World of Warcraft, Hearthstone, Diablo, StarCraft, Heroes of the Storm und jetzt auch noch Overwatch - dazu ein Kinofilm. Nie zuvor in der Geschichte der BlizzCon war das Portfolio des Publishers größer. Nie zuvor hat Blizzard derart viele unterschiedliche Geschmäcker bedient. Wirtschaftlich scheint alles perfekt zu laufen, die Zukunft sicher. Tatsächlich jedoch spielt Blizzard ein gefährliches Spiel.



Michael Morhaime ist sicherlich kein sonderlich guter Redner, doch wenn der Blizzard-Chef das Publikum mit in seine Eröffnungsrede einbezieht, tobt der Saal. Wer war hat in der Vergangenheit schon mal eine BlizzCon besucht? Wer ist zum fünften Mal hier? Wer hat hier Freunde oder einen Partner gefunden? Schnell wird klar - hier geht es nicht um ein Computerspiel. Hier geht es um ein Lebensgefühl.

Der Schwung ist raus

Ein wenig erinnert es an die Apple-Veranstaltungen, wenn sich Blizzard vor den Augen seiner treusten Fans selber feiert. Man kann auf der Bühne sagen, was man will - die Masse scheint stets begeistert und belohnt jede Ankündigung mit einem ordentlichen Applaus. Und doch fällt auf, dass der Jubel von Jahr zu Jahr etwas verhaltener ausfällt, dass Blizzards Auftritt an Schwung verloren hat.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Blizzard, einst als Publisher für eine kleine Zahl recht spezieller Titel bekannt geworden, zieht mittlerweile alle Register und bedient ein Massenpublikum, das so recht auf keinen gemeinsamen Nenner mehr zu bringen ist. Echtzeitstrategie, MMO, Kartenspiel, Hack-and-Slay, MOBA-Game, und jetzt auch noch Taktik-Shooter und ein Kinofilm - in Blizzards Theorie passt das alles prima zusammen.

Alles aus einer Hand

Die Praxis allerdings sieht anders aus, denn die Symbiose, wenngleich vom Stil her deutlich erkennbar, will nicht so recht funktionieren. Zwar verteidigen WoW-Spieler einen Titel wie StarCraft 2 regelmäßig gegen Kritik von außen - dauerhaft spielen wollen ihn aber nur die wenigsten. Und wer Hearthstone spielt, hat nicht unbedingt große Lust darauf, sich in Diablo 3 durch Monsterhorden zu schnetzeln.

Ganz zu schweigen von Sorgenkind Heroes of the Storm, das weit abgeschlagen hinter der Konkurrenz herdümpelt, weil eben nicht jeder Blizzard-Fan große Lust darauf hat, zwischendurch mal einen “Arena-Brawler” zu spielen. Zudem haben Dota 2 und League of Legends eine ganz eigene Generation von Gamern hinter sich, an denen Blizzards Werben komplett abzuprallen scheint.

In Anaheim jubelt längst nicht mehr jeder Zuschauer über jede Ankündigung und für Michael Morhaime, der sich ein Dev-Shirt angezogen hat, auf dem ein sympathisches “Mike” eingestickt ist, wird es zusehends schwieriger, die nicht mehr ganz homogene Fangemeinde zu erreichen. Wahrscheinlich wird es mal wieder Zeit, dass Blizzard einen echten Knaller präsentiert - ein richtig neues und innovatives Spiel.

Overwatch - das nächste große Ding?

Wirklich innovativ ist Overwatch zwar nicht, doch ist es mit Sicherheit weit vielversprechender als der letzte Vorstoß ins Arena-Genre. Der Stil von Overwatch kann sich sehen lassen, die Mechaniken scheinen zu greifen und die Helden haben ihren ganz eigenen Charme. Zudem kann Blizzard darauf hoffen, dass die Fangemeinde von Team Fortress 2 nicht ganz so verbissen loyal ist wie manch andere.

Doch dann wäre da die Entscheidung Blizzards, Overwatch als Vollpreis-Titel zu verkaufen. 40 Euro will man für die normale Version haben, satte 60 für die “Origin Edition”, der man dafür noch einen Packen Skins für Overwatch beilegt, einen Helden aus Overwatch in Heroes of the Storm überführt sowie allerlei Krimskrams für die anderen Blizzard-Titel verspricht. Ein wenig fühlte man sich an eine jener nächtlichen Dauerwerbesendungen erinnert, in denen man nur ein Messer kauft und 19 weitere geschenkt bekommt.

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Sinn macht diese Preispolitik auf dem PC sicher nicht, doch dafür hat man sie sich auch nicht erdacht. Mit Overwatch will Blizzard mit dem Release im kommenden Juni vor allem auch die Konsolen erobern. Und auf denen ist mit free-to-play eben kein großer Reibach zu machen - mit schick aufgestapelten Pyramiden im Laden, Exklusiv-Editionen und aller Voraussicht nach auch regelmäßigen DLCs hingegen schon. Der Vorteil: Blizzard bewegt sich auf vertrautem Parkett und kann sicherer kalkulieren als bei Heroes of the Storm. Der Nachteil allerdings: Man raubt dem Titel einen Teil seines E-Sport-Potentials und vergrault einen beachtlichen Teil der Community.

StarCraft II: Legacy of the Void  - Strategie für mehr Umsatz

Ein Teil der Community von StarCraft II fragt sich derweil, mit welchen Kosten sie in Zukunft zu rechnen haben. Dass man mit Legacy of the Void eine Standalone-Erweiterung wird zukaufen müssen, war absehbar - dass ab sofort möglicherweise noch mehr Gelegenheiten ins Spiel kommen, zu denen man als Spieler sein Geld loswerden kann, überrascht hingegen schon ein wenig.

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Konkret sind es die “Mission Packs”, mit deren Auslieferung Blizzard im Frühjahr des kommenden Jahres beginnen möchte. Diese DLCs dienen auch als Überleitungen zu den größeren Erweiterungen und nicht alle von ihnen, so ein erstes Statement, sollen kostenlos sein. Wer also fortan nichts mehr verpassen und in StarCraft II immer auf dem neusten Stand sein möchte, wird in Zukunft tiefer in die Tasche greifen müssen. Interessant übrigens, dass auch nach dieser Ankündigung noch gejubelt wurde.

Heroes of the Storm - ARAM inc!

Selbstverständlich kostenlos wird hingegen der neue Spielmodus, der für Heroes of the Storm angekündigt wurde. Ganz neu ist die “Arena” allerdings nicht, kennt man sie doch bereits in ganz ähnlicher Form aus anderen MOBA-Games - als Mid Wars, ARAM (All Random All Mid) oder unter welchem Namen auch immer. Ein Modus also, der, wie es Dustin Browder auf den Punkt bringt, “nicht so viele Regeln” hat.

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Neu ins Spiel kommen demnächst auch noch eine neue Karte namens “Towers of Doom”, die vor allem Spieler von World of Warcraft ansprechen soll, dazu drei Dota- bzw. WC-Klassiker als Helden: Der Lykantroph Genn Greymane, die Dryade Lunara und ein Oger namens Cho’Gall, der interessanterweise von zwei Spielern gleichzeitig gespielt wird und vorerst nur Käufern eines realen oder virtuellen Blizzcon-Tickets zur Verfügung stehen wird, bis er sich “viral” verbreitet, indem man einen Mitspieler mit seinem Zugang quasi ansteckt. Durchaus interessant, jedoch zu wenig, um Heroes of the Storm konkurrenzfähig zu machen.

Hearthstone - The League of Explorers

Was Hearthstone betrifft, muss sich Blizzard um Konkurrenzfähigkeit keine Sorgen machen. Zwar gibt es durchaus bessere Spiele dieser Art, jedoch sind diese Titel weit weniger bekannt und haben auch nicht jene Zugänglichkeit, die Hearthstone zu eigen ist und die dieses Spiel zu einem der Zugpferde in Blizzards Portfolio gemacht haben.

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Entsprechend großzügig zeigt sich Game Director Eric Dodds und präsentiert mit The League of Explorers ein neues Abenteuer samt einigen neuen Karten, das bereits am kommenden Donnerstag aufschlagen soll. Selbstredend, dass man eigens für dieses Abenteuer auch einen kleinen Film im Indiana-Jones-Stil vorbereitet hat.

Warcraft-Trailer - Cosplay in seiner schönsten Form

Apropos Film - da wäre noch der Trailer zum Warcraft-Kinofilm, der sich seit gestern wie in Lauffeuer über sämtliche Kanäle verbreitet hat. Zwei Minuten wild zusammengeschnittene Szenen, die für nicht minder wilde Diskussionen sorgen darüber, ob dieser Film nun die große Fantasy-Erfüllung seit dem Herrn der Ringe wird oder ein billig produzierter Flop.

Warcraft: The Beginning - BlizzCon Trailer (deutsche Version)2 weitere Videos

Und während die Geschmäcker nun wahrlich verschieden sind und man den Produzenten zugestehen muss, dass es äußerst schwierig ist, Azeroth in eine halbwegs real erscheinende Kulisse zu transformieren, weckt dieses vorläufige Ergebnis doch gewisse Zweifel in mir darüber, ob Duncan Jones tatsächlich der richtige Regisseur für ein solches Vorhaben gewesen ist.

Entweder sind die die CGI-Einlagen zu dominant oder die realen Szenen zu zögerlich - auf jeden Fall will die Fusion nicht gelingen. Die Schauspieler erscheinen in ihren viel zu großen Plastik-Rüstungen unglaubwürdig und in künstlicher Umgebung ausgesetzt. Da hat man in der Cosplay-Szene schon bessere Auftritte erlebt und ein wenig drängt sich der Eindruck auf, Blizzard hätte den Film lieber selber und komplett mit CGI-Technik produzieren sollen. Aber es ist ja auch nur ein Trailer, der zudem komplett auf Action setzt.

World of Warcraft - so wird’s gemacht!

Wobei die negativen Seiten von Duncan Jones Filmclip umso mehr auffallen, wenn man sich den brandneuen Legion Cinematic Trailer anschaut, der für die gleichnamige Erweiterung wirbt. In dem immerhin vierminütigen Streifen wechseln sich schnelle und ruhige Szenen ab und vom Aufmarsch über den Fall bis hin zum heldenhaft erlebten Comeback ist alles drin, was gutes Heldenkino ausmacht.

Da ging die Botschaft fast unter, dass Blizzard für die Erweiterung an einer offeneren Welt arbeitet, an “World Quests” und einem, wie die Entwickler es nennen “Outdoor-Endgame”, das ein wenig an den Abenteuermodus von Diablo III erinnert. Und natürlich am Dämonenjäger und allerlei weiteren Dingen, von denen wir in den kommenden Wochen und Monaten noch genug hören werden.

World of Warcraft - BlizzCon 2015 Legion Cinematic (deutsch)2 weitere Videos

Denn obwohl die Beta bereits in den nächsten Wochen beginnen soll, ist es bis zum Release von Legion noch über zehn Monate hin. Eine lange Zeit, in der Blizzard übrigens keine Abonnentenzahlen zu World of Warcraft mehr veröffentlichen möchte. Aus gutem Grund, immerhin hat World of Warcraft zwischen dem vierten Quartal 2014 und dem ersten Quartal 2015 beinahe drei Millionen Abonnenten verloren und noch einmal anderthalb Millionen im zweiten Quartal 2015. Kein Wunder also, dass Blizzard an anderer Stelle versucht, den Rückgang auszugleichen.

NCSoft - Publisher im freien Fall

Wo wir gerade bei den Zahlen sind: Ziemlich steil bergab geht es aktuell auch bei NCSoft, Darauf deutet zumindest der aktuelle Quartalsbericht hin. Dabei sind die Umsatzeinbußen gar keinem bestimmten Titel anzukreiden - es betrifft sie allesamt gleichermaßen. Ursächlich scheint also vielmehr die allgemein schlechte Stimmung in der MMO-Branche während des letzten Quartals zu sein.

Und das ist absolut kein Wunder, bedenkt man, dass vor dem ganzen Erweiterungs-Sturm, der in diesen Tagen über uns hinweggefegt ist, kaum frischer Wind durchs Genre geweht war und die Spieler allerorten auf dem Trockenen saßen. Und wer sich in einem Spiel zu Tode langweilt, wird auch kein Geld ausgeben. Cleverer wäre es auf jeden Fall gewesen, in diesem Jahr aufs gnadenlos umkämpfte Weihnachtsgeschäft zu pfeifen, das in der MMO-Szene ohnehin eine untergeordnete Rolle spielt, und seine großen Knaller während der Dürrezeit im Sommer zu starten.

Lineage Eternal - das ewige Warten soll ein Ende haben

Dafür schafft man sich jetzt mit dem beinahe gleichzeitigen Relaunch von WildStar und der Erweiterung von Guild Wars 2 selber Konkurrenz - und kündigt obendrein an, ein “sehr aggressives” Marketing für letzteres betreiben zu wollen. Immerhin wird es Guild Wars 2: Heart of Thorns sein, das den kommenden Quartalsbericht retten soll. Eher vorsichtig gibt man sich, was WildStar betrifft, das obendrein aktuell seinen beliebten Community Manager verloren hat. Zumindest spricht man dort jedoch von einer “auffallenden Nutzerbewegung”, die ebenfalls Einfluss auf das vierte Quartal haben wird.

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Nebenbei kündigte man aktuell noch die Eröffnung eines Studios in Kalifornien an, das tatsächlich “Iron Tiger” heißen soll und mit rund 100 Entwicklern an Spielen für Mobilgeräte arbeiten soll. Weit spannender ist da schon die Nachricht aus dem südkoreanischen Hauptquartier, wo man nach einigen Verschiebungen verspricht, die ersehnten Beta-Tests zum isometrischen MMO auf jeden Fall in der ersten Jahreshälfte 2016 zu starten - früheren Ankündigungen gemäß übrigens weltweit gleichzeitig.

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