Gut ein Monat ist seit der Veröffentlichung von Warhammer Online: Age of Reckoning (WAR) ins Land gezogen. Wochen, in denen wir ausgiebig Zeit hatten, das neue Online-Rollenspiel von Mythic Entertainment auf Herz und Nieren zu prüfen, uns in Schlachten zu stürzen und einen tief gehenden Eindruck von diesem World of WarCraft-Konkurrenten zu erhalten.

"WAR ist der spirituelle Nachfolger von Dark Age of Camelot", so die US-Entwickler des MMOG-Veteranen, dessen Kerninhalte stark auf PvP-Schlachten zugeschnitten sind. Mythic nennt dies RvR und hat die sich hinter diesem begriff verbergenden Reichsschlachten zu einem Markenzeichen gemacht, das in WAR die Massen unterhalten soll. Ob sich unser erster positiver Eindruck kurz nach dem Launch des Titels auch im Langzeittest bestätigen konnte, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Oh Gott, Mythic hat Blogger eingesperrt!73 weitere Videos

WoW-Klon?

Ketzerisch könnte man sagen, dass Warhammer Online auf den ersten Blick ein eindeutiger WoW-Klon ist. Vor allem optisch macht der comichafte Look den Eindruck, als habe man bei Mythic zu lange selbst Abenteuer in Azeroth erlebt. Eingeweihte wissen es aber besser: Das Warhammer-Universum mit seinen Orks und Zwergen, den verfeindeten Fraktionen von Ordnung und Zerstörung mit den Paarungen Imperium und Chaos, Elfen und Dunkelelfen sowie Grünhäuten und Zwergenvolk gibt es schon deutlich länger als Blizzards WarCraft-Fantasywelt.

Etwaige Vergleiche erledigen sich ohnehin bereits nach wenigen Stunden, zu eigenständig ist der Designstil bei WAR, der mit einer deutlich düstereren Seite aufwartet als der große MMOG-Moloch. Atmosphärisch beschreitet man ohnehin einen ganz anderen Weg und hat eine kriegerische, ja oftmals bösartige Ausrichtung, die so rein gar nichts mit "heile Welt" zu tun hat.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
In den Szenarien geht es von Beginn an hoch her.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Letztendlich entscheidet aber doch wieder der Inhalt darüber, ob ein Spiel sich bei den MMOG-Fans durchsetzen kann - wie zuletzt vor allem Age of Conan schmerzlich erfahren musste. Spätestens hier wird jedem klar, dass WAR viel zu eigenständig ist, um als Klon irgendeines Konkurrenten bezeichnet zu werden. Natürlich bietet auch dieses Online-Rollenspiel Inhalte, wie man sie auch bei allen gängigen Genre-Vertretern findet. Vor allem der Kampf von Spielern gegen computergesteuerte Widersacher (=Mobs) unterscheidet sich in seiner Art (z.B. Steuerung und Quest-Design) kaum von dem, was man bei der Konkurrenz aufgetischt bekommt.

Allerdings ist bei der Aufmachung deutlich zu spüren, dass man einen anderen Weg gehen will. Sicher, auch hier gibt es Massen eher generischer Quests, die euch mit Erfahrungspunkten und netten Gegenständen versorgen. Allerdings sind sie eingebunden in den Kontext übergreifenden Konflikt der Fraktionen, und zudem sprühen die Texte regelmäßig vor unterhaltsamem schwarzen Humor. Es gilt schließlich das Motto: Der Krieg ist überall in WAR, und das merkt man bei seinen Quest-Abenteuern jederzeit.

Packshot zu Warhammer Online: Age of ReckoningWarhammer Online: Age of ReckoningErschienen für PC

Der Krieg ist überall!

Das liegt vor allem am Design der Welt und damit der einzelnen Zonen. Diese sind in der Regel so aufgebaut, dass die jeweils feindliche Partei ebenfalls Anlaufstellen in diesem Gebiet besitzt und parallel ihre Missionen erledigt. Auf normalen Serverarchitekturen kommt es prinzipiell nur dann zum direkten Konflikt zwischen den Spielern, wenn diese sich in die RvR-Zonen begeben oder willentlich einem entsprechenden Kampf einwilligen.

Und trotzdem lauert irgendwie immer die Gefahr im Nacken, dass man einer feindlichen Macht gegenübersteht, was ein Gefühl der ständigen Bedrohung erzeugt. Dieses Ambiente wird nicht nur durch die normalen Quests bestärkt, vor allem die innovativen Öffentlichen Quests (Public Quests, PQ) sind ein starker Bestandteil dieses Mechanismus.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
Nicht immer finden sich genügend Mitstreiter für die Öffentlichen Questreihen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Während Solo-Spieler bei herkömmlichen Quests in WAR ein Paradies erleben und einen Großteil der Aufgaben ohne fremde Hilfe und vor allem ohne nervtötende Downtime erledigen können, ist man bei PQ auf die mithilfe anderer Spieler angewiesen. Zwar ist es in der Regel möglich, die ersten Questschritte allein zu erledigen, wer aber die gesamte Questreihe abschließen möchte, um spezielle Beute einzusacken, kommt ums Teamplay kaum herum.

MMOG-Fans mit PvP-Vorliebe kommen an Warhammer nicht vorbei!Fazit lesen

Allerdings erweist sich dieses teambasierte Konzept nicht nur als die große Stärke des Titels, sondern zugleich auch als sein Schwachpunkt: Es zeigte sich nämlich zuletzt immer häufiger, dass viele Spieler auf die PQ-Belohnungen pfeifen, weil sie schlicht und ergreifend nicht besser sind als das, was man sonst erbeuten kann. Daher versucht man sich häufig an Öffentlichen Quests, findet aber trotz schöner Gruppenbildungsfunktion immer seltener willige Mitstreiter.

Praktische Gruppen-Funktion

Dabei ist die Gruppenfindung denkbar spielerfreundlich ausgefallen, lange Wartezeiten wie bei den meisten Konkurrenzprodukten entfallen daher. Betritt man ein Gebiet mit PQ, hat man normalerweise sofort die Möglichkeit, sich einer offenen Gruppe oder einem Kriegstrupp anzuschließen und somit Teil der Questgemeinschaft zu werden. Doch wo keine Spieler, da (leider) keine Gruppen.

Es ist zwar mit genügend Durchhaltewillen durchaus möglich, sich durch Grinden im ersten Schritt der PQs die nötigen Erfahrungspunkte für den Abschluss der drei Kapitel, in die die Öffentlichen Quests aufgeteilt sind, zu erarbeiten. Auf Dauer ist diese Prozedur jedoch ermüdend und wenig motivierend.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
Von kampfunfähig kann gar keine Rede sein: Solospieler bekommen viel geboten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das ist vor allem auch deshalb sehr schade, weil diese Aufgaben Abwechslung vom sonstigen Quest-Allerlei versprechen. Oft steht man bei diesen PQ nämlich der feindlichen Fraktion im "sportlichen" Wettstreit gegenüber und nur wer das erste Kapitel als Erster erledigt, schreitet zum zweiten Teil voran.

Zwar kann es auch hier bereits zu direkten Konfrontationen kommen (denn der Krieg ist schließlich überall ...), doch die RvR-Schlachten spielen sich in erster Linie in den dafür gedachten Szenarien und RvR-Gebieten ab. Bei den Szenarien handelt es sich eigentlich um nichts weiter als vom Gebiet und Teilnehmerzahl beschränkte Arenen, in denen man Gebiete, Artefakte oder Flaggen erobert und sich Kämpfe mit der gegnerischen Seite liefert.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
Im Wälzer des Wissens erhaltet ihr viele Infos.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Allerdings ist der Zugang beschränkt. Das Schlachtengewühl ist der grundsätzlichen Aufteilung von Warhammer Online in vier Abschnitte (Tiers) und damit entsprechend einer bestimmten Levelbegrenzung untergeordnet. Während der erste Abschnitt also Spielern von 1-11 Questaufgaben und Szenarien bietet, tummeln sich Spieler der Stufe 30-40 (derzeitiger Höchstlevel) in Tier 4.

Tolle Verbindung der Inhalte

Vorbildlich ist zumindest theoretisch die Verquickung der unterschiedlichen Spielinhalte in WAR - allerdings sind wir nicht mehr ganz so euphorisch wie noch zu Beginn. Man kann sich zwar nach wie vor während des Kampfes gegen Mobs ganz nebenbei für Spielsessions in den Szenarien anmelden und Mythic hat sogar unterdessen einige Zugangshürden per Patch beseitigt. Allerdings kommt es häufig zu sehr langen Wartezeiten, bis man eines dieser Szenarien von Innen sieht und sich an den Reichskämpfen beteiligen kann.

Das ist natürlich ärgerlich, denn diese Arena-Auseinandersetzungen machen nicht nur Spaß, sie steigern auch den so genannten Ruf des Spielers. Mit den Rufpunkten erhält man im Gegenzug wiederum neue nützliche Fertigkeiten (Ruferrungenschaften), was die Charakterentwicklung vorantreibt und die eigene Figur mächtiger macht.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
In gefährliche Dungeons sollte man sich nur mit einer eingespielten Gilde/Gruppe wagen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das allein macht das Überleben im Reichskampf in den Szenarien jedoch nicht zu einem Automatismus. Auch wenn die Klassen derzeit durchaus rechts austariert scheinen, herrscht in den Szenarien meist ein unkoordiniertes Gewusel - man könnte es auch Chaos nennen. Das liegt nicht zuletzt am Design der Arenen, aber auch an einigen Fähigkeiten der Klassen.

Viele Charaktere verfügen beispielsweise über einen Skill, mit dem man den Widersacher im hohen Bogen durch die Gegend kickt. Das hat in Kombination mit dem Leveldesign z.B. auch zur Folge, dass einem ständig die Leute vor der Nase weggeschossen werden oder man selbst unversehens im Lavafluss landet. Möglicherweise bedarf es aber einer noch längeren Gewöhnungsphase an die Spielmechanismen von WAR.

Skills ohne Ende

Das dürfte hinsichtlich der vielen Fertigkeiten zumindest auch für Einsteiger gelten. Neben den normal erwerbbaren Klassen-Fähigkeiten (die sich ebenfalls in unterschiedliche Skill-Bäume aufteilen) gibt es schließlich noch Moral- und Taktikfertigkeiten, die bereits erwähnten Ruffertigkeiten und auch noch Meisterschaftsstufen, die euch weitere Individualisierung der Spielcharaktere erlauben und damit auch zu einem Wust an Skills führen, den man erst einmal überschauen und dann beherrschen muss.

Selbst Veteranen benötigen eine Weile, um dieses System zu durchschauen. Ähnliches gilt übrigens für das verworrene Handwerkssystem. Zwar ist es lobenswert, dass Mythic nicht auf die bewährten aber langweiligen Rezeptorgien vergangener Tage zurückgreift und sich um Innovation bemüht. Doch momentan wirken die Berufe nicht nur eher unausgegoren, sondern oft auch nutzlos - wenn beispielsweise viele von Monstern stammende Tränke besser/gleichwertig zu dem sind, was Handwerker erst umständlich herstellen müssen.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
Der Start von WAR lief beinahe beispielhaft.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Warhammer Online hat grundsätzlich einen so flüssigen Start hingelegt wie kaum ein anderes MMOG zuvor. Instabile Server scheint es nicht zu geben, wofür allerdings auch die teilweise ellenlangen und äußerst nervigen Warteschlangen gesorgt haben dürften. Zudem ist Entwickler Mythic darum bemüht, Fehler und Dysbalancen schnellstmöglich auszumerzen. Viele Fehler und Probleme, über die wir zuvor noch gemosert haben (z.B. warpende Mobs, fehlender Worldchat, Alt-Tab-Abstürze, nicht angreifbare Gegner, fehlerhaftes Targeting usw.) wurden beseitigt.

Nun muss man sich schnell daran machen, die Details zu verbessern und die Spielstruktur in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel das offene RvR und die Eroberung von Burgen. Selbst größere Angreifergruppen haben es beispielsweise bisher noch überproportional schwer gegen wenige Verteidiger zum Erfolg zu kommen. Allerdings nur, wenn auch überhaupt gekämpft wird.

Nicht alles Gold was glänzt

Es kommt nämlich immer wieder zum Kurt Tucholsky-Effekt: "Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin", denken sich viele und verhindern durch diese Passivität das Ausweiten der Kriegszonen und damit die mögliche Einnahme der eigenen Hauptstadt. Das hört sich zwar clever an, kann aber so unmöglich gedacht gewesen sein und führt zu Frust beim dominierenden Reich.

Arbeit hat man bei Mythic nicht nur deshalb noch genug. Schließlich will man demnächst mit einem größeren Patch einige fehlende Inhalte nachliefern, anschauen sollte man sich aber auch andere Dinge. Höchst störend ist beispielsweise der Umstand, dass man sich bei einem Disconnect in einem Dungeon plötzlich am Eingang wiederfindet und die eigene Gruppe/Gilde in den Tiefen der Katakomben vergeblich auf die Rückkehr wartet. So stärkt man sicher nicht das Teamplay.

Warhammer Online: Age of Reckoning - Abgerechnet wird zum Schluss: der WoW-Herausforderer im gamona-Langzeittest

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 710/7171/717
Doch auch bei WAR ist nicht alles eitel Flammenschwert.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Zudem schätzen wir die Reiseeinschränkungen (wenige Flugmeister) und nur im Falle des Besitzes einer Burg in der entsprechenden Levelrange erreichbaren Ruftrainer- bzw. Händler als zumindest fragwürdig. Probleme scheint derzeit auch noch die Engine zu bereiten. Anders ist es nicht zu erklären, dass trotz aktueller Rechnerpower und nicht übermäßig aufwändiger Grafikpracht die Frameraten in den Reichskämpfen teilweise drastisch einbrechen.

Nach wie vor kritisch sehen wir auch die Arbeit des europäischen Betreibers GOA. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum man bei einem Projekt dieser Größenordnung (immerhin will man in absehbarer Zeit bis zu drei Millionen Abonnenten weltweit gewinnen) kein eigenes Forum anbietet und die Spieler (=Kunden) an Fanseiten verweist, wo sie sich die oftmals wichtigen Infos zusammenklauben müssen. Stattdessen bietet man eine überfrachtete Flash-Seite, der man zumindest als Laie nicht ansehen kann, ob es sich um ein https-geschütztes Angebot handelt und man ihm seine sensiblen Kontodaten und privaten Angaben unbedenklich anvertrauen kann.