Große Titel, neue Lizenzen, fantastische Erweiterungen - die tonangebende Industrie feiert 2014 einmal mehr als Erfolg. Man überschüttet sich selbst mit Preisen und Auszeichnungen und bemerkt bei all dem Theater selbst nicht mal, dass man mehr und mehr an Substanz verliert, dass sich die Community zusehends abwendet. Die traurige Wahrheit ist nämlich: Nie zuvor hat uns die Branche für so viel Geld so wenig Spielspaß beschert.

Lasst uns 2014 schnell vergessen!
The Elder Scrolls Online, WildStar Online, Destiny - das sind die drei gefeierten Online-Games des Jahres 2014. Spiele, deren Entwicklung zusammengerechnet eine Milliarde Dollar locker gesprengt hat. Eine Milliarde Dollar - das sind eintausend Millionen. Ein Irrsinn, bedenkt man, dass Richard Garriott einst gerade mal 250.000 Dollar zur Verfügung standen, um den Prototypen zu Ultima Online zu entwickeln.

2014 war also wieder mal ein trauriges Jahr. Traurig, weil die Branche erneut komplett an den Erwartungen der MMOG-Community vorbei gearbeitet hat und traurig, weil man mit der Milliarde und etwas Mut so unglaublich viele geniale Spiele hätte entwickeln können. Doch Genialität und Spielspaß sind für einen Konzern nun mal keine kalkulierbaren Größen.

Ein trauriges Jahr

Traurig war das Jahr auch für all jene, die noch Hoffnung hatten, dass ihr einstiger Hoffnungsträger durch die eine oder andere Erweiterung vielleicht doch noch zu einer Welt gemacht würde, in der man sich wieder langfristig und dauerhaft niederlassen möchte. Von den großen Publishern, das ist mittlerweile klar, kann man nach Release eines ihrer ach so tollen Titel nicht mehr viel erwarten.

Wiped! - Die MMO-Woche - 2015 - Es kann nur besser werden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
Gerade mal eine Viertelmillion stand Richard Garriott zur Verfügung, um den Prototypen zum legendären Ultima Online zu entwickeln. Moderne Studios verballern das Tausendfache
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hier und da wird ein wenig Content nachgeschoben - an die kaputten oder gänzlich fehlenden Mechaniken wagt sich aber niemand mehr heran. Entsprechend gehen die Spielerzahlen ebenso in den Keller wie die Zahl der Entwickler, die noch an den Spielen arbeiten. Die großen Publisher, das ist offensichtlich, schaufeln sich ihr eigenes Grab, weil sie immer Neues verkaufen wollen und den Wert von langfristiger Kundenbindung nicht ermessen können.

Das allerdings haben längst auch die einsichtigen unter den Entwicklern bemerkt und eigene Projekte ins Rollen gebracht, die hoffentlich die klaffende Lücke füllen werden. David Braben, Richard Garriott und Chris Roberts sind nur die bekanntesten. Die Liste ist mittlerweile riesig, reicht von Mark Jacobs über Ryan Dancey bis hin zu J. Todd Coleman und Gordon Walton. Letztere haben einst an Ultima Online und Shadowbane mitgearbeitet und aktuell einen kleinen, erwähnenswerten Beitrag verfasst:



Wiped! - Die MMO-Woche - 2015 - Es kann nur besser werden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
So stolz man bei BioWare auch auf The Old Republik sein mag – viele Fans der Macht wünschen sich heute eher Star Wars: Galaxies zurück.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

”Wo haben wir den Fehler gemacht?”

“Es gab eine Zeit, in der die Industrie noch Chancen genutzt hat. Unsere Spiele mussten nicht jeden ansprechen und wir mussten nicht ständig über uns selbst richten - allein nach dem Erfolg auf dem Massenmarkt. Mit Vergnügungspark-Spielen ist es unmöglich, zu verlieren. Mit Sandbox-Games ist es unmöglich, zu gewinnen. Wenn man nicht gewinnen kann und nicht verlieren, wozu dann überhaupt noch spielen? Ich möchte keine Ratten mehr töten, Erfahrungsbalken füllen oder ein bedeutungsloses Abzeichen sammeln.

Ich will ein Spiel gegen Spieler spielen, in dem meine Handlungen, meine Entscheidungen, mein Skill darüber entscheidet, ob ich gewinne oder verliere. Verbündete. Feinde. Allianzen. Verrat. Risiko. Eroberung. Der Wettstreit mit Tausenden Spielern mit der Chance, den Thron zu besteigen. Selbst wenn ich verlieren sollte, soll sich die Erfahrung nicht hohl anfühlen. Ich möchte keine weitere wertlose Trophäe haben. Ich möchte spielen, um zu zermalmen.”

Play2Crush - eher Konzept als offizieller Titel

Ende Februar wollen Coleman und Walton ihr neues, bislang noch namenloses Projekt dann offiziell ankündigen. Doch darum ging es an dieser Stelle gar nicht, sondern um die weisen Worte der beiden, die ich in ähnlicher Form mittlerweile immer öfter aus Studios vernehme - weil die Industrie im Wandel ist, weil sich Entwickler endlich von den Publishern losreißen und sie wieder zu dem machen, was sie von Anfang an hätten bleiben müssen: Distributoren, die brav Produkte verteilen und jene, die etwas davon verstehen, ihre Arbeit machen lassen.

Dass es so kommen wird, zeigt der Blick auf die Titel, die uns im kommenden Jahr erwarten. Bis auf wenige Ausnahmen sind das kleine, aber ungemein vielversprechende Spiele, in denen Leidenschaft steckt und das Herzblut von Entwicklern und Fans gleichermaßen. Nein, die MMO-Revolution erwartet uns 2015 mit Sicherheit noch nicht gleich aus dem Stand heraus.

Wiped! - Die MMO-Woche - 2015 - Es kann nur besser werden

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 74/771/77
Auf der offiziellen Seite von Coleman und Walton gibt es bislang nicht viel zu sehen - außer diesen Bannern, die klar an die Wappen aus Game of Thrones angelehnt sind.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch es folgt der Schritt in die richtige Richtung - mit Projekten, die nicht mehr auf das Release-Datum hin entwickelt und dann vernachlässigt werden, sondern die im Laufe der nächsten Jahre reifen und ihre Spieler halten können. Doch mit welchen Spielen können wir überhaupt konkret für 2015 rechnen? Hier eine kleine Auflistung in alphabetischer Reihenfolge - natürlich ohne Garantie auf Vollständigkeit oder gar rechtzeitige Verfügbarkeit:

Albion Online & Black Desert

Diese beiden Titel könnten unterschiedlicher kaum sein. Während die Entwickler im mit Sicherheit interessantesten MMO-Studio Deutschlands bemüht sind, Albion Online zeitlos mit einer Design-Mischung aus Ultima Online und Dota 2 zu gestalten und auf wirklich jedem System, inklusive Android und iOS, laufen zu lassen, ziehen die Südkoreaner bei Black Desert in Sachen Technik alle Register und machen das Spiel optisch zum neuen Favoriten.

Spielerisch ist Black Desert schon jetzt ordentlich bestückt, bietet all das, was ArcheAge auch bietet, könnte jedoch in Sachen Endgame noch die wichtige Schippe drauflegen, die Jake Songs Titel fehlt. Ohnehin hat der Altmeister sein ArcheAge an die Mitarbeiter abgegeben und bastelt selbst an Civilization Online, mit dem jedoch kaum vor 2016 zu rechnen sein wird.

Elite Dangerous, EverQuest Next & H1Z1

Eigentlich noch ein Titel des laufenden Jahres 2014 darf Elite Dangerous ruhig mit auf die Liste für 2015. Denn wenngleich der Weltraum-Sandkasten bereits errichtet und mit mehr Materie gefüllt ist als je ein Spiel zuvor, träumen David Braben und Fans gleichermaßen von unzähligen Werkzeugen, Mechaniken, Hilfsmitteln und Möglichkeiten, die unbedingt mit ins Spiel müssen. Davon demnächst mehr in einem ausführlichen Testbericht.



2 weitere Videos


Während EverQuest Next noch nicht auf dem Release-Kalender des kommenden Jahres stehen dürfte, ist immerhin schon mal Landmark mit von der Partie - eine Art Konstruktionsplattform für die mit Spannung erwartete Fortsetzung der legendären Reihe. Landmark vermittelt einen Eindruck dessen, was Sony Online Entertainment da technisch auf die Beine stellt. Ob es sich bei Landmark allerdings um ein Spiel im strengeren Sinne handelt, darüber herrscht ein reger Gelehrtenstreit.

Auch Zombie-Survival-MMO H1Z1 dürfte in vielerlei Hinsicht von Landmark profitieren, nutzt es doch gleichermaßen SOEs hauseigene Forgelight Engine und mit Sicherheit das eine oder andere von Spielern entwickelte Element. Fertig wird H1Z1 in diesem Jahr aller Voraussicht nach noch nicht - allerdings geht es ab dem 15. Januar schon mal in den ‘Early Access’, was die Fans noch stärker in die Entwicklung einbinden dürfte. Gemeinsam mit EverQuest Next ist H1Z1 eines der letzten bekannten MMO-Projekte großer westlicher Publisher und die Branche schaut sehr genau darauf, wie es mit der gläsernen Sandbox-Produktion so läuft.

Life is Feudal & Pathfinder Online

Dagegen ist das Indie-Projekt Life is Feudal ein kleiner Fisch. Doch dank der bislang vielversprechenden Arbeit und Steams Greenlight-Kampagne samt ‘Early Access’ hat sich bereits jetzt eine stattliche Fangemeinde gebildet, die das Sandbox-Mittelalter-Projekt unterstützt, für das man unbedingt gruppenfähig sein sollte. Während ich diese Zeilen schreibe, schlagen sich immerhin schon gut 4.000 Spieler allein via Steam durch die frühe Version.

Etwas durchwachsener ist da derzeit noch die Stimmung bei den Fans von Pathfinder Online. Sie mussten in den letzten Monaten so manche Verzögerung und manchen Rückschlag hinnehmen und vor allem Fans der Rollenspiel-Vorlage kritisieren, dass das MMO-Projekt nicht mehr viel mit dem Original zu tun habe. Doch noch ist dafür Zeit, denn wenngleich Pathfinder Online schon verschiedene Phasen durchläuft, in denen es spielbar ist, ist ein Release erst für Anfang 2016 angesetzt.

2 weitere Videos

Shroud of the Avatar & Skyforge

Vorher wird auf jeden Fall schon mal Richard Garriotts Shroud of the Avatar veröffentlicht. Mit diesem Spiel kehrt der Genre-Erfinder zurück zu den Anfängen, um von dort aus eine neue Route einzuschlagen, um Rollenspiele und Online-Games auf andere Art und Weise zu kombinieren, als das in den letzten 15 Jahren geschehen ist. Ein Titel, auf den nicht nur UO-Fans ein Auge haben sollten.

Mit etwas Verspätung soll 2015 auf jeden Fall auch noch Skyforge erscheinen, ein stark instanziertes MMO von Allods Team und Obsidian Entertainment, das zumindest ordentlich aussieht, jedoch keinen Innovationspreis in Sachen Design einheimsen dürfte. Dass man zum Gott aufsteigen und Gefolgsleute um sich scharen darf, dürfte in der Praxis weit weniger spannend sein, als es die Theorie vermuten lässt.

Star Citizen, The Repopulation & The Division

Ja, und auch Star Citizen ist ja für 2015 angesetzt. Jedoch spricht das derzeitige Tempo eher dafür, dass sich das Projekt um mindestens einige Monate nach hinten verschieben wird. Denkbar ist auch, dass Chris Roberts Ende 2015 nur einen Teil des Story-Pakets Squadron 42 veröffentlichen wird und der MMO-Anteil dann weiter auf sich warten lässt.

Wer vorher noch eine Portion Science Fiction braucht und auch ohne die Fliegerei auskommt, der sollte im kommenden Jahr unbedingt The Repopulation im Auge behalten. Dessen Entwickler sind gerade dabei, BioWare zu zeigen, was man aus der HeroEngine alles rausholen kann, wenn man bei der Entwicklung noch die Konzepte von Ultima Online und Star Wars: Galaxies im Kopf hat. Mit The Repolulation werden wir uns auf jeden Fall noch ausführlicher beschäftigen.

Und natürlich mit The Division, das Ubisoft mit Sicherheit noch 2015 veröffentlicht sehen will - ob das Studio nun damit fertig ist oder nicht. Und so vielversprechend die ersten Szenen und das Konzept auf den ersten Blick auch sind, so besorgniserregend ist Ubisofts starrer und konservativer Ansatz, wenn es um die Vermarktung von Online-Games geht.

Ausblick

Und der Rest wird dann wohl wieder in zwölf Monaten Thema sein, denn mit Blade & Soul, Bless, Camelot Unchained, Civilization Online, Project Legion, Revival, Shards Online und all den anderen Spielen, von denen wir mal gehört haben oder noch hören werden, ist im kommenden Jahr keinesfalls zu rechnen. Macht aber nichts - so kann sich das Genre ein wenig erholen, denn wenn es etwas gibt, das die Fans nach all den Jahren verdient haben, ist etwas mehr Klasse und weniger Masse.