The Matrix Online (PC-Test)
(von Patrick Streppel)

World of Warcraft ist derzeit in aller Munde - wer mit Bänkern und Investoren spricht, sieht bei Nennung der magischen drei Wörter vor allem Dollarzeichen in den Augen. So ähnlich muss es auch den Verantwortlichen bei Warner

gegangen sein, als sie Monolith das grüne Licht für The Matrix Online gegeben haben. Doch obwohl hier ein begabter Entwickler und eine fürs Genre nahezu ideale Lizenz zusammenkommen, ist die Matrix vor allem eines: stinklangweilig!

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Wir stellen uns vor, die reale Welt ist nichts weiter als eine Illusion, die von Maschinen erschaffen wurde, um unseren Geist zufrieden zu stellen, während unsere Körperwärme die Systeme speist. Mit dieser Idee faszinierte der Kinofilm Matrix Ende der 90er Millionen von Zuschauern. Aufgepeppt mit spektakulären Spezialeffekten, darunter die wegweisende Bullet-Time, spannenden Nahkämpfen und einigen der coolsten Charaktere der letzten Jahre, wurde Die Matrix zum Kult.

Ein Anspruch, den die beiden nachfolgenden Filme, Matrix Reloaded und Matrix Revolution, nicht befriedigen konnten. Obwohl die Popcorn-Unterhaltung an den Kinokassen ordentlich absahnen konnte, blieb vielen Fans ein fader Nachgeschmack. Nicht anders übrigens auch bei Enter the Matrix, Ataris Spiel zum zweiten Film - und so waren viele froh, dass nach dem dritten Teil Schluss war mit dem Thema. Nicht ganz, denn jetzt geht die Geschichte in einem Online-Abenteurer weiter.

Matrix Danach
Für alle, die nach dem zweiten Film abgeschaltet haben, hier die Zusammenfassung des letzten Teils: Nachdem das losgelöste Programm von Agent Smith selbst für die Maschinen zu mächtig wurde und die Matrix zu zerstören drohte, schmiedete Cyber-Messiahs Neo einen Pakt mit dem Feind, der Frieden vorsah wenn er Smith ausschaltete. Im haarsträubenden Endkampf gelingt Neo das unglaubliche, auch wenn er selbst - scheinbar - das Leben gibt. Doch nun herrscht endlich Frieden.

Der Pakt, auf den sich Menschen und Maschinen einlassen, ist jedoch mehr als zerbrechlich: Die Bürger Zions dürfen Menschen aufwecken, die bereit dafür sind, die Wahrheit zu erfahren. Dafür klinken sie sich jederzeit wieder ins System ein, was die Agenten natürlich nach wie vor nicht gerne sehen. Aber auch die Anhänger des Merowingers sowie die anderen Exils haben ihre eigenen Interessen, die sie unter dem Mantel des Friedens weiterverfolgen.

Rot oder blau?
Haben wir das Spiel installiert und einen Account angelegt - eine Kreditkarte ist Voraussetzung - erschaffen wir auf einem Server unserer Wahl einen ersten Charakter. Der Spieleinstieg ist dem Matrix-Stil entsprechend und gaukelt vor, wir würden uns einen Bewohner der

The Matrix Online - Rote oder Blaue Pille?

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Matrix aussuchen anstatt einen eigenen zu erstellen - die Kamera zoomt durch die Straßen bis unser Kandidat im Netz ist. Zu den zahlreichen "Suchkriterien" gehören neben Geschlecht, Haut- und Haarfarbe auch detailreiche Varianten von Körperfigur, Gesichtsform, Frisur und Kleidung - bis hin zu Tattoosund Sonnenbrille. Wer eine schlanke Frau mit blondem Pferdeschwanz, Lederrock und schwarzem, bauchfreiem Oberteil entdeckt, der könnte den Schreiber dieser Zeilen vor sich haben.

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Sind Form und Name gewählt, geht es an die Definition der Charaktereigenschaften - Klassen wie in anderen MMOGs gibt es dabei eigentlich nicht, lediglich voreingestellte Typen, die vom depressiven Forscher bis zum verspielten Träumer reichen. Dadurch ändern sich die Startwerte von Grundattributen wie Fokus, Glaube oder Wahrnehmung - diese werden im Spielverlauf durch Erfahrungspunkte aber ohnehin aufgebohrt, so dass die Entscheidung für einen Charaktertyp nur über den Stand zu Spielbeginn, nicht aber den Spielverlauf entscheidet. Haben wir unsere Wahl getroffen, geht es das erste Mal in die Matrix, wenn auch nur mit einem Prolog.

Dort offeriert uns Niobe ohne große Vorreden die Wahl zwischen derblauen oder roten Pille - wovon uns wie schon im Film-Vorbild nur letztere "erwachen" lässt. Natürlich ist das eine rhetorische Frage und kurz darauf beginnt das eigentliche Abenteuer.

Trainingsprogramm
So spannend sich der Spieleinstieg anhört und so sehr er an die Vorlage angelehnt ist, das Ergebnis ist doch reichlich bescheiden: Kein Intro, dass auf die Geschehnisse zu Ende des letzten Kinofilms hinweist, keine Zwischensequenz, die Niobe einführt, kein erklärender Dialog und wie man aus den Tank gezogen wird - eine der Schlüsselszenen des ersten Matrix-Films - bekommt man auch nicht zu Gesicht.

Stattdessen gibt es eine Tunnel-Animation, dann ist man in einem Trainingsprogramm gelandet, in dem nette Details aus dem ersten Film zurückkehren. Zuerst ein weißer Raum mit zwei Sesseln, dann die Frau im roten Anzug und schließlich das Dojo, in dem Schlagkombinationen geübt werden -

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vielmehr als das bloße Auftauchen dieser Elemente sollte man aber nicht erwarten. Keine Cutszenes oder Skripts, nicht mal Sprachausgabe stimmen uns auf diese Cyberwelt ein.

Statt dessen Textfenster, die uns Spielfunktionen näher bringen. Das Interface besteht aus verschiedenen Fenstern, die mit der Maus komfortabel zu bedienen, wenn auch in höheren Auflösungen schwer zu lesen sind. Ein Fenster für Vitalwerte, ein Missionsfenster, das Inventar, die üblichen Menüs für Charakterwerte und Fähigkeiten, sowie eine Quick-Start-Leiste, über die vorselektierte Befehle wie "Headbutt" und Funktionen wie "Kämpfen ausweichen" ausgeführt werden. Das Interface ist Drag & Dropp, das heißt wir ziehen Gegenstände auf andere Charaktere um etwas zu geben und klicken mit Rechts auf ein Objekt, um aus dem Context-Menü den richtigen Befehl auszuwählen - dabei sind nur wenige Gegenstände, vor allem Türen sowie Schränke und Schalter, die für eine aktuelle Mission wichtig sind, sensitiv. Alles andere ist Fassade.

Für gelöste Aufträge gibt es Erfahrungspunkte, mit denen genretypisch die bevorzugten Charakterwerte aufgebessert werden, sowie Informationen. Das ist die Währung in der Matrix, für die sich beim Händler um die Ecke neue Fertigkeiten erstehen lassen. Wie schon in Tron 2.0 werden diese hochgeladen und in den Routinen installiert. Mit dem nötigen Programmiergeschick können wir aus den gesammelten Bits und Bytes aber auch eigene Routinen schreiben. Die drei zur Verfügung stehenden Karrieren sind der Hacker, der mit Viren arbeitet, der Coder, der kurzerhand Sidekicks programmiert, sowie der Operative, ein Agent, der schleichen aber auch mächtig austeilen kann.

Insgesamt gibt es 12 Berufe, die von den gewählten Fähigkeiten abhängen.

Virtua Fighter
Rollenspielelemente hin, Adventureelemente her, Matrix Online ist im Kern ein Prügelspiel, bei dem sich der Spielercharakter mit einem Feind im Nah- oder Fernkampf befindet. Natürlich greifen auch mehrere Gegner an, doch man selbst schaltet immer nur auf einen Fiesling auf, um ihn mit Tritten, Schlägen oder Waffen zu behaken.

Diese innovativen Gefechte laufen in Runden ab, für die vom Spieler jeweils eine Aktion ausgewählt wird. Ob wir für den nächsten Move "ausweichen", "schlagen" oder "greifen" wählen, ist ebenso von Bedeutung wie die Reaktion des Gegners - eine Mischung aus Taktik und Geschicklichkeit, aber auch Glück. Wichtiger als das Schere-Stein-Prinzip sind dabei die Charakterwerte - ist unser Angriffswert höher als der Verteidigungswert des Gegners, hauen wir ihm trotzdem auf die Nase.

Was hier taktisch und anspruchsvoll klingt, empfanden wir beim Test eher als intuitives Geklicke, das das zwar

kurzfristig Laune macht, langfristig aber nicht fesseln kann. Mag sein, dass mit gestiegenem Level auch die Schwierigkeit der Missionen sowie damit der Anspruch an das Kampfsystem steigt - bislang jedenfalls ist The Matrix Online eine eher öde Prügelei.

Das liegt vor allem an der mangelnden Abwechselung bei den Missionen: Nach den ersten Einsätzen auf Seiten Zions, bieten uns auch die Maschinen sowie die Handlanger des Merowingers Aufträge an. Diese klingen zumeist interessant, sind in kleine Geschichten eingebettet, die sich oft auch über mehrere Aufträge erstrecken - spielen sich aber im Ergebnis ähnlich bis gleich:

Wir klicken auf das Mobiltelefon am unteren Bildschirmrand, suchen einen Auftrag aus der Liste und bekommen ein schnödes Textbriefing. Dann folgen wir dem Cursor zu einem Gebäude, fahren mit dem Lift hinauf, durchsuchen die Wohnung nach einer Zielperson oder einem Objekt und besiegen alle Gegner.

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Objekt gesammelt oder Hinweis erhalten, zurück auf die Straße und dann zum nächsten Bauwerk wo sich das ganze wiederholt. Selbst wenn wir Charaktere von einem Ort zum anderen begleiten und unterwegs angegriffen werden, ist das nur wenig aufregender. Mit steigendem Schwierigkeitsgrad steigt zwar der Bedarf nach Teamplay, insgesamt ist man aber auch als Solist in der Matrix-Welt nicht aufgeschmissen.

Vision vs. Realität
Insofern können die vollmundigen Versprechen nicht gehalten werden, welche die Wachowsky-Brüder, Erfinder und Regisseure der Matrix-Trilogie, noch vor wenigen Wochen gemacht haben:

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Eine faszinierende Online-Welt wollten sie schaffen, ein packendes Spielerlebnis aus einem Guss, anstatt eine inhaltsleere Hülle, in der einfach ein paar Tausend Spieler zusammengeworfen werden.

Genau das ist aber Matrix Online zu diesem Zeitpunkt: Die virtuelle Welt ist groß, undetailliert und eintönig. Anstatt packender Missionen wiederholt sich das Spielgeschehen schon nach wenigen Stunden, anstatt eines Gemeinschaftsgefühls kommt man sich auf den Servern reichlich verlassen vor. Das Gameplay sollte einsteigerfreundlich werden, ist dadurch aber simpel und uninspiriert geworden.Matrix Online kann noch nicht richtig fesseln - und das liegt vor allem an der schwachen Story. Es ist wohl der größte Vorwurf, den man den Wachowskys machen kann, denn anstatt die Matrix-Story in atmsphärisch dichten, aufregend inszenierten Zwischen- oder Skript-Sequenzen fortzuführen, bekommen wir so gut wie nichts mit von den großen Ereignissen, die da draußen passieren sollen.

Auf der offiziellen Webseite liest man von Vampiren, welche die Stadt unsicher machen… beim Probespielen war die Stadt wie ausgestorben. Zwei kurze Zwischensequenzen waren zum Zeitpunkt dieses Reviews verfügbar - mit Morpheus und dem Orakel - beide waren unspannend und aussagearm. Damit ist der größte Anreiz für viele Matrix-Anhänger vom Virus verschluckt.

Öde Welt
Blizzard hat mit World of Warcraft gezeigt, dass ein Entwickler von Single-Player-Spielen mit einem

Mal ins MMOG-Genre wechseln und dabei den etablierten Studios etwas vormachen kann. Doch die Wachowsky-Brüder haben nach Enter the Matrix-Entwickler Shiny ein weiteres Mal aufs falsche Pferd gesetzt: So sehr Monolith für seine Ego-Shooter (No One Lives Forever, Tron 2.0, FEAR) berühmt ist, so wenig scheinen sie von Online-Rollenspielen zu verstehen.

Das Design wirkt eher von gestern als von morgen und das gleiche gilt für die Grafik, die zwar ruckelt, aber alles andere als hübsch ist: Die verwendete, adaptierte Lithtech-Engine steht technisch auf dem Niveau des ersten No One Lives Forever, krankt aber unter einem undetaillierten Leveldesign mit sich immer wiederholenden Elementen. Da wurden gleich aussehende Gebäudeteile, Straßen, Brücken und Treppen einfach an einander gereiht. Dass die Welt in der Matrix eintönig grau gefärbt und das Licht mit einem grünen Schimmer versehen ist, kann ich stilistisch nachvollziehen, das Spiel aber macht es noch trostloser.

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Apropos trostlos: Laut den Entwicklern ist jeder Raum eines jeden Gebäudes begehbar. Was sie verschweigen ist aber, dass die Innereien aus den immer gleichen Räumen bestehen. Somit sieht jedes fünfte Haus von innen wie das andere aus. Auch die Zahl der verwendbaren
Objekte ist leider viel zu gering - oft kann nur der eine Computer benutzt werden, der für die Mission relevant ist. Benutzen ist dabei auch relativ, denn der Doppelklick löst die Aktion ohne richtige Animation aus. Es passiert nichts, außer dass ein Haken hinter dem Missionsziel prangt. Schade.