Alle Jahre wieder gehen namhafte Konsolenhersteller zum Angriff auf den gemeinen Rechnenknecht über und läuten das Ende der als Spieleplattform missbrauchten Büromaschine ein. Als PC-Nerd kämpft unser Wiped-Autor noch immer erbittert gegen das Unvermeidliche an. Doch was will er denn tun, wenn auch das letzte MMOG exklusiv für Sonys Vierte erschienen ist?

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Fragt man auf den Schulhof der benachbarten Gesamtschule nach der Gaming-Plattform der Zukunft, ist die Sache eindeutig: “Konsolen sind cool, PC ist scheiße.” Zwar sind sich die Halbwüchsigen noch uneinig, ob nun die Playstation die Nase vorn hat oder die Xbox, doch wer etwas auf sich hält, hat ohnehin beide Kisten im Kinderzimmer stehen und die PSP im Schulranzen.

World of Warcraft? Hab ich irgendwo mal gehört...

Auf die Frage, warum man denn nicht auf dem PC zocke, gaben übrigens die meisten in unserer nicht ganz repräsentativen Studie Befragten an, er sei schlicht “langweilig”, “technisch unterlegen” und generell “zu teuer”. Auf der Konsole zockt man derzeit vorwiegend Tomb Raider, Call of Duty, diverse Prügel-, Renn- und Fußballspiele. Online geht man übrigens selten, teilweise wegen diverser unsauberer Hardwareeingriffe, meist jedoch schlicht aus Desinteresse.

World of Warcraft kannte man immerhin noch vom Namen her, nannte ich Guild Wars 2, Star Wars: The Old Republic oder gar The Secret World, blickte ich in ahnungslose Gesichter. Nein - von solchen Spielen hatte man noch nie gehört - wie auch, wenn die nur für PC erscheinen. Aber Dust 514 - das muss man doch kennen, das ist ein kostenloser Shooter, den CCP und Sony immerhin im PS3-Store bewerben!? Ach ja - dafür müsste man mit seiner Konsole ja ans Netz gehen.

Armee der Zocker-Zombies

Ich merke bald, hier stoßen Welten aufeinander. Eine Diskussion mit den Heranwachsenden über unser gemeinsames Hobby ist nahezu unmöglich. Die Kommunikation ist an der Stelle gestört und außerhalb der kleinen Schnittmengen, die die restriktiven Zocker-Plattformen erlauben, zum Scheitern verurteilt. Sony und Microsoft scheint das Unmögliche gelungen: Man hat eine Subkultur inner- oder unterhalb der sich immer weiter öffnenden Gaming-Szene erschaffen und sich über Jahre hinweg hörige Zocker-Zombies herangezüchtet, die sich mit ihren Scheuklappen nur auf das stürzen, was man ihnen direkt vor die Nase hält.

Das funktioniert seit Jahren prächtig, sichert den Konsolen die Existenz und beschert vor allem Sony und Microsoft regelmäßige und bequeme Einkünfte. So könnte es auch weitergehen, verhielte es sich mit den tonangebenden Unternehmensführern nicht wie mit kleinen Kindern, die immer neidisch auf das Spielzeug des Spielkameraden schielen.

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World of Warcraft: Schon in Vergessenheit geraten?
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Angst vor dem Befreiungsschlag

Denn wenngleich die erstaunlichen Erfolge von Unternehmen wie Wargaming.net, Riot Games oder Valve auf dem benachbarten Schulhof unbemerkt geblieben sind, so hat man in den Chefetagen der Konsolenhersteller sehr wohl Wind davon bekommen und gehörig Angst davor, dass der eine oder andere Zombie aus seiner Lethargie erwachen, die Seiten wechseln und danach weitere Controller-Sklaven befreien könnte.

Und damit das nicht passiert, damit man notfalls auch in der Lage ist, auf einen neuen Trend zu reagieren, sind die Konsolenhersteller sogar bereit, den Verschlusszustand ein wenig aufzuheben - sich zumindest nach einer Seite hin kooperativ zu zeigen - gegenüber den Softwareherstellern. Die sollen ihre Erfolgsmodelle nämlich auch auf der Konsole etablieren, im Idealfall exklusiv.

Dust 514 - Allianz der Verlierer

Großspurig umwirbt man die Spieleschmieden dafür mit beeindruckenden Zombie-Zahlen und ist notfalls auch bereit, eine engere Kooperation einzugehen und den einen oder anderen Dollar mit in die Entwicklung des neuen Titels fließen zu lassen. Dust 514 ist so ein Beispiel, bei dem sich ein Hersteller auf eine unheilige Allianz eingelassen hat und das Onlinespiel sogar kostenlos exklusiv auf der Playstation anbietet.

Doch die Rechnung, die mutmaßlich von Sony stammt, scheint nicht ganz aufzugehen. Obwohl sich Dust 514 noch immer in der Beta befindet, deutet sich bereits jetzt an, dass es hinter den Erwartungen zurückbleibt. Das Spiel ist sicher nicht schlecht, die Idee der Verknüpfung mit der Sandbox EVE Online schlicht grandios, doch während der Titel auf dem PC ein Millionenpublikum angezogen hätte, scheint es auf der Konsole kaum Spieler anzulocken.

Goldgräberstimmung

Dabei ist die Schulhof-Liga nicht einmal von der möglichen Komplexität abgeschreckt oder von den grafischen Aussichten, die jene so “überlegene” Konsolentechnik doch in Sachen Onlinespielen bietet. Vielmehr ist es die in den meisten Haushalten fehlende Vernetzung der Konsole - übrigens ein Mangel, der von der Industrie bislang insgeheim eher wohlwollend betrachtet wurde - die einen echten Erfolg entsprechender nahezu unmöglich erscheinen lässt.

Und während man bei CCP möglicherweise schon ahnt, was man mit der Kooperation angerichtet haben könnte, rennen anderorts weitere Studios sehenden Auges in den Schlamassel, in der Hoffnung, das in jedem modernen Industriezweig angestrebte Wachstum über die Konsolen sichern zu können, weil die Konkurrenzsituation dort weit entspannter scheint und man zudem auf eine komplett neue Zielgruppe hofft.

Defiance - gewagter Multimedia-Vorstoß

Neben CCP ist derzeit auch Trion Worlds kurz davor, die vielleicht wichtigste Lektion der Unternehmensgeschichte zu lernen: Konsolenspieler sind keine MMOG-Spieler und sie werden es auch nicht. Da ist es schlichtweg egal, ob man den Titel nun als Abenteuer-MMOG verpackt, als Shooter-MMOG oder als was auch immer.

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Defiance: Sind Konsolen die Zukunft für MMOs?
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Bei Defiance setze man, so ließ das Unternehmen jetzt mehrfach verlauten, auch und vor allem auf das Konsolen-Publikum. Für mich erklärt sich damit vor allem die seltsame Benutzerführung im Spiel, von der ich mir anfangs erhofft hatte, dass man sie im Laufe der Beta noch überarbeiten würde. Doch daran glaube ich mittlerweile nicht mehr.

Trion hingegen scheint an die eingeschränkten Plattformen und die Finanzkraft ihrer Nutzer zu glauben - ebenso wie man an die inhaltliche Kooperation mit dem Fernsehsender Syfy glaubt, der bei uns nur von einem verschwindend geringen Publikum empfangen wird. Doch das hätte allenfalls der deutschstämmige Firmenchef Lars Buttler wissen können und der wird sich eher nachrangig für den deutschen Markt interessieren, auf dem die meisten Konsolen eben nicht am Internet hängen.

Destiny - Bungies später Sprung

Pünktlich zur äußerst ernüchternden PS4-Enthüllung meldete sich in der vergangenen Woche dann auch Bungie aus dem Halo zurück und versprach mit Destiny einen nagelneuen Onlineshooter für alle erdenklichen Systeme, darunter natürlich auch Sonys kommende Konsole. Unklar ist dabei noch, wodurch sich der Shooter konkret von all den anderen seiner Art abheben wird und ob man sich mit CCP und Trion, was Genre und Anfangsbuchstaben betrifft, vorher abgesprochen hat.

Klar ist hingegen, dass man sich hinsichtlich des ungenutzten Potentials vor allem mit Sony einig darüber ist, dass man ganz vorne mit dabei sein sollte, wenn die Konsolen ihren späten Siegeszug antreten. Das Internet und seine Community, so scheint es sich in den Köpfen der Verantwortlichen festgesetzt zu haben, haben nur auf die Konsolen gewartet und gemeinsam werden sie, auf deutschen Schulhöfen glaubt man fest daran, das Ende des völlig veralteten, nutzlosen und komplizierten Bürocomputers besiegeln.

Immer schön mit dem Stream geschwommen

Schenkte man den Plänen von Sony und einem Online-Service namens Gaikai Glauben, könnte das tatsächlich passieren, denn wenn sich schon sämtliche Onlinespiele von der PS3 via PlayStation Cloud auf die PS4 streamen lassen, warum stellt man dann nicht auch gleich den PC auf den Dachboden und streamt sich notfalls das komplette Arsenal an älteren Titeln auf die neue Konsole?

Dazu allerdings wird es voraussichtlich auch noch in den nächsten zehn Jahren an Bandbreite fehlen und so wirken die ambitionierten Pläne der Konsolenhersteller und ihrer Befürworter aus Industrie und Spielerschaft inklusive der gestreamten Luftschlösser eher wie ein Strohhalm, an den man sich mit letzter Kraft zu klammern versucht, bevor das Gegenteil von dem passiert was mir die Kleinen auf dem Schulhof vermitteln wollten und das letzte geschlossene Gaming-System mit all seinen innovationsfeindlichen Einschränkungen und den unverschämten Preisen endlich vom Markt verschwindet.

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Destiny: Bungie feuert aus allen Rohren.
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Star Citizen - Fanal gegen die Konsolenherrschaft

Einer, dem es reichlich egal sein kann, was mit den Konsolen passiert, ist Chris Roberts. Mit Star Citizen hat er wohl einen der vielversprechendsten Titel in der Werft liegen - ein Spiel übrigens, bei dem der Altmeister konsequent auf die Leistungen und Vorteile moderner PCs setzt. Nach seiner Einschätzung rund um den aktuellen Konsolen-Hype befragt, wusste Roberts zu sagen:

“Es geht nicht so sehr um ‘ich bin Sieger im PC-Wettrennen und du ein kümmerlicher Konsolen-Typ’. Es ist vielmehr die Frage, ob du offen bist oder verschlossen. Deshalb besitzt du League of Legends und dergleichen. So etwas gibt es auf dem PC, weil der offen ist. Dort hat man kein Problem mit der Vermarktung.”

Und ein solches hat Roberts tatsächlich nicht, denn er freut sich auch nach Ablauf der Crowdfunding-Aktion noch immer täglich über neue Unterstützer, die das Projekt mittlerweile auf über 8,2 Millionen Dollar katapultiert haben - eine Summe, mit der sich das Spiel ohne Zeitdruck und finanziell sorgenfrei umsetzen lassen sollte.

Die Controller-Community hätte das wohl kaum möglich gemacht und ich freue mich jetzt schon auf den Moment, in dem ich zum Joystick greifen und dem einen oder anderen Konsolen-Zombie vorführen werde, was mein Büroknecht und die daran angebundene Community frei, offen und aus eigenen Stücken heraus zu leisten fähig sind.