Für die Anhänger vieler Genres war die diesjährige gamescom ein Fest. Für MMO-Fans allerdings war die Veranstaltung einmal mehr ein gigantischer Flop. Das Genre, so scheint es, wurde von der Industrie endgültig abgeschrieben.  Tatsächlich jedoch werkeln mehr Studios denn je an Spielen der Gattung MMO - sie trauen sich bloß nicht, das Kind beim Namen zu nennen.

Als wir Ende der 90er Jahre die ersten MMORPGs zockten, träumten wir noch von der großen Zukunft, die das Genre haben würden. Ein bedeutsames Leben in einer komplexen virtuellen Umgebung schien plötzlich zum Greifen nahe. Nach einem langweiligen Arbeitstag würde man Waffen schmieden, Länder erobern, die Wirtschaft dominieren und einen geeigneten Ort finden, an dem sich eine eigene Siedlung errichten ließe.

Der Fluch

Doch es sollte ganz anders kommen. Das Genre entwickelte sich nicht weiter, es entwickelte sich zurück. Mehr und mehr Elemente wurden vernachlässigt, später komplett gestrichen. Und mit der Einführung der Instanzen war es schließlich ganz vorbei mit dem Gefühl, sich in einer authentischen Welt zu bewegen, in dem jede Handlung Konsequenzen haben kann. Seit gut zehn Jahren dominiert das Fast-Food-MMO nun schon den Markt.

Mittlerweile allerdings ebbt das Interesse an derlei Spielen gewaltig ab. World of Warcraft hat innerhalb von sechs Monaten die Hälfte seiner Spieler verloren - ganz zu schweigen von all den einstigen Herausforderern gleicher Bauart, die trotz Umstellung auf Free-to-play mehr schlecht als recht vor sich hindümpeln. Die großen Publisher scheinen weniger an ihre eigenen Fehler zu glauben als an eine Art Fluch, der auf dem Genre lastet.

Blizzards Rob Pardo hat aktuell in einem Interview eingeräumt, dass man zwar noch immer an die Zukunft des MMO-Genres glaube und weiterhin daran arbeite, das Kind jedoch keinesfalls beim Namen nennen möchte. Mittlerweile haben viele große Unternehmen die Order erteilt, neue Titel keinesfalls mehr als MMOs zu bezeichnen, selbst wenn es sich im Kern um solche handeln mag.

Paladins - keinesfalls ein MMO!

Bei den Hi-Rez Studios wurde man recht früh vom MMO-Fluch getroffen. Konkret im Jahre 2010, als man mit Global Agenda frischen Wind ins damals noch so gefeierte Genre bringen wollte. Das allerdings misslang und Global Agenda hätte das kleine Unternehmen fast ins Verderben gerissen, hätte man nicht jenes Arena-Minispiel, das eigentlich mal Teil von Global Agenda hätte werden sollen, gesondert veröffentlicht. SMITE heißt das gute Stück, das Hi-Rez nicht nur gerettet, sondern zu einem Global Player gemacht hat.

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Und da sich ein Arena-Game wie SMITE im Vergleich zu einem echten MMORPG äußerst günstig betreiben lässt, hat Hi-Rez mittlerweile genügend Geld angehäuft, um nebenbei noch ein anderes Spiel zu entwickeln. Das trägt den Namen Paladins, vereint Shooter- und Rollenspielelemente und wird nach Angaben der Entwickler auf äußerst weitläufigen Karten gespielt. Ein MMO, das versteht sich von selbst, wird Paladins natürlich nicht!

Wir haben doch keine Zeit!

Einmal mehr setzt Hi-Rez dabei auf schnelle Team-Action ohne nennenswerte Aufbauphasen. Insgesamt erinnert das teilweise an Shooter, ist jedoch so gestrickt, dass auch Rollenspieler und MMO-Fans damit warm werden sollen. Und weil insbesondere letztere ein Mindestmaß an Tiefgang erwarten, webt man noch zahlreiche Elemente von Sammelkartenspielen in die Charakterentwicklung mit ein - konkret sind das Karten, mit denen sich die grundsätzlichen Fähigkeiten jedes Charakters verändern lassen.

Schnelle Shooter-Action also, statt langwierigem MMO-Aufbau und Grind. Das spart nebenbei Entwicklungszeit und lockt, so glauben die Entwickler, weit mehr Spieler an als ein MMO. Und dann wäre da noch der E-Sport, mit dem sich ordentlich Aufmerksamkeit und der eine oder andere Euro extra generieren lässt. SMITE hat gezeigt, dass es funktionieren kann.

Infinite Crisis - nett ist der kleine Bruder von scheiße!

Dass es funktionieren kann, heißt allerdings noch lange nicht, dass es auch funktionieren muss. Derzeit erleben die Arena- und MOBA-Games nämlich eine ähnliche Renaissance wie seinerzeit die MMOs. Und obwohl der Markt längst übersättigt ist, werden Woche für Woche neue Spieler dieser Gattung hineingedrückt. Die Folge: Spielermangel an allen sekundären MOBA-Fronten.

Die Spielerschaft wird von erstklassigen Spielen wie League of Legends, Dota 2 und SMITE wie ein Schwamm aufgesogen und während in dort mit mindestens sechsstelligen Spielerzahlen im Matchmaking gearbeitet wird, sind selbst Superhelden wie die des aktuell eingestellten und spielerisch ganz netten Infinite Crisis nicht stark genug, um dort genügend Spieler in die Arenen zu locken.

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Overwatch - macht hinne!

Ein Problem, das derzeit auch Blizzard zu spüren bekommt, denn so groß die Begeisterung mancher Gelegenheitsspieler für Heroes of the Storm auch sein mag - die Spielerzahlen bleiben weit hinter den Erwartungen von Blizzard und seinen Fans zurück. An Dota 2 oder LoL kommt man nicht einmal ansatzweise heran und auch der E-Sport will nicht so recht Fahrt aufnehmen.

Doch ohne eine große, aktive Hardcore-Liga bleibt ein Spiel - ob MOBA oder MMO - auch für die Masse nicht dauerhaft attraktiv genug. Ein Problem, dass auch Blizzards nächster Arena-Beitrag Overwatch noch bekommen könnte, sollte sich die Entwicklung noch allzu lange hinziehen.

Gigantic - powered by Windows 10

Denn in zahlreichen Studios wird mittlerweile auf Hochtouren daran gearbeitet, die Pole-Position im Rennen um den FPS-Arena-Sektor zu sichern. So auch bei Motiga, wo bald Gigantic vom Stapel laufen soll. Zumindest beendet das gerade seine Alpha-Tests und die Closed-Beta-Phase ist für den 28. August angesetzt - und zwar auf Xbox One und PC.

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20 Millionen Dollar hat Motiga für die Entwicklung gesammelt, bei der man offenbar auch auf die Unterstützung Microsofts setzt. Das sorgte schon für Unmut bei den Spielern, denn obwohl das Spiel während seiner Testphasen durchaus auch mit älteren Betriebssystemen prima klarkommt, wird Gigantic nach Release exklusiv für Windows 10 verfügbar sein.

Angesichts der Konkurrenzsituation sowie der erwähnten Massen, die man für ein ausbalanciertes Arena-Matchmaking benötigt, ein Schuss ins eigene Knie, denn große Teile der MOBA-Community spielen auf betagten Systemen und sie werden mit Sicherheit nicht eigens für Gigantic neue Rechner oder gar eine Xbox One anschaffen.

War Thunder - die totale Zerstörung

Probleme mit den Systemanforderungen hätten eingefleischte Fans von War Thunder wohl eher nicht, verlangt das Spiel zumindest einen halbwegs zeitgemäßen Rechner. Dafür bietet es jedoch auch eine ganze Menge wundervolle Ansichten und Mechaniken, die teilweise als richtungsweisend nicht nur im Genre der Flug- und Panzersimulationen angesehen werden können.

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Insbesondere die Physik ist es, die War Thunder schon jetzt von der Konkurrenz abhebt. Und die wird bald noch erweitert - und zwar um eine komplett zerstörbare Umgebung. Klingt nebensächlich, ist jedoch ein Element, mit dem sich das Gameplay enorm aufwerten lässt - nicht nur in einem Arena-Game, sondern auch in der nächsten Generation MMORPGs wie Camelot Unchained, in dem sich zumindest gegnerische Burgen zerbröseln lassen sollen.

Crossout - Mad Max meets War Thunder

Doch auch Gaijin will die Möglichkeiten, die in der zerstörerischen Physik stecken, voll ausschöpfen und entwickelt tatsächlich noch einen weiteren Titel auf dieser Grundlage. und der geht zumindest etwas weiter in Richtung MMO als War Thunder. Das Spiel heißt Crossout und wird von seinen Entwicklern mit nur drei Wörtern beschrieben: “baue, fahre, zerstöre”.  

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Dies und der aktuelle Videoclip reichen aus, um Fans von Rennspielen ebenso den Atem zu rauben wie Kinogängern, die sich die jüngste Verfilmung von Mad Max reingezogen haben. Wem also die Panzer in War Thunder zu träge sind, wer gern mit Selbstgebasteltem durch die Landschaften jagt und die Vehikel von Mitspielern zerlegt, sollte auf jeden Fall ein Auge auf Crossout werfen, auch wenn aller Voraussicht nach kein echtes MMO daraus werden wird.

H1Z1 - mehr Arena, weniger MMO

Auch die Entwickler von H1Z1 scheinen sich immer mehr dagegen zu sträuben, ihr Zombie-Spektakel zu einem echten MMO zu machen. Das liegt jedoch allem Anschein nach weniger an der allgemeinen Angst innerhalb der Branche als daran, dass es gerade der Battle-Royale-Spielmodus ist, mit dem sich die Mehrheit der Spieler beschäftigt.

Da sind die Pläne eines Battle-Royale-Invitational-Events während der im September in San Francisco stattfindenden TwitchCon nur konsequent, zudem H1Z1 gerade auf Twitch ungemein angesagt und fast permanent unter den zehn meistgeschauten Titeln ist. Entsprechend werden auf der TwitchCon insgesamt 60 handverlesene Spieler, vorwiegend angesagte Streamer, gegeneinander antreten und vor den Augen der Community ums Überleben kämpfen.

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Es gibt jedoch auch eine schlechte Nachricht rund um H1Z1: Die ursprünglich geplante Landkarte riesigen Ausmaßes ist vorerst vom Tisch. Bis auf weiteres will man sich mit der existierenden Karte beschäftigen, die letzten Bugs ausmerzen und die Umgebung auf Hochglanz polieren, bevor man sich daran versucht, etwas zu bauen, “das 1000 mal größer” ist.

Ausblick

Derart gewaltig sind die aktuell aufgespielten Erweiterungen von Neverwinter und Skyforge dann wohl nicht, wobei es sich um durchaus stattliche Updates handelt. Immerhin bekommt Neverwinter die heißersehnten Strongholds verpasst, um die sich Gilden schlagen dürfen, während Skyforge mit Raids, Invasionen und dergleichen aufwartet. Doch das sind schon wieder andere Geschichten, die ein andermal erzählt werden sollen.