Nachdem sie die MMO-Branche jahrelang hochgejubelt hatten, haben die Analysten mittlerweile umgeschwenkt und prophezeien mit vereinten Kräften den Untergang des gesamten Genres. Dabei hinken sie den tatsächlichen Entwicklungen wieder mal hinterher, denn sie orientieren sie sich an den Zahlen einiger weniger Unternehmen. Ihnen fehlt die Übersicht. Umso wichtiger, dass wir sie uns mal wieder verschaffen.

Die Spatzen pfiffen es in den letzten Wochen bereits mehrfach von den Dächern: Der westliche Ableger des eigentlich sehr erfolgreichen südkoreanischen Publishers NCSoft steckt in Schwierigkeiten. Wieder mal. Offiziell nennt man das natürlich anders. Man spricht von nötigen Umstrukturierungen, um die führende Stellung zu festigen. Eine tolle Sache also.

Todsicheres Konzept

Nicht so toll sieht es allerdings für die Angestellten aus. Während ArenaNet diesmal anscheinend von den Maßnahmen verschont bleibt, trifft es vor allem die Carbine Studios hart. In den letzten Wochen hatten sich bereits mehrere Führungskräfte freiwillig verabschiedet und jetzt gesellten sich, so wollen die Kollegen von Polygon erfahren haben, noch 60 unfreiwillig Ausscheidende dazu. Damit dürfte es recht leer werden in den Büros von Carbine.

Dabei hätte WildStar Online, ein Spiel aus der Feder von 17 ehemaligen Blizzard-Entwicklern, doch der große Knaller werden sollen. Man wollte World of Warcraft damit noch einmal neu entwickeln, nur ganz anders und hardcore und so. Analysten lieben so etwas. Die Spieler leider nicht. WildStar darf nun offiziell als gescheitert angesehen werden.

Bye bye Bitwise
Den Rücktritt von Jeremy Gaffney als Firmenchef und das Ausscheiden von Design Producer Stephan Frost und Art Director Matt Mocarski hätte man durchaus noch kompensieren können - die jetzt an allen Enden und Ecken fehlende Manpower wird dem Titel in seiner derzeitigen Form den Todesstoß versetzen, zudem auch Chief Client Engineer ‘Bitwise’ von seiner Kündigung twittert - einer der wichtigsten Techniker im Team.

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Der MMO-Hoffnungsträger strauchelt. Was ist los bei WildStar?
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Für NCSoft West sind die Probleme mit WildStar derweil nicht vollkommen neu. Auto Assault, Tabula Rasa, City of Heroes haben ein solches Schicksal bereits hinter sich. Bei diesen Titeln von fehlendem Glück zu sprechen, wäre unnötig geschmeichelt. Bei diesem Unternehmen steckt der Fehler im System. Die halbwegs funktionierende Ausnahme ist noch Tochter ArenaNet - wobei man auch dort personelle Auflösungserscheinungen in der höchsten Ebene beobachten kann.

Packshot zu WildStarWildStarErschienen für PC

So viele Möglichkeiten, so wenig Umsatz

Dabei hätte NCSoft West das Zeug, auch im Westen das zu sein, was man sich so gerne auf die Fahnen schreibt: Ein führender Publisher von Massively Multiplayer Online Games. Man hätte nur irgendwann mal dazu übergehen müssen, mit den Südkoreanern und deren Titeln zu arbeiten und sie nicht als Konkurrenz anzusehen.

Dann hätten wir heute noch zwei funktionierende Lineage-Titel unter dem Banner von NCSoft im Westen. Auch ein gut betreutes Aion würde sich rechnen - ganz zu schweigen von Blade & Soul, einem durchaus ordentlichen und in Asien unverschämt erfolgreichen Titel, dessen Veröffentlichung hinter einem allenfalls durchschnittlichen WildStar zurückstehen musste.

Der Herr der Ringe Online - ein Ring, sie zu tragen

Auch bei Turbine scheint man derzeit nicht sonderlich gut aufgestellt zu sein. Das Studio wurde von einer erneuten Entlassungswelle hart getroffen, die nach Aussage der Firmenleitung natürlich ebenfalls “Teil des normalen Geschäftsprozesses” ist und letztlich dem “Wachstum” dienen soll. Doch womit soll man wachsen, wenn man nichts mehr in der Schublade hat, was sich ordentlich verkaufen ließe?

Klar - Der Herr der Ringe Online hat über die Jahre hinweg ordentliche Einnahmen generiert und die Entlassungen, so verspricht man, hätten keinen Einfluss auf die Planungen - zumindest nicht auf die kurzfristigen, wie das gerade gestartete Herbst-Event. Doch dieser Titel hat seine besten Tage ganz klar hinter sich. Und weder das betagte Dungeons & Dragons Online noch der halbherzige MOBA-Vorstoß Infinite Crisis werden dazu beitragen können, das Unternehmen auf Dauer zu tragen. Turbine braucht einen neuen Titel - und zwar dringend.

Trion Worlds - Rettung in letzter Not

Das muss nicht mal ein eigener Titel sein, wie der jüngste Erfolg von Trion Worlds beweist. Nachdem man das Unternehmen im vergangenen Jahr notgedrungen quasi plattgemacht hatte, köchelte man mit einer minimalen Zahl von Mitarbeitern auf Sparflamme die West-Umsetzung von ArcheAge zusammen und - siehe da - kassierte mal eben so drei Millionen Spieler ein und rekrutiert nun wieder mit voller Kraft.

Und diese Kraft könnte Trion durchaus auch dabei helfen, nebenbei auch die eigenen Titel wieder anzukurbeln. Zu Rift ist gerade mit Nightmare Tide die nächste Erweiterung erschienen, Defiance geht als TV-Serie in die dritte Runde und Trove, Trions Low-Budget-Versuch im Minecraft-Stil, steht übers Wochenende hinweg allen Interessierten offen.

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“Das Spiel hat mein Gold gefressen!”

Nicht mehr ganz so offen steht einigen Spielern dafür ArcheAge. Zumindest jene, die sich mit illegalen Mitteln einen Vorteil verschaffen wollen, sollten damit rechnen, bald aus dem Spiel geworfen zu werden. Mehr als 5.000 Spieler trifft der Bann-Hammer derzeit täglich. Gleichzeitig scheint der Support langsam Fahrt aufzunehmen und reagiert bisweilen recht fix, wenn es mal einen Unschuldigen getroffen hat.

Dabei geht Trion sogar einen entscheidenden Schritt weiter als die meisten anderen Publisher. Nicht nur schmeißt man derzeit täglich Massen von Cheatern und Goldfarmern aus dem Spiel - man löscht das illegal erworbene Gold auch gnadenlos aus den Taschen ihrer Kunden. Die blamieren sich derzeit umso mehr, wenn sie wütend auf allen Kanälen darüber schimpfen, dass das Spiel buggy sei und ihr Gold gefressen habe. Hätte nur NCSoft damals bei Lineage 1 und 2 mal derart konsequent und mutig gehandelt…

Star Wars: The Old Republic - ein starker Verbündeter

Eher konsequent als mutig handelt BioWare, indem sie den legendären Revan in der nächsten Erweiterung zurück auf die große Bühne holen. Für viele Star-Wars-Fans gehört Revan zu den interessantesten Charakteren überhaupt. Und da die Entwickler nebenbei noch die Level-Grenze auf 60 anheben und die durchaus gelungene Story noch einmal erweitern, dürfte das den einen oder anderen Spieler zumindest für ein paar Wochen zurück in die alte Republik führen.

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Wenn BioWare mit der Erweiterung pünktlich ist, schlägt sie am 09. Dezember auf. Und wer bis zum 01. November vorbestellt hat, darf die neuen Inhalte schon am 02. Dezember spielen - allerlei Krimskrams gibt es obendrein. Womit für viele Spieler, mich eingeschlossen, wieder das alte Problem auftaucht: Ich habe keine Ahnung, was genau ich für mein Geld bekomme und an welcher Stelle ich später nachlegen müsste, um dann auch tatsächlich das komplette Spiel mit komplettem Komfort genießen zu können.

Final Fantasy XIV - das letzte seiner Art

Ein Spiel, das mich bislang mit derlei Problemen verschont hat, ist Final Fantasy XIV. Doch auch diese Zeit der Unbeschwertheit scheint jetzt vorbei. Der Patch, der kommende Woche aufgespielt werden soll, haut den Fans des vielleicht letzten klassischen Abo-MMOGs, aller Proteste zum Trotz, einen Cash-Shop um die Ohren.

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Dabei schien alles so wundervoll zu laufen in Final Fantasy XIV. Die Abo-Zahlen stimmten, die Community gehört zu den zufriedensten der Branche und mit Heavensward steht im kommenden Frühjahr eine anscheinend interessante Erweiterung ins Haus. Wozu also den Konflikt mit den Spielern riskieren und für Verstimmung und Verwirrung gleichermaßen sorgen?

TERA - Erwachen nach dem Dornröschenschlaf?

Außer sich vor Freude sind derzeit die Fans, die TERA noch immer die Treue halten. Klar - das Spiel war nicht schlecht und hatte enormes Potential, doch verfielen die Entwickler in einen wundersamen Dornröschenschlaf. Obwohl das Spiel dringend neue Inhalte und eine Generalüberholung der Endgame-Mechaniken gebraucht hätte, kam zwei Jahre lang...nichts.

Jetzt allerdings wurde mit Fate of Arun die sehnlichst erwartete Erweiterung angekündigt. Zwar steht ein Termin noch aus, jedoch gehen Insider davon aus, dass En Masse schon einen Großteil davon griffbereit in der Schublade liegen hat. Der Grund, warum man die Schublade in den vergangenen zwei Jahren nicht angerührt hat, liege in einem alten Rechtsstreit.

Wie Phönix aus der Asche?

NCSoft, die in TERA einen Diebstahl geistigen Eigentums erkennen wollten klagten gegen En Masse, die aus rechtlichen Gründen gezwungen waren, die längst geplante Erweiterung einzufrieren. Dieser Rechtsstreit scheint jetzt allerdings komplett beigelegt worden zu sein und En Masse ist wieder Herr über die eigene Entwicklung.

Bedenkt man, dass TERA nach wie vor das interessanteste Kampfsystem im gesamten Genre vorzuweisen hat, könnte es passieren, dass dieser Titel einen zweiten Frühling erlebt. Das setzt allerdings voraus, dass Gameforge als Europa-Publisher endlich mal verantwortungsvoll mitzieht. Was TERA betrifft, haben die Karlsruher ihre Hausaufgaben nämlich längst noch nicht erledigt.

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TERA hat noch immer eines der vielversprechendsten Kampfsysteme im MMO-Lager.
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Kurz notiert

Ganz erledigt habe auch ich meine Hausaufgaben noch nicht und so gibt es die restlichen wichtigen Ereignisse der Woche jetzt im Schnelldurchlauf: Da wäre zum Beispiel die Nachricht, dass das geplante Brettspiel zu Age of Conan das sechsfache der erhofften Finanzierung im Voraus via Kickstarter einspielte. Es werden also Köpfe rollen.

Der Kopf von Lord British höchstpersönlich wird rollen, falls Shroud of the Avatar am 24. November via Steam in den Early Access kommen und nicht das bieten sollte, was sich die Fans erhoffen. Und Mark Jacobs schließt sich dem gleich an, denn 200 Spieler hat er derzeit in die Pre-Alpha von Camelot Unchained eingelassen, damit die sich auf dem ersten Schlachtfeld die Köpfe einschlagen.

Gleiches sollen auch die Tester von Pathfinder Online tun, allerdings legt man bei Goblinworks allergrößten Wert darauf, dass jegliches PvP in bedeutungsvollem Kontext steht - dass man nicht einfach nur so kämpft, sondern entschlossen für oder gegen etwas. Ums Überleben kämpft man derweil in Life is Feudal. Und dieses einfache Konzept begeistert derzeit so viele Fns, dass man vorab schon über 100.000 Zugänge verkaufen konnte. Für das Indie-Projekt ist das eine gewaltige Zahl, die dem kleinen Studio eine ordentliche Finanzspritze verpasst.

Ausblick:

Ach ja - und wer sich in diesen Tagen zu Tode langweilt und kein Geld ausgeben möchte, kann mal wieder in World of Warcraft vorbeischauen - sämtliche ausgelaufenen Abos sollten für eine Woche aktiv sein. Mich werdet ihr allerdings nicht in Azeroth finden, sondern in ArcheAge, wo gerade meine Karriere als Farmer und Crafter verfolge und den zweiten Teil des Tests vorbereite.