspiriert ist, an der Tagesordnung - ebenso wie die Streitigkeiten, zu denen es zwischen Spielern kommen wird und die frei ausgetragen werden können, ob nun in kleinen Scharmützeln oder Eroberungszügen.

Zu Ruhm und Ehre bringt man es als Spieler in koordinierten Belagerungskämpfen, bei denen es um die Kontrolle bestimmter Territorien gehen soll. Wer es friedlicher mag darf sich jedoch auch dem Crafting verschreiben, das unabdingbar sein wird, denn ein Kettenhemd fällt nicht mal eben so aus dem nächsten Wildschwein, sondern muss mühsam geklöppelt oder teuer von anderen Spielern gekauft werden.

Bloß keine falsche Bescheidenheit!

Um die zehn Berufe, von denen man vor allem aus marktwirtschaftlichen Gründen lediglich zwei ausüben darf, auch wirklich originalgetreu zu inszenieren, haben sich die Entwickler einige Berater ins Boot geholt, die derlei Handwerkskünsten tatsächlich noch mächtig sind. Man kann also eine ganze Menge von Gloria Victis lernen.

Wobei auch das kleine Studio noch etwas zu lernen hat, denn die Möglichkeiten der Beteiligung auf Kickstarter sind zu limitiert und setzen zu weit unten an. Wenn man Fans die Möglichkeit gibt, ein mickriges Pfund zu investieren, dann tun sie genau das. Läge die Untergrenze bei 20 £, währe die erste Rate wahrscheinlich längst eingespielt. Hier haben vergangene Projekte gezeigt, dass Bescheidenheit beim Crowdfunding kaum angebracht ist.

Sui Generis - kleines Projekt mit großer Wirkung

Ebenfalls in England entsteht ein weiteres Spiel mit lateinischem Namen, das ein wenig Unterstützung auf Kickstarter gebrauchen kann. Und obwohl Sui Generis gar kein MMOG, sondern ein klassisches Rollenspiel werden soll, kommen wir nicht umhin es kurz vorzustellen. Es bietet nämlich genau jenen innovativen Ansatz, der jedes Genre befruchten könnte, in dem Kämpfer mit Waffen aufeinander einprügeln.

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Ein Steg ist die Verbindung zwischen einem Ufer und dem Nichts.
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Vor allem in MMOGs stehen sich die Kontrahenten meist gegenüber und lösen ihre Skills aus. Die Wirkung eines Treffers äußert sich dann lediglich durch eine Reduzierung der Lebenspunkte. Wer jedoch schon mal in den Genuss gekommen ist, echte Ritter in Kampfmontur aufeinander einprügeln zu sehen, wird bemerkt haben, wie unauthentisch und öde die virtuellen Kampfmodelle eigentlich sind.

Endlich kommt Physik ins Spiel

Bekommt man nämlich mal einen echten Morgenstern vor den Brustpanzer geschwungen, haut einen das durchaus aus den Socken. Zumindest würde man ins Wanken kommen und nicht sofort den nächsten Schlag ausführen können, als wäre nichts geschehen. Und genau an dieser Stelle setzen die Entwickler von Sui Generis an und bringen Physik ins Spiel, wo bislang nur Zahlen regieren.

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In Sui Generis entfaltet jeder Schlag auch entsprechende physikalische Kräfte. Wer mit dem Zweihänder weit ausholt und den Gegner mit voller Wucht trifft, der kann sich sicher sein, dass jener ins Taumeln gerät. Verfehlt man ihn hingegen, dann dürfte allein die kinetische Energie dafür sorgen, dass man selbst für einige Sekunden die Standfestigkeit verliert.

Obwohl sich das Spiel noch in einem recht frühen Stadium befindet und frühestens für Sommer 2014 zu erwarten sein wird, zeigen diverse Videos schon jetzt, wie realistisch ein solch physikalisch korrektes Kampfgeschehen aussieht. Und so klein das Team aus England auch sein mag - man hat eine grandiose Idee, die sich auszahlen wird. Wer Sui Generis gesehen hat, wird endlich wissen, warum sich alle generischen MMOGs am Markt so langweilig spielen.

2014 - das Jahr, in dem Träume Wirklichkeit werden

Überhaupt wird 2014 möglicherweise als ganz besonderes Jahr in die Geschichte der Computerspiele eingehen. Dann nämlich werden die meisten massenfinanzierten Spiele erscheinen und so manches kleines Unternehmen wird plötzlich in der obersten Liga spielen - trotz oder gerade wegen der Unabhängigkeit von Finanzmärkten und Publishern.

Denn wenn ein durch Spieler komplett vorfinanzierter Titel auf dem Markt auffschlägt, ist jeder eingespielte Dollar Rohgewinn und kann entweder zum Ausbau des entsprechenden Spiels genutzt werden oder zur Entwicklung des nächsten Projekts. Für Chris Roberts und sein Star Citizen ist das längst kein frommer Wunsch mehr, denn ihm haben die Fans mittlerweile über drei Millionen Dollar zugeschoben - genug, um die Entwicklung für 2014 auf den Weg zu bringen.

Elite: Dangerous - zurück in die Zukunft

Und noch jemand hat sich vorgenommen, bis dahin zu liefern: David Braben, der in den 80ern mit Elite nicht nur die Weltraumsimulation erfunden hat, sondern die Sandbox gleich mit. Der Altmeister, der sich in den letzten Jahren unter anderem damit beschäftigt hat, die Dritte Welt mit Minicomputern für 25 Dollar zu beglücken, will wieder ins altehrwürdige Genre zurückkehren.

Dafür benötigt der Sparfuchs nicht mehr als 1.250.000 Pfund - also bedeutend weniger als Wing Commander Chris Roberts. Roberts muss jedoch auch eine Engine lizensieren, während David Braben in all den Jahren, in denen sein Studio relativ erfolgreiche Spiele wie RollerCoaster Tycoon veröffentlichte, die Arbeit an der Engine von Elite nie ganz einstellte.

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Ein Raumschiff ist die Verbindung zwischen dem Nichts und einem anderen Nichts.
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Seit dreißig Jahren in der Entwicklung

Man habe sich lange vorbereitet, das Fundament für Design und Technik gelegt und auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Der sei jetzt gekommen, erklärt Braben und sein Kickstarter-Konto schnellt binnen weniger Tage auf über 380.000 Pfund. Dabei kann sich der Pionier und Altmeister offenbar einer besonders dankbaren und gut betuchten Community sicher sein, denn die höhstmöglichen Beteiligungen von 5000 Pfund abwärts sind bereits komplett oder teilweise ausverkauft.

Welche Wege Braben mit Elite: Dangerous im Detail beschreiten will, lässt der Pionier offen. Man darf sich aber sicher sein, dass er der eigenen Tradition folgt und im Gegensatz zu Chris Roberts weniger Cockpit-Action bietet, dafür jedoch größeren Wert auf eine riesige und möglichst realistische Galaxis legt, die zum gemeinsamen Erkunden einlädt. Genau das wünschen sich die Veteranen.

In Konkurrenz werden Elite: Dangerous und Star Citizen also kaum treten - auch und schon gar nicht mit Spielen wie EVE Online oder EgoSofts X: Rebirth, das nächstes Jahr erscheinen soll. In der Unterhaltungsbranche fördert starke Konkurrenz den Spieldrang ohnehin noch weiter. Und da ist es gut, wenn einem totgeglaubten Genre, dem sich die Publisher seit Jahren ignorant versperren, mit der finanzkräftigen Hilfe alter und junger Fans neues Leben eingehaucht wird.

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Ein Hangartor ist die Verbindung zwischen einem Nichts und einem Etwas.
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Ausblick:

Was in diesen Tagen in Sachen Crowdfunding geschieht, ist legendär und es ist kaum absehbar, ob nicht die nächste Woche schon wieder neue Titel auf Kickstarter aufschlagen, die den nötigen Funken Genialität und Innovation in sich haben, um genügend Unterstützer zu finden. Falls nicht, gibt es da auch noch die seröse, professionelle und altgediente MMOG-Branche, über die wir etwas berichten können.

Doch will überhaupt noch jemand wissen, dass die Server von TERA wegen chronischer Unterbevölkerung zusammengelegt, das deutsche Lineage 2 mangels Interesse vorerst nicht geöffnet und Star Wars: The Old Republic ab dem 15. November kostenlos spielbar sein wird - samt äußerst grenzwertiger “Angebote”, die in der Community schon im Vorfeld für schlechte Stimmung sorgen? Dann werfen wir doch lieber einen Blick auf das, was im Sommer 2014 gespielt wird.