Spätestens seit dem ersten Auftritt von Han Solo weiß man, dass Science-Fiction und Wilder Westen wunderbar miteinander harmonieren können. Und doch ist es der Filmindustrie in all den Jahren nicht gelungen, diese Harmonie noch einmal herzustellen. Jetzt versuchen ein paar ehemalige Blizzard-Entwickler mit diesem Kunststück ihr Glück, verabschieden sich von Orks und Elfen und basteln mit WildStar eine virtuelle Welt, wie sie im Comic-Buche steht.

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Was soll schon schiefgehen, wenn sich 17 ehemalige Entwickler von Blizzard entschließen, dem Giganten den Rücken zu kehren und auf eigene Faust mal „etwas anderes außer World of Warcraft” zu machen? Das dachte man sich vor sieben Jahren wohl bei NCSoft, als man sich die Carbine Studios einverleibte, die damals schon zwei Jahre lang an dem eigenen Projekt gearbeitet hatten.

Üppige Reifezeit

Mit stolzen neun Jahren Entwicklungszeit gehört WildStar in dieser Hinsicht zu den Rekordhaltern - selbst im eher gemächlichen MMOG-Genre, in dem sich die Dinge nicht so schnell und manchmal auch rückwärts entwickeln. Und man merkt WildStar sein tatsächliches Alter in jeder Zeile seines Codes an - im gleichermaßen positiven wie negativen Sinne.

Was die Geschichte betrifft, so hat sich Carbine zwar von den Elfen und Orks aus Azeroth verabschiedet, nicht aber von der groben Richtung. WildStar spielt über und auf dem Planeten Nexus, der zum Kriegsschauplatz für die Auseinandersetzungen zwischen den Verbannten und dem Dominion geworden ist. Zwei Fraktionen, ein Konflikt - als WildStar konzeptioniert wurde, war diese Mechanik samt zwangsweise getrennter Community gerade angesagt.

WildStar – Finaler Test mit Wertung - Nichts ist für jedermann

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Ein Add-on-Fehler ist ärgerlich - besonders dann, wenn man gar keine installiert hat und es ein von Carbine integriertes Element ist, das spinnt.
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Hätten Blizzard und Pixar ein Kind - es hieße wohl Nexus

Konkret war es Chad Moore, der sich Nexus, dessen Eroberer sowie die Bewohner der Welt erdacht hat. Zu letzteren zählt nicht nur eine ganze Reihe von exotischen Völkern, sondern auch die Eldan, die einst das Universum erschufen und die seither als verschollen gelten. Logisch, dass sowohl die Verbannten als auch das Dominon die Suche nach den Hinterlassenschaften der Eldan aufnehmen. Wer weiß schon, welch mächtiger Artefakte man dabei habhaft werden kann.

Erzählt und gezeichnet wird die Geschichte in einem Stil, der wirkt, als hätte man die Ergüsse von Pixar und Blizzard miteinander verschmolzen. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, wird jedoch nicht überall gleichermaßen gut ankommen. Die Charaktere sind stark überzeichnet, die Geschichte parodiert von Star Wars bis Firefly alles, was das Genre je hervorgebracht hat und der quietschbunte Planet Nexus hätte auch prima als Szenario in den nächsten Teil von Toy Story gepasst.

Packshot zu WildStarWildStarErschienen für PC

Außer- oder unterirdisch?

Dabei hat sich Chad Moore durchaus große Mühe gegeben und viel Arbeit in den Ausbau der sichtbar außerirdischen Flora und Fauna von Nexus gesteckt. Überall sind Informationen und Bruchstücke einer Geschichte versteckt, in der es durchaus das eine oder andere Geheimnis aufzudecken gäbe, wäre ich als Spieler dazu überhaupt motiviert.

Doch so richtig will sich die Motivation nicht einstellen, denn Chad Moore begeht beim Entwurf der Welt gleich mehrere Fehler, die all das, was er mühsam aufzubauen versucht, schon im Ansatz wieder zerstören. Einerseits will der Spagat zwischen erwachsenem und kindgerechten Stil einfach nicht gelingen und insbesondere als Mensch fortgeschrittenen Alters fühlt man sich stellenweise einfach nur veräppelt.

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Are you kidding me, Carbine?
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Nichts für Großwachsene

Dann schlägt der im Original zum Teil derbe und schlüpfrige Humor permanent ins Alberne um. Was hat es bitte zu bedeuten, wenn mich ein NPC mit „Ich stehe so kurz vor einem epischen Promi-Ausraster” anquatscht? Oder wenn mir seltsam surreale Comic-Plüsch-Hasen mit überdimensionierten Augen und einer ins Falsett überdrehten Männerstimme und feinstem Jar-Jar-Binks-Satzbau immer wieder sagen, dass ich als „Großwachsener”, der ich im „Brumm-Brumm” gekommen sei, doch bitte ihre „GLITZIGEN GLITZIES” suchen solle.

Entweder man liebt es oder man hasst es. Vor dem Kauf unbedingt probespielen.Fazit lesen

Ist der Humor schon im Original arg grenzwertig, verpufft der Witz in der deutschen Version komplett, weil man die Übersetzer offenbar nicht darüber in Kenntnis gesetzt hat, in welchem Kontext die jeweiligen Kommentare zu stehen haben. Da wird aus dem spürbar ironischen ‘Cupcake’ einfach mal ein aufdringlich klingendes ‘Süßer’ gemacht - und genau so möchte ich in einem Online-Rollenspiel von einem männlichen Gesprächspartner eben nicht angesprochen werden.

„Macht euch bloß keine Mühe. Das liest eh niemand.”

So gut es Chad Moore und sein Team in Sachen Story und Welt auch gemeint haben mögen - die Fusion von Western und Sci-Fi gelingt mehr schlecht als recht. WildStar verliert sich permanent in Albernheiten, durch die jene, insbesondere Rollenspielern so wichtige Immersion gar nicht erst entstehen kann. Entsprechend hätte sich der Kreativchef die ganze Arbeit auch sparen und eine 08/15-Fantasy-Welt entwickeln können. Wahrscheinlich wäre das auch besser gewesen.

Damit wäre die Theorie von WildStar-Produzent Jeremy Gaffney, dass Spieler ohnehin nur den Erfahrungsbalken im Blick hätten und sich nicht für die Reise interessierten, dann auch gleich zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden. Praktisch also, dass man die Autoren ohnehin angewiesen hatte, die Quest-Texte nicht länger als eine SMS werden zu lassen - vom Aufwand einer Vertonung ganz zu schweigen - derlei Schnickschnack gab es vor neun Jahren noch nicht.

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Angesichts der hässlichen und kaum anpassbaren Gesichter spielt manch einer lieber gleich eine Blechbüchse.
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Witzig, witzig...

Das gilt auch für viele andere Dinge, die WildStar missen lässt - ordentliche Anpassungsmöglichkeiten bei der Erschaffung des Avatars beispielsweise. Wie sehr man die Schieberegler auch bemüht - am Ergebnis ändert das wenig. Dabei wären doch gerade in einer solch abgedrehten Welt echte Exoten, wie man sie beispielsweise in Star Trek Online findet, eine nette Abwechslung gewesen.

Auch das Tutorial ist, unabhängigkeit von der gewählten Fraktion, jenseits von Gut und Böse. Das wäre halb so wild, wenn man es überspringen könnte. Das geht aber nicht und so lerne ich in aller Ausführlichkeit, wie man sich bewegt, Skills ausführt und Quests abarbeitet. Insbesondere letztere werden von Carbine schon gleich zu Beginn völlig unsensibel mit dem misslungenen Humor kombiniert.

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Dann ‘verhören’ wir mal ein paar verdächtige Bürger.
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Ich hatte keine andere Wahl!

Zum Beweis meiner Loyalität foltere ich ein paar Gefangene, verbrenne sie, zerstückle sie und lasse sie zu Monstern mutieren. Eine Entscheidungsfreiheit habe ich nicht. Im Kontext eines Star-Wars-Titels mag das vielleicht noch Sinn machen - in der quietschbunten Pixar-Welt von WildStar stoßen mir derartige Aufträge übel auf und ich hoffe, dass nicht allzu viele ahnungslose Eltern ihren Sprösslingen einen Zugang zu dieser vorgeblich lustig-bunten Comic-Welt verschafft haben.

Im Tutorial lernt man dann auch gleich ausgiebig kennen, was Carbine als Besonderheit von WildStar ansieht: Telegrafen. Das sind rot markierte Zonen auf dem Boden, in denen man möglichst nicht stehen sollte. Neu ist das nicht, wenngleich der eine oder andere Carbine-Entwickler in Interviews gerne mal das Gegenteil behauptet. Erfreulich ist in Kombination, dass die eigenen Skills ähnlich funktionieren und ihre Wirkung meist auf einer gewisse Fläche auf dem Boden entfalten.

Schall und Rauch

Gerade zu Anfang spielen sich die sechs zur Auswahl stehenden Klassen relativ ähnlich. Später bekommt man dann immerhin die Möglichkeit, Skill-Sets anzulegen und nach Bedarf zu wechseln. Was die von Carbine vorab so angepriesenen Pfade betrifft, so darf man sich nicht täuschen lassen. Hierbei handelt es sich in der Substanz um nichts weiter als um zusätzliche Questreihen, die zum Großteil nichts weiter als extreme Zeitfresser sind.

Auch die vermuteten Sandbox-Features sucht man in den Pfaden vergeblich. Selbst der Siedler baut zwar hier und da Strukturen in der Landschaft auf und erntet dafür Ansehen und Buffs - seiner Fraktion allerdings hilft er damit nicht wirklich, denn nach einer Zeit zerfällt alles wieder und der ganze Spuk geht von vorne los.

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SWTOR lässt grüßen - leider sind wirklich spannende Zwischensequenzen in WildStar Mangelware.
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Ist doch egal!

Generell gehören die Quests in WildStar eher zur nervigen Sorte und wenngleich sie in der Theorie äußert einfach gehalten sind, sucht man sich in der Praxis nicht selten einen Wolf, weil die Beschreibung in SMS-Größe den Designern einfach keinen Raum für Erklärungen gelassen hat oder der nächste Einsatzort für Quest-Item XY irgendwo fernab des Ortes liegt, an dem man sie vermutet. Dank des exzessiven Einsatzes von Phasing können auch Freunde nur bedingt weiterhelfen - sofern sie sich überhaupt an die jeweilige Situation erinnern können.

Weder gibt es sinnvoll-knackige Herausforderungen wie bei The Secret World noch starke Story-Belohnungen wie bei Star Wars: The Old Republic oder The Elder Scrolls Online. Abgesehen von ein paar kurzen Filmsequenzen ist mir all das, was ich auf Nexus tue und erlebe, irgendwie so schrecklich egal, dass ich es am liebsten gar nicht länger täte.

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Wer bin ich, wo bin ich und was tue ich hier? Egal - einfach tun, was die Queststexte in SMS-Größe sagen.
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Etwas ernüchtert geht die Reise weiter

Schließlich kam, was kommen musste: Von der Reise ziemlich ernüchtert habe ich vom PvE-Content Abstand genommen und mich einfach mal fürs PvP angemeldet. Das beschränkt sich in den unteren Leveln auf eine kleine Capture-The-Flag-Instanz. Doch siehe da - es liegt ein gewisser Unterhaltungswert im rasanten Telegrafen-Gewühl der PvP-Arena.

WildStar-Test: Teil 2

Über Geschmack lässt sich nicht disputieren, bemerkte einst Immanuel Kant. Und würde der kluge Mann noch leben – er müsste wohl feststellen, dass es sich eben doch wunderbar über Geschmack streiten lässt, wenn es dabei nur um MMOGs geht. Die erhitzen in der Regel die Gemüter weit mehr als gewöhnliche Spiele und sorgen dafür, dass sich Lager von Fans und Kritikern gleichermaßen bilden, die sich gegenseitig für ihre total verrückte Ansicht zerfleischen.

Kann man mögen, muss man aber nicht

Und bisweilen wird auch mal ein Fachjournalist durch den Fleischwolf gedreht, wenn er sich erdreistet, seine Meinung zu einem Spiel klar und deutlich auszudrücken. Sei sie nun negativ oder positiv – es finden sich immer ein paar militante Kommentatoren, die sofort das Kriegsbeil ausgraben. Diese Leute sind es dann auch, die durch ihr Verhalten dafür gesorgt haben, dass die Fachpresse in einen seltsam gleichgeschalteten Lobgesang verfällt, wenn ein Titel im Vorfeld recht beliebt zu werden verspricht.

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Der Blick aus der Nähe offenbart: Die Charaktere sehen ebenso hässlich aus wie die Klamotten.
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Der von vielen Lesern geforderte „objektive Test” klingt dann auf jeder Plattform und in jedem Magazin gleich, zählt auf, was das Spiel so für tolle Sachen bietet. Die muss man nicht, kann man aber lieben, so das stets ähnlich lautende Fazit. Dazu wird dann noch eine Wertung irgendwo im Bereich der oberen Unverbindlichkeit ausgepackt und schon ist man als Redakteur aus dem Schneider.

Das Déjà-vu

Doch eine solch objektive Rezension wäre eine Farce. Auch ein MMOG ist ein Computerspiel und damit ein Stück Unterhaltung, das sich eben nicht objektiv bewerten lässt. Letztlich geht es um Spaß und der kann nur höchst subjektiv empfunden werden. Ein MMOG, das monatliche Kosten verursacht, muss sich zudem noch an anderen Titeln messen lassen. Und das kann ein Spieler, genau wie ein Fachjournalist, nur unter Berücksichtigung seines jeweiligen Horizonts tun.

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Das alte Senso als Minispiel – allerdings in einer sehr einfachen Umsetzung.
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Vor meinem Horizont und im Vergleich zu anderen MMOGs, das kann man im ersten Teil des Artikels nachlesen, sieht der Quest-Anteil von WildStar ausgesprochen dürftig aus. Der ohnehin schon grenzwertige Humor bleibt an der schlechten Übersetzung hängen und die Reise durch die Landschaften von Nexus wirkt, wenn man alle gängigen Themepark-MMOs gespielt hat, wie ein nicht enden wollendes Déjà-vu mit zwar unzähligen, jedoch eher öden Betätigungsmöglichkeiten, die zum Teil arg offensichtlich als Zeitfresser eingestreut wurden.

Und wer mit dem Humor von WildStar nichts anfangen kann, wird auch schnell bemerken, dass man beim Questen in der offenen Welt nichts weiter tut, als immer wieder die gleichen paar Tasten zu bemühen, um den oder die Gegner zur Strecke zu bringen – trotz Telegrafenmechanik. WildStars Solo-Aufstieg ist Quest-Grinding, wie es anspruchsloser kaum sein könnte. Für diesen Teil des Spiels hätte man sich den Action-Combat auch sparen können. Als Konsequenz habe ich mich irgendwann vom ermüdenden Quest-Grind verabschiedet und dem PvP zugewandt.

Antike Arenen

Das baut, wie die meisten Themepark-MMOGs, auf instanzierte Schlachtfelder, von denen es derzeit nur zwei verschiedene gibt. Der Walatiki-Tempel setzt auf eine Form der klassischen Capture-The-Flag-Mechanik und lässt sich meist innerhalb weniger Minuten erledigen. Die Halle der Blutgeschworenen hingegen läuft in zwei Runden ab, in denen man abwechselnd Punkte einnehmen bzw. verteidigen muss.

Auf beiden Karten kämpft das Dominion gegen die Verbannten – ein nicht ganz unwichtiger Teil der Hintergrundgeschichte, der in den Schlachtfeldern irgendwie erstmals wirklich zum Tragen kommt. Und während ich meinen Widersachern im Walatiki-Tempel zum ersten Mal überhaupt begegne, frage ich mich, warum Carbine überhaupt die Zeit damit vergeudet hat, Nexus für zwei Fraktionen aufzubauen und die Community zu spalten, wenn es im Spiel kaum Schnittstellen gibt. Stattdessen hätte man sich auf eine Fraktion konzentrieren und die Gebiete mit mehr Persistenz versehen sollen.

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Dieser Bot will mit dem Kopf durch die Wand. Der Tod bringt die Erlösung.
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Gleicher Feind, andere Welt

Die Wartezeit für die Schlachtfelder ist übrigens erfreulich kurz, da man optional serverübergreifend suchen kann. In der Arena angekommen, schaffte es WildStar erstmals, mich aus meiner Quest-Lethargie zu reißen. War das vielgepriesene Action-Kampfsystem auf den PvE-Solo-Pfaden in der Praxis auch nicht viel anspruchsvoller als ein klassisches Tab-Target-System, so machte es der Bezeichnung Action plötzlich alle Ehre.

Denn was da im Walatiki-Tempel und in der Halle der Blutgeschworenen abgeht, ist ein spaßiges Gemetzel, von dem allerdings epilepsiegefährdete Zeitgenossen Abstand nehmen sollten. Da das Kampfsystem in WildStar weitgehend auf Flächenwirkung basiert, kommt es an den neuralgischen Punkten der Schlachtfelder immer wieder zu Begegnungen, die alles in den Schatten stellen, was man von PvP-Instanzen sonst so gewohnt ist.

Wer klickt, verliert

Das hat gleichermaßen gute wie negative Seiten. Wenn ein Dutzend Spieler ihre Flächenfähigkeiten auspacken, verliert man bisweilen die Übersicht und ein beherzter Sprung aus der gefährlichen und in die sichere Zone, wie das beim PvE möglich ist, erübrigt sich oft, weil man kaum noch erkennen kann, an welcher Stelle nun die positiven Effekte die negativen überwiegen.

Auch fällt es hier und da schwer, im Eifer des W-A-S-D-Gefechts noch die richtigen Tasten zu erreichen und die Skills gleichzeitig perfekt auszurichten. Wer klickt, verliert – hier ist absolute Hotkey-Perfektion gefragt. Ein auf die Mitte ausgerichteter Blick wie bei TERA hätte Sinn gemacht und für ein wenig mehr Komfort gesorgt – doch ausgerechnet im PvP ist diese Option standardmäßig nicht verfügbar.

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Dieser Goldseller versucht bei den PvP-Fans ein paar schnelle Euro zu machen.
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Gezielte Streuung

Trotzdem bereitet es mir durchaus Vergnügen, mit meinem komplett auf Flächenheilung ausgerichteten Sanitäter Kreise um das Gerangel in der Mittel zu ziehen und all das zu negieren, was die Gegner so an Unheil über meine Kameraden streuen. Und tatsächlich kann ein guter Heiler im PvP von WildStar eine Menge bewirken, da die Entwickler generell darauf geachtet haben, dass die Schadenswerte in einem gesunden Verhältnis zu Verteidigung und Heilung stehen.

Im Kontakt Mann gegen Mann kann sich jeder clevere und halbwegs vernünftig ausgerüstete Spieler lange genug am Leben halten, bis Verstärkung eintrifft. Frustrierende Erlebnisse der Marke „One-Hit-Wonder aus dem Hide” sind mir in WildStar bislang nicht untergekommen. „Telegraphs were made for pvp”, haben die Entwickler mal gesagt und da ist durchaus etwas dran.

Der Haken an der Sache

Nun könnte das PvP in WildStar so wunderbar sein, wenn es noch ein paar interessantere Schlachtfelder gäbe und ein paar Probleme weniger. Probleme, die durchaus geeignet sind, den kompletten Spaß wieder zu ruinieren. Das erste, nämlich zum Teil unsagbar schlechte Mitspieler, gibt sich möglicherweise mit der Zeit und dem ELO-Matchmaking. Das zweite und dritte allerdings muss Carbine umgehend aus dem Spiel verbannen: Cheater.

Das sind einerseits die Bots, denen ich leider zunehmend häufiger begegne und die sich irgendwann im Spielverlauf dadurch enttarnen, dass ihre KI versagt, wenn sie sich irgendwo verhakt haben. Diese Bots nehmen quasi passiv an den Schlachtfeldern teil, fehlen ihrem Team und bekommen trotzdem die volle Belohnung ab – neben der für Themeparks typischen PvP-Währung auch allerlei anderer, bisweilen durchaus wertvoller Kram.

Sic transit gloria mundi

Und dann wären da noch die Speed-Hacker, die sich derart schnell über das Feld bewegen, dass zumindest die Flaggeneroberung völlig sinnfrei wird und Sieg oder Niederlage allein davon abhängen, ob man die Cheater nun auf der eigenen Seite hat oder gegen sich. Und wer nun glaubt, diese Sorte ließe sich melden, der sollte das mal versuchen. Namen wie IIIIIIIII machen es angesichts von serverübergreifendem Spiel- und fehlender Rechtsklick-Anzeigemöglichkeit nicht sonderlich einfach.

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Die Angebote für virtuelles Gold kommen auch per Post. Bislang scheint NCSoft machtlos.
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Diese illegalen Raser sind übrigens auch im PvE unterwegs. Dort treten sie meist in Kombination mit den Bot-Routinen auf und erst dann für einen Augenblick in Erscheinung, wenn die Arbeit vollbracht, die Rohstoffquelle abgeerntet ist. Für die Spieler ist das nicht nur nervig, weil die Rohstoffe fehlen, sondern auch, weil die vielgepriesene virtuelle Wirtschaft aus den Fugen gerät. Die in der Folge auftretende Inflation treibt die Preise für C.R.E.D.D. in die Höhe.

Der Ehrliche ist der Dumme

Damit wird es für normale Spieler weitgehend unmöglich, sich die Monatsgebühr selbst zu erspielen. Das gesamte System funktioniert nicht, wie man sich das bei Carbine ausgemalt hatte. Vielmehr spielen die Cheater auf kurz oder lang kostenlos und der ehrbare Spieler finanziert die unehrlichen mit. Es ist also genau das eingetreten, wovor Kritiker schon im Vorfeld gewarnt hatten.

Diese Probleme muss Carbine dringend beseitigen, denn groß ist die Geduld von PvP-Spielern gemeinhin nicht, wenn die das Gefühl haben, dass die Spielbalance von Cheatern ruiniert wird. Dafür gibt es einfach zu viele Alternativen auf dem Markt, die es besser machen – und im Zweifelsfall greift der PvP-Fan eben zum MOBA.

Am Ende doch ein Lobby-Spiel?

Wer PvP als sein virtuelles Lebenselixier sieht, wird WildStar ohnehin bis zum Erreichen der Kriegsbasen und vielleicht auch danach eher als Lobby-Spiel erleben. Man meldet sich zu einem Schlachtfeld an, kassiert am Ende vergleichsweise viel Erfahrung, dazu möglicherweise das eine oder andere Beutestück sowie Punkte, von denen sich spezielle PvP-Ausrüstung kaufen lässt – wie in den meisten Themepark-MMOGs.

Zwischendurch hat man in der eigentlichen Welt recht wenig verloren, steht eher in seinem eigenen Garten, um Ruheboni und Buffs abzustauben. Der Garten ist eine eigene Unterkunft. Eine Instanz mit vier Wänden sowie allerlei Möglichkeiten der Bebauung und Ausgestaltung. Ob Crafting-Stelle, Labyrinth oder Ausgrabungsstätte: je nach Beruf und Geschmack kann man sich sein Heim ein wenig hübsch herrichten. Allerdings sind der Kreativität durchaus Grenzen gesetzt, denn die größeren Gebilde haben ihren festen Platz.

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Die Matrix hat uns. Inhalte für Gruppen sind bedeutend abwechslungsreicher und anspruchsvoller als der Solo-Aufstieg.
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Komm doch mal vorbei – es gibt die gleichen Buffs wie bei dir!

Das Housing ist außerdem sowohl mit dem recht komplexen Crafting als auch mit dem Loot-System verknüpft und ebenfalls ausgesprochen kostenintensiv. Wer nicht viel spielt, wird sich beim Ausbau des Eigenheims zurückhalten müssen. Wer hingegen gerne Zeit und Arbeit in instanziertes Housing steckt, wird sich so manches Stündchen mit dem System beschäftigen können, in dem sich bis hin zur Atmosphäre allerlei ändern lässt.

Insgesamt bleiben jedoch sowohl Housing als auch Crafting, wie viele andere Systeme des Spiels, hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die meisten Dinge innerhalb der eigenen sechs Energiewände sind kosmetischer Natur. Der Acker- und Abbau von Rohstoffen bleibt ebenso oberflächlich wie die mit dem Housing verknüpften Herausforderungen. Vieles probiert man mal aus und lässt es dann bleiben, da der Nutzen begrenzt ist. Zudem hält sich die Freude am Eigenheim aufgrund der Instanzierung und der damit fehlenden sozialen Komponente arg in Grenzen.

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In der Halle der Blutgeschworenen sind weniger Cheater unterwegs und man kommt vergleichsweise fix nach oben.
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Was bin ich?

Und so bekommt WildStar ein Identitätsproblem. Während die Welt da draußen so gestrickt ist, dass man ewig viel damit zu tun hat und questenderweise kaum vorwärts kommt, warten gleichzeitig die ungeduldigen Gipfelstürmer darauf, dass man sie endlich bei dem unterstützt, was WildStar eigentlich ausmachen soll: bei den „Hardcore-Inhalten”.

Die Folge ist naheliegend: Man rammelt ein Schlachtfeld nach dem anderen durch, um möglichst schnell und am Retorten-Content vorbei nach oben zu kommen. Dort warten derartig anspruchsvolle Schlachtzüge auf PvE- und Kriegsbasen auf PvP-Fans, dass Otto Normalspieler Probleme damit bekommen wird, die Item-Spirale schnell und weit genug zu erklimmen. Entsprechend große Schwierigkeiten ergeben sich für die Gilden, Gruppen von 40 allabendlich verfügbaren Hardcore-Spielern aufzubauen. So einfach wie zu Zeiten, als die halbe Welt ein einziges MMOG gespielt hat, ist es heute einfach nicht mehr.