Während der altehrwürdige Vater aller modernen MMORPGs Geburtstag feiert, liefern sich gleich drei frische Zugpferde aus Südkorea ein erbittertes Kopf-an-Kopf-Rennen. Für uns Spieler kann das nur gut sein, denn wer bei den üblichen Hindernissen strauchelt, wird diesmal ganz schnell auf der Schlachtbank landen.

18 Jahre ist es nun tatsächlich schon her, dass mein mühsam Erspartes irgendwo im gierigen Schlund der Telekom verschwand, weil ich die Finger einfach nicht vom Rechner lassen konnte. Konkret war es der Drachenfels-Server von Ultima Online, der mich mehr fesselte als alles, was ich zuvor gespielt hatte. Immerhin hatte ich ein hübsches Häuschen zu verwalten samt fleißigem Händler vor der Türe, der all die wundervollen Dinge für mich verkaufte, die ich zuvor im Kampf gegen die Truppen der Ordnung und ihre Unterstützer erbeutet hatte.

Ausloggen glich einer Fahnenflucht

Wenn ich meinen Avatar in der Taverne zur Ruhe legte und danach den Computer abschaltete, war mir klar, dass ich meinen Kameraden fehlen würde, wenn sie in die nächste Schlacht zogen. Die Welt von Britannia drehte sich weiter, auch während ich nicht in ihr weilte. Es kam zu dramatischen Ereignissen, Geschichten und Geschichte wurde geschrieben und wenn ich endlich wieder spielen konnte, hatte ich jede Menge Stoff aufzuarbeiten. Himmel, was hatten wir damals für einen Spaß, wir Narren, die wir von der mit Sicherheit rosigen Zukunft dieses gerade neu erfundenen Genres träumten.

Niemand hätte damals geahnt, dass die nächste Generation Entwickler im Laufe der Jahre die unzähligen grandiosen Mechaniken, die UO zu einer richtigen Welt hatten werden lassen, vergessen würden. Anstatt jüngere Welten auszubauen, ökonomische, ökologische und juristische Systeme zu entwickeln, die einer virtuellen Umgebung Leben einhauchten, fusionierte man sie mit Solo-Games, bevölkerte sie mit Quest-NPC, brachte Fraktionen, eröffnete Instanzen und tötete sie dabei komplett ab. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum 18. Geburtstag, Ultima Online. Möge man öfter mal wieder an dich denken.

Die nächste Salve kommt bestimmt

Doch so hoffnungslos, wie es angesichts des aktuellen Angebots bisweilen scheint, sieht es für echte MMORPG-Fans gar nicht aus. Nicht nur haben sich unzählige Indie-Studios der MMO-Renaissance verschrieben, auch in den großen Häusern scheint man erkannt zu haben, auf welchen Irrwegen man all die Jahre gewandelt ist. Und wenngleich es derzeit kaum nennenswerte Ankündigungen gibt, darf man, aller Unkenrufe zum Trotze, getrost davon ausgehen, dass in einigen namhaften Studios hinter verschlossenen Türen bereits an einem neuen Vorstoß gearbeitet wird.

Dass Asien, was neue Titel betrifft, derzeit die Nase gewaltig vorn zu haben scheint, liegt nur teilweise an der MMO-Begeisterung fernöstlicher Spieler. Vor allem liegt es daran, dass die Entwicklungszeit eines echten MMOs vorneweg fünf bis sieben Jahre in Anspruch nimmt. Und nachdem die westlichen Publisher ihr Pulver erst in den letzten zwei Jahren verschossen haben, ist es mit der Ankündigung der nächsten Salve noch etwas früh.

Die nächste Generation MMOs kommt, damit müssen wir uns abfinden, aus Asien und sie lässt Spiele wie SWTOR, ESO und WildStar zumindest in Sachen Grafik und Steuerung weit abgeschlagen hinter sich. Wobei Blade & Soul strenggenommen noch zur letzten MMO-Generation zu zählen ist, immerhin ist es in Südkorea bereits seit dem Sommer 2013 am Start.

Blade & Soul - dreieinhalb Jahre auf dem Buckel

Und zwar recht erfolgreich, obwohl das Spiel vom grundsätzlichen Design her dem ziemlich ausgetrampelten Themepark-Pfad folgt und einer Geschichte, in der es während des typischen Aufstiegs den Tod des alten Meisters zu rächen gilt. Insgesamt jedoch spielt sich NCSofts jüngstes Machwerk derart rund, dass sich kaum jemand daran zu stören scheint.

Ähnlich wie beim Konkurrenten TERA liegt der Fokus von Blade & Soul vor allem auf dem Kampfsystem, das dem Spieler zumindest ein Mindestmaß an Wachsamkeit abverlangt. Ausweichen, blocken, kontern - dazu unzählige Kombinationen sorgen für ein Spielerlebnis, dessen Gemeinsamkeiten mit Beat-’em-up-Games alles andere als zufällig sind.

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Sowohl auf illegalen russischen Privatservern als auch auf asiatischen offiziellen Servern hat sich schon jetzt eine stattliche westliche Community zu Blade & Soul formiert, die nur darauf wartet, sich endlich legal und mit ordentlichem Ping prügeln zu können. Umso erfreulicher, dass NCSoft West mit der Communityarbeit begonnen hat und uns nun regelmäßig mit Infos und Videos versorgen will. Wenn das Geschäftsmodell fair bleibt, wird Blade & Soul mit Sicherheit auch bei uns recht erfolgreich werden.

Black Desert - die Wüste lebt

Was Black Deserts Auftritt im Westen betrifft, da müssen wir uns noch immer mit Szenen und Informationen aus Südkorea begnügen, von denen längst nicht mehr alle so aussichtsvoll klingen wie vor einigen Monaten. Wobei Black Desert in Sachen Umfang und Mechaniken durchaus zur neuen Genre-Referenz werden könnte:

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Das Spiel sieht unbestritten genial aus - von der Landschaft bis hin zu den Charakteren, die sich wirklich bis ins kleinste Detail modellieren lassen. Das Kampfsystem kann sich locker mit denen der meisten Solo-Rollenspiele messen. Die Welt ist aus einem Guss - ohne Instanzierungen und nervige Ladebildschirme.

Darüber wird noch zu sprechen sein

Es gibt üppige Funktionen und Mechaniken jenseits des Kampfes, durchaus vergleichbar mit denen von ArcheAge. Pferde lassen sich zähmen, Ozeane bereisen, Territorien erobern und angesichts der Möglichkeiten, mit denen das Housing-System aufwartet, dürften einige westliche Entwickler vor Neid erblassen.

Das alles jedoch muss sich auch zu einem sinnvollen Spielerlebnis zusammenfügen. Zudem bereiten mir der niedrige Schwierigkeitsgrad, die Aufweichung der Sandbox sowie ein berechtigter Pay-to-win-Verdacht derzeit noch gewisse Sorgen, über die ich mit den hiesigen Betreibern sprechen werde, sobald die endlich mal ihre Arbeit aufgenommen haben.

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Bless - mehr Schranken, mehr System?

Gleiches gilt auch für Bless, den dritten Kandidaten im Reigen der AAA-Titel, “made in South Korea”. Je nach Geschmack sieht mancher Bless gar noch als grafisch herausragender an als Black Desert, zeichnet es sich doch vor allem durch seine etwas realistischeren Größenverhältnisse aus und eine Architektur, die auch aus einem Assassin’s Creed stammen könnte.

Auch spielerisch ist Bless ähnlich gestrickt wie Black Desert und bietet alle erdenklichen Sandbox-Mechaniken, die man von einem modernen MMO erwartet. Anders als beim überaus freien Black Desert gibt es bei Bless jedoch eine Reihe von einerseits einschränkenden, andererseits aber auch ordnenden Mechaniken, darunter Instanzierungen und Fraktionskriege, von denen Steparu aktuell einen auf seinem Gaming-Kanal präsentiert.

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Pay-to-win ist keine Lösung

Sieht spannend aus und beweist, dass sich ordentliche Optik und flüssiges Gruppen-PvP nicht ausschließen müssen und die Entwickler auf Bewährtes aus anderen Spielen zurückgreifen. Wird die Anzahl der Kämpfenden zu groß, werden die hinteren Recken schlicht und einfach als Schatten dargestellt und ohne Texturen. Erfreulich auch, wie lange das Gemetzel andauert und wie sich hier PvP- und PvE-Elemente überlagern können.

Sicher ist auf jeden Fall schon jetzt, dass die beiden Sandbox-MMOs Bless, Black Desert sowie das Martial-Arts-MMO Blade & Soul in der westlichen Welt direkt miteinander konkurrieren werden - stärker noch als in Asien. Wer von den dreien das Rennen machen wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Klar ist nur, dass es maßgeblich vom jeweiligen Geschäftsmodell abhängt. Gewiefte Pay-to-win-Konzepte, mit denen die Publisher noch vor ein paar Jahren ordentlich Kasse machen konnten, werden auf keinen Fall mehr funktionieren.

Worlds Adrift - ziemlich abgedriftet

Auf solche Geschäftsideen kommen die meisten Indie-Entwickler gottlob von vornherein nicht. Sie setzen auf die Hilfe früher Fans und später meist auf einen einmaligen Kaufpreis ohne Abogebühren. Wie genau man Worlds Adrift zu vermarkten gedenkt, ist noch nicht ganz sicher, klar ist jedoch schon jetzt, dass es ein MMO mit einer ordentlichen Portion Innovation werden dürfte.

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Innovativ wird vor allem die Physik sein, der nicht nur die Charaktere unterworfen sind, sondern auch die Luftschiffe als Dreh- und Angelpunkt des Spiels. Und wie sich das alles ungefähr mal spielen wird, zeigt jetzt ein erster Gameplay-Trailer, der zumindest beweist, dass die Entwickler von Indie-Titeln wie Surgeon Simulator und I Am Bread auch den MMO-Markt bereichern könnten. Darüber auf jeden Fall demnächst mehr.

Ausblick

Und damit das Wochenende auch musikalisch ordentlich ausklingen kann, haben wir noch ein ganz besonderes Schmankerl parat: Die finale Titelmelodie zu Star Citizen, wie der gesamte Soundtrack zum kommenden Space-MMO, vom aufstrebenden Pedro Macedo Camacho komponiert. Falls also aus Star Citizen tatsächlich nichts werden sollte, wie Branchentroll Derek Smart nicht müde wird zu behaupten, kann uns zumindest dieses Stück niemand mehr nehmen.

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