Im April 2014 veröffentlichte ZeniMax eine erste MMO-Variante seiner legendären Reihe. Doch so pompös man The Elder Scrolls Online auch inszenierte - es konnte weder die MMO- noch die Skyrim-Gemeinde wirklich begeistern, bot es doch nicht viel mehr als spielerische Standardkost. Nun, anderthalb Jahre später, haben die Entwickler erneut ihr Glück versucht und die Kaiserstadt-Erweiterung nachgeschoben. Grund genug für uns, dem alten ESO und der neuen Kaiserstadt mal einen Besuch abzustatten.

“Wer bin ich eigentlich und was mache ich hier?”

Diese Frage stelle ich mir immer wieder, wenn ich nach Monaten der MMO-Abstinenz wieder meinen Helden aus vergangenen Tagen vor mir habe und angesichts von unzähligen Gegenständen im Inventar und komplett zurückgesetzten Talenten bin ich nicht selten geneigt, mit einem ganz neuen Charakter von vorne zu beginnen.

So war das diesmal auch bei The Elder Scrolls Online. Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit für einen abtrünnigen Spieler ebenso wie für die Entwickler, die doch sicherlich eine ganze Menge neues Zeug ins Spiel gepackt haben müssten, das es zu erkunden lohnt. Und dann wären da noch die endlosen Warteschlangen vor den Eingängen der Kaiserstadt, die mich ohnehin vorerst daran hinderten, die neuen Inhalte eingehend unter die Lupe zu nehmen.

Eine neue Perspektive

Also ließ ich meinen erfahrenen Dolchsturz-Bogenschützen links liegen, um mein Glück mit einer Portion Magie zu versuchen und meine Dienste zur Abwechslung mal dem Aldmeri-Dominion zur Verfügung zu stellen - ganz von vorne und mit einer Gemütlichkeit, die ich bei meinem ersten Ausflug nach Tamriel nicht hatte, weil ich möglichst schnell zum Endgame vorstoßen wollte.

Für ehemalige Spieler, die sich mit der ersten Erweiterung entschlossen haben, dem Spiel eine zweite Chance zu geben, wird sich The Elder Scrolls Online ebenso vertraut anfühlen wie für MMO-Spieler, die zum ersten Mal einloggen. An die serientypisch etwas wundersame Benutzerführung hat man sich schnell gewöhnt und die Tatsache, dass man in der Regel keine Wurzeln schlägt, während man seine Skills ausführt, zeigt zumindest, dass man ein MMO der jüngeren Generation vor sich hat.

Die Kaiserstadt offenbart, dass es ZeniMax noch immer an guten PvP-Designern fehlt.Fazit lesen

Massenware für Gelangweilte

Auch in Sachen Quests und Story verspricht ESO all das, was man von einem modernen Themenpark-MMO erwartet: Content für unzählige Stunden mit vielen, in der Spiel-Engine gescripteten Sequenzen - das alles ordentlich vertont und den drei Fraktionen entsprechend unterteilt, die man der Reihe nach abarbeiten kann. Oder soll. Oder muss?

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Klingt nett und hat seit Release so manchen Skyrim-Fan angelockt. Leider entpuppen sich die anfangs noch recht unterhaltsamen Geschichten schnell als Fließbandware. Es sind Geschichten, die zwar aus der Feder guter Autoren stammen, sich jedoch in ihrer Grundstruktur derart oft wiederholen, dass man sie bald auch nur noch stumpf der Reihe nach abarbeitet.

Einsamer Superheld

In einem freien Setting, wie man es von Skyrim kennt, würde das möglicherweise gar nicht auffallen. In einer engen, mit klaren Pfaden durchsetzten, wenngleich sehr stimmungsvollen und detailreichen Themenpark-Welt hingegen, fühlt man sich eben nicht wie ein Abenteurer in schwierigen Zeiten, sondern wie ein unterforderter Superheld, der sich eigentlich lieber zur Ruhe setzen möchte.

The Elder Scrolls Online: Kaiserstadt (Imperial City) - Des Kaisers neue Kleider

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Vom Land in die Städte heißt es dieses Mal: Der neue Content spielt ausschließlich innerhalb der Stadtmauern.
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Masse statt Klasse, scheint das Motto der Leute von ZeniMax gewesen zu sein. Sie haben zwar an alle erdenklichen Features gedacht und Tamriel mit einem bemerkenswerten Hang zum Detail gestaltet, sind dabei aber stets an der Oberfläche geblieben: beim aufwendigen Crafting so sehr wie beim Erkunden von Umgebung und Literatur, den Werwölfen und Vampiren, den Möglichkeiten zu stehlen und auch bei den Reittieren und Begleitern.

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Solo in Tamriel

Solche und noch viel mehr Features sind zwar in Hülle und Fülle vorhanden, doch kein einziges hat den Tiefgang, den es haben müsste, um einen MMORPG-Veteranen wirklich zu fordern und langfristig zu binden. An diesem extrem niedrigen spielerischen Anspruch hat sich in den letzten anderthalb Jahren nichts geändert.

Auch nicht daran, dass ESO absolut kein MMO hätte sein müssen, weil man seine Freunde getrost zu Hause lassen kann. Tatsächlich sollte man das angesichts der ganzen gescripteten und auf Phasing basierten Vorgänge oft genug auch. The Elder Scrolls Online ist im Kern ein Solo-Game. Entsprechend war es auch sinnvoll, dass ZeniMax Online die Abo-Gebühren zwischenzeitlich hat fallen lassen.

Tamriel - all inclusive

Zumindest für jene, die das Spiel und die DLCs gekauft haben und kaufen, ist das Spiel in vollem Umfang genießbar. Das ist bequemer als bei manchem Konkurrenten, bei dem man nie ganz sicher sein kann, wie tief man noch in die Tasche greifen muss, um diese oder jene “Komfortfunktion” für sich aktivieren zu können.

Billiger allerdings muss das nicht unbedingt sein, da ZeniMax offenbar intensiv daran arbeitet, neue, kostenpflichtige DLCs anzubieten. Außerdem kommt ein Vielspieler, der gerade seinen Jahresurlaub abfeiert und nur mal ein paar Wochen intensiv zocken will, wahrscheinlich mit dem optionalen Abo günstiger davon.

Mit Pauken und Trompeten

Entsprechend eifrig rührt ZeniMax schon lange vor Veröffentlichung eines DLCs die Werbetrommel, haut ein Filmchen nach dem anderen raus, um möglichst viele alte und neue Spieler nach Tamriel zu locken. Das aktuelle Update, die Kaiserstadt, war im Vorfeld derart beworben worden, dass man beinah glaubte, es handle sich um ein ganz neues Spielerlebnis.

The Elder Scrolls Online: Kaiserstadt (Imperial City) - Des Kaisers neue Kleider

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Das Update bringt auch neue Rüstungen mit sich.
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Das allerdings ist es leider nicht. Mit der Kaiserstadt kommt ein neues Gebiet ins Spiel, das vorwiegend auf PvP ausgerichtet ist. Dazu gibt es neue Gruppeninstanzen, ein paar Brocken Story sowie neue Ausrüstung, denn irgendwie muss man die Spieler ja dazu motivieren, die sicheren Gebiete zu verlassen, um sich in gefährlichere Gefilde zu begeben.

Schließ dich uns an oder stirb!

Den Handlungsbogen, den man um die Kaiserstadt gespannt hat, ist leider etwas klein geraten und in wenigen Stunden abgehakt. Und die Stadt selbst - so schön man sie auch in Szene gesetzt hat - ist eigentlich auch nichts weiter als eine Ansammlung von Bezirken. Eine Stadt ist es weder im klassischen noch im spielerischen Sinne.

The Elder Scrolls Online - Freiheit und Vielfalt in Tamriel36 weitere Videos

Bleibt also, wofür die Kaiserstadt zumindest in The Elder Scrolls Online entworfen wurde. Das PvP ist so offen, wie es sich eigentlich für ein MMO gehört, krankt dadurch jedoch auch wieder an den typischen Symptomen, an denen alle MMOs neuerer Bauart leiden. Aus kleinen Gangs, die sich spaßige Scharmützel liefern, werden schnell die berüchtigten “Zerg-Armeen”, die alles überrollen, was ihnen in die Quere kommt.

Verschenktes Potential

Da man nun aber die begehrten Belohnungen im Falle des virtuellen Ablebens wieder verlieren kann, ist früher oder später auch der stolzeste Einzelkämpfer geneigt, sich dem großen Trupp anzuschließen, um stundenlang und möglichst risikolos im Kreis zu rennen, um auch mal kurz mit auf einen unter die Räder geratenen Gegner zu feuern. Traurig ist das besonders deswegen, weil man das PvP mit einigen einfachen Mechaniken durchaus in einen interessanteren Rahmen hätte setzen können.

Und weil sich das Treiben in der Kaiserstadt nun mehr lohnt als die Ausflüge irgendwo sonst in Tamriel, knicken selbst militante PvE-Fans früher oder später ein und lassen den dumpfen PvP-Grind über sich ergehen. Ändern wird sich das erst mit der kommenden Erweiterung “Orsinium”, die den Fokus dann wieder aufs PvE legen wird - samt entsprechender Belohnungen und laut ZeniMax rund 20 Stunden an Story-Inhalten.

The Elder Scrolls Online - Orsiniums Neuaufbau36 weitere Videos

Theoretisch optional

Von spielerischer Abwechslung allerdings können wir bis zum Release von “Orsinium” nur träumen. In der Kaiserstadt gibt es für PvE-Fans neben der erwähnten Questreihe von rund zwei Stunden Spiellänge noch zwei neue Instanzen, die in zwei Schwierigkeitsstufen gemeistert werden können. Und so nett die auch sind, rechtfertigen sie doch nicht den Kaufpreis für die Kaiserstadt.

Und trotzdem wird man als ESO-Fan kaum ohne die DLCs auskommen. Denn wenngleich die Erweiterungen keine generelle Voraussetzung sind, um Tamriel weiterhin zu besuchen, gibt sich ZeniMax natürlich alle Mühe, die höherstufigen Ausrüstungsstufen nur all jenen Spielern zugänglich zu machen, die auch Zugriff auf die DLC-Gebiete haben. Wer nicht hinterherhinken will, wird also regelmäßig Geld in ESO stecken müssen.