So bedeutsam Deutschland für die Weltwirtschaft auch sein mag - was Online-Spiele betrifft, zählen wir zur Dritten Welt. Nicht nur werden bei uns nahezu keine Blockbuster entwickelt - wir werden auch als Konsumenten kaum noch sonderlich ernst genommen. Dabei wäre das wirtschaftlich durchaus sinnvoll und die Zahlen lassen eigentlich vermuten, dass das eigentliche Herz der Branche mitten im Neuland liegt.

Für die geschäftsführende Kanzlerin ist es Neuland

Für mich ist es jedes Mal ein kleiner Kulturschock und ein Fall von unerträglicher Rückständigkeit, wenn ich von meinen Reisen zurückkehre und erleben muss, dass wir in Deutschland zwar einige tolle Sachen haben, um die man uns andernorts beneidet - jedoch eines nicht: ein ordentliches und gut verfügbares Internet. Klar - die Metropolen sind gut versorgt - in meiner nordosthessischen Heimat jedoch, der geographischen Mitte Europas, ist man schon froh, wenn man eine 2000er-Leitung bekommt - unzählige Gemeinden träumen noch immer von DSL.

Wobei man vielerorts noch gar nicht richtig einschätzen kann, was man da verpasst. “Internet? Nee, sowas brauch ich nicht.”, hört man regelmäßig von der “Generation Golf” - den heute 40- bis 50-Jährigen oder gar von noch jüngeren Zeitgenossen vor allem in ländlichen Regionen. Derweil verbringen in Südkorea aktuellen Studien zufolge zwei von drei Großmüttern ihren Ruhestand damit, ihren Mitmenschen in virtuellen Welten nach dem Leben zu trachten.

Australien wurde auch nicht an einem Tag besiedelt

Dass Deutschland in Bezug auf die Internetnutzung manchem Entwicklungsland hinterherhinkt geht auf das Konto der Telekom, die viel zu lange ihr Monopol ausgenutzt und die Bürger mit Minutenpreisen abgezockt hat - und jetzt verschleppt sie den Ausbau des High-Speed-Internets so gut es nur geht. Und die Politiker? Nun, die haben in Berlin ja ordentliche Leitungen und außerdem dauert es eine Weile, bis man Neuland nach seiner Entdeckung auch tatsächlich erschließt.

Gleichzeitig verschließen sich uns große Teile des Weltmarktes. Die IT-Branche sitzt in den USA, in Asien, mittlerweile auch in Russland, Indien und Brasilien. Deutschland, in anderen Sparten ganz vorne mit dabei, wird im Softwarebereich kaum als Konkurrent wahrgenommen und vornehmlich als unbedeutender Konsument geführt. Als entsprechend zweitrangig werden unsere Bedürfnisse und Vorlieben auch bei den Herstellern gehandelt - vor allem bei den Online-Spielen.

Unbeherrschbare Germanen

Sony Online Entertainment hat den gesamten europäischen Markt schon vor Jahren abgeschrieben und die Arbeit in einem offensichtlichen Akt der Verzweiflung der ProSiebenSat.1 Games GmbH überlassen, die sich bislang eher schlecht als recht um das Publishing der einzelnen Titel gekümmert hat - woran das auch immer gelegen haben mag. Zumindest scheint man das Problem erkannt zu haben und rekrutiert dort aktuell ganz gewaltig.

Denn eines ist klar: Wenn man die Alte Welt derart vernachlässigt, werden dort auch künftig stets schlechtere Zahlen geschrieben als in den USA und Asien und die selbsterfüllende Prophezeiung ist perfekt. So war das auch bei NCSoft. Mittlerweile hat man dort kaum noch Vertrauen in die hiesigen Spieler, vermarktet nicht einmal mehr Aion und Lineage 2 selbst. Überhaupt hat man die Aktivitäten in Europa auf ein Minimum heruntergefahren und entwickelt spürbar nur noch für zwei Märkte: den amerikanischen sowie den asiatischen.

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Phantasy Star Online 2 - bis hierhin und nicht weiter

Insbesondere letzterer scheint mittlerweile so groß und komfortable geworden zu sein, dass sich die dort ansässigen Publisher am liebsten gar nicht mehr mit den USA oder gar dem verworrenen Europa abgeben möchten. So sieht man das anscheinend auch bei Sega, wo man sich derzeit eigentlich auf die Veröffentlichung von Phantasy Star Online 2 kümmern sollte.

Derzeit häufen sich allerdings die Spekulationen darüber, dass die Japaner das Vorhaben intern schon abgebrochen und PSO 2 gar nicht mehr für den Westen vorgesehen haben könnten - trotz der komplett abgeschlossenen Lokalisierung. Zu unbequem sei der westliche Markt geworden, zu verwöhnt die Community, zu riskant jedwede Investition.

Final Fantasy XIV - schöner wohnen

Dabei sollte spätestens seit dem zweiten Frühling von Final Fantasy XIV eigentlich klar sein, dass der Westen immer noch für so manche Überraschung gut ist und zum Release immerhin schon mal eine Viertelmillion gleichzeitig eingeloggte Spieler hervorbringen kann - angesichts eher magerer Werbebudgets und mittelprächtiger Wertungen eine durchaus stolze Zahl.

Square Enix dankt es den Spielern auf jeden Fall dadurch, dass man emsig daran arbeitet, die endlichen Inhalte weiter auszubauen. Konkret ist es das Housing, an dem in der japanischen Spieleschmiede gerade gearbeitet wird. Ein Housing, das zumindest optisch ordentlich was hermacht und anderen Studios als Vorlage dienen könnte, weil einmal mehr die Größenverhältnisse stimmen und sich die Häuser vom Design her prima in die virtuelle Umgebung einpassen.

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Eigenheim in Top-Lage

Wobei das Video auch gleichzeitig eine ältere Diskussion innerhalb der gesamten MMOG-Community neu entfacht hat - nämlich die Frage danach, was ein gutes Housing ausmacht, ob man instanzierte Immobilien überhaupt als Housing bezeichnen kann oder ob die eigenen vier Wände allein in der großen, weiten Virtualität einen echten Wert haben.

Der Vorteil von instanzierten Housing-Systemen ist klar: Sie sind meist sehr komplex, erlauben weitreichende Veränderungen im Innen- und Außenbereich - bisweilen kann man gar Stein auf Stein setzen, bis das eigene Häuschen Form annimmt. Der Nachteil allerdings liegt in der Bedeutsamkeit der virtuellen Bauvorhaben. Steht das Eigenheim in der Instanz, ist Besuch eher selten und das Housing verkommt zum reinen Selbstzweck.

Wie hätten Sie es denn gern?

Derweil stehen Genre-Veteranen nach wie vor auf jenes System, das schon vor 15 Jahren in Ultima Online Anwendung fand und das in vielerlei Hinsicht bislang unerreicht geblieben ist: Man kauft sich einen von zahlreichen Bauplänen und setzt sein Eigenheim dort in die Landschaft, wo Platz ist. Einrichten kann man es dann nach Belieben mit Beutegut, selbst gezimmerten Möbeln und sogar NPC-Händlern. Und wer sein Haus nicht zumindest alle paar Wochen instand hält, läuft Gefahr es zu verlieren.

Ein System, dem auch ich lange Zeit den Vorzug gegeben hatte, bis ich in Lineage 2 auf ganz andere Art und Weise zum Hausherrn wurde: Ich ersteigerte dort mit Unterstützung meines Clans eines von vier Clanhäusern - mitten auf dem Marktplatz einer der belebtesten Städte. Das kostete zwar ordentlich Miete, ermöglichte jedoch gleichzeitig den Zugriff auf unerreicht komfortable Teleporterfunktionen und feinste Buffs - angesichts der tobenden Kriege in der offenen Welt strategisch ausgesprochen wertvoll und Garant für eine Extraportion Neid bei den Feinden.

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Black Desert - zum Ersten, zum Zweiten...

Ganz ähnlich scheint das auch bei Black Desert zu werden, das angesichts der vielen atemberaubenden Videos, die derzeit aus der geschlossenen Beta bei uns aufschlagen, einen Stammplatz in dieser Kolumne verdient hat. Die Südkoreaner orientieren sich beim Housing ganz offensichtlich an Spielen wie Lineage 2 und setzen auf den Auktionator.

Der bietet eine Reihe von Häusern zur Miete an - vermutlich bekommt der Meistbietende vorerst den Zuschlag und darf einziehen, solange er regelmäßig die teure Miete abdrücken kann. Zahlt er nicht, landet die Immobilie wieder beim Auktionator. Die Häuser stehen allesamt in der offenen Welt, sind nicht instanziert und könnten entsprechende Bedeutung für die virtuelle Welt haben.

Belagerungen inklusive

In der wird übrigens, das versprechen zumindest die Informationen, die uns aus der Closed Beta erreichen, rege Krieg geführt und um Burgen gekämpft - trotz oder gerade wegen des gnadenlosen PvP-Systems, bei dem das Opfer nicht nur Erfahrungspunkte, sondern unter gewissen Umständen sogar Teile seiner Ausrüstung verlieren kann.

Was für die “Generation WoW” fürchterlich klingen mag, birgt tatsächlich jedoch ein großes Potential, was Teamgeist und Langzeitmotivation betrifft. Denn wo ließe es sich denn gediegener hausen als in einer der begehrten Burgen, insbesondere dann, wenn man seine erbitterten Gegner vorher in einer epischen Schlacht aus dem Gemäuer gejagt hat?

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Entwickler von Black Desert mit dem ehrgeizigen Sandbox-Konzept nicht zu viel aufgeladen haben, immerhin haben sie das Spiel in einer Rekordzeit von nicht viel mehr als zwei Jahren aus dem Boden gestampft und in die Beta geschickt. Und dann wäre da noch die Frage nach “Westernisierung” und dem geeigneten Publisher, mit der sich die Jungs von Pearl Abyss früher oder später noch befassen müssen - sofern sie überhaupt am europäischen Markt interessiert sind.

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Star Citizen - Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

Wer auf jeden Fall nicht um den europäischen Markt verzichten können wird, ist Chris Roberts. Der hatte seine Unterstützer vor einiger Zeit aufgefordert, über den Austragungsort der CitizenCon 2014 abzustimmen - einem eigenen Fanfest für die neu geformte und dennoch schon unvergleichlich starke Community. Das Ergebnis erstaunt und begeistert gleichermaßen.

35 Prozent der Stimmberechtigten wünschen sich Berlin als Veranstaltungsort - gefolgt von London mit 20 und Las Vegas mit 17 Prozent. Das Herz einer echten MMOG-Community schlägt also, entgegen der Annahmen aller großen MMOG-Publisher, nicht irgendwo in den Vereinigten Staaten, sondern tatsächlich in der Mitte von Europa - vielleicht in Friedrichshain, gleich beim Gamona-Hauptquartier.

Damit bleibt mir im kommenden Jahr auf jeden Fall ein Langstreckenflug erspart, den ich leider immer noch in den Economy-Sitzen diverser Airbusse erleiden muss, statt standesgerecht in einer Hornet F7C anzureisen. Das ist jener Flieger, der in der vergangenen Woche direkt von dessen Hersteller, der Anvil Aerospace, in einem kurzem Clip als das Nonplusultra der bemannten Raumfahrt werbewirksam angepriesen wurde.

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Kapitän betritt die Brücke!

So werbewirksam, dass die Fans glatt noch einmal nachlegten und die Finanzierung von Star Citizen seit der letzten Ausgabe von Wiped von 23 auf 24,5 Millionen Dollar gestiegen ist - der erweiterte Alpha-Zugang ist damit also ebenso im Sack wie das interplanetare Transportsystem. Und was passiert, wenn Roberts die 26 Millionen knackt?

Dann sollen die Großkampfschiffe eine Extraportion Aufmerksamkeit bekommen. Konkret heißt das, dass man deren Funktionen erweitern möchte. Als Kapitän muss man dann interne Teams managen und im Notfall zu den Brandherden an Bord schicken. Man muss Sicherheitssysteme und Luken steuern, um Enterkommandos den Job zu vermasseln und man bekommt erweiterten Zugriff auf Navigation und Technik des Trägerschiffes, damit man noch tiefer in seiner Aufgabe als Kommandant versinken kann.

Und im November?

Ob Roberts die 26 Millionen erreicht, wissen wir vielleicht schon bis zur kommenden Ausgabe von Wiped, in der ich euch mal wieder ein paar handverlesene Indie-Projekte vorstellen werde. Die zeigen einmal mehr, dass das derzeit so bitterlich beweinte Genre nicht sterben wird, weil es stets genügend Fans geben wird, die bereit sind, den einen oder anderen Traum zu finanzieren. Eher sterben da noch die großen Publisher - weil die das Träumen nie gelernt haben.