Blizzard schafft sich Luft – nach den sieben Jahren Entwicklungszeit stellt der blaue Riese sein Next-Gen-MMORPG Titan ein. Ein großer Schritt, wie viele meinen, doch eigentlich war er mehr als absehbar. Und nötig, denn Blizzard verschafft sich damit vielleicht die Luft, die man braucht, um bestehende Projekte schneller vorwärts und vor allem fertig zu bekommen.

Aktuell scheint Blizzard in einer Art Krise zu stecken. Das kommende WoW-Addon Warlords of Draenor ist schon wieder so lange in Entwicklung, dass die Spieler ein Jahr ohne neue Inhalte durch Azeroth, Pandaria & Co streifen. Hearthstone hatte zum Release ebenfalls einige Monate Verzögerung. Heroes of the Storm steckt seit langer Zeit in einer technischen Alpha, die jetzt langsam ihrer letzten Phase entgegensieht. Und zu guter Letzt ist da noch StarCraft 2, dessen Fans schon auf Heart of the Swarm lange warten mussten und dessen Nachfolger, Legacy of the Void, sich nicht mal ansatzweise am Horizont abzeichnet.

Titan - Hat Blizzard sich übernommen?

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Eine Fanseite, die nie das Licht der Welt erblicken wird. Schade eigentlich, oder?
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Adios, Titan

Projekt Titan war dabei nicht mal ein kleines Ding. Zeitweise haben mehr als 100 Entwickler an dem Titel gesessen und das selbsternannte Next-Gen-MMORPG hat schon sieben Jahre Entwicklungszeit auf dem Buckel. 2013 kam der erste Einschnitt: Im Mai verkündete Blizzard, dass man das Team von Titan massiv verkleinert habe und von den ehemals 100 Devs nur noch 30 an dem Projekt arbeiten. Diese 30 sollten, so CEO Mike Morhaime damals, das Spiel komplett überdenken und es von Grund auf neu angehen.

Man war also damals schon nicht sonderlich zufrieden mit Titan und auch zu diesem Zeitpunkt kursierten bereits die ersten Gerüchte, dass der Titel eingestellt werden solle. Die übrigen 70 Entwickler hat man aber nicht, wie sonst branchenüblich, entlassen, sondern anderen Teams zugeteilt. Gerade WoW und Diablo sollen hier von der freigewordenen Manpower profitiert haben.

Was es hätte sein können

Nachdem das Projekt nun offiziell beerdigt wurde, scheinen einige Mitarbeiter die Verschwiegenheit nicht mehr allzu ernst zu nehmen, denn schon einen Tag nach der offiziellen Grablegung gibt es „die volle Wahrheit über das, war Titan hätte sein können”. Und wenn wir uns all der Gerüchte erinnern, scheinen die Lecks im Schild des Schweigens von Blizzard schon vorher nicht gerade klein gewesen zu sein.

Fassen wir kurz zusammen: Titan sollte in der nahen Zukunft spielen, die Welt wird von drei Fraktionen beherrscht, die sich untereinander mal offener, mal weniger offen bekriegen. Der Spieler hätte dabei eine zweigeteilte Aufgabe gehabt. So hätte er im „normalen Leben” einen Charakter gespielt, der für seine Fraktion in unterschiedlichen Berufen arbeitet. Wäre es dann zum Einsatz gekommen, hätte er sich in seine Kampfmontur geworfen und wäre mit anderen gegen eine gegnerische Fraktion in den Kampf gezogen. Ein bisschen erinnert das an Superman, der sich schnell in der Telefonzelle umzieht, um die Welt zu retten.

Ein weiteres Video

Dabei sollte es mehrere Klassen geben und die Idee des (mal wieder) ausrüstungsbasierten Verbesserns des Charakters sollte den Anreiz zum Spielen geben. Natürlich ist nicht klar, welchen Stand der Entwicklung diese Konzepte beschreiben, auch nicht, ob sie nach dem Neuanfang 2013 überhaupt noch aktuell waren.

Hat Blizzard sich übernommen?

Die Frage, die sich nun aufdrängt, ist: Warum stellt Blizzard Titan ein und woran hängt es, dass der blaue Riese aus Irvine aktuell so viele Verzögerungen produziert? Offiziell war man mit dem Titel nicht zufrieden. Man wolle Titan schlichtweg nicht mehr produzieren, es würde nicht das Spiel werden, das Blizzard haben wolle.

Klar, Blizzard hat das in Vergangenheit schon ein paar mal gemacht. Warcraft Adventures und StarCraft Ghost: beide wurden, teilweise sogar schon fast fertig, eingestampft. Und klar, Blizzard hatte auch schon vorher mit Verzögerungen zu kämpfen, so war eigentlich noch kein WoW-Addon wirklich schnell in der Entwicklung und auch Diablo 3 hat ja das ein oder andere Jahr auf sich warten lassen.

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Auf der Basis dieser Statue stehen die Ideale Blizzards.
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Doch aktuell weiten sich die Probleme gefühlt immer mehr aus, alle Franchises sind davon betroffen und wirklich neue Spiele sind, abgesehen von Heroes of the Storm, nicht in Entwicklung. Der Grund: zu hohe Qualitätsstandards? Zu viele Projekte? Vielleicht ein bisschen von beidem.

Iteration, Iteration, Iteration - Gefangen in der Schleife?

Neben der Tatsache, dass Blizzard aktuell so viele unterschiedliche Titel wie noch nie in Arbeit hat (World of Warcraft Live, World-of-Warcraft-Addon, Diablo Live, Diablo-Addon, StarCraft 2, Hearthstone, Heroes of the Storm), könnte auch einige der Grundsätze Blizzards im Wege stehen.

Auf der Wolfsreiterstatue im Hauptquartier in Irvine können wir sie nachlesen, die Ideale der Firma, darunter zwei, die hier besonders wichtig sind: “Commit to Quality” und “Every voice matters”. Beide führen zu etwas, das den Entwicklungsprozess ausbremsen kann, nämlich der ständigen internen Kontrolle der in Entwicklung befindlichen Titel durch viele, sehr viele Mitarbeiter.

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Jede Stimme zählt - aber bei zuviel Geschrei versteht man nichts mehr.
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Iteration heißt hier das blizzardinterne Zauberwort, ein Prinzip, das eigentlich als absolut sinnvoll gilt. Jedes Entwicklerteam spielt alle anderen Titel und gibt den anderen Teams beständig Feedback. Was nun zwischen den drei Mannschaften von WoW, Diablo und StarCraft noch sehr gut geklappt haben mag, könnte mit drei weiteren Titeln, nämlich Heroes of the Storm, Hearthstone und Titan, ein echtes Problem werden.

Denn Feedback aus zu vielen Quellen kann auch zu sehr viel Aufwand führen – und hier kommt das „jede Stimme ist wichtig”-Prinzip ins Spiel. Wenn jedes Feedback beachtet, behandelt und bedacht werden soll, lähmt sich das System ab einer gewissen Größe und ab einer gewissen Anzahl an Feedbackgebern selbst.

Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch Zeit verloren geht, wenn man all die anderen Spiele immer und immer wieder einem Test unterziehen muss. So entwickelt sich eine gegenseitige Schleife, aus der es irgendwann kein Entrinnen mehr gibt.

Ohne Titan besser dran?

Also könnte das Aufgeben von Titan nicht nur eine Design-Entscheidung gewesen sein, sondern auch eine Notwendigkeit, sich auf die Kernspiele und Einnahmequellen des Unternehmens zu konzentrieren. Und den Spielern wird es sicher auch gefallen, wenn anstelle eines mehrmals umgeworfenen Titan mehr und schneller Inhalt für ihre geliebten Marken kommt.

Doch auf der anderen Seite ist es natürlich auch fraglich, wie lange Blizzard ohne neues, großes Spiel auskommen wird. Immer nur Addons an Addons zu reihen kann auch nicht der Weißheit letzter Schluss sein. Heroes of the Storm und Hearthstone sind zwar neue und auch wirklich interessante Titel, doch wer wartet nicht auf ein neues Warcraft, vielleicht mal ein Aufwärmen alter Franchises wie Lost Vikings oder Blackthorne?