Es grenzt beinahe an ein Wunder, dass unser Wiped-Autor als Geheimnisträger halbwegs unbeschadet durch die vergangene Woche gekommen ist, angesichts der unzähligen Anfragen, Nötigungs- und Bestechungsversuche, mit denen er aus Fan- und Branchenkreisen überschwemmt wurde. Jeder wollte wissen, welcher Publisher ArcheAge in die westliche Welt tragen wird. Mittlerweile ist die Katze aus dem Sack und es wird Zeit für eine kleine Analyse.

Eigentlich war die NDA noch für einige Stunden wirksam, als ein Kollege aus den USA am Donnerstag offensichtlich nicht mehr an sich halten konnte und als erster jene Meldung verfasste, die sich wie ein Lauffeuer in den weltweiten MMOG-Communitys verbreiten sollte: Trion Worlds ist mit sofortiger Wirkung als Publisher für ArcheAge bestellt.

Das Echo, das daraufhin aus Fankreisen ertönte, hätte gewaltiger kaum sein können und die Resonanz fiel unerhört positiv aus. Trion Worlds und XL Games machen also fortan gemeinsame Sache. So viel vorab auch spekuliert wurde - damit hätte vorab wohl niemand gerechnet, viel eher wettete man für den europäischen Markt auf Unternehmen kleineren Kalibers wie Gameforge, gPotato oder gar ProSiebenSat.1 Games.

“Warum freuen sich hier alle so?”

Doch was ist nun so gut an der Nachricht? Warum jubelt die Fangemeinde, als stünde die Revolution des Computerspiels kurz bevor? Seit wann ist überhaupt ein MMOG-Publisher beliebt und warum? Einer unserer Leser brachte es mit einer an die Feiernden gerichteten Frage auf den Punkt: “Ist das Spiel so gut oder mögt ihr Trion Worlds nur so sehr?”.

Nach allem, was wir wissen, gesehen und gespielt haben, handelt es sich bei ArcheAge tatsächlich um einen außergewöhnlichen Titel. Die Möglichkeiten, mit denen die Sandbox lockt, scheinen unerschöpflich und wirken auf MMOG-Verteranen wie ein Querschnitt aus ihren eigenen Träumen und Fantasien.

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Nur ein erster Schritt

Freies Housing, Burgenbau, Eroberungen? Klar. Schiffsbau, Unterwasser-Plantagen, Fliegerei? Kein Problem. Belagerungsmaschinen, Gerichtsprozesse und Gefängnis für Übelwichte? Logo - und das alles noch in feinster Cry-Optik. Die Features von ArcheAge scheinen tatsächlich keine Grenzen zu kennen und würde das Spiel nicht schon in Südkorea gespielt, man könnte es für eine Spinnerei ohne Substanz halten.

Dass es jedoch eine solche hat, wissen wir nicht nur aus den vergangenen Beta-Runden - unzählige Spieler sind auch nach Release noch so begeistert, dass sie die technischen und sprachlichen Schwierigkeiten in Kauf nehmen und sich auf südkoreanischen Servern angesiedelt haben. Natürlich kann bis dato niemand wissen, ob und wie die Sandbox auf lange Sicht hin funktioniert, doch sie steht den Spielern offen und bislang hört man vorwiegend Gutes.

Warum Trion?

Gesetzt den Fall, das bliebe so, könnte das bei uns allerdings noch ein Publisher ändern, der das Spiel falsch angeht, der es halbherzig übersetzt, der Mikrotransaktionen einbaut, die den Sand so verschmutzen, dass niemand mehr darin spielen will. Tatsächlich hat uns die Vergangenheit gelehrt, dass man man als Betreiber mehr falsch als richtig machen kann.

Und genau deswegen ist Trion Worlds wohl der beste Publisher überhaupt für den Job. Als seinerzeit das hauseigene Spiel Rift veröffentlicht wurde, räumte man direkt mit der alten Behauptung auf, dass kein Release ohne gravierende technische Probleme zu meistern sei. Trion hat uns bewiesen, dass es möglich ist und wo dann doch mal Bugs und Fehler auftauchten, wurden die oft so schnell beseitigt, dass die meisten Spieler erst beim Lesen der Patchnotes von deren kurzer Existenz erfuhren.

Ein Herz für Europa

Die lokalisierten Texte sind weitgehend sinngemäß und fehlerfrei, die Vertonungen solide. Die Community wird regelmäßig mit Informationen versorgt und hat ebenso tüchtige Ansprechpartner wie die internationalen Fachjournalisten, die bei Trion immer offene Türen vorgefunden haben. Und das ist durchaus keine Selbstverständlichkeit, bedenkt man, dass viele Publisher die europäische Presse, mit Ausnahme gewisser britischer Medien, komplett ignorieren.

Auch was das bevorzugte Geschäftsmodell betrifft, erntet Trion bislang nichts als Anerkennung. Entgegen dem ständigen Drang großer Publisher, auf den vermeintlich so rasanten Free-To-Play-Zug aufzuspringen, blieb Trion bislang standhaft und erfüllte damit nicht nur den Wunsch der treuen Community, sondern bewies nebenbei auch gleich noch, dass das Abomodell eben doch nicht so tot ist, wie es viele Branchenvertreter gerne hätten.

Wiped! - Die MMO-Woche - Alle Tore offen

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Woher wir das alles wissen? Na klar, unser Chefredakteur Matthias ist in seinem zweiten Leben eigentlich Trion-Chef, wie Google herausgefunden hat.
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Liebling der Community

Und dann wäre da noch die Sache mit den Leuten von Petroglyph, deren End of Nations nicht die gewünschte Qualität aufweist und dem Trion jetzt alle erdenkliche Hilfe zur Seite stellt, statt das kleine Studio zum Teufel zu jagen und den Titel aus dem Programm zu nehmen. Das alles und noch viel mehr hat Trion Worlds in den letzten zwei Jahren zu einem der beliebtesten - oder besser zu einem der wenigen beliebten Publishern gemacht.

Das ist der Grund für die bisweilen etwas skurril anmutende Euphorie der Community, die ihren Sandbox-Hoffnungsträger in guten Händen weiß und nunmehr darauf hoffen darf, dass ArcheAge bei uns eben nicht als halbherzig lokalisierte Pay-To-Win-Abzocke auf den Markt geworfen wird, sondern, wie in Südkorea auch, als solide betreutes Abo-MMOG der alten Schule. Für die Macher von ArcheAge ist Trion also die beste Wahl.

“I see a red door and I want it painted black.”

Doch auch dem Publisher dürfte dieser Coup äußerst gelegen kommen, immerhin wurde End of Nations bis auf unbestimmte Zeit verschoben. Nur mit Rift, Defiance und dem Crytek-Shooter Warface im Programm wäre es kaum möglich, die eigene Gaming-Plattform Red Door als Konkurrenz zu Origin und Steam am Markt zu etablieren. ArcheAge führt gleich eine ganz neue Gruppe von Spielern durch die rote Pforte.

Und vielleicht lernen auch die Entwickler von Trion Worlds etwas von dem neuen Partner aus Fernost. Immerhin verfügt XL-Chef Jake Song über einen reichen Erfahrungsschatz und ArcheAge enthält unzählige Sandbox-Spielelemente, mit denen sich ein Muster-Themepark wie Rift auch im Nachhinein noch anreichern und aufwerten ließe.

Intelligenzbestien der Zukunft

Zunächst steht für Trion im April allerdings das Release von Defiance an. Das ist jener Sci-Fi-Shooter, den wir immer im gleichen Atemzug mit Sonys PlanetSide 2 und CCPs Dust 514 genannt haben. Die ersten Spielstunden in der Beta haben jedoch immerhin schon mal ans Licht gebracht, dass Defiance zwar thematisch recht nah an den beiden Konkurrenten angesiedelt ist, in Sachen Gameplay jedoch einen ganz eigenen Weg geht.

Ohne gegen Auflagen zu verstoßen und zu viel zu verraten: Anders als die Entwickler von Dust 514 und PlanetSide 2 setzt das Team hinter Defiance auf eine typische MMOG-Umgebung samt gewohnter PvE-Aufgaben. Neu sind dabei allerdings Mechaniken, die ein wenig an die Risse aus Rift erinnern sowie das freie Kampfsystem, das Zielen nötig macht und sogar Headshots erlaubt.

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Und dann wäre da noch die KI der computergesteuerten Gegner, die man in dieser Ausprägung bislang allenfalls in einem guten Shooter, jedoch mit Sicherheit in keinem MMOG erlebt haben dürfte. Wenn man sich bei Trion dann tatsächlich noch für das aus Guild Wars 2 bekannte, abofreie Geschäftsmodell entscheidet, dürfte Defiance, trotz aller Probleme, die für uns Europäer durch die Gleichschaltung mit einer US-Fernsehserie auftreten werden, in die Riege der potentiellen Hits des Jahres aufrücken.

EQNext - Früher als erwartet?

Ganz so heiß wie bei Trion schienen die Eisen, die Sony Online Entertainment im Feuer hat, bislang noch nicht zu sein. Dennoch strebt man bei SOE ganz offensichtlich ein Release von EQNext noch in diesem Jahr an. Zumindest wurde das aktuell von Firmenchef John Smedley angedeutet, der einmal mehr versprach, dass es sich bei dem Everquest-Nachfolger keinesfalls um ein Themepark-MMOG handeln werde.

Im Gegenteil: Jeder Spieler sei auch gleichzeitig Content für alle anderen Spieler, erklärte Smedley aktuell und kündigte Mechaniken an, die eine entsprechende Interaktion ermöglichten. Die Zeiten, in denen Firmen noch genügend Inhalte in die Spiele bringen könnte, seien vorbei, erklärte der neue Sandbox-Jünger und verwies auf Star Wars: The Old Republic, das von den Spielern gekauft, geliebt, gespielt und dann verlassen worden sei.

Derlei Worte sind natürlich Musik in den Ohren der Veteranen und sie lassen hoffen, das Sony Online Entertainment bald wieder Innovation produzieren und der Vorreiter in der umkämpften Branche werden könnte, der man einst war. Der Beweis, dass man auf die Worte auch Taten folgen lassen kann, steht allerdings noch immer aus, wenngleich er, wenn wir bis zur SOE Live Convention im Herbst dann schon probespielen dürfen, ein wenig näher gerückt sein könnte.

Asta - Huttenball 2.0

Weit weniger Sandbox scheint hingegen ein neuer Titel aus Fernost zu werden, den wir der Vollständigkeit halber erwähnt haben wollen. Optisch erinnert Asta: The War of Tears and Winds an eine leicht aufpolierte Variante von NCsofts Aion, was nicht von ungefähr kommt, da die Entwickler auf die offensichtlich in Korea sehr beliebte CryEngine 3 setzen - also jene Engine, mit der auch ArcheAge gezimmert wurde.

Ein mehr als zehnminütiges Video gewährt erste Blicke ins Spiel, das in vielerlei Hinsicht eher herkömmlich zu werden scheint, und allenfalls durch seine offenbar dem Huttenball aus Star Wars: The Old Republic entliehene Arena für Verwunderung sorgt. Und wenn der Markt eines derzeit nicht gebrauchen kann, dann sind das Klone von Spielen, die schon im Original eher schlecht als recht funktioniert haben.

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Path of Exile - Das Buffet ist eröffnet!

Ein Spiel, das auf jeden Fall im Original noch vortrefflich funktioniert hat, ist Diablo. Das wissen auch die Jungs von Grinding Gear Games, die ihre Variante eines Hack-and-Slay-Spiels jetzt in die offenen Betatests geschoben und angekündigt haben, dass kein Wipe mehr erfolge. Für Fans kurzweiliger Klickorgien eine prima Chance, sich den Titel einmal anzusehen.

Der ist vollkommen kostenlos und bietet selbst im Shop nichts außer eher unwichtigen Annehmlichkeiten und kosmetischen Kinkerlitzchen. Dafür ist der Skill-Tree umso größer und die Grafik umso schöner. So schön sogar, dass sich unzählige Fans von Diablo, Torchlight und Konsorten überraschend friendlich auf dem Server tummeln und mehrheitlich positiv vom Spiel und dessen kundenfreundlicher Ausrichtung angetan sind.

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The Elder Scrolls Online - Episch geht die Woche zu Ende

Und falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der die vergangene Woche verschlafen hat, erinnern wir zum Abschluss noch einmal an den CGI-Trailer jenes Titels aus dem Hause ZeniMax, der dem gefallenen Themepark-Genre wieder zu neuem Glanz verhelfen soll und den man unbedingt gesehen haben muss.

Und wenngleich solche Filme natürlich kaum in Zusammenhang mit der tatsächlichen Spielmechanik stehen, so sorgen sie beim Betrachter doch für glänzende Augen und tragen dazu bei, dass unser geliebtes Genre besonders in Zeiten des Stillstands nicht allzu sehr in Vergessenheit gerät.

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