Dass WildStar der Erfolg bislang versagt geblieben ist, liegt, davon ist man bei NCSoft West fest überzeugt, keinesfalls an der Thematik, dem äußerst skurrilen Humor und dem 08/15-Gamedesign, sondern am zu hohen Schwierigkeitsgrad und am Geschäftsmodell. Also hat man den Anspruch runtergeschraubt und verschenkt den alten Wild-West-Klepper ab sofort. Doch will ihn überhaupt noch jemand haben und gar freiwillig für ein wenig Komfort extra zahlen?

Gut Ding will Weile haben

Das bessere World of Warcraft sollte es werden - immerhin steckten 17 ehemalige, von Azeroth gelangweilte Blizzard-Mitarbeiter hinter dem reichlich durchgeknallten Sci-Fi-Western. Entwickler, die noch vor Release von WildStar von sich selbst behauptet hatten, dass sie zur Abwechslung mal etwas ganz anderes tun wollten und die höchstwahrscheinlich nicht zuletzt wegen dieses guten Vorsatzes von NCSoft West unter die Fittiche genommen wurden.

WildStar - Der geschenkte Gaul: Alles besser mit Free-to-play-Modell?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 177/1801/180
Passend zu Halloween gibt es natürlich auch ein Grusel-Special.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dort hatte man es wohl ziemlich bequem und jahrelang kaum eilig. So ist es dann wohl auch zu erklären, dass man neun Jahre gebraucht hat, um WildStar endlich auf den Markt zu bringen. Doch statt selbigen im Fluge zu erobern, ist der Sci-Fi-Western bereits ziemlich bald nach dem Release vor anderthalb Jahren in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Alles muss raus!

Darauf folgte, was folgen musste: Kündigungen. Die Carbine Studios wurden in mehreren Stufen “umstrukturiert” - vor ziemlich genau einem Jahr verloren rund 60 Entwickler ihren Job. Angesichts der von NCSoft zeitgleich angekündigten Fokussierung auf mobile Unterhaltung hing das Damoklesschwert über dem Projekt.

Doch offensichtlich war man bei Carbine noch nicht bereit, WildStar wirklich aufzugeben. Man analysierte, welche Faktoren für das bisherige Scheitern verantwortlich gewesen sein könnten und kam zu einem klaren Ergebnis. Der hohe Anspruch bei den Raids, mit dem man “Hardcore-MMO‘ler” anlocken wollte, schreckte offensichtlich viele Spieler ab, die sich nicht zutrauten, diese Form von Content jemals erleben zu können. Und dann war da noch das Geschäftsmodell. Kaufpreis plus Abonnement, das geht ja mal gar nicht.

Packshot zu WildStarWildStarErschienen für PC

Entwickler entlassen, Werbebudget erhöht

Also fokussierten sich die verbliebenen Entwickler flugs auf jene beiden Elemente, senkten den Anspruch ein wenig ab und stellten das Geschäftsmodell auf free-to-play um - ganz ohne Kaufpreishürde und Abo-Zwang. Dazu wurde noch einmal kräftig die Werbetrommel gerührt, so als wäre es der erste Release, den WildStar da hinlegt.

WildStar - Der geschenkte Gaul: Alles besser mit Free-to-play-Modell?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 177/1801/180
Die meisten Spieler dürften diesen Bildschirm zu Beginn (wieder-)sehen. Ohne Tutorial ist das Spiel ziemlich überwältigend.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Prompt schossen die gefühlten Spielerzahlen nach oben und es kam wieder etwas Leben in die Bude. Zumindest für ein paar Tage war WildStar wieder im Gespräch und tatsächlich schafften und schaffen es auch allerlei Neuankömmlinge auf den reichlich wundersamen Planeten Nexus, auf dem nach wie vor die Verbannten und das Dominion gegeneinander um die Vormachtstellung kämpfen.

Dabei haben es Neueinsteiger vermutlich etwas einfacher, sich in WildStar zurechtzufinden. Rückkehrer werden nämlich einmal mehr mitten in ein Chaos an Skills, Quests und Items geworfen, durch das man erst mal wieder durchsteigen muss. Mehr denn je krankt WildStar daran, dass die Entwickler offenbar keine Grenzen kennen, was all die kleinen Dinge betrifft, die sie unbedingt ins Spiel packen müssen.

11 weitere Videos

Weniger ist manchmal mehr

Doch mit zunehmender Quantität an Krimskrams sinkt die Qualität des Spielerlebnisses und der Immersion. Das sollten gerade Entwickler von MMORPGs mittlerweile gelernt haben. Ein Spiel muss eingängig und auf den ersten Blick zu durchschauen sein - dafür muss es spielerisch fordern und in die Tiefe gehen.

An dieser Stelle versagt WildStar noch immer und ich möchte nicht wissen, wie viele ehemalige Spieler derart erschlagen sind von all den Nebensächlichkeiten im Inventar ebenso wie in den Menüs, dass sie entweder einen neuen Charakter generieren oder dem Spiel gleich wieder den Rücken kehren. Hier anzusetzen und WildStar zu einem auf Anhieb eingängigen und geordneten Spielerlebnis zu machen, hat Carbine versäumt.

Villa Kunterbunt

Wenig verändert hat sich auch die Reise durch die kunterbunte Welt. Dem einen oder anderen Spieler gefällt sie, die Mehrheit der Spieler allerdings hatte ein Problem mit der Gestaltung und dem allzu schrillen, bisweilen grotesk-albernen Humor, der insbesondere in der deutschen Fassung nicht so richtig zünden will, weil er sich schlicht und ergreifend nicht immer übersetzen lässt.

Auch die Aufgaben, an denen es in WildStar ganz sicher nicht mangelt, sind im Kern so geblieben, wie sie waren. Hier verhält es sich jedoch ähnlich wie überall im Spiel: Die Vielfalt an Dingen, die es zu tun gibt, ist zwar erfreulich, jedoch reißt nichts davon wirklich vom Hocker und die Dynamik, die man im ersten Moment hinter der einen oder anderen Herausforderung vermutet, stellt sich bald als gescriptet, vergänglich und absolut irrelevant heraus.

Das MMO mit dem roten Stuhl

Schade ist das vor allem im Hinblick auf das Potential, das die Entwickler dabei verschenkt haben. Eine Welt, in der zwei Fraktionen tatsächlich gegeneinander kämpfen, wäre längst nicht so statisch wie Nexus, auf dessen Oberfläche es zwar kreucht und fleucht, langfristig jedoch alles beim Alten bleibt. Mit echter Dynamik, Persistenz und ein paar eingebauten Ideen aus der Echtzeitstrategie hätte Carbine hier endlich mal echte Innovation schaffen können.

WildStar - Der geschenkte Gaul: Alles besser mit Free-to-play-Modell?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 177/1801/180
Setting und Charaktere sind in diesem MMO natürlich schon ein bisschen anders. Leider geht der Humor in der deutschen Version öfter unter.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Etwas gearbeitet hat man derweil am Housing, das noch üppiger geworden ist, als es ohnehin schon war. Hobby-Architekten können nach Belieben auf ihrem noch größeren Grundstück basteln und Gegenstände nicht nur frei platzieren, sondern auch in ihrer Größe verändern, was bisweilen recht witzige Ergebnisse mit sich bringt. Wirklich revolutionär ist es dadurch allerdings noch nicht, zudem es instanziert und damit recht bedeutungslos für die anderen Bewoner von Nexus ist.

Ecken und Kanten

Wenig hilfreich ist es auch, dass man ausgerechnet jenen Teil, mit dem sich WildStar ein wenig vom Rest der 08/15-MMOs abgehoben hat, auf Teufel komm raus aufweichen musste. Ja, die Gruppeninhalte waren hart und manch ein Spieler hatte seine liebe Not damit - doch sie derart zu vereinfachen, macht WildStar nur noch bedeutungsloser als es ohnehin schon war.

Noch schlimmer ist es allerdings, dass es Carbine in all den Monaten nicht geschafft hat, die vielen kaputten Bereiche zu reparieren - von manch fehlerhafter Quest über das vollkommen unbalancierte und instanziierte PvP bis hin zu den Problemen mit Exploitern, Cheatern und Bots. Letztere sind seit dem Reboot derart verbreitet, dass es das Spielerlebnis nachhaltig stört.

11 weitere Videos

GMs gesucht!

WildStar wäre nicht die erste virtuelle Welt, in der NCSoft vor der Übermacht der Bots kapituliert und sie damit aufgibt. Umso unverständlicher ist es da, dass man noch immer nicht bereit scheint, das Problem aktiv und entschieden anzugehen. Etwas weniger Geld im Marketing und etwas mehr im Support wäre auf jeden Fall ein Anfang gewesen.

Nun wird manch ein Spieler einwenden, dass man einem geschenkten Gaul nicht allzu tief ins Maul schauen sollte. Und tatsächlich muss man NCSoft zugestehen, dass sie in Sachen Geschäftsmodell fair geblieben sind. WildStar ist weder eine Free-to-Play-Abzocke, wie man sie aus dem Genre kennt, noch lässt sich mit Geld mehr kaufen als etwas zusätzlicher Komfort. Entsprechend teuer erscheint vor diesem Hintergrund dann allerdings das Abonnement, das optional für 12,99 € monatlich zu haben ist.

Weiterer Lesestoff: