So richtig rund läuft es bei NCSoft seit Jahren nicht mehr. Insbesondere der westliche Ableger hat in der Vergangenheit stark an Spielergunst eingebüßt: Lineage 2 und Aion wurden in Europa komplett aus der Hand gegeben - Tabula Rasa, Auto Assault und City of Heroes gnadenlos abgeschaltet. Lediglich Guild Wars und sein Nachfolger tragen ein wenig zur Ehrenrettung des Unternehmens bei - und wenn es nach Carbine geht, kommt bald noch ein Titel hinzu.

Es geschah im Jahre 2005, dass sich 17 Entwickler von Blizzard Entertainment lossagten, um nach World of Warcraft mal auf eigene Faust etwas ganz anderes zu machen. Sie gründeten Carbine, bastelten eine eigene Engine und mussten schon bald feststellen, dass das Leben in Unabhängigkeit zwar lustig ist, jedoch kaum zu finanzieren. Ein neuer Lehnsherr musste also her.

Vom Regen in die Traufe?

2007 wurde man schließlich fündig. NCSoft übernahm das kleine Studio und gab noch im selben Jahr bekannt, dass Carbine an einem MMO-Projekt arbeite. Na, wer hätte das vermutet? Auf der Gamescom 2011 bekam das Kind dann endlich einen Namen und ein Image gleich dazu. WildStar Online, das ließen die Bilder auf den ersten Blick erahnen, würde WoW-Optik mit Science-Fiction- und Wildwest-Elementen verweben und das Ganze mit einer Portion Redneck-Humor spicken.

WildStar - Das verflixte siebte Jahr

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Roboter in Azeroth? Carbine setzt bei WildStar auf eine gewagte Mischung.
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Klingt, abgesehen vielleicht von der Cartoon-Grafik, ziemlich amerikanisch. Und genau dieses Image ist es dann wohl auch, das vor allem hierzulande dafür gesorgt hat, dass WildStar im Vorfeld nicht die Begeisterungsstürme auslöst wie sein Hauptkonkurrent The Elder Scrolls Online, das etwas früher an den Start gehen wird und derzeit alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch vielleicht tut eine Portion weniger Hype der Entwicklung von WildStar auch ganz gut - zumindest scheint man bei Carbine, aller auf Hochtouren laufenden Testrunden zum Trotz, ausgesprochen entspannt.

Technisch sicherlich ein heißes Eisen

Entspannter auf jeden Fall als es der kleine Testrechner war, nachdem wir WildStar zum ersten Mal starten wollten und es dabei die Grafikkarte komplett zerbröselte. Nun mag hier vielleicht der Zufall mit im Spiel und die 460er GeForce nach gut vier Jahren ohnehin am Ende ihrer Tage gewesen sein, doch bleibt auch nach Einbau einer nigelnagelneuen Karte der Eindruck, dass Carbines hauseigene Engine noch die eine oder andere Optimierung nötig hat.

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So minimalistisch der Grafikstil auch wirkt - kleine Systeme bringt WildStar derzeit noch ordentlich ins Schwitzen.
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Der Schein, den die minimalistische Cartoon-Optik auf den ersten Blick hinterlässt, trügt also und wenngleich WildStar auf den ersten Blick wie eine Neuinkarnation von Blizzards Oldie wirkt, so ist das Spiel technisch schon eine ganz andere Hausnummer und stellt, zumindest derzeit, bedeutend höhere Anforderungen an die Hardware.

Auf vier Pfaden durch den Themepark

Spielerisch hingegen stellt WildStar keine größeren Anforderungen als jedes andere Themepark-MMOG der letzten Jahre und man findet sich auf Anhieb zurecht. Zwei Fraktionen, vier Völker auf jeder Seite, sechs Klassen, die sich recht unterschiedlich nutzen lassen sowie vier Pfade, die das Gameplay durch ganz besondere Aufgaben hin und wieder in die Richtung lenken sollen, die dem Spieler am ehesten liegt.

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Dazu kommt ein Kampfsystem, das sich eine Portion actionlastiger anfühlt als die Klassiker, das dem Spieler jedoch nicht ganz so viel Zielwasser abverlangt wie beispielsweise TERA. Deutlich mehr Wert wird hingegen auf die richtige Fußarbeit gelegt, da dem Spieler ein Telegraf nach dem anderen zwischen die virtuellen Beine geworfen wird.

Der Wink mit dem Telegrafenmasten

Telegrafen, das sind jene farblich hervorgehobenen Zonen auf dem Boden, die man tunlichst nicht betreten sollte, wenn einem die eigenen Lebenspunkte lieb sind. Dabei sind die herkömmlichen Kreise um einen Gegner herum eher schon die Ausnahme - der Boden von WildStar ist im Kampf quasi permanent gespickt mit allen erdenklichen geometrischen Formen, die den Avatar das eine oder andere Tänzchen vollführen lassen.

Treffen sich wilder Westen und Science Fiction in Azeroth. Ohne Witz!Ausblick lesen

Was wunderbar actionreich klingt, bei Bosskämpfen sicher tolle Herausforderungen bietet und vor allem anfangs für etwas Abwechslung sorgt, könnte für manch einen jedoch zum Atmosphärekiller werden. Insbesondere Spieler, die Realismus bevorzugen und gerne in einer virtuellen Welt versinken, werden sich regelmäßig aus der Immersion herausgerissen fühlen, weil sie sich vor lauter Telegrafen kaum noch auf die Umgebung konzentrieren können.

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Telegrafen sind spielerisch durchaus nett, können aber die Immersion gewaltig stören.
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Gleiches könnte in Bezug auf die Geschichte passieren, wenn Carbine bei der Lokalisierung nicht höllisch aufpasst. So abwechslungsreich der Redneck-Humor für die englischsprachige Welt auch sein mag - eine Übersetzung ins Deutsche ist eine äußert heikle Sache, wenn nicht gar ein Ding der Unmöglichkeit und so mancher Gag wird dabei entweder komplett umgeschrieben werden müssen oder auf der Strecke bleiben.

Alle Register gezogen

Auf der Strecke bleibt für manchen Spieler auch der Spielspaß, wenn er die ausladenden Gebiete von WildStar Quest für Quest abgrast und sich das Themepark-Erlebnis kaum von den unzähligen anderen Spielen der Vergangenheit abheben mag. Wobei - die Entwickler von WildStar haben nicht geschlafen und wirklich alles an Komfort und Annehmlichkeiten ins Spiel gepackt, was das Themepark-Subgenre in den letzten Jahren hervorgebracht hat - darunter auch bisweilen eindrucksvolles Phasing sowie haufenweise Public Quests.

Auch soll es finanzschwachen Spielern möglich sein, sich kostenlos Gametime über die Behelfswährung C.R.E.D.D. zu beschaffen. Die Abkürzung steht für Codex für Recherche, Entwicklung, Demontage und Disposition und ist letztlich nichts anderes ist als das, was CCP einst mit der Pilotenlizenz Plex eingeführt hat und was mittlerweile von allerlei Spielen genutzt wird, jedoch nur selten so gut funktioniert wie in der Sandbox.